Das Lied von Frühling und Liebe
Pfarrerin Kathrin Oxen

Einen Geliebten wollte sie nicht. Wäre auch nicht möglich gewesen, in mehrfacher Hinsicht nicht, denn sie wollte nicht heiraten. Und heiraten sollte man bekanntlich nur einen Geliebten. Oder nach dem Heiraten dann irgendwann einen haben. Oder sollte man besser nicht, wenn man den Geboten gehorcht. Was weiß ich.

Wie es genau mit ihr war, weiß niemand. Wahrscheinlich gab es sie gar nicht. Aber es gibt ihre Geschichte. Und deswegen gibt es sie und heute ist ihr Tag: Der Tag der Heiligen Barbara, schön und klug. Immer müssen die schönen und klugen Jungfrauen sterben in solchen Heiligengeschichten. Weil es noch nie jemand aushalten konnte, wenn Frauen schön und klug zugleich sind?

In Barbaras Fall soll es ihr Vater gewesen sein. Er konnte nicht ertragen, dass sie zu keinem Mann gehören wollte, bloß zu Jesus. Und da ließ er sie in einen Turm sperren, wo sie auf ihre Hinrichtung warten musste. Auf dem Weg in den Turm hatte sich ein trockener Zweig in ihrem Gewand verfangen. Den stellte sie in ihren Becher. Und er blühte an dem Tag, als sie starb

Bloß eine Geschichte, eine Legende, ein Märchen, ausgedacht und alles hineingenommen, was es an Wünschen alles gibt. Den Wunsch, ein eigenes Leben zu leben und nicht den Erwartungen anderer zu gehorchen zum Beispiel. Überhaupt nach Leben, blühendem Leben, besonders dann, wenn sich alles um einen herum dunkel und tot und ohne Ausweg anfühlt. Die Sehnsucht nach Frühling und Liebe in Tod und Winter. Manche schneiden bis heute am Barbaratag Zweige von den Bäumen und stellen sie ins Wasser und hoffen, dass sie an Weihnachten blühen, mitten im Winter zur halben Nacht.

Gehört doch nicht hierher, sagt ihr. Ist bloß eine Geschichte. Und mit Heiligen haben wir es nicht. Selbst die katholische Kirche hat Barbara inzwischen aus ihrem Heiligenkalender aussortiert. Aber das Wünschen und die Sehnsucht lassen sich weder wegsperren noch aussortieren. Sie blühen, auch im Dezember.

Mein Geliebter hob an und sprach zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! Sieh doch, dahin ist der Winter, vorbei, vorüber der Regen.

Die Blumen sind im Land zu sehen, die Zeit des Singens ist gekommen,

und das Gurren der Taube hört man in unserem Land.

Der Feigenbaum lässt seine Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften.

Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! (Hoheslied 2, 10-13)

Bloß eine Geschichte. Nur ein Gedicht. Das Hohelied singt von der Liebe in ihrer besten Zeit, im Frühling, wenn der Winter endlich vorbei ist. Ein Lied, das die Sehnsucht weckt, nach Frühling und nach Liebe. Eine Sehnsucht weit über den Kalender hinaus - nicht nur für das Jahr, sondern für das Leben.

Gehört doch nicht hierher, sagt ihr. Und übrigens haben wir Dezember. Und ihr habt recht. Wie dieses Lied eigentlich zu seinem Platz in der Bibel gekommen ist, das weiß niemand so genau. Es steht in der Bibel in den Kapiteln über Gefühle, bei den Psalmen, den Sprüchen und dem Buch des Predigers. Geschichten, Gedichte und Lieder voller Klage, Zweifel und Angst, aber auch voller Trost und Geborgenheit. Und mit dem Hohen Lied auch voller Liebe. Irgendwann war das Kapitel Liebe drin in der Bibel. Irgendwann geriet das Lied der Lieder in das Buch der Bücher. Wie genau, das bleibt ein Geheimnis. Und wir fragen uns bis heute, was dieses Liebeslied mit Gott zu tun hat.

In der jüdischen Auslegung ist die Beziehung zwischen dem Geliebten und seiner Freundin die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk. So war es etwa für Rabbi Akiba im 2. Jahrhundert ganz selbstverständlich, Gott mit dem Geliebten und das Volk Israel mit der Freundin gleichzusetzen. Später ist die christliche Auslegung ähnlich verfahren. Zum Geliebten wurde Christus und die Freundin war die Kirche oder auch die Seele eines glaubenden Menschen. Barbara hat es vielleicht so verstanden, als sie voller Sehnsucht in ihrem Turm saß. Ein Versuch, mit dem Lied der Lieder von Gott zu reden, obwohl von Gott darin nie die Rede ist. Zwar ist ganz am Ende einmal von der Liebe als einer „Flamme des Herrn“ die Rede. Aber das könnte man auch anders übersetzen, etwa im Sinne von „die Liebe ist eine starke, lodernde Flamme“. Das macht es also auch nicht besser.

Also bloß eine Geschichte. Nur ein Gedicht. Ein Liebeslied. Ein Lied von Frühling und Liebe. Ein Lied von Gott. Horch, mein Geliebter! Sieh, da kommt er, springend über die Berge, hüpfend über die Hügel. Einer Gazelle gleicht mein Geliebter oder dem jungen Hirsch. Sieh, da steht er hinter unserer Mauer, schaut herein durch die Fenster, späht durch die Gitter. (Hoheslied 2, 8 und 9)

Dies ist ein Liebeslied. Gott kommt hier vor, als Geliebter, als junger Mann. Er hat es eilig, zu seiner Freundin zu kommen, so wie es alle jungen Männer immer eilig haben, zu ihrer Freundin zu kommen. Oder ganz umfassend: Alle die lieben, zu denen, die sie lieben. Wie eine Gazelle, wie ein Hirsch kommt Gott. Mühelos überwindet er die Berge und die Hügel, so jung und voller Kraft. Springend und hüpfend kommt Gott, als Überschuss an Kraft und Leben. Still steht Gott erst vor dem Haus der Freundin, an ihrer Tür oder vor ihrem Fenster. Gott bleibt stehen an dem Ort, wo sich die Geliebten, die Liebhaber immer schon eingefunden haben, wo schon immer ihr Ort war. Wo er immer sein wird.

Und dann ist da nur noch die Tür zwischen den beiden. Seine Gegenwart durchdringt alles, die Schultern sind schon im Türrahmen zu ahnen, der Umriss seines Gesichts hinter der Scheibe. Es braucht kein Zeichen mehr, kein Klopfen oder Rufen. Denn sie kommt ihm ja schon entgegen und öffnet ihm mehr als nur eine Tür.

Eine Szene, so alt wie die Welt und das Leben, in all den Geschichten, Gedichten und Liedern erzählt. Es kommt einer, der will nur zu mir. Kommt über die Berge und Hügel, zu Fuß, zu Pferde, mit dem Fahrrad, dem Mofa, der ersten Karre, der U-Bahn. Kommt und steht vor meiner Tür, mit Wind in den Haaren und dem Geruch von draußen in seiner Jacke und will zu mir. Und der Winter ist vorbei und es ist Frühling. Ganz egal, ob es draußen wirklich Frühling ist. Auch egal, ob es gerade der Frühling meines Lebens ist oder sein Sommer, Herbst oder Winter. Denn es kommt einer, der will nur zu mir. Mein Geliebter hob an und sprach zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm!

Ein Lied vom Frühling und von der Liebe. Ein Lied von Gott. Dass er die Liebe ist, das habe ich schon oft gehört. Aber nicht so. Gott ist doch eine Liebe wie nach vielen gemeinsamen Jahren, an einem Tisch, in einem Bett, auf einem Sofa vor einem Fernseher: Ich kenne dich gut. Bei mir kannst du sein, wie du wirklich bist. Zu mir kannst du immer zurückkommen.

Aber Gott als Geliebter, als Liebhaber? Gott will nur zu mir, kann es nicht erwarten, bei mir zu sein und ruft mich: Steh auf, meine Schöne, und komm! Dass das einer zu mir sagt und es wirklich so meint. Dass der Frühling wiederkommt, wo schon lange Winter ist und das Leben sich dürr anfühlt und sich höchstens noch die Zweige der Bäume entblättern. Das sind andere Wünsche. Lass sie dir nicht ausreden. Werd bloß nicht so bescheiden mit der Zeit.

Ja, Gott ist die Liebe, die zahme. Wir können ihm vertrauen und dürfen immer zu ihm kommen und alles andere machen, was so von den Kanzeln mit ausgesuchten Modalverben über Gott gesagt wird. Aber Gott ist auch die andere Liebe, die junge und wilde, wie ein junger Mann mit zu viel Kraft und Wind in den Haaren. Gott steht gleich hinter der Wand, weil er bei mir sein will, nur bei mir. Keine Modalverben. Sondern ein Gott, der um mich wirbt.

Die Angst vor einer Tür, die verschlossen bleibt und an der alles Klopfen und Rufen vergeblich ist, diese große Angst aller Liebenden - das ist ausnahmsweise einmal nicht meine Angst, sondern die von Gott. In der Geschichte Gottes mit seinen Menschen gibt es viele Episoden, in denen sich Gott wie ein enttäuschter oder eifersüchtiger Liebender aufführt. In denen er seinen Menschen nachgeht, immer wieder einen Anfang macht, es gegen alle Vernunft wieder und wieder mit ihnen versucht. Als hätte Gott keine Erfahrung und machte sie auch nie und liebte uns immer wie wild und jung.

Bloß eine Geschichte. Nur ein Gedicht. Ein Lied von Frühling und Liebe. Wir haben übrigens Anfang Dezember, sagt ihr. Und Angst, dass es wieder ewig dauert mit dem Frühling. Oder irgendwann sowieso vorbei ist damit. Man kann sich einmauern lassen von solchen Gedanken, wie Barbara in ihren Turm. Aber man sollte es nicht auch noch selber tun, dieses Einmauern.

Barbara hat in ihren Turm ein drittes Fenster brechen lassen. Das erzählt eine andere Geschichte von ihr. Ihr Vater hat getobt. Denn dies war ein Zeichen für den dreieinigen Gott, für Gottes unterschiedlichen Gestalten, bekannt und vertraut und wild und jung. Sieh, da steht er hinter unserer Mauer, schaut herein durch die Fenster, späht durch die Gitter. Bloß eine Geschichte. Nur ein Gedicht. Und die eine Liebe. Wir sehen, wie sie blüht.

Amen