„Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ (Röm 12,18)
Liebe Gemeinde,
liebe Nachbarn hier am Gendarmenmarkt,
chers sœurs et frères,
ein Festtag ist ein Freudentag. Beim Refugefest feiern wir die Erinnerung daran, dass einst eine Gruppe von Christinnen und Christen, die wegen ihres Bekenntnisses verfolgt wurden, Aufnahme fand – nicht nur Unterkunft, sondern Schutz, neue Heimat, neue Perspektiven und vor allem endlich: Glaubensfreiheit!
Die Französische Friedrichstadtkirche ist im guten Sinne ein Denkmal: „Denk mal an die Anfänge, die zu unserer Geschichte und Identität gehören!“ „Denk mal darüber nach, was diese Anfänge uns für unser Leben, unsere Gesellschaft heute lehren!“
Denn natürlich erinnert uns aus der Geschichte vieles an die Gegenwart: Auch heute flüchten Menschen zu uns, suchen Sicherheit, Würde, Heimat, Zukunft. Und wieder fordert dies uns heraus – als Gesellschaft, als Kirche, als Einzelne. Das Refugefest ist deshalb mehr als eine historische Reminiszenz. Es ist ein Anlass, zu fragen, wie sich aus dem historischen Beispiel für Toleranz heute eine Kultur der gestalteten Vielfalt entwickeln lässt – und was das mit unserem christlichen Glauben zu tun hat.
Manche mögen einwenden: Lässt sich das überhaupt vergleichen? – Ja, vergleichen schon, wenn wir es nicht gleichsetzen. Geschichte wiederholt sich nicht. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“, sagte Heraklit. Wasser und Strömungen ändern sich.
Aber die Muster menschlichen Verhaltens bleiben erstaunlich konstant. Mut und Angst, Großzügigkeit und Neid, Vertrauen und Misstrauen – sie durchziehen die Jahrhunderte. Natürlich gibt es gesellschaftlichen Fortschritt. Aber Sigmund Freud wie auch Fritz Bauer haben uns daran erinnert, dass der Firnis der Zivilisation dünn ist, die Decke schnell weggezogen werden kann. Gesellschaften lernen nur mühsam aus ihrer Geschichte.
Das mag deprimieren. Wo könnte die Menschheit heute stehen, wenn sie keinen Fehler wiederholt hätte? Wenn neue Generationen aus dem Versagen ihrer Vorfahren immer die richtigen Konsequenzen gezogen hätten? Wenn historische Errungenschaften nie wieder in Frage gestellt würden?
Doch gilt beim Blick auf uns Menschen reformatorisch: Wir sind simul iustus et peccator, zugleich Gerechte und Sünder. In jedem von uns ringen die Kräfte der Selbstüberhöhung mit den Kräften der Liebe. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für unsere Gesellschaften. Sie sind zur Erlösung berufen und bleiben doch unvollkommen – Teil einer Welt, in der Gottes Reich schon anbricht und doch nicht zur sichtbaren Vollendung kommt.
Diese reformatorische Sicht auf Mensch und Schöpfung führt vor allem zu einer Erkenntnis: Jeder Mensch und jede Generation steht in einer unvertretbaren Verantwortung, im Vertrauen auf Gott das eigene Leben und das Zusammenleben mit anderen so zu gestalten, dass Konflikt und Leid minimiert und Gerechtigkeit und Frieden maximiert werden.
1. Rückblick: Die Aufnahme der Hugenotten
Als Kurfürst Friedrich Wilhelm 1685 das Edikt von Potsdam erließ, war das ein Akt religiöser Überzeugung und politischer Klugheit zugleich. In einem durch Kriege und Seuchen geschwächten Land erkannte er die Chance, mit den Hugenotten gut ausgebildete, wirtschaftlich leistungsfähige und fromme Menschen zu gewinnen. Das Edikt war also zugleich Barmherzigkeit und kluge Strukturpolitik: Humanität verband sich mit der vorausblickenden Staatsführung Brandenburg-Preußens.
Die einheimische Bevölkerung wurde damals nicht gefragt. Zeitgenössische Berichte zeigen die ganze Bandbreite der Reaktionen, die wir auch heute kennen – von aufrichtiger Gastfreundschaft bis hin zu Missgunst, Eifersucht und Ablehnung. Integration war kein Selbstläufer, sondern ein mühsamer, generationsübergreifender Prozess.
Eine besonders anschauliche Erkenntnis liefert die Heiratsstatistik: Alte Kirchbücher zeigen, dass es fünf Generationen dauerte, bis die Mehrheit der Töchter Männer aus der einheimischen Bevölkerung heiratete. Nicht länger übrigens als in England, das den Hugenotten keine Privilegien – eigene Schulen, Gerichte, Kirchen! – gewährte, wo der Assimilationsdruck viel höher war. Lebensweltlich realistisch betrachtet: Egal wie gut oder schlecht die Rahmenbedingungen, erst mit Zeit und Geduld werden Familien verflochten, Identitäten verbunden.
Gewiss gab es 1685 förderliche Faktoren: Ein klares politisches Bekenntnis des Kurfürsten, gemeinsame Grundlagen im reformatorischen Glauben, eine rasche wirtschaftliche Eingliederung. Und doch war auch damals Integration ein Prozess, der nicht bloß verordnet werden konnte, sondern gelebt und erarbeitet werden musste.
2. Gegenwart: Migration, Integration, Verantwortung
Heute sind die Verhältnisse andere: Die Menschen, die zu uns kommen, stammen aus den unterschiedlichsten Regionen und auch Glaubensrichtungen. Ihre Aufnahme folgt rechtlichen Verfahren, nicht dem Gnadenakt eines Fürsten. Die Bevölkerung wird gefragt, denn sie ist zum Wahlvolk geworden, dessen Reaktionen politisch genau beobachtet werden. Und diese schwanken wirder zwischen Offenheit und Überforderung, Willkommenskultur und Abwehrreflex. Dominierte 2015 eine positive Grundhaltung, scheint heute Skepsis stärker, auch wenn – das ist die gute Nachricht – Umfragen keine generelle Ablehnung von Migration als solcher belegen.
Schon ein Blick auf die Zahlen relativiert manches: Der Anteil der Hugenotten lag bei rund zwei Prozent der damaligen Bevölkerung – der Anteil der seit 2015 Geflüchteten in Deutschland liegt bei etwa dreieinhalb Prozent. Die zahlenmäßige Herausforderung ist letztlich nicht so viel größer.
Und wie damals gilt heute: Die Aufnahme Fremder ist nicht nur moralisches Gebot, sondern auch gesellschaftliche Notwendigkeit. Trotz hoher Einwanderung bleibt die demographische Bilanz negativ. Jahr für Jahr suchen Hunderttausende ihr Glück in der Welt, treten noch mehr Menschen in den Ruhestand, sterben mehr als geboren werden. Ohne Zuwanderung wird die Überalterung unserer Gesellschaft nicht aufzuhalten sein, mit gravierenden Folgen für den Generationenvertrag. Zuwanderung entscheidet mit darüber, ob unsere Gesellschaft sozial gerecht, wirtschaftlich stabil und menschlich offenbleibt.
Das wissen die meisten Menschen in diesem Land – gerade auch viele von denen, die politische Korrekturen in der Einwanderungspolitik einfordern.
3. Theologische Vertiefung: Glaube, Werke und Verantwortung
Für uns Christen ist der humanitäre Impuls aber noch wichtiger als utilitaristische Überlegungen. Das Matthäusevangelium, in dem auch die vorhin gehörten Seligpreisungen stehen, macht das Handeln immer wieder zum Maßstab eines gottgefälligen Lebens: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35)
Wir haben gerade den Reformationstag gefeiert. Nehmen wir das zum Anlass, diese Botschaft des Matthäus-Evangeliums theologisch einzuordnen. Denn Luther, Zwingli und Calvin werteten diese Gebote mit unterschiedlichen Nuancen. Luther missbilligte eine Werkgerechtigkeit, die den Menschen in die Versuchung führt, sich selbst zu erlösen. Gute Werke sind auch für ihn Früchte des Glaubens, denen aber nicht zu viel Aufmerksamkeit gebührt. Auch Zwingli und Calvin lehnten eine Selbstrechtfertigung durch Werke natürlich ab. Aber sie betonten stärker ihre Bedeutung als notwendige Zeichen des Glaubens, Ausdruck einer inneren Erneuerung, die gesellschaftlich wirksam werden muss.
Reformierte Theologie hat daraus eine große gesellschaftliche Dynamik entfaltet: Glaube bleibt nie privat, sondern wird öffentlich, will die Welt durchdringen, ordnen, prägen – als Ausdruck der Verantwortung vor Gott. Tätige Nächstenliebe ist kein Beiwerk, sondern Ausdruck eines Glaubens, der hörbar im Wort und sichtbar in der Tat bezeugt werden will.
In diesem Kontext hören wir das Pauluswort: „Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.“ (Röm 12,13) Das Edikt von Potsdam war, unbeschadet aller politischen Kalküle, ein solcher Akt der Gastfreundschaft. Jesu Anspruch reicht noch weiter, geht über die „Heiligen“ hinaus: Gastfreundschaft gilt allen, die uns durch ihre Not zum Nächsten werden – und damit auch dem Andersgläubigen. Und der Barmherzige Samariter, ausgerechnet ein Andersgläubiger, ist seine zentrale Symbolfigur sogar für die, die Gottes Willen vorbildlich erfüllen.
4. Von der Toleranz zur gestalteten Vielfalt
Ausgerechnet ein Andersgläubiger! Das war von Jesus bewusst als Zumutung konzipiert. Das sollten die Zuhörer aushalten müssen. Natürlich: Am Anfang steht Toleranz. Tolerare bedeutet wörtlich „aushalten, ertragen“. Die Andersartigkeit anderer auszuhalten ist Grundvoraussetzung für friedliches Miteinander. Sie verhindert, dass Unterschiedlichkeit in Konflikt umschlägt. Aber sie bleibt passiv. Für echten gesellschaftlichen Frieden braucht es noch mehr: aktive Gestaltung von Vielfalt. Denn Frieden, biblischer Shalom, ist ja nicht nur die Abwesenheit von Konflikten, sondern ein an den tiefen, existientiellen Bedürfnissen jedes Einzelnen und aller ausgerichtetes Miteinander.
Gestaltete Vielfalt heißt daher, Unterschiede nicht nur hinzunehmen, sondern als Reichtum zu begreifen. Sie verlangt Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Überzeugungen einander begegnen und voneinander lernen können. Sie bedeutet, zugleich die eigene Identität zu bewahren und das Verbindende zu stärken.
Wir haben Glück: Unsere Verfassung bietet dafür den Rahmen, historisch aus Erfahrungen von Spaltung, Verfolgung und Krieg gewachsen. Sie schützt die Freiheit des Glaubens, ohne eine Gruppe zu privilegieren. Sie vertraut auf Menschen „guten Willens“, die mit Gleich- und Andersgesinnten zusammen Verantwortung für ein Gemeinwesen übernehmen, das Heimstatt aller ist. Sie lädt ein, mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen. Sie versteht Gesellschaft nicht monolithisch, sondern als soziales Geflecht, das zusammen mehr ist als die Summe seiner Teile.
Verantwortung übernehmen wollen wir Christinnen und Christen gern, mit Paulus im Ohr: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ (Röm 12,18) Dabei wissen wir: Frieden ist kein Zustand, sondern tägliche Aufgabe. Er verlangt Verzicht auf Selbstgerechtigkeit, Geduld im Zuhören, Mut zum Ausgleich. Er verlangt Worte und Taten.
Er verlangt aber auch, das sagt der beachtenswerte Einschub „soviel an Euch liegt“, Gegenseitigkeit. Friede ist immer ein Beziehungsgeschehen. Ich kann meine Feinde lieben, auf Rache verzichten, auch für sie beten, aber ich kann nicht mit ihnen in Frieden leben, solange sie ihrem Hass freien Lauf lassen. Gesellschaftlicher Friede braucht daher auch Ordnungen, die ihn absichern. Die offene Gesellschaft muss denen Grenzen ziehen, die ihre Freiheit gefährden.
5. Gegenwart und Auftrag
Bedrohungen der offenen Gesellschaft kommen von außen und von innen zugleich. Sie haben viele Gesichter: religiösen Fanatismus, politischen Extremismus, soziale Segregation und schlichte Indifferenz gegenüber dem, was wir zu verlieren haben. Die Gesellschaft muss lernen, aus ihrer Geschichte zu lernen!
Drängender noch als die Bedrohung durch religiöse Fundamentalismen scheint mir dabei diejenige durch eine neue säkularistische Ideologie. Es geht ihr nicht mehr – wie klassischem Säkularismus – um Befreiung von religiöser Dominanz und kirchlicher Macht, sondern um die aktive Umwertung religiöser Werte: Stärke statt Recht, Eigennutz statt Verantwortung, Ellenbogen statt Rücksichtnahme. Die Politik Trumps und aller anderen, die ihre (persönlichen und nationalen) Interessen ohne jede Scham „first“ stellen wollen, ist für diese zutiefst weltliche Weltsicht ein sehr augenscheinliches Symptom, selbst, wo sie sich religiös verbrämt.
Gerade deshalb braucht es Menschen, überzeugte Gläubige und standhafte Demokraten, die mit ihrem Tun zeigen, dass Menschlichkeit eine Tugend ist, die gut tut und trägt. Auch wir Christen sind aufgerufen, unseren Glauben einzubringen – nicht exklusiv, nicht triumphal, sondern als Beitrag zu einer gestalteten Vielfalt.
Dabei gilt es auch, uns unseres zu vergewissern. Nicht, um uns abzugrenzen, sondern um uns mit unserer ganz eigenen auf Gott bezogenen Identität einzubringen, als Kirche Christi, nicht wie eine NGO: in eine Gesellschaft, die nicht mehr selbstverständlich christlich ist, deren Humanität aber maßgeblich vom persönlichen Engagement so vieler Christinnen und Christen und der institutionellen Präsenz von Kirche, Caritas und Diakonie mitgeprägt wird.
Angesichts aller Anfeindungen und Polarisierungen ist die Versuchung groß, sich in die eigene kulturelle oder religiöse Nische zurückzuziehen. Doch die offene Gesellschaft wird nicht durch Vielfalt bedroht, sondern durch diejenigen, die Vielfalt ablehnen. Erst wo Vielfalt angenommen und gestaltet wird, wächst Frieden. Wo wir im fremden Nächsten Gott und in seinen Nöten Gottes Nöte erblicken, gedeihen Zusammenhalt und Gemeinwohl.
Ici, en ce lieu, nous pouvons dire avec gratitude : on peut préserver son identité, sa langue et sa confession pendant des siècles – et pourtant, pleinement appartenir.
Darum lasst uns den Auftrag des Edikts von Potsdam in unsere Zeit tragen: Glauben frei bekennen, Vielfalt gestalten, Frieden stiften. Und im Angesicht aller, die diese Werte missachten, nicht wütend werden, sondern mit Paulus daran festhalten: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12,21). Amen.