Predigt zu Genesis 3,1-19 am Sonntag Invokavit
Pfarrerin i.R. Gudrun Laqueur

Die Schlange aber war listiger als alle Tiere des Feldes, die der HERR, Gott, gemacht hatte, und sie sprach zur Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? 2 Und die Frau sprach zur Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. 

           3 Nur von den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt: Ihr dürft nicht davon essen, und ihr dürft sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt. 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Mitnichten werdet ihr sterben. 5 Sondern Gott weiß, dass euch die Augen aufgehen werden und dass ihr wie Gott sein und Gut und Böse erkennen werdet, sobald ihr davon esst. 

          6 Da sah die Frau, dass es gut wäre, von dem Baum zu essen, und dass er eine Lust für die Augen war und dass der Baum begehrenswert war, weil er wissend machte, und sie nahm von seiner Frucht und ass. Und sie gab auch ihrem Mann, der mit ihr war, und er ass. 7 Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter und machten sich Schurze. 8 Und sie hörten die Schritte des HERRN, Gottes, wie er beim Abendwind im Garten wandelte. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem HERRN, Gott, unter den Bäumen des Gartens. 

          9 Aber der HERR, Gott, rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Da sprach er: Ich habe deine Schritte im Garten gehört. Da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? 12 Und der Mensch sprach: Die Frau, die du mir zugesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. Da habe ich gegessen. 13 Da sprach der HERR, Gott, zur Frau: Was hast du da getan! Und die Frau sprach: Die Schlange hat mich getäuscht. Da habe ich gegessen. 

          14 Da sprach der HERR, Gott, zur Schlange: Weil du das getan hast: Verflucht bist du vor allem Vieh und vor allen Tieren des Feldes. Auf deinem Bauch wirst du kriechen, und Staub wirst du fressen dein Leben lang. 15 Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs: Er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihm nach der Ferse schnappen. 16 Zur Frau sprach er: Ich mache dir viel Beschwerden und lasse deine Schwangerschaften zahlreich sein, mit Schmerzen wirst du Kinder gebären. Nach deinem Mann wirst du verlangen, und er wird über dich herrschen. 17 Und zum Mann sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte: Du sollst nicht davon essen!: Verflucht ist der Erdboden um deinetwillen, mit Mühsal wirst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln wird er dir tragen, und das Kraut des Feldes wirst du essen. 19 Im Schweiß deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst, denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück. 20 Und der Mann nannte seine Frau Eva, denn sie wurde die Mutter allen Lebens. 

          21 Und der HERR, Gott, machte dem Menschen und seiner Frau Röcke aus Fell und legte sie ihnen um. 22 Und der HERR, Gott, sprach: Sieh, der Mensch ist geworden wie unsereiner, dass er Gut und Böse erkennt. Dass er nun aber nicht seine Hand ausstrecke und auch noch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe! 23 So schickte ihn der HERR, Gott, aus dem Garten in Eden fort, dass er den Erdboden bebaue, von dem er genommen war. 

Liebe Gemeinde,

Wo ist Eden?

Wo ist der Ort, an dem Menschen mit Gott auf du und du waren, und ihr erstes großes Zerwürfnis mit ihm hatten? 

Die biblische Erzählung treibt in dieser Frage ein seltsames Spiel mit ihren Lesern. Sie nennt einerseits ganz eindeutige Orte, Flüsse, Landschaften, Erzvorkommen und sagt damit klar, diese Geschichte spielt nicht in mythischen Phantasiehimmel, sie spielt auf der Erde. Anderseits bringt sie Orte, Flüsse, Landschaften auf eine Weise zusammen, dass es unmöglich ist, daraus eine echte geographische Ortung vorzunehmen. Und auch das hat Methode: niemand soll sagen können siehe, genau hier – und da nicht. Der Ort von Eden soll offen, mobil bleiben. Kein Pilger- und Wallfahrtsort.

Wo ist Eden?

Vor etwa 20 Jahren gelang Wissenschaftlern des Kölner Max Planck Instituts für  Züchtungsforschung in Zusammenarbeit mit der botanischen Archäologie der Nachweis, dass die syrische/türkische Grenzregion das Ursprungsgebiet einer der frühesten kultivierten Getreidearten war. Sie fanden bei Grabungen die Stammelternkörner des Getreides, dass wir heute als Emmer oder Dinkel kennen. 

Sind wir damit auch unseren menschlichen Stammeltern auf der Spur? Hat Adam hier irgendwo zwischen Diyarbakir und Latakya im Schweiße seines Angesichts begonnen zu ackern, Getreide zu ernten, zu züchten, hat Eva hier unter Schmerzen die ersten Bauernsöhne geboren? 

Das war also dann Eden - nicht mehr der Garten, den hatte Gott selbst gepflanzt in Eden - für seine Mensen. In  diesem Garten sollte  wohl auch schon gebaut und geerntet und bewahrt und gehütet werden. Aber da wäre das Leben eine Art träumender Unschuld gewesen, Leben in reiner Gegenwart, frei von Sorgen um gestern und morgen, wo das Heute genossen wird in der Vielfalt der Früchte, wo auch eine unbefangene Liebe genossen würde ohne Angst, ohne Peinlichkeit, ohne  Konflikt.

Aber das konnte nicht gutgehen, so ist der Mensch nicht gebaut. So ist Gott nicht. Gott hätte sich eine kinderträumende Gefolgschaft schaffen können, die gar nicht anders kann als das Tabu des verbotenen Bams zu achten. Aber Gott zwingt nicht, er schafft Menschen, die auch anders können. Und ihnen gibt er ein Gebot, und riskiert die Übertretung. 

Der gottinspirierte Lehm gibt sich nicht zufrieden mit reiner Gegenwart, er will darüber hinaus, Evas Verlockung ist ja nicht nur die Süße der unbekannten verbotenen Frucht; Eva lockt die Frucht, weil sie klug macht. Eva will die  Entscheidungsspielräume zwischen Gut und Böse. Die reine Glückseligkeit der Gegenwart ist nicht genug, Eva will in die Zukunft. Und Adam? Er will Eva – viel mehr scheint er noch nicht zu wollen und zu denken. Er isst was auf den Tisch kommt, und macht sich auf mit Eva in eine ungewisse Zukunft. 

Was sehen beide als ihnen die Augen aufgehen? 

Wenn wir der Frage nachgehen wollen müssen wir es im Grunde machen wie die Archäologen, wir müssen Schicht um Schicht von Deutungen, dogmatischen Gebäuden, Argumentarsenalen zur Rechtfertigung von gesellschaftlichen, nicht selten frauenfeindlichen Verhältnissen abtragen. Damit die Geschichte anschaubarer und wieder lebendig wird. 

Graben wir uns also durch die Schichten. Tragen wir den Apostelbrief ab, der Eva in der Kirche zum Schweigen zwingt, weil schließlich ja sie und nicht Adam…  Tragen wir auch mittelalterliche Erbsündenlehren ab, die in der Sexualität den Grund allen Übels sahen. Die sich etwas so perfides wie die befleckte Empfängnis ausdachten. Tragen wir auch die Schicht der reformatorischen Theologie ab, die gar nicht schlecht genug vom Menschen denken konnte um ihr Sola Gratia umso heller strahlen zu lassen.

Lazarus Spengler 1524

Durch Adams Fall ist ganz verderbt
menschlich Natur und Wesen,
dasselb Gift ist auf uns geerbt,
dass wir nicht konnt’n genesen
ohn’ Gottes Trost, der uns erlöst
hat von dem großen Schaden,
darein die Schlang Eva bezwang,
Gotts Zorn auf sich zu laden.

2) Weil denn die Schlang Eva hat bracht,
dass sie ist abgefallen
von Gottes Wort, das sie veracht,
dadurch sie in uns allen
bracht hat den Tod, so war je Not,
dass uns auch Gott sollt geben
sein lieben Sohn, der Gnaden Thron,
in dem wir möchten leben.

Und schauen wir noch einmal hin:

Was wissen Adam und Eva, als ihnen die Augen aufgehen?

Sie wissen, dass sie eine Vergangenheit haben, dass ihr tun Folgen hat, sie stehen zum ersten Mal neben sich, sie haben ein Selbstbewusstsein, sie können und müssen ihr eigenes Handeln reflektieren, und müssen sich ihrer eigenen Verantwortung stellen. Damit wird die andere fundamentale Frage gestellt. Gott stellt sie: 

„Wo bist du, Mensch“ 

– Die Erzählung ist hier wunderbar poetisch, und zugleich auch sehr tiefsinnig „im Abendwind im Garten“. Nicht in der Mittagshitze, die die Gehirnwindungen austrocknet, nicht in der Nacht, wo die eigenen Gedanken sich so auftürmen, dass nichts Gescheites dabei herauskommt. Im Abendwind – zur Zeit des Vespergebets, des Rückblicks auf den Tag, Zeit Bilanz zu ziehen, Zeit Versäumtes, Verfehltes zu sehen, sich selbst und anderen zu sagen – es war falsch. 

„Wo bist du – wo stehst du, wie stellst du dich zu deinem Verhalten?“

Adam und Eva stellen sich nicht, sie verstecken sich, erst hinterm Feigenblatt, dann schlagen sie sich in die Büsche, schließlich verbergen sie sich hinter Schuldzuweisungen. Die Schlange betrog mich… Das Weib, dass du mir gegeben hast… Am Ende ist immer Gott selbst schuld.

Es wäre einfach gewesen. Adam müsste nur sagen, sorry Gott, meine Begeisterung für Eva ist mit mir durchgegangen, ich habe einfach nicht nachgedacht, verzeih mir!  Eva müsste nur sagen, Sorry Gott, ich hab es jetzt kapiert, aber ehrlich, ich möchte selber denken können, hilf mir, dass ich mit meinem Selberdenken nicht in Teufels Küche komme.

Die jüdischen Weisen sagen, bevor Gott die Welt und den Menschen schuf, schuf er die Umkehr.

Und was vor der Schöpfung war, wird bis zum Ende der Schöpfung Bestand haben. die Tore der Umkehr sind offen, bis zum endgültigen Toresschluss. Auch Jesus denkt jüdisch. Zumindest ist er dem jüdischen Denken viel näher als der Erbsündentheologie im Gefolge von Paulus uns Augustin. – die Tore der Umkehr sind immer offen. Der Ruf kommt, die Einladung steht.

Adam und Eva vertun die Chance, auf Augenhöhe zu bleiben mit Gott. Statt zu stehen zu ihrem Handeln, sind sie klägliche Karikaturen des göttlichen Ebenbildes. Aber ist es ein Verdammungsurteil, das sie nun trifft? So wie es ein breiter Strom der Theologie lesen will? Der Gott vom Garten Eden ist nicht nur ein Töpfer, Gott ist nicht nur ein Inspirator, nicht nur ein Gärtner Gott ist auch Schneider.  Adam und Eva bekommen brauchbare Kleider gemacht, die schützen vor den Dornen und Disteln, mit denen es Adam jetzt zu tun bekommt.  Die Evas Kinder wärmen bei Nacht. 

Eine Frage, was wäre gewesen, wenn sie anders geantwortet hätten? Hätten sie im Garten können? Hätten sie im Garten bleiben wollen? Hätten sie vergessen wollen, was sie jetzt Wissen, über sich selbst, über Gott? Nein sie sind geworden, wie Gott sie haben wollte, selbst in ihrem Versagen. Menschen, die leben in der Zeit, Menschen die hoffen können, Menschen die die folgen ihrer Taten betrachten können lernen aus ihren Fehlern, umkehren.

Es gibt kein Zurück in den Garten der träumenden Gegenwart. Der ist verschlossen, der Acker muss bebaut werden, die Hebamme muss erfunden werden, aber sie sind noch immer in Eden. Denn Gott ist immer noch da.

Das letzte Wort hat nicht die Schuld, sondern die Umkehr. Das Versagen des Menschen wird zum Gelingen, wenn Gottes Frage „Wo bist du gehört" und durch die Bereitschaft zu neuem Handeln beantwortet wird.
Amen