Im Mittelpunkt unserer Gottesdienste steht die Predigt. Sie soll nach unserem Verständnis in erster Linie theologisch fundierte Schriftauslegung sein. Texte der hebräischen Bibel („Altes Testament“) kommen im Gottesdienst ebenso zu Wort wie die der Apostolischen Schriften („Neues Testament“). Gebete, Psalmen und Lieder beziehen sich auf das theologische Thema der Predigt. Ein Kennzeichen der französisch reformierten Tradition im Gottesdienst ist die Eröffnung des Gottesdienstes durch ein Gemeindemitglied (Lecteur / Lectrice) und die Verlesung der Zehn Worte der Weisung Gottes (Zehn Gebote) sowie der Summe des Gesetzes. Als Lehrtext werden im Gottesdienst neben den traditionellen Bekenntnistexten (Confession de foi, Heidelberger Katechismus, Barmer Theologische Erklärung) zunehmend neuere Bekenntnisformulierungen vorgelesen.

Gedanken zu den Monatssprüchen

Dezember 2021

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr. (Sacharja 2,14)

Wo wohnt Gott? Darauf fallen mir viele Antworten ein: Gott wohnt im Himmel, Gott wohnt in den Herzen der Gläubigen, Gott wohnt überall in dieser Welt, Gott wohnt dort, wo sein Name genannt wird, Gott wohnt in seinem Volk Israel, Gott wohnt in Jesus Christus, Gott wohnt in seinem Wort. Auf die eine oder andere dieser Antworten laufen die meisten Predigten auf die eine oder andere Weise hinaus.
Die ungewöhnlichste seiner Adressen wird kaum ernsthaft in Erwägung gezogen, obwohl wir sie im Advent in den Gottesdiensten freudestrahlend besingen: Gott wohnt bei der Tochter Zion.
Zion ist Gottes Adresse in Jerusalem. Auf dem Zionsberg steht der Tempel. 70 Jahre nach der Zerstörung des Tempels durch die Babylonier soll er wieder aufgebaut werden. Dann wird Gott wieder in Jerusalem wohnen. Diese freudige Nachricht überbringt Sacharja den Einwohnern Jerusalems.
In der prophetisch poetischen Literatur wird Jerusalem oft personifiziert, immer als Frau, mal als Witwe und verlassene Mutter, mal als Hure und Ehebrecherin, mal als Tochter mit dem schönen Namen „Zion“ oder gar als Braut Gottes.
Gott kündigt also an, seinen Wohnsitz wieder in Jerusalem einnehmen zu wollen, wenn der Tempel wieder aufgebaut sein wird.
Die anderen genannten Wohnsitze und viele mehr gibt er damit aber nicht auf. Gott wohnt nicht ausschließlich im Tempel auf dem Zionsberg. Er ist auch im Himmel und bei denen, die ihn fürchten. Deshalb ist Gott nicht wohnungslos geworden, als auch der zweite Tempel zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde.
Allerdings haben seine anderen „Wohnungen“ etwas Ortloses, etwas Utopisches („Utopie“ heißt wörtlich: „kein Ort“). Da ist nichts Reales in dem Sinn, dass man eine Hausnummer drannageln könnte. Wo ist eigentlich der Himmel, in dem Gott ist? Wie greifbar ist ein Gott, der da ist, wo seiner gedacht und sein Name genannt wird?
Am Ende der Bibel wird das Problem verblüffend einfach gelöst. In einer Vision kommen der abstrakte Himmel und das konkrete Jerusalem dadurch zusammen, dass Jerusalem aus dem Himmel auf die Erde kommt. Natürlich wohnt Gott in diesem neuen Jerusalem, aber nicht im Tempel. Es gibt in dieser himmlisch geerdeten Stadt keinen Tempel, auch keine Kirche und keine Moschee. Und kein Golgatha. Jedoch ein Zelt! Gott wohnt mitten in der Stadt, allerdings nicht in einem bewachten schicken Townhouse-Appartement, sondern im Zelt. Dieses Bild sollten wir vor Augen haben, wenn wir im Advent singen: „Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir.“
Jürgen Kaiser

November 2021

Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus. (2. Thessalonicher 3,5)

Lange haben wir gewartet. Nach dem Auszug aus unserer Kirche im Februar vergangenen Jahres kam der Frühling und mit ihm die Pandemie und der Lockdown, dann ein etwas freierer Sommer, der Herbst und Winter, der uns viel Geduld abverlangte, danach wieder ein Frühling, schließlich der Sommer, in dem schon wieder mehr möglich war durch die Impfungen. Sonntags feierten wir unsere Gottesdienste in der Kulturkirche St. Matthäus und in Halensee. Unsere Kirche wurde derweil saniert – zunächst ganz nach Plan, nur am Ende wollte sie nicht so recht fertig werden. Monate kamen dazu und dann weitere Wochen. Lange haben wir gewartet, dass wir wieder in unsere Kirche können; am 3. Oktober war es dann soweit. Unser erster Gottesdienst am Gendarmenmarkt hat mich sehr bewegt. Und am 28. November gibt es einen großen Festakt.
Noch mehr spannte die Sanierung unserer Gemeinde- und Verwaltungsräume und unseres Museums unseren Geduldsfaden. Auch hier mussten wir warten und warten. Aber zum Refugefest am 29. Oktober wurde das Museum feierlich wiedereröffnet und unsere Räume im Französischen Dom können wir bald danach beziehen.
Im Warten sind wir also geübt – und lesen so den biblischen Spruch für den Monat November:

Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus. (2. Thessalonicher 3,5)

Sehen wir im Glauben auf unsere Welt und unser eigenes Leben, spüren wir, dass unser Herz unruhig ist – so hat es der Kirchenvater Augustinus einmal geschrieben. Zuviel steht noch aus, worauf wir hoffen an Gerechtigkeit und Glanz in der Welt. Da ist es gut und beruhigt das unruhige Herz, wenn unsere Herzen ausgerichtet werden, eine Richtung bekommen, nicht herumirren. Wohin das Herz strebt, wonach es sich sehnt, bleibt dann nicht im Ungewissen: Nach Liebe sehnen wir uns, nach der Erfahrung, angenommen zu sein, um unser selbst willen interessant und wichtig und schön gefunden zu werden. So begegnet uns Gott. Und er begegnet uns in Jesus. Auf ihn warten wir Jahr um Jahr in der Adventszeit. Und schon im November, wenn Jahreszeit und Kirchenjahr uns ernstere Gedanken zumuten. Für diese letzten Wochen des Kirchenjahres hat Philipp Friedrich Hiller (1699-1769) ausgehend von einem biblischen Wort (Titus 2,13) ein Lied gedichtet, in dem es um das Warten geht (wenn Sie es ganz nachlesen wollen – Sie finden es im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 152):
Wir warten dein, o Gottessohn,
und lieben dein Erscheinen.
Wir wissen dich auf deinem Thron
und nennen uns die Deinen.
Wer an dich glaubt,
erhebt sein Haupt
und siehet dir entgegen;
du kommst uns ja zum Segen.
Wir warten dein; du hast uns ja
das Herz schon hingenommen.
Du bist uns zwar im Geiste nah,
doch wirst du sichtbar kommen.
Da willst uns du
bei dir auch Ruh,
bei dir auch Freude geben,
bei dir ein herrlich Leben.
Warten fällt schwer, nicht nur den ungeduldigen Typen wie mir. Und doch ist Warten kostbar. Warten birgt neben der Sehnsucht und dem Schmerz an der ausstehenden Erfüllung auch das Wissen, wem wir gehören. Und im Warten spüren wir die Ruhe und die Freude. So verwandelt uns das Warten schon und in den kargen November fällt das Licht herrlichen Lebens. Und ich sehe: Nicht meine Ungeduld ist die Feindin des Wartens, sondern die Hoffnungslosigkeit. Daraus befreit uns der Glaube auch im November. Karl Friedrich Ulrichs

Oktober 2021

Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken. (Hebräerbrief 10,24)

Bei diesem Wort habe ich sehr gemischte Gefühle. Einerseits gefällt mir die Aufforderung, dass wir aufeinander achten sollen. Eine Gemeinde ist ja erst dann eine christliche Gemeinschaft, wenn jeder zum Seelsorger oder zur Seelsorgerin des anderen wird. Wenn jede sich für die andere interessiert, jeder auf den anderen achthat, sich nach ihm erkundigt und nach der Frage: „Wie geht es dir?“ tatsächlich hört, was die Gefragte zu sagen hat und nicht nur auf eine Gelegenheit lauert, vom eigenen Ungemach zu berichten. Aufeinander achthaben, das erfordert manchmal ganz schön viel Mut. Man muss aushalten, was die anderen erzählen, bei ihnen bleiben, nicht flüchten vor unangenehmen Themen, nachfragen und manchmal auch Schweigen aushalten.
Andererseits frage ich mich, ob die Aufforderung, aufeinander achtzuhaben, nicht auch die Aufforderung zu gegenseitiger Kontrolle meint. Sollen wir etwa auch darauf achten, ob sich der Nachbar ungebührlich verhält? Sollen wir einschreiten, wenn er am Sonntag den Rasen mäht oder sein Auto wäscht? Es melden, wenn in der Wohnung unter mir immer rumgeschrieen wird?
Der zweite Teil der Aufforderung aus dem Hebräerbrief lässt vermuten, dass es beim Aufeinander Achthaben nicht nur um seelsorgerliche Empathie geht. Wir sollen aufeinander aufpassen und uns gegenseitig zu guten Werken und zur Nächstenliebe anspornen. Das mag zunächst unverdächtig klingen, aber Menschen, die im realexistierenden Sozialismus lebten, werden an dieser Stelle hellhörig. Der Sozialismus wollte mit einer alles durchdringenden Sozialkontrolle den sozialistischen Menschen schaffen. Das hat aber am Ende zu nichts anderem geführt, als zu Angst, Verlogenheit und Heuchelei.
Aufeinander achthaben und zur Liebe und zu guten Werken anspornen - das könnte auch das Motto für das sein, was Calvin in seiner Genfer Gemeinde versuchte und was in der Kirchengeschichte unter dem fürchterlichen Titel „Kirchenzucht bei Calvin“ firmiert. Alle sollten sich gegenseitig im Auge haben, Älteste die Menschen in den ihnen zugewiesenen Quartieren im Blick haben, um sich gegenseitig zu ermahnen. Besonders schwere und renitente Fälle von Unsittlichkeit wurden vor dem Kirchenrat verhandelt. Seit langem schon wird darüber gestritten, ob das alles mehr unter dem Gesichtspunkt der Seelsorge, der Nachbarschaftshilfe, der Streitschlichtung, der Versöhnungs- und Friedensarbeit zu sehen ist oder mehr unter dem Gesichtspunkt der Sozialkontrolle und Bespitzelung und als Versuch zu werten ist, mit unheiligen Mittel ein heiliges Gemeinwesen zu errichten. Noch vor wenigen Jahren veröffentlichte der Schweizer Historiker Volker Reinhardt eine Untersuchung zur Genfer Reformation unter dem programmatischen Titel: „Die Tyrannei der Tugend“. Möglicherweise hat Calvin das erste gewollt, aber das zweite erreicht.
Wir leben heute nicht mehr in einem christlichen Gemeinwesen. Wir können unseren Nachbarn nicht mit dem Hinweis auf das Sabbatgebot daran hindern, am Sonntag sein Auto zu waschen. Wir können es aber selber sein lassen, und Vorbild sein. Wir müssen heute die beiden Teile der Aufforderung aus dem Hebräerbrief deutlich voneinander unterscheiden: Aufeinander achthaben und empathisch mitein-ander umgehen ist das eine, Anreiz zum guten Tun zu geben durch eigenes vorbildliches Handeln ist das andere. Jürgen Kaiser

September 2021

Mit dem, was wir tun, erreichen wir zumeist, was wir wollen. Umso frustrierter sind wir, wenn der Erfolg ausbleibt, wenn wir vergebens unterwegs waren, uns erfolglos bemüht haben. „Unser Leben währet siebzig Jahre, wenn es hochkommt, so sind es achtzig, und was daran köstlich erscheint, ist doch nur vergebliche Mühe“ – diese biblische Traurigkeit aus Psalm 90 hören wir oft bei Trauerfeiern. Kein Menschenleben ohne Misserfolg und kein Mensch, der nicht das graue Gefühl der Vergeblichkeit kennt. Davon können wir ein Lied singen, das so lauten könnte:

Ihr sät viel und bringt wenig ein;
ihr esst und werdet doch nicht satt;
ihr trinkt und bleibt doch durstig;
ihr kleidet euch, und keinem wird warm;
und wer Geld verdient, der legt es in einen löcherigen Beutel. (Haggai 1,6)

Diese Litanei stammt aus dem Jahr 520 vor Christus und aus dem Mund des alttestamentlichen Propheten Haggai. Auch vor zweieinhalbtausend Jahren machten Menschen die Erfahrung von Vergeblichkeit. Diese Zeilen sind der Monatsspruch für den September und lassen sich heute leicht fortschreiben:
Ihr kauft viel und habt doch immer nur kurz das neueste Handy.
Ihr geht zwölf Jahre zur Schule und doch vermisst ihr eine Bildung, die euch orientiert.
Ihr lasst euch von Musik berieseln und in euren Herzen klingt kaum etwas.
Ihr lasst euch impfen und tragt den Mund-Nasen-Schutz und in der Tagesschau plagen euch die steigenden Inzidenzzahlen unendlich mehr als die fallenden Temperaturen.
Ihr bringt viele Soldaten und Entwicklungshelfer nach Afghanistan und schafft dort doch keine freie und befriedete Gesellschaft.
Vieles, was wir persönlich oder politisch machen, ist vergeblich. Und darum klagen wir einander an: unsere Konsumgesellschaft – als gehörten wir nicht dazu! – und die Politik – als wären wir nicht Bürger/innen mit aktivem und passivem Wahlrecht! Anklagen und Vorwürfe sind wohl eine Strategie, Vergeblichkeit zu verarbeiten. Es ist ja auch nur schwer auszuhalten, wenn unsere Bemühungen so wenig erreichen. Damit lebt es sich besser, wenn wir jemand anderem vorwerfen können, sich nicht genug bemüht oder falsch gehandelt zu haben.
Haggai hat solche Bewältigungsstrategien nicht nötig, aber auch er benennt einen Grund für unsere Vergeblichkeitserfahrungen: Wir geben Gott keinen schönen und zentralen Platz in unserem Leben. Seinen Zeitgenossen wirft Haggai vor, die eigenen in Krieg und Besatzung zerstörten Häuser aufzubauen, nicht aber an den Wiederaufbau des Tempels zu denken. Und er spricht streng in Gottes Namen: Der unwillkommene und unbehauste Gott Israels werde in alles Menschenwerk „hineinblasen“, sodass alle Mühe umsonst ist. Gott werde aber vom wiederaufgebauten und geschmückten Tempel aus, in dem er unter seinem Volk wohnt, mit Segen nicht geizen. Was seine geliebten Menschen tun werden, wird gelingen.
Bei allem Machen, bei aller Arbeit und gerade auch in Erfahrungen von Vergeblichkeit mich einmal unterbrechen lassen von der Frage, wo Gott einen Platz hat in meinem Leben, in unserer Stadt, in allem Getümmel, ist eine heilsame Provokation, die ich mir von Haggai für den September mitgeben lasse.          Karl Friedrich Ulrichs

August 2021

Neige, HERR, dein Ohr und höre! Öffne, HERR, deine Augen und sieh her! (2. Könige 19,16)

Wie können wir beten? In brenzliger militärischer Lage kommt König Hiskia in den Tempel von Jerusalem und betet. Sanherib, der Großkönig von Assur, lässt Jerusalem belagern, die Verhandlungen mit seinen Unterhändlern sind gescheitert, der König holt Rat von Jesaja, dem Propheten, ein. Der kann den König beruhigen: Gott wird auf den Assyrer einwirken, dass der die Belagerung beendet und unverrichteter Dinge abzieht. Doch dann kommt wieder eine bedrohliche diplomatische Note aus Assyrien: Hiskia solle sich nicht auf seinen Gott verlassen. Das habe den anderen Königen, deren Reiche schon erobert worden sind, auch nichts genützt. Deren Götter konnten auch nicht helfen. Als Hiskia diese Drohung liest, geht er sofort in den Tempel, um zu beten: Herr, Gott Israels, der du über den Cherubim thronst, du bist allein Gott über alle Königreiche auf Erden, du hast Himmel und Erde gemacht. Herr, neige deine Ohren und höre; Herr, tu deine Augen auf und sieh und höre die Worte Sanheribs, der hergesandt hat, um dem lebendigen Gott Hohn zu sprechen. (2.Kön 19,15-16)

Wie können wir beten? Die Bibel zeigt es: Zunächst macht Hiskia Gott sehr groß. In der Anrede huldigt er seinem Gott, der über allem steht. Dann bittet er um Aufmerksamkeit für sein Anliegen und weist auf die geringschätzenden Worte Sanheribs hin, um Gottes Eifer zu entfachen.
Wie können wir beten? Viele meinen, sie können es gar nicht. Manche können nicht beten, weil sie nicht an Gott glauben. Andere können nicht beten, weil sie nicht wissen, wie sie mit Gott reden sollen. Sie denken, er wisse ja doch schon alles, er sehe alles, ihm könne nichts entgehen. Wenn wir beten und ihn an etwas erinnern – würde er nicht denken, wir hielten ihn für vergesslich? Wenn wir beten und ihn auf etwas aufmerksam machen – würde er nicht denken, wir hielten ihn für blind? Wenn wir beten und ihm etwas erklären – würde er nicht denken, wir hielten ihn für ignorant? Widerspricht das Beten nicht dem Glauben an einen allwissenden, alles verursachenden und alles vorhersehenden Gott?
Wer so von Gott denkt, könnte tatsächlich Beten für sinnlos halten. Die Bibel denkt ganz anders von Gott. Sie sieht in ihm einen menschlichen Gott. Gott hat Ohren, Gott hat Augen, Gott kann hören, Gott kann sehen. Oder auch nicht: Er hat Ohren, mag aber nicht hören, er hat Augen, schaut aber weg. Vielleicht ist er abgelenkt oder hat grad keine Lust. Vielleicht ist er sauer oder gereizt.
Man kann das allzu menschliche Bild, das die Bibel von Gott malt, für naiv oder gar für primitiv halten. Um aber Mut und Lust zu finden, mit Gott zu sprechen, ist es entscheidend, ein Gegenüber im Sinn zu haben, mit dem wir wie mit einem guten Freund, einer guten Freundin reden können. Zu dem man sagen kann: „Hör mir doch mal zu! Schau doch mal hin! Hast du vergessen, was du mir versprochen hast?“ Dabei muss man Gott gar nicht zunächst als über alles erhabenen König anreden, wie Hiskia das tut. Jesus meint, wir dürften gern auch „Vater“– oder „Mutter“ – zu ihm sagen.
Wie können wir beten? Wir können es, wenn wir uns vorstellen, wir redeten mit einer vertrauten Freundin oder einem vertrauten Freund.
Übrigens hat Gott auf Hiskia gehört und sich dann die Verhöhnungen durch Sanherib nicht bieten lassen. Der Engel des Herrn ging in der Nacht durch das Lager der Belagerer und tötete viele Soldaten. Manche sehen darin einen Hinweis auf eine Seuche, die die Assyrer zum Abzug zwang. Jürgen Kaiser

Juni 2021

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apostelgeschichte 5,29)

Dieser Satz ist klar, eindeutig und entschieden. Und auch logisch: Wer an Gott glaubt, kann das ja im Grunde gar nicht anders sehen. Was machte es für einen Sinn, an Gott zu glauben, wenn ich ihm nicht mehr Autorität zubilligte als den Menschen?
Sobald man jedoch anfängt, über den Satz nachzudenken, verschwindet alle Klarheit und es wird kompliziert. Was heißt denn, Gott gehorchen? Wo erfahre ich, was Gott von mir will? Heißt Gott gehorchen, die Zehn Gebote befolgen? Oder heißt es, alles zu befolgen, was in der Bibel steht? Bezieht es sich nur auf Gebote, Ratschläge, Ermahnungen oder auch auf Weltbilder und Wissenschaftliches? Heißt, Gott mehr als den Menschen zu gehorchen, etwa auch, die Schöpfungserzählungen, mit denen die Bibel beginnt, wörtlich zu nehmen und die naturwissenschaftlich evolutionäre Sicht der Welt- und Lebensentstehung zu verleugnen? Oder teilt sich Gott im Gewissen mit? Soll ich allein meinem Gewissen folgen? Aber ist mein Gewissen so unabhängig von allem, was Menschen sagen? So klar und eindeutig der Satz daherkommt, so unklar wird er, wenn man anfängt, über ihn nachzudenken.
Der Satz hat auch Sprengkraft. Er könnte die Christen gegen den Staat, gegen Ideologien und Weltanschauungen oder gegen tonangebende Gruppen in Stellung bringen. Er könnte den Widerstand der Christen mobilisieren und ihre Weigerung begründen, bei Dingen mitzumachen, die gegen das sind, was sie von Gott geboten glauben.
Petrus sprach den Satz, als er und seine Apostelkollegen mal wieder vorm Hohen Rat erscheinen mussten, weil sie sich nicht an dessen Predigtverbot gehalten hatten. Sie begründeten ihren Ungehorsam gegenüber den jüdischen Autoritäten mit dem höheren Gehorsam gegenüber Gott. Sicher hat man den Satz im Römischen Reich oft zitiert, immer dann, wenn die Christen verfolgt wurden, Luther hatte ihn oft gegen die Papstkirche ins Feld geführt, und er ermutigte die Hugenotten, die Befehle des Königs zu missachten und an ihrem reformierten Glauben festzuhalten. Auch in der Nazi-Zeit und in der DDR wurde der Satz gehört. Immer dann, wenn das, was Menschen als gültig proklamierten, allzu offensichtlich dem widersprach, was Gott geltend machte.
In unseren Tagen beruft man sich selten auf den Satz. Das muss man nicht bedauern. Es könnte ja sein, dass wir den Satz in unseren Zeiten nicht so nötig brauchen. Christen dürfen sagen, was sie wollen. Es gibt keine Predigt- und Redeverbote. Niemand wird zu einer bestimmten Meinung gezwungen. Darüber hinaus geraten christliche Moral und humanitäre Ethik selten in Widerspruch. Auch wenn die Zeit der Volkskirche vorbei zu sein scheint, leben wir im Grunde in einer christlichen Gesellschaft. Staatstragende Reden des Bundespräsidenten unterscheiden sich kaum mehr von bischöflichen Predigten. Man kann das als Staatsnähe oder Profillosigkeit des deutschen Protestantismus kritisieren. Ich würde es jedoch zuerst als Indiz dafür deuten, dass es auch in unserer säkularen und kirchendistanzierten Gesellschaft einen Grundgehorsam gegenüber den Werten eines menschenfreundlichen und gerechtigkeitsliebenden Gottes gibt. Widerstand aus Gewissensgründen ist – Gott sei Dank – doch nur selten nötig.
Jürgen Kaiser

Mai 2021

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! (Sprüche 31,8)

Unrecht verschlägt dir die Sprache, du verstummst, wenn dir Böses widerfährt. Dass das Opfer nicht schreit, nicht klagt, sein Recht nicht einfordert, die erlittene Untat nicht anzeigt – davon leben die Übeltäter. Du bist nur noch Opfer, in dich verschlossen, ohne Stimme. Und du brauchst jemanden, der für dich schreit, wenn du selbst dazu zu schwach bist.
Empathisch ist dieser biblische Rat, der zum Monatsspruch für den Mai avancierte, so empathisch und klug – er könnte von einer weisen Frau sein. Und tatsächlich: Es ist seine Mutter, der Lemuel, der König von Massa, diesen für einen Herrscher alles andere als selbstverständlichen Hinweis auf die Schwachen in der Gesellschaft verdankt. So möchten Mütter, dass ihre Söhne seien: gerecht und lauter. Und welche Königin hätte nicht gerne einen charakterlich noblen Thronfolger? Fragen Sie einmal die Queen!
Ein königlich-kluger Ratschlag also, den ich mir – da ich die Mutter von König Lemuel nicht kenne – aus dem Munde der alten Dame in Windsor und im schottischen Balmoral vorstelle. Wer so lebt und handelt, erweist sich als ein König, edel und frei und anmutig! Lemuel, habe es im Sinn! Charles, denke daran, wenn es an dem ist. Bedenke es, Karl! Und ihr anderen alle auch.
Ein königlich-kluger Ratschlag, der mit dem „Recht aller Schwachen“ das allerorten herrschende Recht des Stärkeren unterläuft. Wenn Schwache weniger Rechte haben (nicht in der juristischen Theorie, sondern im gesellschaftlichen Alltag), dann stimmt etwas nicht. Da muss etwas geschehen. Das bekommt Lemuel, der König lernt, mit auf den Weg. Wenn er als königlicher Richter in Streitfällen entscheiden wird – am Umgang mit denen, die körperlich, finanziell schwach oder sonst wie beeinträchtigt sind, zeigt sich, was für ein Mensch er ist. Und hieran zeigt sich auch, was unser Recht wert ist.
Klar: den Mund zu halten, ist bequem. Aber jemandes Fürsprecher zu sein, ist keine Last, es ist ein Privileg, die eigene Stimme Schwachen leihen zu können, ihnen eine Stimme zu geben. Dadurch verschleiße ich meine Stimme nicht, sondern erlebe mich als wirkungsvoll, machtvoll wie ein König. Der Einsatz und Einspruch für Schwache ist auch eine Aufgabe der Kirche insgesamt. Kirche stellt Öffentlichkeit her für diejenigen, die wenig Gehör finden.
Solidarität mit den Schwachen – dazu brauchen wir unsere Sinne, unsere Gedanken und Gefühle ohne Einschränkungen. Deshalb rät die Königsmutter von Wein und Bier ab. Denn die Könige „könnten beim Trinken das Recht vergessen und verdrehen die Sache aller elenden Leute. Gebt Bier denen, die am Umkommen sind, und Wein den betrübten Seelen.“ Solidarität ist ohne Solidität nicht zu machen. Wenn ich auch über die geforderte Entsagung schmunzele, mir gefällt dieser Königinnenratschlag: Wir sollen wissen, was wann wichtig ist: das laute Wort für die Schwachen, Bier zur Stärkung und Wein als Trost. Na dann … Karl Friedrich Ulrichs

April 2021

Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. (Kolosser 1,15)

Zu den ehrenvollsten Aufgaben des Pfarrers in meiner vorherigen Gemeinde in der Pfalz gehörte es, am Nikolaustag in einem roten Kostüm und mit langem, weißen Bart im Gemeindekindergarten zu erscheinen. Nachdem ich das einige Jahre gemacht hatte, kam eines Nikolaustags ein älteres Kindergartenmädchen auf mich zu und sagte vor allen anderen: „Du bist nicht der Nikolaus! Ich weiß, wer du bist.“ Nun ist meine Tarnung aufgeflogen, dachte ich, und da das Mädchen so überzeugt schien, versuchte ich erst gar nicht zu leugnen, sondern fragte frustriert: „Na dann: Wer bin ich?“ Ohne zu zögern antwortete sie: „Du bist der Gott!“
Da war ich doch einigermaßen überrascht. Immerhin hatte das Mädchen, das einen christlichen Kindergarten besuchte, schon ein Gespür dafür, dass unser Gott menschliche Züge trägt. Lediglich in der Zuordnung der menschlichen Züge hatte das Mädchen noch einen gewissen Bildungsbedarf: Nicht Nikolaus ist das Bild des unsichtbaren Gottes sondern Christus.
Wie Juden und Muslime glauben Christen an einen unsichtbaren Gott. Darüber hinaus glauben sie jedoch, dass Gott sich in dem Menschen Jesus Christus geoffenbart hat. Gott hat sich in ihm gezeigt, er identifiziert sich mit ihm und sagt: „Wenn ihr wissen wollt, wer ich bin und wie ich bin, schaut ihn an!“
Das zweite Gebot sagt, wir sollen uns keine Bilder von Gott machen. Damit ist nicht nur gemeint, dass wir uns keine Götterbilder herstellen sollen (goldenes Kalb wie Israel in der Wüste oder Statuen schöner Frauen und Männer wie bei den alten Griechen), sondern wir sollen auch nicht versuchen, uns Gott in Gedanken vorzustellen. Folgt man der Linie des Bilderverbotes konsequent, wird Gott immer abstrakter und ist am Ende eine Art Schwarzes Loch, ein mysteriöses Kraftzentrum, das aber so weit weg ist, dass es für mein Leben hier und jetzt keine Bedeutung hat. An Gott glauben ist aber mehr, als irgendwo sehr weit weg ein Schwarzes Loch zu vermuten. An Gott glauben, heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben. Eine Beziehung aber braucht ein konkretes und lebendiges Gegenüber.
Deshalb hat Gott sich von Anfang an, also auch schon im Alten Testament, menschlich gezeigt. Er redet und schweigt, er freut sich und ist traurig, er lacht und zürnt, er liebt und ist enttäuscht und hört nicht auf zu lieben. Christen sehen diese menschliche Seite Gottes in Jesus Christus personifiziert wie in keinem anderen Menschen, weshalb sie sagen: Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes. Von Anfang an hatte Gott ihn im Blick und mit ihm die ganze zu versöhnende und zu erlösende Menschheit.
So faszinierend ich den Gedanken finde, dass Gott sich in dem konkreten Menschen Jesus Christus zu erkennen gegeben hat, so sehr verstehe ich, dass diese auf die ganze Menschheit zielende Identifikation nicht für alle Menschen gleichermaßen „barrierefrei“ zugänglich ist. Denn Christus war ein weißer Mann. Warum ist ein weißer Mann Bild des unsichtbaren Gottes und nicht eine schwarze Frau oder ein asiatisch aussehendes Kind?
Gott ist in Christus Mensch geworden. Aber „den Menschen“ gibt es nicht. Es gibt nur einzelne konkrete Menschen. Die sind weiß oder schwarz oder braun, weiblich oder männlich oder divers. Christus ist nur ein Zwischenbild des unsichtbaren Gottes. Wir haben Gott erst gesehen, wenn wir ihn, Christus, in jedem einzelnen Menschen entdeckt haben. Nur einer ist Gott gewiss nicht: ein mit einem roten Mantel und weißem Bart verkleideter Pfarrer.
Jürgen Kaiser