Da kam Jesus nach Jericho und zog durch die Stadt. Da war ein Mann, der hieß Zachäus; der war Steuerpächter und sehr reich. Und er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus sei, konnte es aber wegen des Gedränges nicht, denn er war klein von Gestalt. So lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn sehen zu können; denn dort sollte er vorbeikommen. Als Jesus an die Stelle kam, schaute er nach oben und sagte zu ihm: Zachäus, schnell, komm herunter, denn heute muss ich in deinem Haus einkehren. Und der kam eilends herunter und nahm ihn voller Freude auf. Und alle, die es sahen, murrten und sagten: Bei einem sündigen Mann ist er eingekehrt, um Rast zu machen. Zachäus aber trat vor den Herrn und sagte: Hier, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, Herr, und wenn ich von jemandem etwas erpresst habe, will ich es vierfach zurückgeben. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Zachäus. Sein Name ist die lateinische Form von „Sakkai“ und bedeutet so etwas wie „der Gerechtgesprochene“. Dann wäre der Name allein schon Programm für unsere Geschichte. „Zöllner“ ist in unseren Übersetzungen üblicherweise seine Berufsbezeichnung. Obwohl das den Sachverhalt wohl nicht wirklich trifft. Sakkai alias Zachäus war ein „publicanus“, ein Steuerpächter. Das Römische Reich hatte sich in relativ kurzer Zeit sehr weit ausgedehnt und hatte weitere Ambitionen nach Osten; der Finanzbedarf für die Legionen war enorm. Zahlen sollten dafür die neuen Provinzen durch Steuern. Aber den Aufbau eines eigenen Verwaltungsapparates wollte man sich gern sparen, und den direkten Ärger zwischen römischen Steuerbeamten und den Einwohnern des unterworfenen Landes auch. So wurde die Steuererhebung durch ‚outsorcing‘ organisiert. Praktisch bedeutet dies: sie wurde an Steuerpächter vergeben, gegen erhebliche Kautionen oder Bürgschaften, öfters auch meistbietend versteigert (wie seinerzeit unter dem klammen Finanzminister Hans Eichel die Mobilfunkfrequenzen).
Zachäus muss also schon sehr wohlhabend gewesen sein, um überhaupt Steuerpächter zu werden. Ist er damit auch ein „böser reicher Mann“, wie eins unserer Lieder im Evangelischen Gesangbuch singt? Werfen wir einen Blick auf einen Briefwechsel aus früheren glückseligen Zeiten der Makkabäer in Judäa unter dem Seleukidenkönigen. Da lesen wir:
„König Demetrius entbietet dem Hohenpriester Simon, dem Freund des Königs, und den Ältesten und dem jüdischen Volk seinen Gruß. Die goldene Krone samt dem Palmzweig, die ihr geschickt habt, haben wir empfangen und sind bereit, einen dauernden Frieden mit euch zu schließen und den Amtleuten zu schreiben, dass sie euch die Lasten erleichtern. Die Kranzsteuer und die anderen Abgaben, die Jerusalem bezahlen musste, erlassen wir euch.“ (1. Makkabäer13,35-37)
Selige Zeiten, als sich der Seleukidenkönig Demetrius II. die Anerkennung seiner Oberhoheit durch Krone und Palmzweig so großzügig mit Steuererlass belohnte! Nun war sein Thron in Antiochia auch durchaus weniger sicher als 100 Jahre später der Cäsarenthron in Rom. Die Römer jedenfalls sahen keinerlei Grund für Kulanz. Neben umfangreichen Landenteignungen in den Provinzen für die Pensionen ihrer Offiziere beanspruchten sie über die Reichssteuer und die zusätzliche judäische Kopfsteuer etwa 18% des Einkommens jedes Untertanen. Und sie erwarteten diese Steuer zuverlässig, ohne Rücksicht auf Dürreperioden und andere Krisen. Gegebenenfalls hielten sie sich schadlos an den Kautionen der Steuerpächter.
Zachäus alias Sakkai ist also nicht einfach ein korrupter Zollbeamter, der sein Gehalt aufbessert. Der Jude Zachäus ist ein Geschäftsmann, der sein Geschäft macht zwischen den römischen Lokalgouverneuren, die pünktliche Zahlungen erwarten und den jüdischen Steuerschuldnern, und der jüdischen Selbstverwaltung, die sich sicher in Härtefällen an ihn wendet, wenn ein verarmter Bauer und oder Händler nicht mehr ein noch aus weiß, wegen der hohen römischen Steuern - und den Zehnten für die Armen und die Tempelgroschen nicht mehr entrichten kann.
Wie agiert ein Geschäftsmann in so einer Gemengelage? Skrupellos? Schwankend - mal so mal so? Schließlich muss man selbst ja auch seinen Schnitt machen… Ab und zu stiller Held, dann wieder knallhart? In so einer Position kann einer eigentlich nur höchst unbeliebt werden - als Repräsentant und Profiteur des römischen Steuersystems.
Könnte es sein, dass Zachäus alias Sakkai, manchmal heraus möchte aus den Mühlrädern seines Geschäfts, das er sich selbst aufgebaut hat? Aus der Einsamkeit seiner Position?
Das Evangelium schreibt: Als der Wanderlehrer Jesus nach Jericho kommt, will, Zachäus unbedingt sehen, wer das ist. „Unbedingt“ - da ist also mehr als Neugierde, da ist ein innerer Antrieb: Kommt da einer, der mit einem reden würde? Zu dem man vielleicht gehen könnte, diskret, sich zu bereden? Vielleicht geht es Zachäus ähnlich wie jenem Ratsherrn Nikodemus, von dem Johannes erzählt. Der diskret, im Schutz der Nacht, das Gespräch mit Jesus suchte. Würde Jesus bereit sein zum Gespräch mit Sakkai alias Zachäus? Oder fürchtet sich Jesus auch vor dem Prinzip ‚Kontaktschuld‘? ‚Sag mir, mit wem du sprichst und ich sage nicht nur dir sondern auch allen anderen, wer du bist‘. Damit dann alle wissen und sagen: ‚Bei einem Sünder ist er eingekehrt‘.
Sie kennen die humorvolle Seite der Geschichte. Zachäus, klein an Wuchs, läuft ein ganzes Stück voraus, wo er unbemerkt in einen Maulbeerfeigenbaum klettern kann, dieser Baum ist besonders gut zum Verstecken, mit seiner niedrigen Krone und buschigem Astwerk. Sie kennen auch den Fortgang der Geschichte:
Jesus, lädt sich selbst ein bei Zachäus, Zachäus läuft nach Hause, lässt ein ordentliches Gastmahl bereiten. Was die beiden reden, erfahren wir nicht. Aber noch am Abend der fröhlichen Feier erklärt Zachäus, dass er in seinem alten Leben ein neues Leben anfangen wird. Er will ein Wohltäter der Armen werden, und reichlich entschädigen, wem er die Steuern abgepresst hat. So wird Zachäus an diesem Abend wirklich zu Sakkai “ein Gerechtgesprochener“. Und das hat damit zu tun, dass zwei angefangen haben zu sprechen.
Jesus sagt: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren“ – er ist ein Sohn Abrahams“. Zu wem sagt Jesus das? Nicht zu Zachäus, der hat ja verstanden. Jesus spricht von Zachäus - zu denen, deren Urteil schon fertig war. Und er spricht zu uns. Und das wollen wir ja auch hören. Sonst wären wir ja gar nicht hier.
Ein Haus wird heil - heute
Jesus redet nicht abstrakt, es geht um heute, und um dieses eine Haus, das Haus des Sakkai. Jesus ist konkret, nah am konkreten Menschen und seiner Situation. Er erwartet übrigens von Zachäus nicht, dass er seinen Job wegwirft. Den Satz Th. W. Adornos „Es gibt kein richtiges Leben im falschen" würde Jesus wohl nicht sagen. Schon gar nicht würde Jesus sagen, was aus Adornos Satz gemacht wurde. „richtiges Leben gibt es erst nach der Revolution“.
Menschen leben in Lebenszusammenhängen, die sich falsch anfühlen. Menschen stecken in Dilemmas, in denen es nicht einfach richtig und falsch gibt. Manchmal nicht einmal zwischen gut und weniger gut, höchstens zwischen schlecht und weniger schlecht. Es gibt vielleicht überhaupt nur falsches Leben – und gleichzeitig die Chance, die Verheißung, darin dennoch ein bisschen was richtig zu machen.
Die Sehnsucht nach der moralisch reinen Position ist verständlich – aber sie ist immer in der Gefahr, zur reinen Selbstgewissheit zu werden, die dem eigenen Wohlgefühl hilft, weniger dem Gegenüber, und am wenigsten dem in den letzten Wochen so viel beschworenen Zusammenhalt.
Kinder Abrahams und Kinder Gottes
„Dieser ist ein Sohn Abrahams“ - Zachäus wird gerecht gesprochen, nicht nur als Einzelner für sich. Er wird wieder integriert. In die Gemeinschaft der Kinder Abrahams. In der die guten Kinder Abrahms den Zachäus, den „bösen reichen Mann“ als Sohn und Mitkind abgeschrieben hatten. Die es sich dann bequem machen wollten in ihrer Empörung.
Ich denke Sie kennen das auch: Wenn Gespräche im privaten Kreis schwierig werden, gibt zum Glück immer Donald Trump, über den man sich gemeinsam aufregen kann - oder den tennisspielenden Regierenden Bürgermeister.
Die Gemeinschaft, der Zusammenhalt wird viel beschworen. Aber gilt er, wenn es darauf ankommt, wirklich auch denen, die nicht in meiner Bubble sind?
Ich habe mich gefragt, wann ich selbst einmal mit jemandem gesprochen habe, der so wirklich und gar nicht meiner Meinung ist? Neulich, nicht ganz freiwillig – im Zug von Berlin nach Dortmund. Im vollen Bistro. Das fing harmlos an, und dann wurde es so richtig schwierig. Von der Familie und dem kleinen Betrieb in Beeskow über die Sozialämter und Corona und Brüssel zu den ganz finsteren Verschwörungsgedanken. Zum Glück kam irgendwann die Durchsage. „Hannover Hauptbahnhof“. Was verband mich mit meinem anstrengenden Mitreisenden? Dass wir uns gegenseitig eine gute Reise gewünscht haben. Nicht viel, oder doch?
Jesus erinnert seine jüdischen Zeitgenossen an die Gemeinschaft, zu der sie alle gehören, weil sie hineingeboren sind. „Kinder Abrahams“. Kinder der Verheißung, Kinder des Segens. Deshalb sollen sie keinen verloren geben.
Das Bild „Kinder Abrahams“ werden wir wohl eher nicht benutzen, zu wenige werden es noch verstehen, wir verstehen es ja selbst kaum. Mit „Kinder Gottes“ könnten wir es aber vielleicht ab und zu versuchen. Weil es etwas Anderes hat als das gern gesagte, „Wir sind doch alle Menschen“. Im Reden von „Menschlichkeit“ liegt oft ein Anspruch, der definiert werden will, und das kann so und anders geschehen. Und schnell sind dieselben Gräben wieder offen, die wir eigentlich überwinden wollten.
„Kinder Gottes“ hält eine Erinnerung bereit. Die Erinnerung an das, was ich mir selbst nicht gegeben habe, nicht geben kann: Leben, Güte, Vergebung, Versöhnung – diese Erinnerung stiftet ein Zusammenhalt vor Gott, vor dem ich stehe – mit meinem bisschen richtigem Leben im falschen. Und Gerechtgesprochen trotz meines falschen Lebens - genau wie der Mensch, dessen Denken und Handeln ich vielleicht mit guten Gründen ganz und gar ablehne.
Liebe Freiwillige der Aktion Sühnezeichen. Sie werden im kommenden Jahr in den USA in Frankreich in der Tschechischen Republik leben. Sie verlassen Ihre Bubble und riskieren die Begegnungen mit ganz anderen Leuten, traumatisierten Menschen, schrägen Typen, tollen Menschen und unangenehmen Zeitgenossen. Wir sagen Ihnen danke dafür, dass Sie das tun.
Wir wünschen Ihnen, dass Sie offenbleiben können, das Verstehenwollen nicht aufgeben, auch da wo es kontrovers, unverständlich wird. Und wir wünschen Ihnen, dass Sie selbst Offenheit erleben in ihren Projekten und Ländern, und dass Menschen Ihnen mit Neugier und Verstehenwollen begegnen. Dass es ein gutes Jahr für Sie wird.
Amen.