Und in fernen Tagen wird der Berg des Hauses des HERRN fest gegründet sein, der höchste Gipfel der Berge, und er wird sich erheben über die Hügel.
Und Völker werden zu ihm strömen, 2 und viele Nationen werden hingehen und sagen: Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN, zum Haus des Gottes Jakobs, damit er uns in seinen Wegen unterweise und wir auf seinen Pfaden gehen. Denn vom Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem. 3 Und er wird für Recht sorgen zwischen vielen Völkern und mächtigen Nationen Recht sprechen, bis in die Ferne.
Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Sie werden das Schwert nicht erheben, keine Nation gegen eine andere, und das Kriegshandwerk werden sie nicht mehr lernen. 4 Und ein jeder wird unter seinem Weinstock sitzen und unter seinem Feigenbaum, und da wird keiner sein, der sie aufschreckt, denn der Mund des HERRN der Heerscharen hat gesprochen!
5 Denn alle Völker gehen, ein jedes, im Namen des eigenen Gottes, wir aber, wir gehen im Namen des HERRN, unseres Gottes, für immer und alle Zeit! (Micha 4,1-5)
Liebe Gemeinde,
Ich vermute, Ihnen allen wird beim Hören dieser Worte ein Bild in den Sinn kommen, der Schmied, der mit starken Armen den Hammer schwingt, und eine Schwertspitze verwandelt sich in eine Pflugschale. Die Skulptur schenkte die Sowjetunion 1959 den Vereinten Nationen. Gemacht hat sie der russisch-ukrainische Künstler Evgenij Viktorovič Vučetič. Er hat auch das Ehrenmal im Treptower Park geschaffen. Ein Muskelmann zertritt das Hakenkreuz und hält ein Kind in seinen Armen
Schwerter zu Pflugscharen - 1980 nahm es die kirchliche Jugendarbeit der DDR auf. Die 120.000 Aufnäher, die der sächsische Landesjugendpfarrer Harald in der Herrnhuther Druckerei nähen ließ, wurden berühmt – und sind bis heute das Symbol der Ökumenischen Friedensdekade – auch wenn es in der DDR seit 1981 verboten war, ließ sich der Gedanke an die Verheißung nicht auslöschen. Gerne würde ich sie und euch jetzt fragen? Welche Erinnerungen ruft das Symbol bei Ihnen, bei euch wach?
35 Jahre gibt es die Dekade nun. 35 Jahre, Wende, Wiedervereinigung, Aussetzung des Wehrdienstes, Krieg in Europa, Zeitenwende und nun Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Die langdauernden Kriege und Bürgerkriege, die ich jetzt gar nicht aufzählen kann.
In fernen Tagen – so beginnt Michas Prophetenwort. Fern ist der Gedanke, die Kriegs- und Verteidigungsministerien der Welt könnten aufgelöst, die Rüstungsproduktion würde eingestellt. Im Gegenteil – die Frage stellen müssen, ist Bedrohung ein Gefühl, wie real ist sie? Und was müssen wir tun? Und was kann uns Micha in jetzt lehren?
Als ich mir die Materialien für die diesjährige Friedensdekade angeschaut habe, bin ich nicht schlau geworden. Da ist ein Motto „Komm den Frieden wecken“ – Das ist ein Plakat. eine Taube fliegt auf aus einem Megaphon umhüllt von einer bunten Konfetti-Wolke. Das Motto erklingt als Song auf die Melodie „Go tell it on the mountains“. Als könnte man mal so eben auf „Zerstörung“, „Angst und bange“ und „Sterben“ tanzen wie auf einer Melodie.
Professionell gemachte kirchliche Friedensfolklore. Haben wir wirklich nicht mehr, nichts Tiefergehendes, zu sagen?
Das alte Logo vom Schmieden ist zu einer kleinen Vignette geschrumpft. Da wussten Vucetic und Bretschneider wussten es besser – Frieden schaffen ist harte Arbeit, Knochenarbeit, die Muskelmänner des Sozialistischen Realismus sind der Wahrheit vielleicht näher, als eine so leichtfüßige Friedensfolklore.
Gehen wir an einen anderen Ort in Berlin um zu etwas von Micha zu lernen:
Suchen wir Micha in der Synagoge Rykestraße, die in der Pogromnacht nicht angezündet wurde, aus Rücksicht nicht auf Juden, sondern auf die Nachbarhäuser. Sie hat den Krieg schwer beschädigt überdauert.
Und wir finden Micha – ein anderes Wort aus der Verheißung:
Denn vom Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem. Gestickt auf dem Vorhang vor dem Toraschrein.
Frieden ist Knochenarbeit – sagt der sozialistische Muskelmann – Frieden ist harte Arbeit sagt auch Micha am Thoraschrein der Synagoge in der Rykestraße. Frieden beginnt im Kopf, Frieden ist Lernen. Frieden beginnt mit dem Fragen nach dem Willen des Gottes Israels.
Micha entwirft ein machtvolles Bild: Da kommen die Völker zusammen in Strömen - wie große Flüsse. Sie wollen die Wege des Gottes Israels lernen, sie wollen die Pfade gehen die vor ihnen das Volk Israel schon getreten hat – Sie wollen sich leiten lassen, sie wollen, dass Gott im Obersten internationalen Gerichtshof sitzt und Recht spricht. Dann so haben sie die Idee, dann werden wir die Schwerter umschmieden und die Panzer einmotten und jeder zu Haus ohne Furcht in seiner Weinlaube oder unter seinem Birnbaum sitzen
Der Schmied vor dem Haus der Vereinten Nationen sagt auch, Frieden ist die gemeinsame Anstrengung der Völker, die zusammenkommen ihre Streitigkeiten auszutragen mit Worten und Abstimmungen und Verhandlungen.
In den gut 75 Jahren seit Bestehen der Vereinten hat sich Ernüchterung breitgemacht. Ja die Völker strömen zusammen, ja sie halten Versammlungen. Und gleichzeitig sehen wir, sie bleiben jedes und alle bei ihren eigenen Göttern, ihren Ideologien, ihren wirtschaftlichen Interessen, die oft nicht einmal die nationalen Interessen sind, sondern die Interessen weniger in Schlüsselpositionen. Ja die Menschenrechte selbst, einmal gedacht als heilig-säkulares Fundament, sind längst im Werkzeugkasten globaler Machtpolitik gelandet.
Könnten wir Micha fragen, was den Zustand der Internationalen Organisation so bedauernswert macht, würde er wohl sagen, sie fragen zu wenig nach dem was größer ist als sie selbst. Sie fragen zu wenig danach, was Völkergemeinschaft überhaupt erst schafft.
Und Micha erhebt einen kühnen Anspruch: die Weisung des Gottes Israels könnte vereinen. Aber Micha denkt sich das nicht als eine Anordnung einer überlegenen Weltmacht über andere, sondern als frei gewählter Weg, den Völker gehen könnten, wenn sie es denn wollten.
Micha hat dies nicht in einer Position der Stärke geschrieben. Nicht in einer überlegenen Weltmacht, die Israel nie war. Er schreibt es für Israel – in der Minderheit – in Babylon, unter vielen mächtigeren Völkern, Religionen, Kulturen sagt, Die Völker mögen jedes ihrem Gott folgen, wir folgen dem Gott dessen Name über alle Namen ist. Wir Israel folgen dem, der die ferne Verheißung gegeben hat, wann immer sie kommen mag. Und wir beten und hoffen: Es wird der Tag kommen. Kein Machtanspruch – ein Ruf zur Geduld, zur nüchtern beharrlichen Hoffnung auf Gott, die Quelle und Mündung aller Verheißung.
Frieden ist Lernen, es ist ein Prozess, der nicht endet. Frieden heißt Fehler machen und scheitern und wieder anfangen. Die Suche nach dem Dritten, das größer ist. Und ich denke es Frieden heißt auch: Sich hüten vor der Geringschätzung und Verachtung der Mühen zwischen Staaten und Völkern und Gruppen und Interessen. Ja die derzeitigen Multinationalen Institutionen sind in keinem guten Zustand. Aber wir haben nicht viel anderes. Sarkasmus ist so wenig wahrhaftig und hilft dem Frieden so wenig wie die routinierte Friedensfolklore.
Ich möchte ihnen ein paar Sätze aus einer Rede vorlesen, die Amoz Oz 1992 gehalten hat, als er der Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt:
„Ich glaube nicht an die Möglichkeit eines perfekten Friedens … Ich arbeite vielmehr für einen kläglichen, nüchternen, unvollkommenen Kompromiss zwischen einzelnen Menschen und Gemeinschaften, die immer getrennt und unterschiedlich sein werden, die aber gleichwohl fähig sind, ein unvollkommenes Miteinander herbeizuführen. Vollkommen ist allein der Tod. Der frieden ist, wie das Leben selbst. kein Ausbruch der Liebe, keine mystische Kommunion unter Feinde. Frieden ist nicht mehr und nicht weniger als ein halbwegs gerechter und leidlich vernünftiger Kompromiss zwischen Feinden.“
Hören wir vor diesen Sätzen darauf, wie Jesus argumentiert, als er nach dem gerechten Frieden, nach dem Kommen des Reiches Gottes, gefragt wird. Er spricht dialektisch: einerseits sagt er:“ Es ist mitten unter euch“. Es ist eurer Hand, sucht es, setzt euch dafür ein, sucht seine Spuren in jedem kläglichen nüchternen unvollkommenen Kompromiss, in jedem Gesprächsversuch zwischen verfeindeten oder zerstrittenen Menschen oder Gruppen. Einerseits.
Andererseits. Lasst den Anspruch, den vollkommenen Frieden zu schaffen. Gebt ihn ganz und gar aus der Hand. Gebt ihn in die Hand Gottes. Und Jesus benutzt dafür ein Bild, dass auch in unseren naturwissenschaftlichen noch trägt. Den Blitz. Unsere superschnellen Kameraaugen können heute Blitze fotografieren. Festhalten können sie sie nicht. Meteorologen können Blitzintensitäten prognostizieren, ihr wo und wie Ihre Gestalt und Richtung ist nicht vorhersagbar. Aufleuchtende Schönheiten - sind sie verschwunden, so schnell wie sie kamen. Und doch kommen sie – so sicher wie das Gewitter selbst.
Überfordert euch nicht, sagt Jesus – lebt das „mitten unter euch“, den meist mühsamen, manchmal armen, zerbrechlichen Frieden zwischen „uns“ und „denen da“, zwischen dir und mir.
Amen