Predigt über 1. Petrusbrief 5,1-11, „Abschiedspredigt“
Pfarrer Dr. Jürgen Kaiser

Lange Zeit war alles gut. Es hätte ewig so weitergehen können. Doch plötzlich gab es da dieses Missverständnis, wie aus heiterem Himmel und mit einem Mal stand alles auf der Kippe. Dem Missverständnis folgten Versagen und Verweigerung, am Ende wurden aller Mut, alle Liebe und alle Freundschaft infrage gestellt. Es hätte dann auch ganz anders ausgehen können. Er muss einen guten Therapeuten gehabt haben. Sonst wäre er da nie heil herausgekommen. Ach, was heißt hier heil? Er lebt, er arbeitet, er tut seine Pflicht, er kann auch wieder lachen, aber die Seele hat Narben davongetragen und es braucht nicht viel, da reißen sie auf und bluten wieder. Wer so etwas erleben musste, hat eine wunde Seele. Jeder Hahnenschrei reißt die Wunden auf. Er hatte die Seelenverwundung seit jenem Tag, als ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Zurückweisung traf, mit der er nie gerechnet hat. „Geh weg von mir!“, hörte er ihn sagen. Petrus traute seinen Ohren nicht. War sprachlos, ging weg, versteckte sich. 

Sie waren auf dem Weg nach Norden, den Jordan entlang zu den Dörfern um Cäsarea-Philippi, sie unterhielten sich, hatten ein hoch interessantes Gespräch darüber, was die Leute eigentlich glauben, wer Jesus sei. Im Schülerkreis kamen mehrere Vorschläge, Johannes der Täufer, Elia, einer der Propheten. Dann wurde der Meister direkt und fragte, für wen sie, seine Schüler, ihn denn hielten. Da sagte Petrus: „Du bist der Messias“. Er fand das eine ziemlich gute Antwort, wunderte sich darum umso mehr, dass Jesus gar nicht darauf einging, sondern das Thema wechselte. Das machte er öfter. Er sprach plötzlich vom Leiden. Von seinem eigenen Leiden. Davon, dass er von den Ältesten verworfen werden würde. Und dass man ihn töten werde. Und dass er auferstehen würde. 

Seine erratischen Themenwechsel störten Petrus schon länger und statt, dass sie über seine Messias-These gesprochen hätten, sprach er jetzt über Leiden und Tod. 

Petrus fand das unerträglich. Er nahm seinen Mut zusammen und sagte es ihm. Nicht vor allen anderen, er nahm Jesus beiseite und machte ihm Vorwürfe. Und dann dreht Jesus sich um und sagt laut vor allen anderen, ja schreit es fast: „Geh weg von mir!“ und wird auch noch unverschämt und nennt ihn Satan. (Nach Markus 8,27-33)

Da zerbrach etwas. 

***

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

ich hätte ja heute gern über einen Text gepredigt, der ein schöner Text ist und uns auch ein bisschen wegführt von all dem, was uns herführt, mich und euch. Ein Text, der uns zeigt, dass es mehr gibt und Wichtigeres als Ärger und Abschied. Ein Text meinetwegen über die Blumen auf dem Feld oder die Vögel unter dem Himmel, was leicht Spätsommerliches also, bei dem ich mir hinterher keine Sorgen machen muss, dass ich was Falsches gesagt habe. 

Aber das geht nicht. Denn da drängt sich der Text auf, der heute dran ist und der mir das Ausweichen auf das neutrale Feld der Wald- und Wiesentheologie verwehrt. 

Bevor ich mir den Predigttext für heute angeschaut habe, habe ich gedacht: du darfst dann nicht den Fehler machen, nur die Ältesten anzupredigen und die Abschiedspredigt für eine finale Abrechnung zu missbrauchen, das wäre nicht fair. Dann guck ich, welcher Text heute dran ist, schlage den ersten Petrusbrief auf, schaue den Kontext an und lese folgendes:

Jetzt noch ⸂ein Wort⸃ an die Gemeindeältesten unter euch. Ich bin ja selbst ein Ältester und bin ein Zeuge der Leiden, die Christus auf sich genommen hat, habe aber auch Anteil an der Herrlichkeit, die ⸂bei seiner Wiederkunft⸃ sichtbar werden wird. 

Es ist mit der Ordnung der Predigttexte wie mit den Losungen. Man erwartet gar nicht, dass sie auf Tag und Situation passen. Wenn sie’s aber mal doch tun, muss man in seiner Verwunderung achtgeben, nicht abergläubig zu werden. Aber, man könnte ja auch gläubig werden. So wollen wir es heute halten, versuchen, damit gläubig zu werden, mal wieder. 

***

Jetzt noch ⸂ein Wort⸃ an die Gemeindeältesten unter euch. Ich bin ja selbst ein Ältester und bin ein Zeuge der Leiden. Ja, so war es: Ich war euer Mitältester und gelitten habe ich auch. Und ihr auch. Wir haben aneinander gelitten und tun es vielleicht immer noch. 

***

Das Leiden erträglich zu machen, das ist das Anliegen dieses ersten Petrusbriefes. Keine Schrift des Neuen Testaments schreibt so viel übers Leiden, wie der erste Petrusbrief. Die, die Jesus nachfolgen, werden leiden, darauf sollen sie sich einstellen und gefasst machen. Wir lesen in diesem Brief: Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen (1.Petr 2,21)

Wer Christus nachfolgt, wird leiden. Wie können wir das ertragen? Erträglich werde das Leiden mit dem Blick auf Christus, der auch gelitten hat. Dieser Blick könne Leiden aushaltbar machen, meint der, der diesen Brief geschrieben hat. 

Das kann nicht Petrus gewesen sein. Der erste Petrusbrief ist nicht von Petrus. Denn das Leiden, das der Autor im Blick hat, kommt von den Römern, die die Christen diskriminieren. Zwar noch keine staatlich angeordnete Christenverfolgung, wohl aber bereits spürbare Benachteiligungen und Schikanen in Kleinasien, wohin der Brief ging und auf die er an einer Stelle Bezug nimmt. Das gab es erst Ende des 1. Jahrhunderts. So lange kann Petrus gar nicht gelebt haben.

Da schreibt also einer einen Brief an von Diskriminierung bedrängte Christen in Kleinasien, um sie zum Durchhalten zu ermutigen, und beruft sich dabei auf Petrus als Autorität. Ausgerechnet auf Petrus. Diesen Jünger und Freund, der sich von Anfang an hervorgetan hat als Wortführer und Oberbekenner, der als erster zu Jesus gesagt hat: Du bist der Messias, du bist der Christus, der dann aber nicht wahrhaben wollte, was das bedeutet, der vom Leiden des Christus nichts wissen wollte, es nicht mit dem Messias und Christus zusammenbringen wollte und dann seinen Freund im Stich ließ, als das angesagte Leiden ernst machte und bittere Wirklichkeit werden wollte. Ausgerechnet Petrus, der in seiner Mitleidensunwilligkeit den Freund verleugnete und ihn dann alleine sterben ließ. Dieser Petrus also soll später zum verbrieften Kronzeugen der Leiden werden und anderen weißmachen können, dass Leiden dazugehört? Was nur hat diesen Briefeschreiber geritten, sich auf Petrus zu berufen, ausgerechnet auf Petrus? Sollte da am Ende aus einem Leidensverweigerer ein Leidensexperte geworden sein? 

***

Liebe Mitälteste, auch wir haben gelitten. Am Ende jedenfalls. Ihr an mir und ich an euch. Sind das Prüfungen in der Nachfolge? Und bestehen wir diese Prüfungen mit Blick auf Christus, der auch gelitten hat?

Auf solche Gedanken kommen wir zunächst gar nicht. Erst einmal fallen uns Supervision, Mediation, Gemeindeberatung und Therapie ein. Aber dass wir mit dem uns gegenseitig zugefügten Leiden Zeuge der Leiden Christi und damit geadelt und sogar geheilt werden, das fällt uns erstmal nicht ein. Es ist ja auch ein ganz und gar unzeitgemäßer und fremder Gedanke. 

Zeuge der Leiden Christi. In einer reformierten Kirche ist es besonders schwer, Zeuge der Leiden Christi zu werden. Augenzeuge seiner Leiden kann man hier definitiv nicht werden. Wo – bitte schön – kann man hier das Leiden Christi sehen? In katholischen und lutherischen Kirchen hat man es allenthalben vor Augen. Und manchmal hilft das. Dir geht es nicht gut, du kommst in die Kirche, du siehst den leidenden Jesus am Kreuz und sagst dir: Na, so schlimm ist es mit mir jetzt auch wieder nicht. Das funktioniert. Als es mir vor Ostern gar nicht gut ging – Passionszeit eben, mein Arzt nannte die Passionszeit episodäre Depression – in dieser Episode also erzählte mir eine Bekannte von ihrem Mann, der unter heftigen Depressionen litt, aber ganz heftigen! Da ging es mir sofort besser. Na, so schlimm ist es mit mir nun doch nicht. 

So funktioniert das mit dem stellvertretenden Leiden auch, ich ahne, da steckt noch mehr dahinter, aber für den Anfang ist das auch schon mal was. 

Doch wir Reformierten haben den leidenden Christus nicht vor Augen, so dass wir uns sagen könnten: Na, so schlimm ist es mit uns nun doch nicht. 

***

Petrus war offenbar auch reformiert – zunächst. Er wollte das Leiden seines Messias auch nicht vor Augen haben. 

Einige Zeit gingen sie noch miteinander. Den Jordan rauf und runter, dann hoch nach Jerusalem. Dort feierten sie noch Pessach zusammen, dann ließ Petrus ihn allein. Das Leiden nahm ohne ihn seinen Lauf und als es vorbei war, kehrte er an seinen See zurück. Aber das umgangene Leiden war nicht weg. Petrus war traurig. Immer, wenn ein Hahn krähte, hatte er einen Rückfall und ihr glaubt ja nicht, wie oft die Hähne am See krähen. Er musste weit auf den See hinausfahren, um sie nicht mehr zu hören. 

Dort findet ihn sein Therapeut, der Auferstandene, mitten auf dem See im Trüben fischen. 

Er ruft ihn herbei und fragt ihn: „Hast du mich lieb?“ Petrus weicht aus: „Das weißt du doch!“ Nochmal fragt Jesus: „Hast du mich lieb?“ Da Petrus immer noch kein einfaches „Ja“ über die Lippen bringt, noch ein drittes Mal. „Hast du mich lieb?“ Da wurde Petrus traurig. (Nach Joh 21,15-19)

***

Es ist dem therapierenden Auferstandenen nicht gelungen, die gekränkte Liebe des Petrus zu einem ungetrübten Ja zu heilen. Die Flecken auf der Seele werfen ihre Schatten bis ins Licht der Ostersonne. Nichts geht einfach weg. Die Zeit heilt die Wunden, aber die Narben bleiben. 

Doch obwohl das so schwierig ist mit der Liebe bei Petrus und bei uns allen, obwohl das so heikel ist und bleibt, traut Jesus dem Petrus und uns seine Herde an: „Weide meine Schafe!“ Den pastoralen Auftrag erhalten Menschen mit ihren gekränkten Liebes- und verqueren Glaubensgeschichten. Komplizierte Wesen, die selbst kein einfachen Ja über die Lippen bringen, sollen andere weiden und zur authentischen Liebe und zum einfachen Ja animieren. Die Hirten sind auch nur Menschen und in den entscheidenden Momenten versagen wir. Und trotzdem sollen wir die anderen weiden. 

***

Irgendwann muss Petrus die trübe Fischerei aufgegeben haben und nach Rom gegangen sein. Hat vielleicht doch noch schreiben gelernt, Briefe in Griechisch. Und hat sich darin am Leiden abgearbeitet, am Leiden, unter dem er gelitten hat, weil er sich ihm zu entziehen versuchte. 

Klar ist der Erste Petrusbrief von Petrus. Vielleicht nicht vom ersten Petrus, sondern vom zweiten oder dritten oder vierten. Petrus hat viele Nachfolger. Nachfolger Petri sind alle, die sich mit der Nachfolge Christi schwertun und mit dem Leiden, das damit verbunden ist. Und wer tut sich nicht schwer damit? 

Früher oder später schreiben wir alle unseren ersten Petrusbrief, weil wir eingesehen haben: Leben ist ohne Leiden nicht zu haben. Aber wir kommen da durch und wir reifen. Und auch Liebe ist ohne Leiden nicht zu haben. Darum wird die echte Liebe auch die leidenschaftliche genannt. Und wahre Freundschaft wird durch Sympathie, durch Mitleidenschaft. Und aus Sympathie wird Empathie. Und so werden wir zu Menschen, die leiden können und darum auch weiden können, Hirtenmenschen, Pastoren und Pastorinnen, Älteste und Mitälteste. Nur wer leiden kann, kann weiden. Ist das die pastoraltheologische Quintessenz des Petrus? Dann, liebe Älteste, wäre wir ein Stück weiter und ein Stück kompetenter. 

***

So, jetzt, liebe Gemeinde, sind wir endlich so weit, dass ich den Predigttext für heute vorlesen kann. Bisweilen braucht es einen längeren Anlauf. Er richtet sich tatsächlich in besonderem Maß an die Ältesten.

Und für euch alle gilt: Geht zuvorkommend miteinander um; kleidet euch in Bescheidenheit! Nicht umsonst heißt es in der Schrift: »Den Hochmütigen stellt sich Gott entgegen, aber wer gering von sich denkt, den lässt er seine Gnade erfahren.«

Beugt euch also unter die starke Hand Gottes; dann wird er euch erhöhen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Und legt alle eure Sorgen bei ihm ab, denn er sorgt für euch.

Seid besonnen, seid wachsam! Euer Feind, der Teufel, streift umher wie ein brüllender Löwe, immer auf der Suche nach einem ⸂Opfer⸃, das er verschlingen kann. Widersteht ihm, indem ihr unbeirrt am Glauben festhaltet; ihr wisst ja, dass die Leiden, die ihr durchmacht, genauso auch euren Geschwistern in der ganzen Welt auferlegt sind.

Der Gott aber, der euch seine Gnade auf jede erdenkliche Weise erfahren lässt und der euch durch Jesus Christus dazu berufen hat, an seiner ewigen Herrlichkeit teilzuhaben, auch wenn ihr jetzt für eine kurze Zeit leiden müsst – dieser Gott wird euch mit allem versehen, was ihr nötig habt; er wird euch ⸂im Glauben⸃ stärken, euch Kraft verleihen und eure Füße auf festen Boden stellen. Ihm gehört die Macht für immer und ewig. Amen. (NGÜ)

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen und deshalb steht da ja schon ein Amen. Also: Amen.