1. Thessalonicher 5,21, 14. Sonntag nach Trinitatis
Dr. Ursula Schoen, Direktorin des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg, Schlesische Oberlausitz

Liebe Schwestern und Brüder,

in der Mitte des Jahres ist es gut, sich noch einmal an die Jahreslosung zu erinnern: Prüfet aber alles und behaltet das Gute (1.Thess 5,21). Die Jahreslosung 2025 kommt auf den ersten Blick wie ein Allgemeinplatz daher. Ja, mit Beginn des neuen Jahres und auch im Verlaufe eines Jahres immer wieder einmal haben die meisten von uns ihr Leben „durchgeprüft“ und sich gefragt: Was läuft hier gut? Und wo muss sich etwas ändern? Diese Aufmerksamkeit für das eigene – persönliche Leben brauchen wir von Zeit zu Zeit, damit mit das gelingen kann, was wir mit Wohlergehen und „gutem Leben“ verbinden, damit aus Wünschen Wirklichkeiten werden können.

Prüfet aber alles und behaltet das Gute! Diese Aufforderung stammt aus einem Brief des Paulus, dem 1. Thessalonicherbrief. Dieser Brief ist wahrscheinlich das älteste schriftliche Zeugnis des Christentums überhaupt. Paulus hatte diese Gemeinde selbst während eines längeren Aufenthaltes in Thessaloniki gegründet. Seine Abreise erfolgt wegen zahlreicher Anfeindungen in der Stadt schließlich relativ überstürzt. Nachdem verschiedene Anläufe, die Gemeinde zu besuchen, misslangen, bitte Paulus schließlich Timotheus nach Thessaloniki zu reisen und die Gemein-de zu besuchen. Timotheus bringt gute Nachrichten, die Gemeinde bleibt zusammen und im Glauben trotz Bedrängnis und Verfolgungen. Diese Nachrichten spiegeln sich im 1. Brief an die Thessalonicher.

Thessaloniki ist zur Zeit des Paulus die Hauptstadt der römischen Provinz Macedonia und mit seinem Hafen eine lebendige multiethnisch und multireligiös orientierte Stadt. Die frühe christliche Gemeinschaft in Thessaloniki, die aus Menschen griechischer Herkunft, wohlhabenden Frauen und auch einem Sympathisantenkreis von Menschen mit jüdischem Hintergrund bestanden haben soll, hat in dieser Zeit der frühkirchlichen Entwicklung noch wenig feste Strukturen und theologische Konturen. Sie ist gewissermaßen auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Sie ist erwachsen aus den missionarischen Predigten des Paulus, in den er die Wiederkunft Christi ankündigt und die Gegenwart des Heiligen Geistes bezeugt. Sie bezeugt die neue Welt, in der die Toten wieder lebendig werden und die Berufung aller, die sich auf diesen Glauben einlassen. 

Die Jahreslosung steht im Schlussteil dieses Briefes. Sie ist Teil eines längeren Abschnittes, indem sich eine Reihung von Aufforderungen oder direkter „Ermahnungen“ an die Gemeinde finden. Wir haben ihn eben schon in der Lesung gehört: 

[14] Brüder und Schwestern, wir bitten euch:
Weist diejenigen zurecht,
die kein geregeltes Leben führen.
Ermutigt die Ängstlichen,
kümmert euch um die Schwachen,
und habt Geduld mit allen.

[15] Achtet darauf, dass niemand Böses mit Bösem vergilt.
Bemüht euch vielmehr stets,
einander und allen anderen nur Gutes zu tun.

[16] Freut euch immerzu!

[17] Betet unablässig!

[18] Dankt Gott für alles!
Denn das ist Gottes Wille,
und das hat er durch Christus Jesus
für euch möglich gemacht.

[19] Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes.

[20] Missachtet die prophetische Rede nicht.

[21] Prüft aber alles und behaltet das Gute.

[22] Haltet euch vom Bösen fern –

Der innere Motor dieses Ermahnungskatalogs oder anders gesprochen dieses Prüfkatalogs ist das Wirken des Geistes. Die Adressaten und Adressatinnen sollen das Wirken dieses Geistes zulassen, vielleicht auch ernstnehmen – gerade nicht ihren eigenen Geist oder ihre Vernunft. Prüfen kann also nur gelingen, wenn ein anderer Geist und seine Kraft mit am Werk sind. Dann werden die erreicht, denen das Evangelium gilt: Den Armen und Ausgegrenzten, denen, die zerstörerische Kräfte treibt, den, die Rastlosigkeit treibt. Die Kraft aber zu einem solchen Leben in Heiligkeit zu finden, wird allen zugetraut – ja, letztlich zugesprochen, die der Botschaft von der Nähe des Reiches Gottes vertrauen. 

„Prüfet aber alles und behaltet das Gute“ – Dieser Auftrag meint also keine penible Prüfung, ob etwas „normgerecht“ ist oder dem persönlichen Leben „gut“ tut. Dieser Auftrag ist nur im Kontext dieser vibrierenden Naherwartungsstimmung zu verstehen. in der sich diese kleine Gruppe in Thessaloniki befindet. Die neue Welt – das gute Leben steht gewissermaßen vor der Tür. Da wird es kein Leid mehr geben, kein Schmerz und Geschrei. Gott selbst wird die Tränen von den Augenabwischen, wie es im letzten Buch der christlichen Bibel über diese neue Zeit heißt! Da wird es Leben in Fülle geben. Nein, nicht nur für einige sozial Privilegierte, sondern für alle! Diese Verwandlung der Welt, in der wie es das Evangelium mit der Hochzeit zu Kana sehr bildhaft erzählt wird, kommt noch: Da wird aus Wasser Wein – ein Wein, der alles bisher Genossene übertrifft. Die Gemeinde ist in der Endkurve der Zeiten. In diesen geistlichen „Drive“ gehört die Jahreslosung – der geistliche Prüfauftrag und ohne diesen ist sie nicht zu verstehen. Prüfen ist kein isoliertes Geschehen, sondern ein umfassendes Einlassen auf die Hoffnung auf die neue Welt, die gutes Leben bringt. 

In dieser Öffnung ist das „Gute“ also auch sinnlich zu verstehen – es wird hier nicht mit dem allgemeinen griechischen Begriff für „gut“ „agathos“ wiedergegeben, sondern mit dem Begriff „kalos“, der auch „schön“ heißen kann. Das „Gute“ ist also auch das Schöne. Das Schöne ist das sicht- und spürbar Gute mit allen seinen Spielformen im breiten Feld der Künste und mit der Freiheit des individuellen Rezipierens und des Geschmacks. Der Prüfauftrag ist also auch ein sinnliches Unternehmen, des Schmecken und Fühlens, Hörens und Sehens – das heutige Evangelium von der Hochzeit zu Kana ist ein Gleichnis dafür: Der Wein – eigentlich das Wasser – wird überraschend für „gut“ befunden. Das Beste kommt zum Schluss!

Aus meinen englischsprachigen ökumenischen Begegnungen habe ich den wunderbaren Begriff „foretaste“ - dt. Vorgeschmack – mitgenommen. Mit dem nachgefüllten Wein, der am Ende der Hochzeit gereicht wird, wird durch Jesus der Vorgeschmack ermöglicht – auf die neue Welt das Reich Gottes! So wie das Hochzeitsfest es sich anfühlen: Ein Raum der Freude, der Verbindung, der Erfüllung der natürlichen Bedürfnisse Hunger, Durst, Wohlergehen…

Diese Einbindung in die frühchristliche Naherwartung gibt unserer Jahreslosung eine doppelte Interpretationsrichtung: Sie ist eine ernstzunehmende Mahnung zu einem Leben aus dem Geist – die Früchte eines solchen Lebens werden sehr konkret in der textlichen Einbindung dieses Verses beschrieben. Sie betreffen nicht nur den einzelnen, sondern die Gemeinschaft in Thessaloniki – ihren verbindenden sozialen Gestaltungsauftrag. Ein Auftrag, der nicht in die Enge, sondern in die ökumenische Offenheit führt. Prüfet ALLES! Maßstab dieser Prüfung ist das Reich Gottes und seine Werte. Die neue Welt des Guten Lebens für alle! Sie ist auch Ermutigung zu einer missionarischen Grundhaltung, in einem sehr allgemeinen Sinne. Ihr könnt mit eurem persönlichen Leben und der Gestalt des christlichen Auftrags Zeugen und Zeuginnen einer neuen Welt sein. 

Der Brief des Paulus an die Thessalonicher hätte auch sein letzter sein können. Denn Paulus war überzeugt: Gott kommt – das Ende der Zeit ist nah! Seine Mahnungen waren damals als eine Übergangsethik gedacht...

Und jetzt 2000 Jahre später ist er uns in diesem Jahr wieder neu gesagt! Wir sind gefordert, ihn konkret werden zu lassen, in Kirche und Diakonie, in Politik und Beruf. Nein, noch immer warten wir auf die Wiederkunft Christ, noch immer liegt die neue Zeit vor uns. In jedem Gottesdienst oder bei jedem persönlichen Gebet oder einer Mediation stellen wir uns in diesen Horizont: Das Reich Gottes ist nah. In unserem Leben spiegelt sich seine Nähe. Was kann das heißen?

Erlauben Sie mir einen winzigen politischen Schwenk am Ende! 

Ich bin fest davon überzeugt: Das Gute wird zu einer moralischen Pflichtübung, wenn es nicht mit einer Vision des guten Lebens für alle verbunden ist. Das fehlt mir im politischen Alltagsdiskurs oft. Ob wir das nun „Reich Gottes“ nennen oder Verantwortung für die „Zukunft unserer Kinder“, das ist theologisch nicht ganz das Gleiche. Aber im Alltagsdiskurs in ganz verschiedenen Kontexten doch ein verbindendes Thema.

Paulus her gilt: Über unserem Leben ist die Möglichkeit der neuen Welt gestellt. Wir selbst sind Zeuginnen und Zeugen. 

Amen.