Wo ist das Wunder?
Pfarrer Dr. J. Kaiser

Weihnachtswunder. Zu Weihnachten hat das Wunder Konjunktur. Kein Wort wird so oft im Zusammenhang mit Weihnachten ausgesprochen die „Wunder“. Vielleicht noch „Zauber“ – Weihnachtszauber. Aber Zauber geht ja in die gleiche Richtung wie Wunder.

Wie das in der Wirtschaft und auf den Märkten mit der Konjunktur ist, wissen wir: Wenn zu viel Geld im Umlauf ist, aber das Angebot an Waren und Dienstleistungen nicht mithalten kann, gibt es Inflation. Das haben wir gerade. So ist das auch mit den Wörtern. Wenn sie zu häufig verwendet werden, verlieren sie an Wert. Wie das Geld dann wertlos wird, wenn ihm kein Sach- oder Dienstwert mehr entspricht, so werden die Wörter durch übermäßigen Gebrauch bedeutungslos, weil ihnen nichts Reales mehr entspricht.

Das Wunder begibt sich an Weihnachten regelmäßig in eine Inflation, in einen Bedeutungsverlust des Wortes Wunder. An Weihnachten sagt Wunder nicht viel mehr als Gemütlichkeit, Glitzer und Glühwein.

Dabei gehört das Weihnachtswunder eigentlich nicht drüben auf den Weihnachtsmarkt, sondern hier in die Kirche. Heute reden wir tatsächlich darüber.

Aber die Geschichte, in der es irgendwie um Wunder geht und doch nicht, ist so verwirrend, dass ich sie ein wenig einleiten muss, bevor ich sie lese.

Ein König ist in außenpolitischen Schwierigkeiten. An den Grenzen seines kleinen Reiches hat ein Feind Militär zusammengezogen. Der große Nachbar hat Umsturzpläne. Also wie derzeit in der Ukraine. Der König des kleinen Reiches hat Angst. Zu ihm kommt ein theologischer Berater, ein Prophet, und versucht, ihn zu beruhigen. Der König solle sich keine Sorgen machen. Gott versichert, dass die Umsturzpläne nicht gelingen werden. Innerhalb von zwei, drei Generationen werde das Reich des Feindes Geschichte sein. Dann fügt der Prophet seiner Beruhigungsrede diesen feinen Satz an: Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!

Und dann kommt folgendes, das ich wörtlich vorlese:

Und der Herr redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, damit ich den Herrn nicht versuche.

Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

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Gott bietet also dem König an, ein Zeichen von ihm zu fordern. Ein Zeichen ist in diesem Zusammenhang eine Art Wunder. Etwas Außergewöhnliches, das den König veranlassen wird, den beruhigenden Worten des Propheten zu vertrauen und Glauben zu schenken.

Der König aber lehnt das ab. Das scheint mir sogar konsequent zu sein nach dem, was der Prophet vorher angemahnt hat: Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht! Er soll ja den Worten vertrauen. Heißt das nicht, er soll glauben, ohne gleich Zeichen und Beweise für die Richtigkeit der Worte zu verlangen? Wenn der König trotzdem ein Zeichen fordert, führt er Gott in Versuchung, weil er ja damit zu erkennen gibt, dass er den Worten des Propheten nicht glaubt. Also verzichtet der König auf Zeichen. Das wiederum empört den Propheten. Gott bietet von sich aus ein Zeichen an und der König schlägt es aus. Es scheint so, als wolle Gott unbedingt und unaufgefordert ein Zeichen setzen. Und so soll das Zeichen aussehen: Eine junge Frau wird schwanger werden, einen Sohn gebären und ihm den Namen Immanuel geben.

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Es gibt eine Weihnachtswunderverwirrung, liebe Gemeinde. Was ist das Weihnachtswunder denn nun wirklich, also theologisch gesehen? Ich würde sagen: Dass Gott Mensch geworden ist und als Mensch mit uns war und mit uns ist und mit uns sein wird. Das heißt ja Immanuel: Gott ist mit uns.

Manche aber meinen, das Weihnachtswunder sei, dass eine Jungfrau ein Kind bekommen hat. Dass das einer der folgenschwerste Übersetzungsfehler in der Geschichte ist, hat sich mittlerweile rumgesprochen. In der hebräischen Bibel heißt es: Eine junge Frau wird schwanger werden. In der griechischen Übersetzung hat man hier aber – ob mit Absicht oder nicht – ein griechisches Wort gewählt, das nicht junge Frau meint, sondern Jungfrau. Nach dieser griechischen Version haben Lukas und Matthäus ihre Geburtserzählungen verfasst und erzählt, dass Maria noch nicht mit Josef geschlafen habe, als sie schwanger wurde.

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Die Sache mit der Jungfrauengeburt ist ein kirchlicher und theologischer Renner und Dauerbrenner geworden. Sie hat nicht nur in der katholischen Kirche, dort aber vor allem, unzählige Theologen beschäftigt. Man hat versucht, geradezu die Notwendigkeit dieses Wunders zu plausibilisieren, was ja eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Offenbar braucht Weihnachten ein solches Wunder. Man wundert sich.

Auch sog. bibeltreue und fundamentalistische Christen beharren auf der Jungfrauengeburt und sogar darauf, dass selbst die Prophezeiung bei Jesaja schon von einer Jungfrau gesprochen habe. Auf einer Website fundamentalistischer Christen lese ich zur Jungfrau Maria:

„Die Leugner der Jungfrauengeburt Jesu führen gerne an, dass man das Wort „Jungfrau“ in Jesaja 7 und Lukas 1 auch mit „junge Frau“ übersetzen könnte. Mag sein, dass diese Übersetzungsmöglichkeit besteht, aber das würde im Zusammenhang von Jesaja 7 überhaupt keinen Sinn ergeben. Denn der Prophet kündigt die Geburt des Sohnes Gottes ja als ein „Zeichen“ an. Wenn es lediglich eine junge Frau gewesen wäre, dann wäre es nichts Übernatürliches, kein Zeichen gewesen.“

Genauso ist es: Es war nichts Übernatürliches, kein übernatürliches Zeichen. Es braucht kein übernatürliches Zeichen. Das Zeichen, das Gott dem ängstlichen König anbietet, ist, dass eine junge Frau ein Kind gebärt. Das ist kein Wunder. Und soll auch keines sein. Das Zeichen ist der Name: Immanuel, Gott ist mit uns. Ein Mensch wird mit uns leben, dessen Name uns immer daran erinnert, dass Gott mit uns ist.

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Brauchen wir ein Zeichen, dass Gott mit uns ist? Vielleicht brauchen wir eines. Aber das Zeichen, das uns gegeben ist, ist kein großes Wunder. Oder das allergrößte von allen. Das Zeichen, das wir finden werden, ist ein Mensch. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt.

Es ist dieser eine Mensch, dieser Immanuel, dieser Jesus Christus, in dem wir Gott erkennen. Und es sind alle Menschen, in denen wir Ihn erblicken. Sie alle sind Zeichen dafür, dass Gott mit uns ist. Wir werden nie ein anderes Zeichen dafür finden, als Menschen. Gott ist mit uns in Menschen, nie anders.

Seit wir erkannt haben, dass Gott in Jesus Christus ist, rechnen wir damit, dass er in allen Menschen sein kann, die so sind, wie er war: in den Armen, in den Sanftmütigen, in den Friedenstiftenden und Versöhnenden, in den Schwachen, in den Leidenden und in den Liebenden. Da ist Immanuel, da ist Gott mit uns. Menschen, in denen wir Christus erkennen, die sind das eigentliche Weihnachtswunder. Angesichts dessen ist es völlig gleichgültig, ob Josef und Maria Sex hatten, bevor Jesus geboren wurde oder nicht. Wenn die orthodoxen Katholiken oder die bibeltreuen Evangelikalen leichter glauben, dass Gott in Jesus war und wirkte, wenn seine Mutter keinen Sex hatte, bitte, dann sollen sie das so glauben. Nur eines darf nicht passieren: Dass sie so sehr mit der Verteidigung dieses Dogmas beschäftigt sind, dass sie das eigentliche Wunder aus dem Blick verlieren: Den Immanuel. Gott war und ist und wird mit uns sein in Menschen, die sanftmütig sind und Frieden stiften, die vergeben und versöhnen, die schwach sind und leiden, die trösten und die lieben. Und davon sind überall in der Welt so viele schon geboren worden, dass man sagen kann: Gott ist überall in der Welt. Die Welt ist voller Zeichen und Wunder, voller menschlicher Menschen. Das macht uns doch Hoffnung, oder? Frohe Weihnachten!

Amen.