Keine Fragen mehr
Pfarrer Dr. J. Kaiser

Jesus sagt zu seinen Jüngern: Nur eine Weile, und ihr seht mich nicht mehr, und wiederum eine Weile, und ihr werdet mich sehen.

Da sagten einige seiner Jünger zueinander: Was meint er, wenn er zu uns sagt: Nur eine Weile, und ihr seht mich nicht, und wiederum eine Weile, und ihr werdet mich sehen? Und: Ich gehe zum Vater? Sie sagten also: Was meint er, wenn er sagt: Nur eine Weile? Wir wissen nicht, wovon er redet.

Jesus merkte, dass sie ihn fragen wollten, und sagte zu ihnen: Darüber zerbrecht ihr euch den Kopf, dass ich gesagt habe: Nur eine Weile, und ihr seht mich nicht, und wiederum eine Weile, und ihr werdet mich sehen? Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, die Welt aber wird sich freuen. Ihr werdet traurig sein, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln.

Wenn eine Frau niederkommt, ist sie traurig, weil ihre Stunde gekommen ist. Wenn sie das Kind aber geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Bedrängnis vor Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. So seid auch ihr jetzt traurig; aber ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und die Freude, die ihr dann habt, nimmt euch niemand. An jenem Tag werdet ihr mich nichts fragen.

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Abschied 1

Abschied. Am BER. Sie fliegt nach Südamerika. Ganz allein. Ins Unbekannte. Sie ist doch noch so klein. Und so jung. 18 Jahre. Mutig ist sie. Wir liegen uns mit Tränen in den Armen. Wie lang ist ein halbes Jahr? Eine kurze Weile, eine lange Weile?

Zwei Jahre später flog sie für ein ganzes Jahr nach Portugal. Man gewöhnt sich an die Abschiede am BER. Wir wussten jetzt, wie lange ein halbes Jahr ist. Ein ganzes kann auch nicht viel länger sein. Vier Monate später, zwei Tage vor Weihnachten, klingelte es abends. Da stand sie vor der Tür. Unangekündigt. Was war das für eine Überraschung! Was war das für eine Freude!

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Abschied 2

Abschied. Jesus war da. Jesus war bei ihnen. Vom Tod auferstanden. Jesus war da. Aber nicht für immer. Es wird wieder einen Abschied geben. Jesus bereitet seine Freunde darauf vor. Ein Abschied. Aber auch der nicht für immer. Ein Dasein, nicht für immer und ein Abschied nicht für immer. Das verwirrt. Das wirft Fragen auf. Eine kleine Weile, dann gibt es einen Abschied, eine kleine Weile, dann gibt es ein Wiedersehen.

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Abschiede

Das Leben ist ohnehin verwirrend. Eine Folge von Abschieden und Wiedersehen. Ab einem bestimmten Kipppunkt in deinem Leben kannst du dein Leben aber überwiegend als Reihe von Abschieden begreifen. Einer nach dem anderen geht. Manche sind weg, weil man sie aus den Augen verloren hat. Andere, weil man sich auseinandergelebt hat. Andere, weil sie gestorben sind. Mancher Abschied war unangekündigt, andere kündigten sich an. Mancher war endgültig, andere auf eine Weile. Doch die, die wiederkommen, werden immer weniger.

Jeder Abschied wirft Fragen auf. Eine Frage vor allem: Werden wir uns wiedersehen? Die Frage kommt auch und gerade bei den Abschieden auf, die wir endgültige Abschiede nennen.

Werden wir uns wiedersehen? Das ist die Frage auf den Friedhöfen. Ja, sagt Jesus. Ja, ich will euch wiedersehen. Dann werdet ihr euch freuen und dann werdet ihr keine Fragen mehr haben.

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Wie lange?

Jesus stimmt seine Freude auf einen erneuten Abschied ein und auf ein erneutes Wiedersehen. Ja, ich will euch wiedersehen.

Wie lange? Nicht zu lange! Eine kleine Weile? Wie kurz ist eine kleine Weile? Die Hoffnung will es genau wissen. Sie will die Tage runterzählen können oder die Wochen oder die Jahre. Hauptsache was zum Zählen. Die Wartezeit muss einen Rhythmus kriegen, damit sie nicht zu lang wird. Eine Wartezeit ohne Takt wird eine lange Weile. Jesus, wann werden wir dich wiedersehen? Gib uns eine Zahl, gib uns einen Kalender, gib uns einen Termin! Termin kommt von terminus, Grenzzeichen, bis dahin, Abschluss. Bis wann müssen wir warten? Wann kommt das Warten an sein Ende? Hoffnung wird leichter, wenn sie einen Termin hat. Ein „bis dahin“.

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Weinen und lachen

Jesus stimmt seine Freude auf die Wartezeit ein. Und er ist ehrlich. Ehrlicher als wir es meistens sind. Wir sagen: „Ich komme bald wieder.“ Und wissen, dass das nicht stimmt. Wir sagen: „Bald!“ Und wissen, dass es lange dauern wird. Jesus ist ehrlicher. Er nennt keinen Termin. Er sagt aber, wie es sein wird: Hart! Ihr werdet weinen und jammern.

Aber dann werdet ihr euch freuen. Und die Freude wird euch die Wartezeit vergessen lassen. Das will er mit dem Vergleich mit der Schwangerschaft verdeutlichen. Wenn das Kind da ist, denkt die Mutter nicht mehr an die Schmerzen der Geburt. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich war nie in der Situation. Aber mit dem Wiedersehen mit Jesus soll es so sein. Aller Frust über die lange Zeit ungewissen Wartens wird verweht sein, denn Wiedersehen macht Freude.

Man müsste aus dem Warten die Zeit eliminieren können. Ein Warten ohne Zeit, ein Warten ohne Zählen. Das kriegt man nicht hin. Denn wir leben in der Zeit, wir können die Zeit nicht ausschalten. Oder doch?

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„Kommst du wieder?“

Sie liegt, seit Monaten liegt sie, ein verwirrtes Bündel Haut und Knochen. Die Gedanken sind wirr. Unruhig kratzt sie mit dem Finger auf der Bettdecke herum. Immer an einer Stelle. Sie versucht, die aufgedruckten Blumen abzukratzen. Wenn sie nicht müde ist, redet sie viel. Ich verstehe nicht, was sie sagen will. Die Sätze ergeben keinen Sinn. Bevor ich gehe, singen wir mit großem Ernst: „Guten Abend, gut’ Nacht, mit Rosen bedacht,… Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.“ Dann sage ich: „Ich gehe jetzt“. Sie fragt: „Kommst du wieder?“ Ich sage: „Ja, ich komme wieder!“ Sie freut sich. Ich kann gehen.

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Gnädige Demenz

Demenz ist bei ihr keine Vorhölle. So stellen wir uns das oft vor, als eine Qual. Wir hoffen, davon verschont zu bleiben. Aber es ist keine Qual, jedenfalls nicht bei ihr. Keine Hölle. Es ist eine Gnade, es ist eine Vorewigkeit. Der Verlust der Zeit. Mit dem Gedächtnis ist auch die Vergangenheit im großen Loch verschwunden und die Zukunft ist hinter den Horizont gekippt. Es gibt nur noch das Jetzt. Dasein im Augenblick, der ewig dauert, Existenz in dauernder Präsenz.

So stelle ich mir das ewige Leben vor. Es gibt keine Zeit mehr. Es gibt nur noch Gegenwart. Aber nicht als Leere der Zeit wie in der Demenz, sondern als Fülle der Zeit: Alles, was war, und alles, was sein wird, ist präsent. Und wir halten es aus!

Das können wir uns jetzt gar nicht vorstellen, weil alles Vorstellen ein Imaginieren in der Zeit ist. Wir kommen da nicht raus. Außer in der Demenz.

Ich will die Demenz nicht glorifizieren. Vielleicht wird es nur nicht so schlimm wie wir befürchten. Aber das Paradies ist es bestimmt auch nicht. Und doch könnte in der Demenz eine Gnade für die liegen, die nicht leben und nicht sterben können.

Sie liegt im Bett und wartet und weiß gar nicht, dass sie wartet. Sie fragt nicht mehr: „Wie lange?“ – „Wann kommst du wieder?“ Es ist egal, ob ich sage: „Ich komme übermorgen wieder“ oder „Ich komme in zwei Wochen wieder“. Das sagt ihr nichts mehr. Sie fragt dann nur nochmal zur Vergewisserung: „Aber du kommst doch?“ – „Ja“, sage ich, „ich komme wieder.“ Dann darf ich gehen. Das Ja genügt. Es muss keine Zeitangabe dabei sein. Bei ihr kommt die Hoffnung ohne das Zählen aus.

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Glauben ohne zählen

Ich werde euch wiedersehen, und ihr werdet euch freuen, sagt Jesus zu seinen Freunden.

Wenn wir aufhören könnten zu zählen, die Tage, die Wochen, die Jahre. Wenn wir nur glauben könnten, einfach glauben, glauben, ohne zu zählen, ohne zu rechnen. Und ohne zu fragen.

An jenem Tag werdet ihr mich nichts fragen.

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Keine Fragen mehr!

Der Tag, an dem ich keine Fragen mehr haben werde. Das wird ein schöner Tag sein, vielleicht der schönste in meinem Leben. Keine Fragen mehr haben. Mein ganzes Leben lang hab ich Fragen. Seit ich kein Kleinkind mehr bin. Als die Wörter kamen, kamen auch die Fragen. Seit ich sprechen kann stelle ich Tag für Tag unendlich viele Fragen. Die meisten davon nicht laut sondern leise, nur mir selber. Wenn mal eine Frage beantwortet ist, kommen zwei neue dazu. Denken, nachdenken, fragen. Das hört nicht auf. So lange die Zeit läuft, werden auch die Fragen geweckt. Jeden Tag aufs Neue.

Wenn aber der Tag kommt, der Tag, an dem die Zeit nicht mehr aus der Uhr tropft, weil sie sich ausgeschüttet hat ins Meer der Ewigkeit, dann werden auch die Fragen verweht werden vom Geist Gottes, der über den Wassern schwebt, wie der Nebel von einer Brise verweht wird. An dem Tag wird sich alles klären.

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Der klare Tag

Wir werden uns wiedersehen, Jesus und ich. Und ich werde ihn nichts fragen. Ich könnte ihn endlich so vieles fragen. Aber ich werde es nicht tun. Ich werde nichts fragen. Nicht, weil ich keine Fragen mehr hätte. Auch nicht, weil ich mir die Fragen verbitte. Ich werde nichts fragen. Denn die Fragen sind beantwortet. Ohne eine einzige Antwort. Sie sind gelöst, längst aufgelöst, längst geklärt. Das werde ich kann endlich einsehen.

Die Fragen werden nicht mehr von Bedeutung sein, weil ich sehe, dass alles seine Bedeutung hatte, alles, was war. Ich sehe und habe verstanden und habe keine Fragen mehr.

So wird es sein. Und darauf freue ich mich.

Amen.

 

Fürbitten:

Großer Gott, Ewiger und Barmherziger!

Gepriesen seist du, denn du verwandelst unsere Traurig­keit in Freude.

Die Traurigkeit derer, die weinen, weil sie einen lieben Menschen verloren haben. Tröste sie!

Die Traurigkeit derer, die Abschied nehmen mussten. Gib ihnen den Glauben an ein Wiedersehen.

Die Traurigkeit derer, die warten. Lass sie die Zeit vergessen.

Gepriesen seist du, denn du verwandelst unsere Traurig­keit in Freude.

Die Traurigkeit derer, die klagen, weil sie die Gunst des Lebens übergangen hat. Gib ihnen Gelassenheit!

Die Traurigkeit derer, die sich sorgen, weil etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Gib ihnen Hoffnung!

Die Traurigkeit derer, die zagen, weil sie keinen Sinn mehr sehen. Lass sie nicht verzagen!

Gepriesen seist du, denn du verwandelst unsere Traurig­keit in Freude.

Die Traurigkeit derer, die Angst haben, weil sie bedroht werden von Gewalt und Aggressivität. Mache sanftmütig die Wütenden.

Die Traurigkeit derer, die in Not sind, weil sie nichts zu essen oder nichts zu trinken, kein Dach überm Kopf, keine Heimat, keine Schule für ihre Kinder haben. Mahne uns, ihnen zu helfen.

Wandle die Traurigkeit in Freude, wandle die schlimme Welt in ein gutes Zuhause und wandle uns zu solchen, die dir dabei helfen.

Den Grund für Traurigkeit hat Jesus genommen, den Grund der Freude hat er gegeben. Gelobt sei Gott durch Jesus Christus, seinen Sohn, unsere Freude. Amen.