"Richtet nicht vor der Zeit!"
Pfarrer Dr. J. Kaiser

Jetzt ist sie im Amt, die neue Regierung. Noch vor Weihnachten, gekommen im Advent. Stolz ist Scholz, dass er das so harmonisch geschafft hat, aber der Shooting-Star ist ein anderer, mit trockenem Humor, drastischem Akzent und unzähligen Freunden in Harvard, der Talkshowkönig, Pandemiprophet und Viruswarner Lauterbach.

Viel Lob gab es für die neue Regierung. Nicht viel Lob für die alte, aber umso mehr Lob für die alte Kanzlerin.

Möchten Sie Politiker oder Politiker sein? Man kann etwas bewegen, sagen die, die es sind. „Gestalten“ nennen sie es. Es muss Menschen geben, die „gestalten“ wollen, sonst funktioniert unsere Demokratie nicht. Es muss Menschen geben, die streiten können, ohne zu verletzen. Es muss Menschen geben, die etwas gestalten wollen, die aber auch Gegenwind aushalten müssen.

Wollen Sie Politikerin oder Politiker sein?

Spitzenpolitiker verdienen nicht schlecht, haben Security, die ihnen die Tür zum Dienstwagen öffnet, haben Publicity, immer viel Publikum.

Aber auch einen immer vollen Tag und meist 7-Tage-Woche. Man muss einiges aushalten können. Man wird ja nicht nur gelobt. Man wird auch kritisiert. Für vieles, für alles. Auch für vieles, für das man überhaupt nichts kann.

Möchten Sie Politikerin oder Politiker sein?

Politikerinnen und Politiker brauchen ein dickes Fell. Ein immer dickeres. Schon beim Blick in die Zeitung darf man nicht sensibel sein und leicht erregbar. Erst recht beim Blick in die sozialen Medien, wenn man sich den überhaupt noch antut.

Ein ständiges kritisiert werden. Jeder meint, sich ein Urteil bilden zu können. Ja mehr noch, diese ständige Verurteilt werden. Das musst du aushalten können. Da musst du vieles wegstecken können.

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Als Pfarrer steht man auch ein bisschen in der Öffentlichkeit und ist für einiges verantwortlich. Aber es lange nicht so schlimm wie bei den Politikern. Überwiegend sind die Menschen freundlich und mit den sozialen Medien haben wir es noch nicht so. Aber man muss auch für Entscheidungen einstehen. 2G oder 3G oder kein G. Das Consistoire hat sich für 2G entschieden. Nicht alle finden das richtig. Als Pfarrer muss man sich und die Entscheidung der Gremien rechtfertigen. Aber so ein dickes Fell wir die Spitzenpolitiker braucht man nicht.

Vielleicht braucht es ein Bischof. Oder ein Apostel. Der Spitzenapostel Paulus jedenfalls stand offenbar in Korinth ganz schön unter Beschuss. Musste einiges wegstecken. Er hatte Konkurrenz. Da ist nicht nur ein Wettstreit um die besten Ideen, sondern – womöglich viel verbitterter - ein Wettstreit um das beste Evangelium entbrannt.

Paulus hatte die Gemeinde in Korinth gegründet, kaum war er weg, kam es zu Konflikten in theologischen Fragen, aber auch zu sozialen Verwerfungen. Es gab Spaltungen in der Gemeinde. Nicht zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern, sondern über die Inhalte der Verkündigung ebenso wie über das Abendmahl, die Ehescheidung und einiges mehr. Paulus spricht im Ersten Korintherbrief so viele Konfliktthemen an, dass man erleichtert feststellen darf: Im Vergleich dazu geht es bei uns sehr friedlich zu. Auch seine Autorität wurde hinterfragt. Die Richtigkeit seiner Lehre wird angezweifelt.

Er muss sich rechtfertigen. Offenbar war er heftiger Kritik ausgesetzt.

Er schreibt in einem Brief an die Gemeinde in Korinth folgendes:

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. 2Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden. 3Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. 4Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet. 5Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird. Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.

Wollten Sie Apostel oder Apostelin sein?

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Ich habe mich lange gefragt, was dieser Text mit Advent zu tun hat. Warum sollen wir uns im Advent mit den Problemen des Paulus beschäftigen?

Die Antwort ist auf den ersten Blick nur in einem Halbsatz zu finden. … bis der Herr kommt.

Advent ist die Zeit des Wartens auf das Kommen des Herrn.

Und wer kommt da?

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Gott hat viele Gesichter. Der Advent hat 4 Sonntage. Der erste Advent kündigt das kommen eines Königs an. Der König der Ehre aber ist sanft und mild. Der zweite Advent kündigt das Kommen des Erlösers an. Wenn der kommt, bricht der Himmel und die Berge wanken, das Versteinerte wird weich, der Erlöser löst das uns Unlösbare. Der dritte Advent – heute – kündigt den Richter an. Der Richter aber ist Christus. Über Gott als Richter habe ich schon vor vier Wochen gepredigt, über das große Weltgericht und darüber, wie nötig wir den Richter haben und ihn alle suchen. Und jetzt wird der Faden wiederaufgenommen.

Der Herr ist’s aber, der mich richtet, schreibt Paulus, der angefochtene, der in der Kritik stehende Apostel.

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Menschen suchen ihren Richter. Die, die zu ihrem Recht kommen wollen, weil man ihnen ihr gutes Recht vorenthält. Aber auch die, die sich gerichtet sehen, voreilig, zu schnell kritisiert von anderen, die nicht nachfragen und es nicht genau wissen wollen. Auch die, die dauernd kritisiert werden, die unter Dauerbeschuss stehen, auch die suchen ihren Richter.

Wir leben in einer kritischen Gesellschaft. Das ist gut so. Keiner hat mehr Angst, seine Meinung zu sagen, keiner braucht mehr Mut, einen anderen zu kritisieren. Kritik ist die Voraussetzung dafür, dass wir in allem immer besser werden. Demokratie braucht mündiger Bürgerinnen und mündige Bürger machen den Mund auf und sagen, was sie denken und kritisieren.

Krinein ist das hervorstechendste Wort in diesem Abschnitt aus dem Korintherbrief. Krinein heißt „spalten“ und „richten“. Von krinein kommen die Wörter Kritik und Krise. Wir sind dauernd kritisch und in einer Dauerkrise. Beides grad ein bisschen viel. Kritisch sein ist gut. Aber es gibt auch ein Zu viel, ein Zu schnell, ein Zu oberflächlich. Und die Krisen kommen und gehen mittlerweile schneller als Wind und Wetter.

Kritische Krisengesellschaft im Advent mit neuer Regierung. Die startet gleich voll in die vielen Krisen und in die größten Krisen aller Zeiten. Naja, man kann es auch übertreiben.

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Paulus schreibt: Darum richtet nicht vor der Zeit!

Nein, unkritisch sollen wir nicht werden. Aber eben auch nicht voreilig richten. Nicht ohne Nachfrage, nicht ohne vorher gehört zu haben, nicht ohne Aussprache, nicht ohne Debatte.

Machen wir uns nichts vor. Wir alle kritisieren und beurteilen und verurteilen ständig – ich auch, das könnt ihr mir glauben und weiß Gott mehr, als mir lieb und recht ist. Und da hilft es auch nichts, einen Unterschied machen zu wollen zwischen Kritisieren und Richten oder zwischen Beurteilen und Verurteilen. Ich halte das für Augenwischerei. Die Wörter kommen im Griechischen aus dem gleichen Stamm und sie sind immer noch vom gleichen Holz. Wer kritisiert, beurteilt, und wer beurteilt, verurteilt auch.

Etwas Anderes aber wäre wichtig. Unser Kritisieren, Urteilen, Richten ist ein Richten auf Zeit. Nichts Endgültiges. Immer etwas Vorläufiges. Den du heute kritisierst, kannst du morgen wieder loben. Den du heute verurteilst, kannst du morgen schon rehabilitieren. Auch als Richter deines Bruders, deiner Schwester kannst du umkehren. Kannst dir eine andere Meinung bilden, musst es oft auch, weil sich die Dinge ändern, die Einsichten, die Erkenntnisse. Wir leben in der Zeit, wir urteilen in der Zeit und mit der Zeit. Wir sind Menschen. Paulus schreibt:

Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird.

Es kommt noch einer, dem das endgültige Urteil zusteht. Der allein in die Herzen sehen kann. Der all das Gute, das Treue, das Liebe sieht, was wir nicht sehen oder noch nicht sehen oder gerade nicht sehen, weil uns unser Kritisieren ja oft genug auch blind macht, obwohl wir gerade im Kritisieren meinen, besonders hell zu sehen.

Der Herr ist’s aber, der mich richtet. 5Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird. Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.

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Der, der kommt, ist ein Richter, die uns kennt. Der, der kommt, ist Christus. Der, der kommt, ist der, der schon da war. Und der weiß, was für Geschöpfe wir sind. Kritische Dilettanten, besserwisserische Unwissende, Wesen, die sich entweder gnadenlos überschätzen oder hoffnungslos unterschätzen, aber kaum je richtig schätzen. Der, der kommt, ist der, der weiß, dass er uns nur mit Humor kommen kann und der deshalb fragte: Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? (Mt 7,4)

Das ist der, der kommt. Ein Richter, der uns kennt, und der uns am Ende zum Lachen bringt über uns selbst. Das Lachen wird lösen.

Und gelöst wirst du loben können. So wie der Richter, der kommt und am Ende lobt. Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.

Amen.

 

Liebe Gemeinde, wir halten Fürbitte. Wir beten heute nicht jeden Sonntag mehr für die Obrigkeit. Heute aber wollen wir für die neue Regierung beten, ausführlich und danach nur noch, wenn sie unser Gebet im Besonderen zu brauchen scheint.

 

Gott, du Macht über aller Macht, du Weisheit über allem Rat: statte die neue Regierung mit Weisheit aus.

Gib Annalena Baerbock Mut und Weisheit für klare Worte, wenn sie auf schwierigem Terrain landet.

Sicherheit bei der Beurteilung der Sicherheit verleihe Nancy Faeser.

Robert Habeck mache glücklich mit vielen neuen Windrädern – und uns auch.

Christian Lindner gib gute Einnahmen und dann auch viel Freigiebigkeit.

Christine Lambrecht lass gut kämpfen für den Frieden in der Männerwelt des Militärs.

Verhindere, dass Marco Buschmann im Dschungel der Gesetze den Blick verliert für das, was Recht ist.

Hilf Karl Lauterbach, sein Fachwissen in kluges Regierungshandeln umzusetzen.

Zwei glückliche Hände gib dem Cem Özdemir, damit er das rechte Maß beim Düngen und beim Ernten, beim Züchten und beim Schlachten, bei den Preisen und den Mengen finde.

Und was sonst noch grün und wild und sauber bleiben soll, lass bei Steffi Lemke in guten Händen sein.

Gib allen gute Arbeit und gerechten Lohn, auch dem Hubertus Heil.

Verschaffe Anne Spiegel stets Gehör für die Kinder und für die Frauen und bewahre sie vor Männern, die das für Gedöns halten.

Stärke Bettina Stark-Watzinger im Kampf für Bildung, und erinnere Sie daran, dass Bildung mehr ist als Ausbildung für die Wirtschaft.

Viele Elektroautos, viel Strom und viele Chips schenke dem Volker Wissing.

Svenja Schulze verschaffe am Kabinettstisch und bei Lindner genug Gehör für die die Regionen in der Welt, mit denen wir solidarisch werden müssen.

Klara Geywitz gib viele Bauarbeiter in Stadt und Land.

Mache Wolfgang Schmidt zum treuen Haushalter der Geheimnisse der Regierung und des Kanzleramtes.

Und Olaf Scholz hüte vor Geheimnissen, lass ihn offen sprechen, gut zuhören und weise entscheiden. Und sei bei ihm und allen, auch wenn sie nicht an dich glauben.

Auch viele andere haben es nötig, dass wir für sie beten, Traurige und Einsame, Kranke und Sterbende und alle, an die wir dich im stillen Beten erinnern. [Stille]

Unser Vater…

Amen.