Im Mittelpunkt unserer Gottesdienste steht die Predigt. Sie soll nach unserem Verständnis in erster Linie theologisch fundierte Schriftauslegung sein. Texte der hebräischen Bibel („Altes Testament“) kommen im Gottesdienst ebenso zu Wort wie die der Apostolischen Schriften („Neues Testament“). Gebete, Psalmen und Lieder beziehen sich auf das theologische Thema der Predigt. Kennzeichen der französisch-reformierten Tradition im Gottesdienst sind die Eröffnung des Gottesdienstes durch ein Gemeindemitglied (Lecteur / Lectrice) und die Verlesung der Zehn Worte der Weisung Gottes (Zehn Gebote) sowie der "Summe des Gesetzes". Als Lehrtext werden im Gottesdienst neben den traditionellen Bekenntnistexten (Confession de foi, Heidelberger Katechismus, Barmer Theologische Erklärung) zunehmend neuere Bekenntnisformulierungen vorgelesen.

Gedanken zu den Monatssprüchen

Dezember 2022

Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. (Jesaja 11,6)

Als im Kindergottesdienst die Geschichte von der Sintflut erzählt wurde und vom tierischen Gedrängel auf Noahs Arche, fragte sich der kleine Karl zwar nicht, ob es pfiffig war, Biber, Termiten und andere allzu holzverliebte Tiere mit an Bord zu nehmen, wohl aber, wie es angehen konnte, dass da auch lauter einander in innigster Fressfeindschaft zugetane Tiere offenbar friedlich nebeneinander lebten. Er hat es wohl dem mäßigenden Einfluss des gerechten Noah zugeschrieben, dass die Raubtiere den Schafen und Ziegen und Rindern und besonders den niedlichen Lämmern und Kälbern nichts zu leide taten. Er musste es sich selbst zurechtlegen, weil hier am Anfang der Bibel dazu nichts gesagt wird. Es wäre denn ja auch zu verrückt, zu sehr gegen alle Erfahrung, ja gegen alle Natur, wenn ein Löwe angesichts eines appetitlichen Kalbs gesittet bliebe.
In der Mitte der Bibel, beim Propheten Jesaja, wird dann aber doch dieser verrückte Traum geträumt: Tiere, bei denen sonst das eine das andere tötet, ruhen beieinander, fressen miteinander und zwar vegetarisch. Und ganz verrückt ist, dass das kleine und mehr oder weniger friedfertige Lamm den bösen Wolf beschützt. Nicht nur Schäfer in Brandenburg denken: Das stellt doch alles auf den Kopf! Das soll es aber auch. Ein wunderbarer Monatsspruch für den Dezember.
Wenn du dir eine gute Zukunft erträumst, mit der Liebe und dem Glanz von Weihnachten und den länger werdenden Tagen, kannst du gar nicht groß genug denken und so neu, dass es verrückt klingt. Und die Bilder dafür nimmst du dir aus der Natur; darüber ist das Staunen nämlich am größten, gelten da doch Naturgesetze und natürliche Ordnungen. Alle bisherigen Erfahrungen werden in deinem Traum überboten, alle Ordnungen über den Haufen geworfen. Was bisher nicht zusammengehörte, nicht zusammenpasste – nun ist es beieinander. Was bisher undenkbar schien, kommt dir in den Sinn. Ach, so müsste unsere Welt werden – wenn … Gott noch einmal ein komplettes Reset in seiner Schöpfung machte wie mit der Sintflut? Oder wenn ein kleiner Junge aufträte, wie Jesaja sagt?
Gott hat sich für das Letztere entschieden und überbietet damit auch noch unsere Hoffnungsverrücktheiten. Gott will unsere Sehnsucht nach seiner Nähe und Gegenwart stillen und kommt in unsere Welt, in unser Leben, wird Mensch. Wenn Gott Mensch werden kann, kann auch ein Panther beim Böcklein liegen. Und dabei wird Gott nicht etwa ein mächtiger Mensch, nicht einmal ein großer Mensch, sondern ein kleiner. Aber gerade so, mit diesem kleinen Jungen, wird alles anders – für Wolf und Lamm, Panther und Böcklein, Kalb und Löwe und für uns. Mit dem Monatsspruch träume ich bis Weihnachten und weiter. Karl Friedrich Ulrichs

November 2022

Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen! (Jesaja 5,20)

Wie sehr man die Wahrheit verdrehen kann, sehen wir seit dem 24. Februar. Putin überfällt ein Nachbarland und nennt es eine militärische Spezialoperation. Er lässt Bomben auf Krankenhäuser werfen und Raketen in Wohnhäuser und spricht von einer Befreiung. Er behauptet, die Ukraine werde von Nazis regiert, obwohl ihr Präsident Jude ist. Er gibt vor, die Menschen wollten zu Russland gehören, obwohl sie ihre Abscheu vor Russland kaum deutlicher zeigen können. Er lässt abstimmen und hält den Wählern die Waffe vor die Nase. Er spricht von einer Umgruppierung seiner Bataillone, obwohl es eine panische Flucht vor dem Gegner war. Er behauptet, der Westen wolle Russland zerstören, obwohl er es ist, der alle Länder um Russland herum zerstören und seinem Land einverleiben will.
Putin ist ein Lügner und zwingt alle anderen auch zur Lüge. Wer die Wahrheit sagt, kommt ins Gefängnis. Die Menschen in Russland erfahren über diesen Krieg ganz anderes als wir. Sie werden belogen.
Oder werden wir belogen? Werden unsere Medien manipuliert? Haben sich die Meinungsmacher auf Putin eingeschossen, damit er als der Böse erscheint und die Nato einen Krieg gegen Russland anzetteln kann? Ist das, was wir hören und lesen, die Wahrheit oder nicht doch auch Propaganda?
Es gibt Menschen, die sich das fragen. Sie beschimpfen unsere Medien als „Lügenpresse“. Wenn die Wahrheit nicht mehr offensichtlich ist, weil die einen das Gegenteil von den anderen behaupten, fangen manche an, gar keinem mehr zu glauben. Sie misstrauen allen Medien. Weil aber ein Mensch nicht ohne Wahrheit leben kann, reimen sie sich ihre eigene Wahrheit zusammen. Dabei kommen meist wüste Verschwörungstheorien heraus.
Im Krieg kommt die Wahrheit unter die Räder. Im Krieg kommt aber auch das Böse wie sonst nie zum Vorschein. Es werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, unschuldige Zivilisten werden ermordet. Es gibt Täter und es gibt Opfer, das darf nicht relativiert werden. Gerade im Krieg muss man an der Wahrheit festhalten, auch wenn sie zunächst schwer zu ermitteln ist, weil die gegenteiligen Behauptungen kaum zu überprüfen sind. Aber es gibt die Wahrheit und es wird einmal herauskommen, wer die Täter böser Taten und wer die unschuldigen Opfer sind.
So lange das aber noch nicht so ist, muss man vertrauen. Ich glaube unseren Medien. Zwar bringen auch sie Meldungen, die sich nicht überprüfen lassen. Aber sie sind so ehrlich, dass sie das immer dazuschreiben. In meiner Tagesschau-App steht unter Kriegsmeldungen immer: „Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.“
Aber die Wahrheit wird einmal ans Licht kommen. Und dann gilt: „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen.“ Jürgen Kaiser

Oktober 2022

Groß und wunderbar sind deine Taten, Herr und Gott, du Herrscher über die ganze Schöpfung. Gerecht und zuverlässig sind deine Wege, du König der Völker. (Offenbarung 15,3)

Mit diesem Monatsspruch für Oktober aus der Offenbarung des Johannes ist irgendwie alles gesagt. Man kann dem nur stumm zustimmen und diesen Spruch eben einen Spruch sein lassen und denken: Was geht es mich an? Lesen wir aber den biblischen Zusammenhang mit, wird aus dem bloßen Spruch eine spannende Geschichte. Die Menschen, für die Johannes spricht, erleben sich als von Plagen gequält – und der Seher Johannes nimmt diese Erfahrungen auf, um davon zu erzählen, wie Gott sich zeigen wird. (So riskant wie Johannes habe ich noch nie über Gott gesprochen!) Wie bringen wir die Plagen unserer Zeit, Krieg und Krankheit und co., mit Gott zusammen? Vertrauen wir wie Johannes und seine Leute, dass Gott uns durch diese hindurch führt?
Mit diesen bedrängenden Fragen lese ich nochmals den Zusammenhang und sehe: Der steile Spruch ist gar keine zu vorlaute Behauptung des Glaubens, die dann durch das Leben erst noch eingeholt und bewahrheitet werden müsste. Dieser Spruch ist Musik, nämlich „das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes“. Von Herzen singend können wir mehr sagen als in dröger Argumentation, weil wir von Liebe und Sehnsucht und also von Herzenswahrheiten singen, die nicht erst noch eines Beweises bedürftig sind. Als bloßer Spruch also alles- und nichtssagend – aber als Lied der geplagten Gläubigen wird der Monatsspruch mein Satz und Song des Monats Oktober. Ich übernehme ihn von denen, die ihn gesungen und geglaubt haben – so wie sie ihrerseits diese Zeilen auch schon übernommen haben von Mose und denen, deren Plagen das Alte Testament erzählt, und von denen, die ihre Plagen mit dem Alten Testament in der Hand überleben. Meine Wege durch den Oktober gehe ich mit dem Lied auf den Lippen und dem Vertrauen im Herzen, dass ich auf „gerechten und zuverlässigen“ Wegen bin, die ein König geht und zeigt. Diesem „König der Völker“ folgt selbst der neue König der Völker des Vereinigten Königreichs und des Commonwealth. Ich will´s meinem frommen Namensvetter nachtun. Nicht nur im Oktober.
Karl Friedrich Ulrichs

September 2022

Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.(Sir 1,10)

Das ist ein schönes Wort. Ob es aber weise war, einen Spruch auszuwählen, den man kaum findet? Man muss ja damit rechnen, dass sich Menschen durch so einen Monatsspruch inspiriert fühlen, die Bibel in die Hand zu nehmen und mehr davon zu lesen. Ihre Suche nach „Sir 1,10“ wird aber enttäuscht werden, denn das werden sie in den meisten  Bibeln nicht finden. Die Abkürzung „Sir“ ist hier keine englische Anrede des Respekts, sondern steht für „Jesus Sirach“, eines der apokryphen biblischen Bücher, also ein Buch, das man nicht findet, weil es verborgen ist – das heißt nämlich apokryph. Es handelt sich um Schriften, die nicht in der hebräischen Bibel enthalten sind, wohl aber in deren griechischer Übersetzung, der „Septuaginta“. Die Bibelübersetzungen der Reformation (Luther und Züricher) haben sich am hebräischen Alten Testament orientiert, während sich die katholische Kirche an die „Septuaginta“ gehalten hat. Ich musste also in einer „katholischen Bibel“ nachsehen, etwa in der sog. Einheitsübersetzung, um den Monatsspruch für September zu finden und den Zusammenhang lesen zu können.
Da Sie möglicherweise keine katholische Bibelausgabe zur Hand haben und also nicht selbst nachsehen können, drucke ich für Sie den Anfang dieses Weisheitsbuches aus der religiösen Tradition Israels ab, aus einer Fassung der Lutherbibel, die die Apokryphen enthält. Denn dieser Anfang ist – wie das Wort und die Weisheit selbst – sehr schön.
Alle Weisheit kommt vom Herrn und ist bei ihm in Ewigkeit.
Wer kann sagen, wie viel Sand das Meer, wie viel Tropfen der Regen und wie viel Tage die Welt hat?
Wer kann erforschen, wie hoch der Himmel, wie breit die Erde, wie tief das Meer ist?
Wer kann die Weisheit ergründen? Denn die Weisheit ist vor allem geschaffen; Verstand und Einsicht sind von Ewigkeit her.
Das Wort Gottes in der Höhe ist die Quelle der Weisheit, und sie verzweigt sich in die ewigen Gebote.
Wem wurde die Wurzel der Weisheit aufgedeckt, und wer kann ihre Pläne erkennen?
Wem wurde das Wissen um die Weisheit offenbart, und wer hat die Fülle ihrer Erfahrung erfasst?
Einer ist’s, der ist weise und sehr zu fürchten; er sitzt auf seinem Thron. Der Herr selbst hat die Weisheit geschaffen und gesehen und hat sie gemessen und hat sie ausgeschüttet über alle seine Werke und über alles Fleisch nach seinem Gefallen und gibt sie denen, die ihn lieben.
Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit. Und er gewährt sie, denen er sich zeigt, sodass sie ihn schauen.

Ich wünsche Ihnen Weisheit. Biblische Weisheit wünsche ich Ihnen. Wie Sie merken, hat die nichts mit Wissen und Bildung zu tun, wohl aber mit Gott. .
Jürgen Kaiser

August 2022

Jubeln sollen die Bäume des Waldes vor dem Herrn, denn er kommt, um die Erde zu richten. (1. Chronik 16,33)

Wenn wir durch Brandenburgs schöne Buchenwälder gehen, hören wir einmal keine Motoren und Menschen. Aber stumm ist die Natur nicht, die Bäume reden mit uns. Wenn ich an einem freien Tag aus der Stadt herausfahre, achte ich gleich zu Beginn einer Wanderung darauf. Jeder Windstoß sagt ein Wort und jede Windböe spricht einen Satz. Mit unterschiedlichem Klang, einmal lauter, dann leiser. Manchmal ist es kaum zu hören. Und ganz selten hören wir, dass nichts zu hören ist und die Bäume kurz innehalten vor dem nächsten Wort. Das kann auch einmal wild und zornig klingen, doch zumeist höre ich Freundlichkeit und Weisheit.
Ob es wohl so ist, dass die Natur uns etwas zu sagen hat? Weist uns der neuerdings sommers brennende Brandenburger Wald auf den Klimawandel hin, schimpft er mit uns und mahnt unsere Politik und Verwaltung zu schnellerem und entschiedenerem Handeln gegen den Klimawandel? Schon vor einer Generation hat das sogenannte Waldsterben für gelindes Erschrecken und gewisses Umdenken gesorgt. Die sterbenden Bäume hatten der Gesellschaft etwas zu sagen. Wie könnten wir davor die Ohren verschließen?
Zunächst aber, weiß der Glaube, spricht die Natur und sprechen die Bäume in ihrer Weise von ihrem Schöpfer. Und da sieht die Bibel die Natur ganz anders als sonst: Die Bäume jubeln, wie unser Monatsspruch für August es sagt, oder klatschen in die Hände (Jesaja 55,12). Und ein deutscher Dichter kann das dann so weiterdichten: „Mich, ruft der Baum in seiner Pracht, mich, ruft die Saat, hat Gott gemacht. Bringt unserem Schöpfer Ehre!“ Durch dieses Lied in unserem Gesangbuch werden wir hineingenommen in das große Gotteslob, das die Natur singt.
Nicht nur, wenn ich an die menschengemachten Verheerungen in der Natur denke, auch durch andere Krisen und Katastrophen wird mir der Mund verschlossen, und mir fällt es schwer, den Schöpfer zu loben. Aber auch im Krieg blüht die Natur! Und zeugt von der Hoffnung auf Frieden. Sie spricht dann nicht nur zu uns, sondern jubelt auch an unserer Stelle, für die Menschen, deren Jubel verstummt ist. Der Jubel ist aber der Grundton des Glaubens. So schreibt es der französische Soziologe Bruno Latour in seinem vor zwanzig Jahren erschienenen Buch über religiöse Rede; unter dem Titel „Jubiler“ („Jubilieren“) denkt er darüber nach, dass Glaubende Wörtern vertrauen, sie wiederholen, mit ihnen leben und feiern. In gewissem Sinne tut das auch die Natur: Gottes Schöpfungswort wiederholen und feiern. Und darum kann die Natur uns im Jubeln vertreten und uns mit ihrem Jubeln anstecken.
Der Jubel hat einen Grund: Gott kommt, die Erde zu richten. Gott wird unsere Erde in Ordnung bringen so, dass sie seinem guten Willen entspricht. Dazu wird böses Denken und Tun so genannt, wie es ist: böse. Unsere sofort vorgebrachten Entschuldigungen können einmal ausbleiben. Und das Gute wird uns ans Herz gelegt. So richtet Gott die Erde und uns Erdlinge. „Jubeln sollen die Bäume des Waldes vor dem Herrn“, Brandenburgs Buchen, der Birnbaum in Ribbeck, die hugenottischen Maulbeerbäume. Und unter den Bäumen wir.
Karl Friedrich Ulrichs

Juni 2022

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod. (Hoheslied 8,6)

Das Hohelied ist das einzige biblische Buch, in dem Gott nicht erwähnt wird. Es ist eine Sammlung weltlicher Liebeslyrik. Aber Siegel kommt in diesem Vers aus dem Hohenlied zweimal vor. In der Antike waren Siegel oft Rollsiegel aus Ton mit einem Loch, so dass man sie um den Hals oder den Arm binden konnte, damit sie niemand klaut. Früher trugen Liebende ein Medaillon mit einem Bildnis der Geliebten oder des Geliebten um den Hals.
Das Protokollbuch, das als Gründungsurkunde unserer Gemeinde gilt, hat kein Siegel. Protokollbücher haben so was nicht. Aber es beginnt, indem es den Namen Gottes nennt und anruft. Es ist ja keine Sammlung weltlicher Liebeslyrik, sondern das Dokument der Beratungen darüber, welche Wege Gott wohl mit seiner Kirche zu gehen gedenkt. JK

Mai 2022

Ich wünsche dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, so wie es deiner Seele wohlergeht. (3. Johannesbrief 2)

Gute Wünsche
Gute Wünsche haben Platz auch auf der kleinsten Karte. Wer dir Gutes wünscht, meint es gut mit dir. Und auch die eigenen guten Wünsche für andere zeigen, dass wir miteinander verbunden bleiben. Darum schreiben wir unsere guten Wünsche an das Ende unserer Briefe – wenn wir denn noch Briefe schreiben. In unseren Mails ersetzen wir die guten Wünsche gerne durch ein entsprechendes Icon wie dem gelben Gesicht, das ein rotes Herz an sich drückt. Das ist dann gleich die Darstellung der Beziehung und der Empfänger oder die Empfängerin kann sich selbst denken, was ihm oder ihr da Gutes gewünscht wird.
Solche guten Wünsche zu formulieren, ist nicht ganz einfach. Es soll konkret sein und variantenreich. Ein schlichtes „Alles Gute“ wirkt rasch bloß dahingeworfen und unpersönlich und beziehungsschwach. Das hat sich wohl auch ein biblischer Autor gedacht, von dessen kurzem Brief an einen gewissen Gaius Sie vermutlich noch gar nichts wussten. Oder haben Sie schon einmal im sogenannten dritten Johannesbrief gelesen? Wussten Sie, dass es den gibt? Er kommt im kirchlichen Leben ja nicht oft vor; ich habe in über zwanzig Jahren Pfarramt noch nie ein Wort aus dem dritten Johannesbrief auslegen müssen. Und nun also die guten Wünsche aus diesem weithin unbekannten Text der Bibel. Die guten Wünsche stehen gleich am Anfang. Und da wird es interessant!

Ich wünsche dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, so wie es deiner Seele wohlergeht. (3. Johannesbrief 2)

Die guten Wünsche nehmen Maß. Und zwar bei der Seele des Gaius; der geht es gut, weil Gaius glaubt. Das empfindet auch Gaius selbst so. Und am Glauben als Wohlergehen der Seele bemisst sich jeder gute Wunsch. Daran gewinnt jeder Wunsch seine Kraft. Seelisch geht es dir gut, du glaubst – so soll und so wird es auch sonst bei dir sein: mit deinem Körper, auch in deinen Beziehungen.
Dass du von Corona verschont bleibst oder deine Infektion dann gut überstehst, so wie es ja auch deiner Seele wohlergeht!
Dass du in Frieden lebst, so wie es ja auch deiner Seele wohlergeht!
Dass du dich frei fühlst und ohne Zwänge und Druck lebst, so wie es ja auch deiner Seele wohlergeht!
Dass du mit starken Persönlichkeiten zusammenlebst, so wie es ja auch deiner Seele wohlergeht!
Dass du eine interessante und herausfordernde Arbeit hast, so wie es ja auch deiner Seele wohlergeht!
Dass du Erfolg im Beruf und auch sonst hast, so wie es ja auch deiner Seele wohlergeht!
Ein Leben im Gleichklang mit dem Wohlergehen der Seele – der diese Wünsche an Gaius und an uns schreibt, weiß: Das Leben ist zumeist anders. Aber wenn beim „Wohlergehen und Gesundheit“ Wünsche offenbleiben, widerspricht das nicht dem Glauben, in dem es der Seele wohlergeht. Wir sollen vielmehr, meint der biblische Postkartenschreiber, umgekehrt vom Glauben her auf unser gesamtes Leben sehen. Hier hat uns Gott seinen Geist geschenkt und uns gesegnet. Wir vertrauen, dass Gott auch „in jeder Hinsicht“ so an uns handeln wird.
Der Mai ist Gottes guter Wunsch an uns: Wohlergehen und Gesundheit, so wie es unserer Seele seit Ostern wohlergeht. Allerdings müsste der Mai dazu wieder der Monat des Kriegsendes, der Befreiung und des Friedens werden. Gebe Gott das!
Mit herzlichem Gruß in den Mai,
Ihr Karl Friedrich Ulrichs

April 2022

Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündigte ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte. (Johannes 20,18)

In Mariupol gibt es unweit des Bahnhofs, der direkt am Meer liegt, einen Stadtgarten. Man findet ihn beim Überflug schnell. Die Bäume tragen volles grünes Laub. Internetreisen in ferne Gegenden mit der Maus auf Google Maps sind trügerisch. Sie zeigen das Land und die Orte immer bei Sonnenschein in saftigem Grün. Um den Stadtpark mit seinen grünen Bäumen sind alle Häuser intakt, die meisten haben graue Dächer, einige rote. Westlich taucht das Stadion auf und nördlich das Theater. Auch um das Theater gibt es einen kleinen Park mit einem Rondell.
So sieht es jetzt dort nicht mehr aus. Statt den Farben grau, braun, grün und ein bisschen rot wird man wohl viel schwarz zu sehen bekommen, wenn die Satellitenbilder aktualisiert werden. Schwarz vom Ruß der verbrannten Häuserruinen und aufgewühlte Erde von den Bombentrichtern. Nach allem, was wir aus der belagerten Stadt hören, gibt es dort kaum noch intakte Häuser, das Theater wurde weggebombt und aus dem Stadtgarten ist wahrscheinlich ein Friedhof geworden, denn der große städtische Friedhof liegt am Stadtrand. In Schussweite russischer Panzer kann man nicht gut die Toten begraben. Und Tote müssen sie dort begraben. Viele Tote, voraussichtlich auch an Ostern noch.
„Maria stand draußen vor dem Grab und weinte“ (Joh 20,11). So beginnt einer der Texte, die wir an Ostern hören. Ostern ist ein Fest der Freude. Aber die Freude kommt nicht aus dem Nichts, sie kommt nicht wie eine Sternschnuppe von oben. Sie kommt von unten aus der Erde, aus einem leeren Erdloch, sie kommt aus der Trauer und dem Entsetzen.
Maria aus Magdala trauert um ihren Freund Jesus. Sie sucht früh am Morgen sein Grab auf. Das Grab ist in einem Garten nahe bei der Stadt. Es ist leer. Maria glaubt, man habe den Leichnam weggeschafft. Ein Mann spricht sie an und fragt, wen sie suche. Sie fragt ihn, den sie für den Gärtner hält, wo er ihn hingebracht habe. Da spricht der Mann sie mit Namen an: „Maria!“ Später dann ging Maria zu den Jüngern und sagte ihnen, sie habe Jesus gesehen.
Die improvisierten Gräber in den Gärten und Parks von Mariupol sind voll und werden immer voller. Ob die Frauen, die dort um ihre Freunde trauern, auch einmal wieder wie Maria von diesen Orten loskommen werden, um anderen etwas wunderbar Glückliches zu sagen? Ob die Mütter, die dort um ihre Söhne weinen, sich auch wieder von den Lebenden werden angesprochen fühlen? Ob die Menschen in Mariupol und Charkiw, in Butscha und Cherson einmal wieder glauben werden, dass Gott den Tod besiegt hat?
Ich wünsche es ihnen. Der Frühling wird schneller kommen als der Frieden. Frisches Grün wird über den Gräbern im Stadtgarten schneller wachsen als die seelischen Wunden heilen werden, die dieser Krieg geschlagen hat. Aber der Auferstandene wird sich sehen lassen: Den Lebenden und den Toten.  Jürgen Kaiser

März 2022

Hört nicht auf zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen! (Epheserbrief 6,18)

„Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!“ Klar, in der Kirche wird gebetet. Nicht zufällig ist das sprichwörtlich so: In der Kirche beten sie. Denn wer glaubt, betet. Unser Vertrauen zu Gott will sich doch irgendwie aussprechen. Das Gebet ist „das vornehmste (also: schönste) Stück der Dankbarkeit“, die wir im Glauben Gott gegenüber empfinden – so formuliert es der Heidelberger Katechismus. Aber was so selbstverständlich daherkommt – ist es das bei uns?
„Hört nicht auf zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen!“
Hört nicht auf – das setzt ja auch voraus, dass wir Christen beten, im alten Ephesus und heute in Berlin. Glücklich die, denen das gelingt – zu Tisch wie in der Kindheit gelernt, aber auch sonst, vielleicht am Morgen oder abends: Einige Augenblicke und Atemzüge, um einmal zur Ruhe zu kommen und zur Besinnung, sich einmal auszusprechen vor Gott – oder auch einfach einmal zu schweigen und die Stille im Raum und in mir zu genießen – auch das kann ein Gebet sein; Gott weiß ja, was wir brauchen.
Wer betet, hält die Augen offen. Wir sollen vor dem Beten wachsam sein, in die Welt schauen. Hier finden sich Gebetsanliegen ohne Ende: Was uns berührt und bedrückt. Politisches und Persönliches. Aktuelles und die immer gleichen großen Fragen nach dem Leid oder nach der Gerechtigkeit, die uns wie alte Freunde durchs Leben begleiten.
Aber mit einem Gebet und einigen Momenten ist es nicht getan, das Beten. Schon in der Gemeinde in Ephesus fehlt es an Geduld. Die brauchen sie und wir aber – Geduld mit uns selbst, mit Gott und der Welt. Im Gebet pflegen wir unsere Sehnsucht, dass sich das Leben nach Gottes Willen ändert. Für Gebet und Sehnsucht brauchen wir einen langen Atem.  
Aber die im Monatsspruch genannten Heiligen stören dich? Damit sind keine Heiligen im katholischen Sinne gemeint, sondern die anderen Glieder der Kirche. Und das ist doch schön: Wir können füreinander beten. Bedenke, wer neben dir sitzt zu Hause am Tisch und zwei Reihen vor dir in der Kirche und wessen Platz leer ist – und du hast genug zu beten. Aber vergiss dich selbst auch nicht!
„Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!“ Klar, in der Kirche wird gebetet. In jedem Gottesdienst, gesprochen, gesungen und geschwiegen. Und dieses Gebet nimm mit nach Hause. Und in den März. Karl Friedrich Ulrichs

Februar 2022

Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. (Epheserbrief 4,26)

Das ist mal ein guter Rat! Er ist mir schon vor längerem über den Weg gelaufen. Seither gehört er zu meinem Kernbestand an gutem Rat. Ich erinnere mich allerdings vor allem dann an ihn, wenn es mir mal wieder nicht gelungen ist, meinen Zorn vor Sonnenuntergang zu besänftigen, oder wenigstens bevor ich zu Bett gehe.
Der Rat ist auch deshalb ein guter Rat, weil er realistisch ist. Die Ratschläge der Bibel sind ohnehin meist viel besser als die Ratschläge der Lebensratgeber in der Esoterikabteilung bei Dussmann. Dieser Rat erlaubt es dir - das muss man ja mal festhalten - zornig zu werden, wenn es sein muss. Die Bibel verlangt also keineswegs von dir, dass du dir das abgewöhnst oder abtrainierst, was manche heute negative Energien nennen. Du musst gar keiner von denen werden, an denen alles abprallt und die immerzu lächeln. Das sieht sowieso unnatürlich und komisch aus. Wenn du aber mal wütend und zornig bist, dann sollst du darauf achten, nicht zu sündigen. Keiner soll Opfer deines Zornes werden. Da liegt der Hund begraben. Wohin mit seiner Wut, wenn man seinen Zorn nicht an anderen auslassen will? Ich kannte eine alte Frau, die musste hin und wieder allein in den Wald gehen, um laut zu schreien. Andere hauen mit der Faust gegen die Wand oder zerdeppern Teller. Man kann auch joggen gehen. Das ist eine gesündere und weniger kostspielige Art der Wutbewältigung.
Manchmal machen einen Dinge wütend: Das Auto, das nicht anspringt, der Fahrstuhl, der immer kaputt ist. Meist aber sind es Menschen, die einen zur Weißglut bringen. Da soll sich der Zorn nicht versteifen, soll sich nicht zum Ressentiment auswachsen und zu einer permanenten Haltung der Ablehnung werden. Deshalb sollte man es mit seinem Zorn auch mal wieder gutsein lassen und sich mit dem zornauslösenden Mitmenschen aussprechen. Das gilt vor allem bei Menschen im engen persönlichen Kontakt, in der Familie und bei Freunden. Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen!
Wenn mich allerdings im beruflichen Kontext etwas ärgert, versuche ich, erst die Sonne untergehen zu lassen und drüber zu schlafen, bevor ich reagiere. Am andern Tag hat sich oft schon viel von dem Zorn verflüchtigt und die Gefahr ist gebannt, dass ich in meinem Zorn sündige. Jürgen Kaiser

Jahreslosung für 2022

Jesus Christus spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Johannes 6,37)

Kommen und sehen

Der Jahresanfang ist die Zeit für Neugierige. Was wird das neue Jahr bringen an Veränderungen? Was wird besser? Die pandemische Lage doch wenigstens! Was steht zu befürchten? Dass das Virus uns noch länger gefährdet und einschränkt. Was darf so bleiben, wie es ist, nämlich gut? Wer allzu pessimistisch gestimmt ist, quält sich durch die ersten Tage des neuen Jahres und ist verunsichert dadurch, dass noch nicht zu erkennen ist, wie es wird. Mit Vertrauen aber in das Leben und in den, der es uns gibt, werden wir das Gute sehen, das uns erwartet, das Gott uns geben wird.
Wer etwas sehen will, muss kommen, näher herantreten, um sehen zu können. Jesus ruft darum seine ersten Jünger: Kommt und seht! (Johannes 1,39) Jesus ruft die, die nach seiner „Herberge“ fragen, die danach fragen, wo er wohnt. Er ruft die, die von ihm das Rätselwort vom „Lamm Gottes“ gehört haben, in seine „Herberge“. Von dieser wird aber merkwürdigerweise nichts weiter berichtet. Der Evangelist Johannes liebt es, die Dinge paradox darzustellen: Es ist nicht so, dass Jesus in seiner „Herberge“ ist, sondern wohl so, dass wir eine Herberge da finden, wo Jesus ist. Bei ihm finden wir den Ort, an dem wir uns bergen können. Jesus ruft uns ins neue Jahr, das wie alle Zeit sein Jahr ist, ein „Jahr des Herrn“, und in seine Herberge. Wir können auch im kommenden Jahr bei ihm zu Gast sein. Die Zeit kommt uns aus der Zukunft entgegen, kann uns fremd und bedrohlich erscheinen. Wir leben sozusagen gegen die Fließrichtung der Zeit. Mit aller Zeit können wir das neue „Jahr des Herrn“ auf uns zukommen lassen und mit Vertrauen in es hineingehen.
Wer etwas sehen will, muss kommen. Und umgekehrt: Wer zu Jesus kommt, der wird dann auch etwas zu sehen bekommen: einen Menschen, der mich annimmt, mich anerkennt. Der Philosoph Axel Honneth hat dargelegt, wie wir von solcher Anerkennung leben. Der uns zu sich ruft, erkennt uns an als die, die zu ihm kommen mit dem, was sie tragen, und dem, wonach sie fragen. Und er unterlässt ganz sicher, was wir als stille Angst in uns tragen, nämlich abgewiesen zu werden. Das verspricht uns – ebenfalls aus dem Johannes-Evangelium (6,37) – die Jahreslosung für 2022: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Dass Sie damit gewiss und gerne ins neue „Jahr des Herrn“ gehen!
Karl Friedrich Ulrichs

Dezember 2021

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr. (Sacharja 2,14)

Wo wohnt Gott? Darauf fallen mir viele Antworten ein: Gott wohnt im Himmel, Gott wohnt in den Herzen der Gläubigen, Gott wohnt überall in dieser Welt, Gott wohnt dort, wo sein Name genannt wird, Gott wohnt in seinem Volk Israel, Gott wohnt in Jesus Christus, Gott wohnt in seinem Wort. Auf die eine oder andere dieser Antworten laufen die meisten Predigten auf die eine oder andere Weise hinaus.
Die ungewöhnlichste seiner Adressen wird kaum ernsthaft in Erwägung gezogen, obwohl wir sie im Advent in den Gottesdiensten freudestrahlend besingen: Gott wohnt bei der Tochter Zion.
Zion ist Gottes Adresse in Jerusalem. Auf dem Zionsberg steht der Tempel. 70 Jahre nach der Zerstörung des Tempels durch die Babylonier soll er wieder aufgebaut werden. Dann wird Gott wieder in Jerusalem wohnen. Diese freudige Nachricht überbringt Sacharja den Einwohnern Jerusalems.
In der prophetisch poetischen Literatur wird Jerusalem oft personifiziert, immer als Frau, mal als Witwe und verlassene Mutter, mal als Hure und Ehebrecherin, mal als Tochter mit dem schönen Namen „Zion“ oder gar als Braut Gottes.
Gott kündigt also an, seinen Wohnsitz wieder in Jerusalem einnehmen zu wollen, wenn der Tempel wieder aufgebaut sein wird.
Die anderen genannten Wohnsitze und viele mehr gibt er damit aber nicht auf. Gott wohnt nicht ausschließlich im Tempel auf dem Zionsberg. Er ist auch im Himmel und bei denen, die ihn fürchten. Deshalb ist Gott nicht wohnungslos geworden, als auch der zweite Tempel zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde.
Allerdings haben seine anderen „Wohnungen“ etwas Ortloses, etwas Utopisches („Utopie“ heißt wörtlich: „kein Ort“). Da ist nichts Reales in dem Sinn, dass man eine Hausnummer drannageln könnte. Wo ist eigentlich der Himmel, in dem Gott ist? Wie greifbar ist ein Gott, der da ist, wo seiner gedacht und sein Name genannt wird?
Am Ende der Bibel wird das Problem verblüffend einfach gelöst. In einer Vision kommen der abstrakte Himmel und das konkrete Jerusalem dadurch zusammen, dass Jerusalem aus dem Himmel auf die Erde kommt. Natürlich wohnt Gott in diesem neuen Jerusalem, aber nicht im Tempel. Es gibt in dieser himmlisch geerdeten Stadt keinen Tempel, auch keine Kirche und keine Moschee. Und kein Golgatha. Jedoch ein Zelt! Gott wohnt mitten in der Stadt, allerdings nicht in einem bewachten schicken Townhouse-Appartement, sondern im Zelt. Dieses Bild sollten wir vor Augen haben, wenn wir im Advent singen: „Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir.“
Jürgen Kaiser

November 2021

Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus. (2. Thessalonicher 3,5)

Lange haben wir gewartet. Nach dem Auszug aus unserer Kirche im Februar vergangenen Jahres kam der Frühling und mit ihm die Pandemie und der Lockdown, dann ein etwas freierer Sommer, der Herbst und Winter, der uns viel Geduld abverlangte, danach wieder ein Frühling, schließlich der Sommer, in dem schon wieder mehr möglich war durch die Impfungen. Sonntags feierten wir unsere Gottesdienste in der Kulturkirche St. Matthäus und in Halensee. Unsere Kirche wurde derweil saniert – zunächst ganz nach Plan, nur am Ende wollte sie nicht so recht fertig werden. Monate kamen dazu und dann weitere Wochen. Lange haben wir gewartet, dass wir wieder in unsere Kirche können; am 3. Oktober war es dann soweit. Unser erster Gottesdienst am Gendarmenmarkt hat mich sehr bewegt. Und am 28. November gibt es einen großen Festakt.
Noch mehr spannte die Sanierung unserer Gemeinde- und Verwaltungsräume und unseres Museums unseren Geduldsfaden. Auch hier mussten wir warten und warten. Aber zum Refugefest am 29. Oktober wurde das Museum feierlich wiedereröffnet und unsere Räume im Französischen Dom können wir bald danach beziehen.
Im Warten sind wir also geübt – und lesen so den biblischen Spruch für den Monat November:

Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus. (2. Thessalonicher 3,5)

Sehen wir im Glauben auf unsere Welt und unser eigenes Leben, spüren wir, dass unser Herz unruhig ist – so hat es der Kirchenvater Augustinus einmal geschrieben. Zuviel steht noch aus, worauf wir hoffen an Gerechtigkeit und Glanz in der Welt. Da ist es gut und beruhigt das unruhige Herz, wenn unsere Herzen ausgerichtet werden, eine Richtung bekommen, nicht herumirren. Wohin das Herz strebt, wonach es sich sehnt, bleibt dann nicht im Ungewissen: Nach Liebe sehnen wir uns, nach der Erfahrung, angenommen zu sein, um unser selbst willen interessant und wichtig und schön gefunden zu werden. So begegnet uns Gott. Und er begegnet uns in Jesus. Auf ihn warten wir Jahr um Jahr in der Adventszeit. Und schon im November, wenn Jahreszeit und Kirchenjahr uns ernstere Gedanken zumuten. Für diese letzten Wochen des Kirchenjahres hat Philipp Friedrich Hiller (1699-1769) ausgehend von einem biblischen Wort (Titus 2,13) ein Lied gedichtet, in dem es um das Warten geht (wenn Sie es ganz nachlesen wollen – Sie finden es im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 152):
Wir warten dein, o Gottessohn,
und lieben dein Erscheinen.
Wir wissen dich auf deinem Thron
und nennen uns die Deinen.
Wer an dich glaubt,
erhebt sein Haupt
und siehet dir entgegen;
du kommst uns ja zum Segen.
Wir warten dein; du hast uns ja
das Herz schon hingenommen.
Du bist uns zwar im Geiste nah,
doch wirst du sichtbar kommen.
Da willst uns du
bei dir auch Ruh,
bei dir auch Freude geben,
bei dir ein herrlich Leben.
Warten fällt schwer, nicht nur den ungeduldigen Typen wie mir. Und doch ist Warten kostbar. Warten birgt neben der Sehnsucht und dem Schmerz an der ausstehenden Erfüllung auch das Wissen, wem wir gehören. Und im Warten spüren wir die Ruhe und die Freude. So verwandelt uns das Warten schon und in den kargen November fällt das Licht herrlichen Lebens. Und ich sehe: Nicht meine Ungeduld ist die Feindin des Wartens, sondern die Hoffnungslosigkeit. Daraus befreit uns der Glaube auch im November. Karl Friedrich Ulrichs

Oktober 2021

Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken. (Hebräerbrief 10,24)

Bei diesem Wort habe ich sehr gemischte Gefühle. Einerseits gefällt mir die Aufforderung, dass wir aufeinander achten sollen. Eine Gemeinde ist ja erst dann eine christliche Gemeinschaft, wenn jeder zum Seelsorger oder zur Seelsorgerin des anderen wird. Wenn jede sich für die andere interessiert, jeder auf den anderen achthat, sich nach ihm erkundigt und nach der Frage: „Wie geht es dir?“ tatsächlich hört, was die Gefragte zu sagen hat und nicht nur auf eine Gelegenheit lauert, vom eigenen Ungemach zu berichten. Aufeinander achthaben, das erfordert manchmal ganz schön viel Mut. Man muss aushalten, was die anderen erzählen, bei ihnen bleiben, nicht flüchten vor unangenehmen Themen, nachfragen und manchmal auch Schweigen aushalten.
Andererseits frage ich mich, ob die Aufforderung, aufeinander achtzuhaben, nicht auch die Aufforderung zu gegenseitiger Kontrolle meint. Sollen wir etwa auch darauf achten, ob sich der Nachbar ungebührlich verhält? Sollen wir einschreiten, wenn er am Sonntag den Rasen mäht oder sein Auto wäscht? Es melden, wenn in der Wohnung unter mir immer rumgeschrieen wird?
Der zweite Teil der Aufforderung aus dem Hebräerbrief lässt vermuten, dass es beim Aufeinander Achthaben nicht nur um seelsorgerliche Empathie geht. Wir sollen aufeinander aufpassen und uns gegenseitig zu guten Werken und zur Nächstenliebe anspornen. Das mag zunächst unverdächtig klingen, aber Menschen, die im realexistierenden Sozialismus lebten, werden an dieser Stelle hellhörig. Der Sozialismus wollte mit einer alles durchdringenden Sozialkontrolle den sozialistischen Menschen schaffen. Das hat aber am Ende zu nichts anderem geführt, als zu Angst, Verlogenheit und Heuchelei.
Aufeinander achthaben und zur Liebe und zu guten Werken anspornen - das könnte auch das Motto für das sein, was Calvin in seiner Genfer Gemeinde versuchte und was in der Kirchengeschichte unter dem fürchterlichen Titel „Kirchenzucht bei Calvin“ firmiert. Alle sollten sich gegenseitig im Auge haben, Älteste die Menschen in den ihnen zugewiesenen Quartieren im Blick haben, um sich gegenseitig zu ermahnen. Besonders schwere und renitente Fälle von Unsittlichkeit wurden vor dem Kirchenrat verhandelt. Seit langem schon wird darüber gestritten, ob das alles mehr unter dem Gesichtspunkt der Seelsorge, der Nachbarschaftshilfe, der Streitschlichtung, der Versöhnungs- und Friedensarbeit zu sehen ist oder mehr unter dem Gesichtspunkt der Sozialkontrolle und Bespitzelung und als Versuch zu werten ist, mit unheiligen Mittel ein heiliges Gemeinwesen zu errichten. Noch vor wenigen Jahren veröffentlichte der Schweizer Historiker Volker Reinhardt eine Untersuchung zur Genfer Reformation unter dem programmatischen Titel: „Die Tyrannei der Tugend“. Möglicherweise hat Calvin das erste gewollt, aber das zweite erreicht.
Wir leben heute nicht mehr in einem christlichen Gemeinwesen. Wir können unseren Nachbarn nicht mit dem Hinweis auf das Sabbatgebot daran hindern, am Sonntag sein Auto zu waschen. Wir können es aber selber sein lassen, und Vorbild sein. Wir müssen heute die beiden Teile der Aufforderung aus dem Hebräerbrief deutlich voneinander unterscheiden: Aufeinander achthaben und empathisch mitein-ander umgehen ist das eine, Anreiz zum guten Tun zu geben durch eigenes vorbildliches Handeln ist das andere. Jürgen Kaiser

September 2021

Mit dem, was wir tun, erreichen wir zumeist, was wir wollen. Umso frustrierter sind wir, wenn der Erfolg ausbleibt, wenn wir vergebens unterwegs waren, uns erfolglos bemüht haben. „Unser Leben währet siebzig Jahre, wenn es hochkommt, so sind es achtzig, und was daran köstlich erscheint, ist doch nur vergebliche Mühe“ – diese biblische Traurigkeit aus Psalm 90 hören wir oft bei Trauerfeiern. Kein Menschenleben ohne Misserfolg und kein Mensch, der nicht das graue Gefühl der Vergeblichkeit kennt. Davon können wir ein Lied singen, das so lauten könnte:

Ihr sät viel und bringt wenig ein;
ihr esst und werdet doch nicht satt;
ihr trinkt und bleibt doch durstig;
ihr kleidet euch, und keinem wird warm;
und wer Geld verdient, der legt es in einen löcherigen Beutel. (Haggai 1,6)

Diese Litanei stammt aus dem Jahr 520 vor Christus und aus dem Mund des alttestamentlichen Propheten Haggai. Auch vor zweieinhalbtausend Jahren machten Menschen die Erfahrung von Vergeblichkeit. Diese Zeilen sind der Monatsspruch für den September und lassen sich heute leicht fortschreiben:
Ihr kauft viel und habt doch immer nur kurz das neueste Handy.
Ihr geht zwölf Jahre zur Schule und doch vermisst ihr eine Bildung, die euch orientiert.
Ihr lasst euch von Musik berieseln und in euren Herzen klingt kaum etwas.
Ihr lasst euch impfen und tragt den Mund-Nasen-Schutz und in der Tagesschau plagen euch die steigenden Inzidenzzahlen unendlich mehr als die fallenden Temperaturen.
Ihr bringt viele Soldaten und Entwicklungshelfer nach Afghanistan und schafft dort doch keine freie und befriedete Gesellschaft.
Vieles, was wir persönlich oder politisch machen, ist vergeblich. Und darum klagen wir einander an: unsere Konsumgesellschaft – als gehörten wir nicht dazu! – und die Politik – als wären wir nicht Bürger/innen mit aktivem und passivem Wahlrecht! Anklagen und Vorwürfe sind wohl eine Strategie, Vergeblichkeit zu verarbeiten. Es ist ja auch nur schwer auszuhalten, wenn unsere Bemühungen so wenig erreichen. Damit lebt es sich besser, wenn wir jemand anderem vorwerfen können, sich nicht genug bemüht oder falsch gehandelt zu haben.
Haggai hat solche Bewältigungsstrategien nicht nötig, aber auch er benennt einen Grund für unsere Vergeblichkeitserfahrungen: Wir geben Gott keinen schönen und zentralen Platz in unserem Leben. Seinen Zeitgenossen wirft Haggai vor, die eigenen in Krieg und Besatzung zerstörten Häuser aufzubauen, nicht aber an den Wiederaufbau des Tempels zu denken. Und er spricht streng in Gottes Namen: Der unwillkommene und unbehauste Gott Israels werde in alles Menschenwerk „hineinblasen“, sodass alle Mühe umsonst ist. Gott werde aber vom wiederaufgebauten und geschmückten Tempel aus, in dem er unter seinem Volk wohnt, mit Segen nicht geizen. Was seine geliebten Menschen tun werden, wird gelingen.
Bei allem Machen, bei aller Arbeit und gerade auch in Erfahrungen von Vergeblichkeit mich einmal unterbrechen lassen von der Frage, wo Gott einen Platz hat in meinem Leben, in unserer Stadt, in allem Getümmel, ist eine heilsame Provokation, die ich mir von Haggai für den September mitgeben lasse.          Karl Friedrich Ulrichs

August 2021

Neige, HERR, dein Ohr und höre! Öffne, HERR, deine Augen und sieh her! (2. Könige 19,16)

Wie können wir beten? In brenzliger militärischer Lage kommt König Hiskia in den Tempel von Jerusalem und betet. Sanherib, der Großkönig von Assur, lässt Jerusalem belagern, die Verhandlungen mit seinen Unterhändlern sind gescheitert, der König holt Rat von Jesaja, dem Propheten, ein. Der kann den König beruhigen: Gott wird auf den Assyrer einwirken, dass der die Belagerung beendet und unverrichteter Dinge abzieht. Doch dann kommt wieder eine bedrohliche diplomatische Note aus Assyrien: Hiskia solle sich nicht auf seinen Gott verlassen. Das habe den anderen Königen, deren Reiche schon erobert worden sind, auch nichts genützt. Deren Götter konnten auch nicht helfen. Als Hiskia diese Drohung liest, geht er sofort in den Tempel, um zu beten: Herr, Gott Israels, der du über den Cherubim thronst, du bist allein Gott über alle Königreiche auf Erden, du hast Himmel und Erde gemacht. Herr, neige deine Ohren und höre; Herr, tu deine Augen auf und sieh und höre die Worte Sanheribs, der hergesandt hat, um dem lebendigen Gott Hohn zu sprechen. (2.Kön 19,15-16)

Wie können wir beten? Die Bibel zeigt es: Zunächst macht Hiskia Gott sehr groß. In der Anrede huldigt er seinem Gott, der über allem steht. Dann bittet er um Aufmerksamkeit für sein Anliegen und weist auf die geringschätzenden Worte Sanheribs hin, um Gottes Eifer zu entfachen.
Wie können wir beten? Viele meinen, sie können es gar nicht. Manche können nicht beten, weil sie nicht an Gott glauben. Andere können nicht beten, weil sie nicht wissen, wie sie mit Gott reden sollen. Sie denken, er wisse ja doch schon alles, er sehe alles, ihm könne nichts entgehen. Wenn wir beten und ihn an etwas erinnern – würde er nicht denken, wir hielten ihn für vergesslich? Wenn wir beten und ihn auf etwas aufmerksam machen – würde er nicht denken, wir hielten ihn für blind? Wenn wir beten und ihm etwas erklären – würde er nicht denken, wir hielten ihn für ignorant? Widerspricht das Beten nicht dem Glauben an einen allwissenden, alles verursachenden und alles vorhersehenden Gott?
Wer so von Gott denkt, könnte tatsächlich Beten für sinnlos halten. Die Bibel denkt ganz anders von Gott. Sie sieht in ihm einen menschlichen Gott. Gott hat Ohren, Gott hat Augen, Gott kann hören, Gott kann sehen. Oder auch nicht: Er hat Ohren, mag aber nicht hören, er hat Augen, schaut aber weg. Vielleicht ist er abgelenkt oder hat grad keine Lust. Vielleicht ist er sauer oder gereizt.
Man kann das allzu menschliche Bild, das die Bibel von Gott malt, für naiv oder gar für primitiv halten. Um aber Mut und Lust zu finden, mit Gott zu sprechen, ist es entscheidend, ein Gegenüber im Sinn zu haben, mit dem wir wie mit einem guten Freund, einer guten Freundin reden können. Zu dem man sagen kann: „Hör mir doch mal zu! Schau doch mal hin! Hast du vergessen, was du mir versprochen hast?“ Dabei muss man Gott gar nicht zunächst als über alles erhabenen König anreden, wie Hiskia das tut. Jesus meint, wir dürften gern auch „Vater“– oder „Mutter“ – zu ihm sagen.
Wie können wir beten? Wir können es, wenn wir uns vorstellen, wir redeten mit einer vertrauten Freundin oder einem vertrauten Freund.
Übrigens hat Gott auf Hiskia gehört und sich dann die Verhöhnungen durch Sanherib nicht bieten lassen. Der Engel des Herrn ging in der Nacht durch das Lager der Belagerer und tötete viele Soldaten. Manche sehen darin einen Hinweis auf eine Seuche, die die Assyrer zum Abzug zwang. Jürgen Kaiser

Juni 2021

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apostelgeschichte 5,29)

Dieser Satz ist klar, eindeutig und entschieden. Und auch logisch: Wer an Gott glaubt, kann das ja im Grunde gar nicht anders sehen. Was machte es für einen Sinn, an Gott zu glauben, wenn ich ihm nicht mehr Autorität zubilligte als den Menschen?
Sobald man jedoch anfängt, über den Satz nachzudenken, verschwindet alle Klarheit und es wird kompliziert. Was heißt denn, Gott gehorchen? Wo erfahre ich, was Gott von mir will? Heißt Gott gehorchen, die Zehn Gebote befolgen? Oder heißt es, alles zu befolgen, was in der Bibel steht? Bezieht es sich nur auf Gebote, Ratschläge, Ermahnungen oder auch auf Weltbilder und Wissenschaftliches? Heißt, Gott mehr als den Menschen zu gehorchen, etwa auch, die Schöpfungserzählungen, mit denen die Bibel beginnt, wörtlich zu nehmen und die naturwissenschaftlich evolutionäre Sicht der Welt- und Lebensentstehung zu verleugnen? Oder teilt sich Gott im Gewissen mit? Soll ich allein meinem Gewissen folgen? Aber ist mein Gewissen so unabhängig von allem, was Menschen sagen? So klar und eindeutig der Satz daherkommt, so unklar wird er, wenn man anfängt, über ihn nachzudenken.
Der Satz hat auch Sprengkraft. Er könnte die Christen gegen den Staat, gegen Ideologien und Weltanschauungen oder gegen tonangebende Gruppen in Stellung bringen. Er könnte den Widerstand der Christen mobilisieren und ihre Weigerung begründen, bei Dingen mitzumachen, die gegen das sind, was sie von Gott geboten glauben.
Petrus sprach den Satz, als er und seine Apostelkollegen mal wieder vorm Hohen Rat erscheinen mussten, weil sie sich nicht an dessen Predigtverbot gehalten hatten. Sie begründeten ihren Ungehorsam gegenüber den jüdischen Autoritäten mit dem höheren Gehorsam gegenüber Gott. Sicher hat man den Satz im Römischen Reich oft zitiert, immer dann, wenn die Christen verfolgt wurden, Luther hatte ihn oft gegen die Papstkirche ins Feld geführt, und er ermutigte die Hugenotten, die Befehle des Königs zu missachten und an ihrem reformierten Glauben festzuhalten. Auch in der Nazi-Zeit und in der DDR wurde der Satz gehört. Immer dann, wenn das, was Menschen als gültig proklamierten, allzu offensichtlich dem widersprach, was Gott geltend machte.
In unseren Tagen beruft man sich selten auf den Satz. Das muss man nicht bedauern. Es könnte ja sein, dass wir den Satz in unseren Zeiten nicht so nötig brauchen. Christen dürfen sagen, was sie wollen. Es gibt keine Predigt- und Redeverbote. Niemand wird zu einer bestimmten Meinung gezwungen. Darüber hinaus geraten christliche Moral und humanitäre Ethik selten in Widerspruch. Auch wenn die Zeit der Volkskirche vorbei zu sein scheint, leben wir im Grunde in einer christlichen Gesellschaft. Staatstragende Reden des Bundespräsidenten unterscheiden sich kaum mehr von bischöflichen Predigten. Man kann das als Staatsnähe oder Profillosigkeit des deutschen Protestantismus kritisieren. Ich würde es jedoch zuerst als Indiz dafür deuten, dass es auch in unserer säkularen und kirchendistanzierten Gesellschaft einen Grundgehorsam gegenüber den Werten eines menschenfreundlichen und gerechtigkeitsliebenden Gottes gibt. Widerstand aus Gewissensgründen ist – Gott sei Dank – doch nur selten nötig.
Jürgen Kaiser

Mai 2021

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! (Sprüche 31,8)

Unrecht verschlägt dir die Sprache, du verstummst, wenn dir Böses widerfährt. Dass das Opfer nicht schreit, nicht klagt, sein Recht nicht einfordert, die erlittene Untat nicht anzeigt – davon leben die Übeltäter. Du bist nur noch Opfer, in dich verschlossen, ohne Stimme. Und du brauchst jemanden, der für dich schreit, wenn du selbst dazu zu schwach bist.
Empathisch ist dieser biblische Rat, der zum Monatsspruch für den Mai avancierte, so empathisch und klug – er könnte von einer weisen Frau sein. Und tatsächlich: Es ist seine Mutter, der Lemuel, der König von Massa, diesen für einen Herrscher alles andere als selbstverständlichen Hinweis auf die Schwachen in der Gesellschaft verdankt. So möchten Mütter, dass ihre Söhne seien: gerecht und lauter. Und welche Königin hätte nicht gerne einen charakterlich noblen Thronfolger? Fragen Sie einmal die Queen!
Ein königlich-kluger Ratschlag also, den ich mir – da ich die Mutter von König Lemuel nicht kenne – aus dem Munde der alten Dame in Windsor und im schottischen Balmoral vorstelle. Wer so lebt und handelt, erweist sich als ein König, edel und frei und anmutig! Lemuel, habe es im Sinn! Charles, denke daran, wenn es an dem ist. Bedenke es, Karl! Und ihr anderen alle auch.
Ein königlich-kluger Ratschlag, der mit dem „Recht aller Schwachen“ das allerorten herrschende Recht des Stärkeren unterläuft. Wenn Schwache weniger Rechte haben (nicht in der juristischen Theorie, sondern im gesellschaftlichen Alltag), dann stimmt etwas nicht. Da muss etwas geschehen. Das bekommt Lemuel, der König lernt, mit auf den Weg. Wenn er als königlicher Richter in Streitfällen entscheiden wird – am Umgang mit denen, die körperlich, finanziell schwach oder sonst wie beeinträchtigt sind, zeigt sich, was für ein Mensch er ist. Und hieran zeigt sich auch, was unser Recht wert ist.
Klar: den Mund zu halten, ist bequem. Aber jemandes Fürsprecher zu sein, ist keine Last, es ist ein Privileg, die eigene Stimme Schwachen leihen zu können, ihnen eine Stimme zu geben. Dadurch verschleiße ich meine Stimme nicht, sondern erlebe mich als wirkungsvoll, machtvoll wie ein König. Der Einsatz und Einspruch für Schwache ist auch eine Aufgabe der Kirche insgesamt. Kirche stellt Öffentlichkeit her für diejenigen, die wenig Gehör finden.
Solidarität mit den Schwachen – dazu brauchen wir unsere Sinne, unsere Gedanken und Gefühle ohne Einschränkungen. Deshalb rät die Königsmutter von Wein und Bier ab. Denn die Könige „könnten beim Trinken das Recht vergessen und verdrehen die Sache aller elenden Leute. Gebt Bier denen, die am Umkommen sind, und Wein den betrübten Seelen.“ Solidarität ist ohne Solidität nicht zu machen. Wenn ich auch über die geforderte Entsagung schmunzele, mir gefällt dieser Königinnenratschlag: Wir sollen wissen, was wann wichtig ist: das laute Wort für die Schwachen, Bier zur Stärkung und Wein als Trost. Na dann … Karl Friedrich Ulrichs

April 2021

Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. (Kolosser 1,15)

Zu den ehrenvollsten Aufgaben des Pfarrers in meiner vorherigen Gemeinde in der Pfalz gehörte es, am Nikolaustag in einem roten Kostüm und mit langem, weißen Bart im Gemeindekindergarten zu erscheinen. Nachdem ich das einige Jahre gemacht hatte, kam eines Nikolaustags ein älteres Kindergartenmädchen auf mich zu und sagte vor allen anderen: „Du bist nicht der Nikolaus! Ich weiß, wer du bist.“ Nun ist meine Tarnung aufgeflogen, dachte ich, und da das Mädchen so überzeugt schien, versuchte ich erst gar nicht zu leugnen, sondern fragte frustriert: „Na dann: Wer bin ich?“ Ohne zu zögern antwortete sie: „Du bist der Gott!“
Da war ich doch einigermaßen überrascht. Immerhin hatte das Mädchen, das einen christlichen Kindergarten besuchte, schon ein Gespür dafür, dass unser Gott menschliche Züge trägt. Lediglich in der Zuordnung der menschlichen Züge hatte das Mädchen noch einen gewissen Bildungsbedarf: Nicht Nikolaus ist das Bild des unsichtbaren Gottes sondern Christus.
Wie Juden und Muslime glauben Christen an einen unsichtbaren Gott. Darüber hinaus glauben sie jedoch, dass Gott sich in dem Menschen Jesus Christus geoffenbart hat. Gott hat sich in ihm gezeigt, er identifiziert sich mit ihm und sagt: „Wenn ihr wissen wollt, wer ich bin und wie ich bin, schaut ihn an!“
Das zweite Gebot sagt, wir sollen uns keine Bilder von Gott machen. Damit ist nicht nur gemeint, dass wir uns keine Götterbilder herstellen sollen (goldenes Kalb wie Israel in der Wüste oder Statuen schöner Frauen und Männer wie bei den alten Griechen), sondern wir sollen auch nicht versuchen, uns Gott in Gedanken vorzustellen. Folgt man der Linie des Bilderverbotes konsequent, wird Gott immer abstrakter und ist am Ende eine Art Schwarzes Loch, ein mysteriöses Kraftzentrum, das aber so weit weg ist, dass es für mein Leben hier und jetzt keine Bedeutung hat. An Gott glauben ist aber mehr, als irgendwo sehr weit weg ein Schwarzes Loch zu vermuten. An Gott glauben, heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben. Eine Beziehung aber braucht ein konkretes und lebendiges Gegenüber.
Deshalb hat Gott sich von Anfang an, also auch schon im Alten Testament, menschlich gezeigt. Er redet und schweigt, er freut sich und ist traurig, er lacht und zürnt, er liebt und ist enttäuscht und hört nicht auf zu lieben. Christen sehen diese menschliche Seite Gottes in Jesus Christus personifiziert wie in keinem anderen Menschen, weshalb sie sagen: Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes. Von Anfang an hatte Gott ihn im Blick und mit ihm die ganze zu versöhnende und zu erlösende Menschheit.
So faszinierend ich den Gedanken finde, dass Gott sich in dem konkreten Menschen Jesus Christus zu erkennen gegeben hat, so sehr verstehe ich, dass diese auf die ganze Menschheit zielende Identifikation nicht für alle Menschen gleichermaßen „barrierefrei“ zugänglich ist. Denn Christus war ein weißer Mann. Warum ist ein weißer Mann Bild des unsichtbaren Gottes und nicht eine schwarze Frau oder ein asiatisch aussehendes Kind?
Gott ist in Christus Mensch geworden. Aber „den Menschen“ gibt es nicht. Es gibt nur einzelne konkrete Menschen. Die sind weiß oder schwarz oder braun, weiblich oder männlich oder divers. Christus ist nur ein Zwischenbild des unsichtbaren Gottes. Wir haben Gott erst gesehen, wenn wir ihn, Christus, in jedem einzelnen Menschen entdeckt haben. Nur einer ist Gott gewiss nicht: ein mit einem roten Mantel und weißem Bart verkleideter Pfarrer.
Jürgen Kaiser