Zur Verabschiedung von Pfarrer Dr. Jürgen Kaiser
Am Sonntag, dem 28. September 2025, wurde Pfarrer Dr. Jürgen Kaiser in einem feierlichen Gottesdienst in der Französischen Kirche als Pfarrer unserer Gemeinde und als Geistlicher Moderator des Evangelisch-reformierten Moderamens unserer Landeskirche verabschiedet. Seine in mehreren Strängen von Leid, Liebe und Nachfolge verwobene Predigt, die das für diesen Sonntag vorgesehene Ende des 1. Petrusbriefs befasste, kann auf unserer Website nachgelesen werden. Die Entpflichtung aus dem Gemeindedienst nahm der Vorsitzende des Reformierten Kreiskirchenrates Pfarrer Malte Koopmann vor. Aus dem Amt des Geistlicher Moderators wurde Pfarrer Dr. Kaiser durch Bischof Dr. Christian Stäblein entpflichtet. Bischof Stäblein würdigte den Dienst in der Gemeinde, und vor allem die Arbeit von Jürgen Kaiser als Geistlicher Moderator in den vergangenen fünf Jahren. In der Kirchenleitung und in der Landessynode habe er sich für die Reformierten und ihre Identität in einer unierten Landeskirche eingesetzt und verdient gemacht.
Auf dem anschließenden Empfang würdigte der Secrétaire des Consistoire die 22 Jahre des Dienstes von Pfarrer Dr. Kaiser mit diesen Worten:
Lieber Jürgen,
heute Abend blickst Du, blicken wir zurück auf 22 Jahre Pfarrdienst in der Französischen Kirche zu Berlin. Das ist eine lange Zeit. Nach neuen Maßstäben für eine Pfarrperson kaum noch zu erreichen. Dass das so ist, liegt an den Reform- und Strukturdebatten auf allen kirchlichen Ebenen, die sich mit dem Zeitraum Deines Dienstes in unserer Gemeinde, im Reformierten Kirchenkreis und im Evangelisch-Reformierten Moderamen decken. Dazu später noch einmal.
Mir will es so erscheinen, dass Dein Wirken in dieser Gemeinde mit der Entwicklung Deiner Familie einherschritt. Aufmacher Deines Rückblicks, der heute Abend hier ausliegt, ist eine Szene mit dem sechsjährigen Jost aus dem Umzug nach Berlin. Deine Familie fand in unserer Gemeinde weitere Familien mit Kindern ähnlichen Alters vor. Aus den Familienfreizeiten in Sternhagen ist eine stabile Gruppe von Kindern und ihren Eltern entstanden, die dieses Format lebten und ihre Kinder zur Konfirmation begleiteten. Daraus sind dauerhafte Bindungen, vielleicht Freundschaften entstanden. Manche dieser jungen Menschen hast Du bis in die jüngste Vergangenheit begleitet auf ihrem Weg in eine eigene Familie, eine weitere Zukunft.
Du warst und bist ein leidenschaftlicher Prediger. Das haben viele Menschen gespürt und es gibt nicht wenige, die gerade deshalb zu dieser Gemeinde gestoßen sind. Auch hier hat es in der Zeit Deines Dienstes Veränderungen gegeben, die Du im Vorwort zu dem Band Deiner Predigten hier am Gendarmenmarkt mit der Hinwendung zur Dramaturgischen Homiletik beschreibst, angestoßen durch ein Predigtcoaching am Wittenberger Zentrum für Predigtkultur bei Katrin Oxen. Dies war und ist ein Wechsel, der nicht immer und auch nicht allen gefällt. Es ist aber eine Antwort an die Menschen, die in der traditionellen Homiletik eher eine theologische Vorlesung oder einen akademischen Vortrag mit wenig seelischer Erbauung sahen. Und deshalb war es dem Consistoire ein Anliegen, den Predigtband zu initiieren.
Ausgehend von dieser Liebe zur Wortverkündigung hat unsere Gemeinde eine nicht unbedeutende Zahl von Predigtreihen unterschiedlicher Natur erlebt. Die verschiedenen Predigtreihen aufzuzählen, erspare ich uns, weil sie sich in Deinem Rückblick finden. Manche Reihe haben wir in kleinen Büchern herausgegeben, die auch heute Abend Zeugnis geben von diesen Impulsen über unsere Gemeinde hinaus.
Die letzte Predigtreihe aus Anlass des 50. Jahrestages der Mondlandung hatte einen steten Dreiklang Mondscheinsonate, Wortverkündigung, Matthias Claudius‘ „Der Mond ist aufgegangen“. Hier verbanden sich Deine Liebe zur Musik, zur Predigt und zum Kirchenlied. Diese Abendandachten waren unter dem abendlichen Sommerhimmel im Innenhof zwischen Kirche und Dom angesiedelt. Eine eindrückliche und berührende Erfahrung.
Gleiches gilt für die großen Veranstaltungen wie den Fernsehgottesdienst aus Anlass des 500. Geburtstages von Johannes Calvin am 12.07.2009 oder das Feierabendmahl beim DEKT 2017 mit der Aufstellung von zwei konzentrischen Ovalen in der ganzen Kirche.
Zuletzt war die Gemeinde im April 2024 Gastgeberin die Hauptversammlung des Reformierten Bundes mit dem Nachsinnen über reformierte Identitäten, die Du als Geistlicher Moderator im Juni 2024 für reformierte Pfarrpersonen unserer Landeskirche nachbereitet hast.
Was die Erinnerungsarbeit anbelangt, verbindet sich Dein Name und besonderes Engagement mit der Vorbereitung und Eröffnung der überarbeiteten, ja eigentlich neuen Dauerausstellung des Hugenottenmuseums im Oktober 2021. Unterstützt durch einen wissenschaftlichen Beirat, finanziert zum ganz überwiegenden Teil mit Lottomitteln ist eine museumspädagogisch zeitgemäße Ausstellung in einem im Grundriss schwierigen Gebäude entstanden und eine Sonderausstellungsfläche gewonnen worden, die schon einige beeindruckende Ausstellungen beherbergt hat.
Alles dies war möglich und ist in Szene gesetzt worden durch Dich, Tilman Hachfeld, Meike Waechter und Karl Friedrich Ulrichs, die Ältesten und unsere haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden und die Gemeinde als Ganzes.
Und das bringt mich zu den Veränderungen zurück, die ich eingangs im Großen angetippt habe, die auch das (Be-)Denken, Gestalten und Handeln aller Beteiligten in der Gemeinde und bei den Reformierten in dieser Landeskirche bestimmt haben. Wiederholende Debatten um Strukturen und an sich notwendige Veränderungen waren bis vor zwei Jahren gepaart mit einem Beharren auf einem reformierten Sonderstatus, obwohl andere dem Strukturwandel unterworfen waren. Das hat Kraft, Nerven und Zeit gekostet. Für alle: die Pfarrpersonen, die Presbyter und Ältesten, die Synodalen und Gemeindemitglieder. Hinzu kommt, dass reformierte Funktionsträger wie der oder die Vorsitzende des Reformierten Kreiskirchenrates oder der Geistliche Moderator oder die Geistliche Moderatorin ihre Arbeit zusätzlich zu ihrer Pfarrstelle ehrenamtlich versehen, anders als ihre landeskirchlichen Pendants auf den vergleichbaren Ebenen.
Hier kommt den Gemeindeleitungen eine besondere Fürsorgepflicht bei der Beobachtung und Bewältigung der daraus resultierenden Mehrbelastung zu. Dies höchstwahrscheinlich nicht rechtzeitig erkannt und thematisiert und nach Hilfe gesucht zu haben, müssen wir uns wechselseitig eingestehen. Allerdings nicht allein im Blick auf die Pfarrpersonen, sondern im gleichen Maß auch im Blick auf die Mitglieder der Gemeindeleitungen. Denn deren Zusammensetzung war und ist ebenfalls einem Wandel unterzogen. Die Gremien sind kleiner geworden, ohne dass die Aufgaben weniger wurden. Es sind mehr Berufstätige eingebunden als Pensionäre und Rentner.
In diesem Umfeld hat eine Personalfrage und die damit einhergegangene Verfahrensfrage einen Konflikt ausgelöst, den alle Beteiligten nur mit gutem Willen, besonderem Engagement, großer Geduld und externer Hilfe haben durchstehen können. Es war anstrengend und belastend. Hier danke ich vor allem dafür, dass das Gespräch niemals abgerissen ist. Danke also an Jürgen Kaiser, Daniel de Roche und Gudrun Laqueur. Ich danke Kilian Nauhaus, der es verstanden hat, die Rollen des Freundes und des Kirchenmusikers auseinanderzuhalten und doch Anregungen zu geben. Ich danke den vielen Predigern und Predigerinnen, die aus alter oder neuer Verbundenheit mit dieser Gemeinde unser Predigtteam verstärkt haben. Ich danke auch denen, die ungenannt bleiben sollen oder wollen, aber beide Seiten seelsorgerlich gestützt haben.
Besonders danken möchte ich Sabine Beuter, die als Ehefrau und Pfarrerin den Dienst von Jürgen Kaiser in all diesen Jahren begleitet und unterstützt hat, sei es als Predigerin in unseren Gottesdiensten und den Predigtreihen, sei es im Besonderen in den vergangenen Monaten.
Arbeit in und für eine Gemeinde ist – so legen es verschiedene Bibelstellen nahe – Dienst im Weinberg. Es gibt ein Weingut im Rheingau, dessen Rieslinglagen mit ihrem Namen die Gegenstände beschreiben, mit denen es ein Pfarrer zu tun bekommt. Hölle, Herrnberg und – doch immer ein – Kirchenstück. So soll ein Weinpräsent neben den Predigtband treten, mit dem sich Jürgen Kaiser und die Gemeinde wechselseitig beschenkt haben.
Gestern, heute und morgen gilt, was Paulus schreibt wissend, dass die Rechtfertigung durch Glauben und die Hoffnung auf die Gnade Gottes nicht immer unbeschwert daherkommen: Wir rühmen uns auch der Bedrängnis, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden: denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (Röm 5,3-5).
Diese Zuversicht hat uns in den vergangenen Monaten getragen und soll uns weiter tragen auf unseren Wegen.
Danke für Deinen Dienst in unserer Gemeinde und alles Gute und Gottes Segen auf dem neuen Weg in der Sterngemeinde Potsdam.
Christoph Landré