Predigt über Johannes 5, 1-16, 19. Sonntag nach Trinitatis
Pfarrer i.R. Dr. Bernd Krebs

Der Sohn hatte mich aufgesucht. Vor einigen Jahren hatte ich seinen Vater beerdigt. Nun war auch die Mutter verstorben. Die Bestattung sollte vorbereitet, die Lebensstationen der Mutter, die letzten Monaten, in denen sie im Pflegeheim gelebt hatte, ihr Tod im Krankenhaus nachgezeichnet werden. Doch zu alledem kamen wir nicht. Dass das Verhältnis zu den Eltern angespannt gewesen war - das wusste ich aus der früheren Begegnung, an der die Mutter noch teilgenommen hatte. Jetzt geriet dem Sohn der Rückblick zu einer einzigen Abrechnung, voller bitterer Vorwürfe. Nie hätte er tun dürfen, was er gewollt hätte. Ständig hätten ihm die Eltern in alles „hineingeredet“. Wenn er ihrem Willen nicht gefolgt sei, hätten sie ihm ihre Unterstützung entzogen und Hilfe, um die er sie bat, verweigert. Berufliche Chancen, die sich ihm boten, hätte er nicht wahrnehmen können und deshalb nie wirklich „Tritt gefasst“. Auch in seine Partnerbeziehungen hätten die Eltern sich immer wieder eingemischt. Seit langem lebe er deshalb schon allein. Zunächst hätte er noch versucht, sich gegen die Übergriffigkeit der Eltern zu wehren, aber irgendwann keine Kraft mehr gehabt. 

Liebe Gemeinde, aus dem Freundeskreis oder der Familie wird Manche/r von uns  Ähnliches berichten können - von toxischen Beziehungen, von  lähmendem Ausgeliefert sein, von hilflosem Gewähren lassen und von Resignation. Und: wie sich all das auf die Seele der oftmals seit Jahrzehnten Leidenden gelegt hat - in jeder Begegnung, in jedem Gespräch bricht es aus ihnen heraus. Wie soll man Menschen helfen, die von dem, was ihr Leben über Jahrzehnte prägte, nicht loskommen?   

Hören wir einen Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium im 5 Kapitel, Verse 1-16. in der Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“:

1 Danach gab es ein jüdisches Fest, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. 2 In Jerusalem ist am Schafstor ein Teich, der auf Hebräisch Betesda genannt wird und der fünf Säulenhallen hat. 3 In ihnen lagen viele Kranke: blinde, bewegungsunfähige und verkrüppelte Menschen. 5 Es gab dort einen Menschen, der schon 38 Jahre krank war. 6 Als Jesus diesen liegen sah und erkannte, dass er schon lange Zeit krank war, sagte er ihm: »Willst du gesund werden?« 7 Der Kranke antwortete ihm: »Rabbi, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich trägt, wenn das Wasser unruhig ist; während ich aber komme, steigt jemand anderes vor mir hinein.« 8 Jesus sagt ihm: »Steh auf, hebe deine Liege hoch und geh umher!« 9 Sofort wurde der Mensch gesund und hob seine Liege hoch und ging umher. Jener Tag war ein Sabbat. 10 Andere jüdische Menschen sagten dem Geheilten also: »Es ist Sabbat, und es ist dir nicht erlaubt, deine Liege zu tragen.« 11 Er antwortete ihnen: »Der mich gesund gemacht hat, der hat mir gesagt: ›Hebe deine Liege hoch und geh umher!‹« 12 Sie fragten ihn: »Wer ist der Mensch, der dir gesagt hat: ›Hebe sie hoch und geh umher!‹ ?« 13 Der Geheilte wusste nicht, wer es war, denn Jesus hatte sich entfernt, als viele Leute an dem Ort zusammenkamen. 14 Danach fand Jesus ihn im Tempel und sagte ihm: »Sieh, du bist gesund geworden; °entferne dich nicht wieder von Gott, damit dir nicht etwas Schlimmeres geschieht!« 15 Der Mensch ging weg und erzählte anderen jüdischen Menschen, dass es Jesus sei, der ihn gesund gemacht habe. 16 Deshalb verfolgte die jüdische Obrigkeit Jesus, weil er dies an einem Sabbat getan hatte.

Zunächst einige Beobachtungen. Der Kranke, der da unter vielen Anderen am Teich Bethesda auf den Augenblick wartet, in dem sich für ihn schlagartig alles ändern könnte, dieser Kranke bleibt Namenlos. Johannes nennt ihn im Laufe seiner Erzählung „der Mann“ oder auch „der Mensch“.  Das ist keine Missachtung. Im Gegenteil: dieser Eine steht - so Johannes -  für viele Andere, die ein ähnliches Schicksal ereilt hat. Ohne Chance, sich selbst helfen zu können, auf ein Wunder hoffend. Er ist „der Mensch“ schlechthin. „Adam“ im Plural quasi. 

Die zweite Beobachtung. Jesus tritt in dieser Geschichte nicht als Arzt auf, wie wir es aus vielen anderen Geschichten bei Matthäus, Markus oder Lukas kennen. Er legt dem Kranken nicht die Hände auf, er mischt keine Substanz zusammen, die er ihm - wie weiland dem Blinden - auf die Haut aufträgt. Er bedroht nicht irgendwelche „Dämonen“, die den Kranken beherrschen, und gebietet diesen, aus dem Kranken auszufahren. Nichts von alle dem.

Jesus tritt an den Mann heran und fragt ihn: „Willst Du gesund werden?“ Was für eine Frage. Natürlich, so sollte man meinen. Oder nicht? Aber dieser antwortet: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt. Wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.“ 

Der Mann könnte, so sagt er selbst, in den Teich ohne fremde Hilfe steigen. Aber er kommt immer zu spät. Ein „Verlierer“. Einer, der den entscheidenden Augenblick verpasst. Zudem scheint er ohne förderliche Beziehungen zu sein, ohne eine Seilschaft, wie der, den seine Freunde  - wie uns Markus berichtet - durch das aufgerissene Dach Jesus direkt vor die Füsse hievten. 

Im „Wettlauf des Lebens“ immer zu spät zu kommen, das gräbt sich tief in die Seele ein und lähmt.  „Als Pastor fallen mir viele Menschen ein“ - schreibt ein Ausleger- „die sich wie dieser „Adam“ verhalten. Sie erzählen immer wieder ihre lange Leidensgeschichte.“ Sie haben sich „eingerichtet in ihre bedauerliche Lage, genießen die Zuwendung, die ihnen das Mitleid der anderen beschert“. Über alle dem aber haben sie den Blick dafür verloren, „welche gewaltige Macht die Resignation über sie gewonnen hat. Alle Hoffnung ist längst erstorben. Der Satz, um den ihr Leben kreist, lautet `Da kann man ja doch nichts machen`“.

Doch Jesus geht nicht auf die Klage des Mannes ein.  „Steh auf, nimm dein Bett und geh umher“, befiehlt er dem Mann. „Und sogleich wurde der Mann gesund und nahm sein Bett und ging umher“. 

„Mensch, steh auf“ -  ist das Widerwort gegen die Resignation. Jesus bringt den Mann in Trab. Er macht ihm Beine. Raus aus dem Status quo. Es gibt Alternativen. 

„Steh auf “. Das erinnert an ein anderes Wort Jesu, auch aus einer Heilungsgeschichte.  „Talitha kumi“. „Mädchen steh auf“, ruft Jesus dem Mädchen zu, das alle für tot hielten. Seit über einhundert Jahren ist „Talitha Kumi“ das biblische Leitwort pädagogischer Einrichtungen im Heiligen Land, die zunächst Mädchen und inzwischen Mädchen und Jungen mit großem Erfolg fördern. 

Wenn Menschen ihre „Opferrolle“ abwerfen, wenn sie sich aufmachen und ihren Weg gehen, ruft das die Mächtigen auf den Plan. 

So auch hier.  Es ist ein aberwitziger Streit, der jetzt entbrennt. Denn am Sabbat gesund zu werden - wie soll das gegen das Gebot Gottes sein? Es gibt keine Bestimmung in der Tora, die dagegen steht. Im rabbinischen Judentum zur Zeit des Johannes galt: eine akute Krankheit durfte auch am Sabbat behandelt werden. Ob das auch im Falle einer - wir würden heute sagen - chronischen Erkrankung erlaubt sei, darüber gingen die Meinungen auseinander. 

Vor allem aber gilt: es gibt keinen Zeitpunkt, der besser geeignet wäre für Heilungen als der Sabbat. Denn der Sabbat ist das Fest der Freiheit. Der Tag, an dem Jüdinnen und Juden die Befreiung aus der Sklaverei feiern. 

„Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und dich der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm, Darum hat dir der HERR, dein Gott geboten, dass du den Sabbattag halten sollst“, heißt es im 5.Buch Mose im 5.Kapitel. 

Dass Jesus dem Mann gebietet, er solle mit seinem Bett umhergehen, ruft - so ein Ausleger treffend - das Jerusalemer Ordnungsamt auf den Plan. 

 

Die Mächtigen schreiten ja nur selten selber ein. Sie haben ihre Büttel. Und es gibt immer welche, die das am Wegesrand beklatschen. Menschen, die nach „law and order“ rufen, finden sich zu jeder Zeit, in jedem Land und in jeder Religion. 

Hier, in dieser Geschichte sind es Juden (wer auch sonst?), die die Sicherheit und Ordnung Jerusalems bedroht sehen, durch das Handeln anderer Juden,  die zusammen mit dem, der die Fesseln seines Lebens abgeworfen hat, feiern. 

Es ist ein innerjüdischer Streit, der - Gott sei es geklagt - zum Bruch führen wird.  Dass Johannes und sein Evangelium der Kirche dann als Kronzeuge dienen, über Jahrhunderte - zur Rechtfertigung von Judenhass, Antijudaismus, Antisemitismus - war, ist und bleibt, wo immer es weiterhin geschieht, schändlich. Es ist Gotteslästerung!

Wenn Jesus dem Mann später im Tempel sagt: „Sündige nicht mehr“ -  dann heißt das: Lass dich nicht wider von der Resignation überwältigen. 

Leg dich nicht wieder ins Bett der Untätigkeit, in die „Matratzengruft“ der Hoffnungslosigkeit. „Zur Freiheit hat Euch Christus befreit, darum lasst Euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei zwingen“ - mahnt Paulus die Gemeindemitglieder in Galatien. 

Wie soll man Menschen helfen, die von dem, was ihr Leben über Jahrzehnte prägte, nicht loskommen - fragte ich am Anfang der Predigt? 

Gute Seelsorge braucht Empathie und ein aktives Zuhören. Gute Seelsorge aber braucht auch die Konfrontation. Am Ende unserer Begegnung habe ich dem Mann angeboten, dass wir uns noch einmal treffen könnten. Und tatsächlich. Einige Wochen nach der Beerdigung seiner Mutter kam er einmal zu mir. 

Wäre jetzt nicht der Zeitpunkt, so habe ich ihn gefragt, auf zu hören, immer um das zu kreisen, was seine Eltern ihm angetan hätten, das Selbstmitleid hinter sich zu lassen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen? 

Gute Seelsorge braucht nicht nur Empathie und ein aktives Zuhören, sondern manches Mal auch die Konfrontation. Doch konfrontiert zu werden, empfinden Viele als Zumutung. Sie reagieren mit Ablehnung. Die „Opferrolle“ hinter sich lassen, wie soll das gehen? 

Eine erfahrene Trauma-Therapeutin sagt: „Meine Therapie zielt zunächst darauf, dass die Traumatisierten zwei Sätze sagen lernen. 1. Ich bin ein Opfer. 2. Ich bin nicht nur ein Opfer. Ich bin verletzt oder behindert oder krank - aber ich bin auch viel mehr als das.

Und in diese noch unbekannten Räume und auf diesem noch nicht begangenen Weg will ich erste Schritte wagen. „Ich kann nicht alles, aber was ich kann, das will ich jetzt tun“.