Predigt am Sonntag Sexagesimä – Einführung neuer Ältester
Pfarrerin i.R. Gudrun Laqueur

„Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.

Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. 3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu einem abtrünnigen Volk. Sie haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Du sollst ihnen meine Worte sagen, sie hören oder sie lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs. Dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.

Menschenkind, du sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten

Menschenkind, höre, was ich dir sage, Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, eine Hand hielt eine Schriftrolle.10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. 

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf, und er gab mir die Rolle zu essen.  Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig. (Hesekiel 2,1-3,2)

Liebe Gemeinde, liebe Älteste,

Wir wollen heute euch beide, Kirsten Giering und Henning Brockmann, in euer Amt als Mitglieder der Gemeindeleitung einführen. Wir denken an einen unserer verstorbenen ehemaligen Ältesten Claus Béringuier. Wir sind zusammen mit Ältesten die schon kürzer oder länger dabei sind. Viele von Ihnen und euch sind oder waren auf die eine oder andere Weise aktiv waren – oder einfach verbunden mit der Französischen Kirche. 

Da ist es gut, eine biblische Berufungsgeschichte zu hören. Weil solche Berufungen viel Nachdenkenswertes enthalten, wie sich Gott die Leitung seines Volkes gedacht hat, wie er sie heute denkt. 

Natürlich war das alles ganz anders, damals, als heute. Einen Visionär wie Hesekiel in einer Gremiensitzung zu haben, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Und in der gesellschaftlichen  Lage zur Zeit Hesekiels möchten wir bestimmt schon gar nicht sein. In einem besiegten zerstörten Land: viele sind tot, viele verelendet, große Teile der Bevölkerung verschleppt oder zwangsumgesiedelt an hunderte Kilometer entfernte Orte. 

Ob wir unsere eigene Zeit als Krisenzeit betrachten oder nicht, ich finde es lassen sich drei Lektionen lernen für die Aufgabe von Leitung, für die Verantwortung der Gemeinde:

1. Aufrecht stehen ohne Furcht

Die Geschichte beginnt damit, dass Hesekiel gesagt bekommt, „Menschenskind - stell dich auf deine Füße.“ Hesekiel, hat in seiner Vision von Gott niederschmetternde Bilder gezeigt bekommen, vom Ende des Landes, der Stadt, die geliebt hat. Und mehr als das, vom Ende dessen woran er geglaubt hat, Gott selbst ist ausgezogen aus dem Tempel, er hat ihn verlassen. Es hat Hesekiel umgehauen, er liegt buchstäblich am Boden. Es ist zum Heulen. Auch das Heulen braucht Raum. Die Bibel widmet dem Heulen ein ganzes Buch, Jeremias Klageliederbuch, voller Trauer und Wehklagen. 

Aber Hesekiels Auftrag ist ein anderer: Gott sagt ihm „Menschenskind - stell dich auf deine Füße.“ Schon sein Name ist Programm: Hesekiel heißt auf Hebräisch ‚Jecheskiel‘ und das bedeutet: Gott macht stark

Gott sendet einen, der nicht ins allgemeine Wehklagen einstimmt und mit der Menge darin versinkt. Er sucht einen aus, der sich auf die Füße stellen kann, der nicht hilflos zuschaut, der bereit ist, auch betend aufrecht zu stehen. Gott sucht  Leute, die sich selbst nicht klein machen, weil Gott selbst Menschen nicht klein macht. Immer wieder erzählt die Bibel, dass Gott zuerst Menschen auf die Füße stellt. „Steh auf, fürchte dich nicht“ Gott will Augenhöhe. Dazu begabt Gott, ruft, gibt Geist, gibt, was wir brauchen, um zu fragen, zu denken, zu handeln, zu entscheiden und sendet ins Leben, in die Welt, in die Gemeindeleitung –  Propheten und Prophetinnen, Väter, Mütter, Redegewandte und Nachdenkliche, Rechenkönner, Fantasievolle, Organisationstalente, Kümmerer. 

2. Wohin ist Gott?

Die zweite Lektion handelt vom Suchen und Finden. „Du sollst ihnen meine Worte sagen, sie hören oder lassen es“.  Gott sendet Hesekiel zu Leuten, „die haben harte Köpfe und verstockte Herzen“.

Von wem redet Gott? Sicher nicht von der alten, oft bequemen Einteilung der Menschen in „wir hier drinnen“ und „die da draußen“.  Ja, manche Kirchenkritik ist billig, nein wir müssen uns nicht jeden Schuh anziehen, der uns hingestellt wird. Ja, es ist für viele zum intellektuellen Mainstream geworden, die Kirche für erledigt zu erklären. 

Aber es ist ja nicht nur billige Häme, wenn sich praktisch täglich irgendwo lesen lässt, dass die Musik des Christentums heute wo ganz anders spielt als in der evangelischen Kirche - wenn sie denn noch spielt. Wenn Gott damals aus Jerusalem ausgezogen ist, dann dürfen wir uns nicht einfach vor der Frage drücken, ob Gott aus der Kirche ausgezogen sein könnte. Die kirchlichen Traditionen, Strukturen, Institutionen und die gesellschaftlichen Einstellungen zu Glauben wandeln sich schneller als wir schauen können. Und es ist unübersehbar geworden, wie viele Menschen der Kirche, auch unserer Gemeinde irgendwie einfach verloren gehen.

Hesekiel hat dem Auszug Gottes aus dem Tempel zuschauen müssen.  Aber er hat ihn auch wiedergefunden – weit weg im Exil in Babylon. Wenn wir uns also die Frage zutrauen, dass Gott ausgezogen sein könnte aus einem unpraktisch gewordenen Haus, dann brauchen wir nicht in Schockstarre zu verfallen.  Sondern können uns auf die Suche machen, wohin Gott denn umgezogen ist. Dazu braucht es in der Kirche und in der Leitung der Gemeinde Köpfe und Herzen, die nicht hart sind, sich nicht angstvoll klammern an das, was einmal getragen hat.  Es braucht wache Geister, und sensible Herzen, die nach Gottes Ort bei den Menschen suchen, theologische Köpfe, soziologische Analysten, pädagogische Zuhörer, die Gott mit suchen: in der Kunst; im Film, nicht nur auf der Berlinale sondern auch in den Blockbustern; in der Musik, nicht nur bei Bach sondern auch bei Johnny Cash oder Coldplay. Wenn wir Gott etwas zutrauen, müssen wir nur die Blickrichtung ändern. Und wir werden damit wohl niemals fertig sein. Gott hatte bekanntlich schon immer eine gewisse Skepsis gegen feste Häuser.  

Unsere Sendung richtet sich wohl immer auch an uns selbst, an das eigene Bedürfnis zu verharren im Liebgewordenen. Was ja manchmal nicht einmal Liebgewordenes ist, sondern eher das vertraute Missvergnügen, das wir immerhin kennen.

„Sie hören oder sie lassen es“ sagt Gott seine m Gesandten. Übersetzt kann das auch heißen:  wir schaffen es oder wir schaffen es nicht – oder eben nur ein Stück, vielleicht nur ein sehr kleines Stück. Der Erfolg war Hesekiel nicht garantiert, er wurde trotzdem gesandt und er ging. Der Heilige Geist denkt in langen Zeiträumen. Ob wir die Erfolge unserer Arbeit persönlich sehen in einer neuen Gestalt der Kirche, ist nicht garantiert.  die Angst vor dem Misserfolg allein ist aber kein gutes Argument, gar nicht erst anzufangen.

3. Vom Honigsammeln

Die dritte Lektion kleidet sich in ein seltsames Bild: Hesekiel erhält eine Buchrolle, und soll sie aufessen. Bevor er sie isst, wird ihm der Inhalt gezeigt. Und das ist kein Zuckerschlecken, die Rolle ist voller Klage, Ach und Weh. Was für Klage, Ach und Weh steht eigentlich drin in diesem Buch? Ist es, wie viele Ausleger heute schreiben, Gottes Weisung, hart zu befolgen - und erst am Ende süß? Ist es eine vernichtende Zeitansage? Oder ist es der ganze Kübel voll von Leid und Kummer, das Menschen mit sich schleppen, das sie in sich hineinfressen, weil sie keinen Ort, keinen Raum, kein Ohr finden? Oder ist das alles zusammen? Gottes Wort ist ja nie isoliert vom Leben, von der aktuellen Zeit!

Es keine verlockende Aussicht, dieses Gotteswort, vermixt mit Leben, mit politischen Kämpfen, mit Zielkonflikten, mit seelischen Blockaden, an sich heranzulassen. Mehr noch, es wirklich in sich aufzunehmen und zu verdauen. Das macht Leitung zu echter Zeitgenossenschaft, zu einem wirklich geistlichen Unternehmen: nicht fliehen vor dem chaotischen Mix der eigenen Zeit. Als sich der Prophet daran macht, zu essen und zu verdauen da wandeln sich Klage, Ach und Weh in Süße - besser als Honig, in Genuss, in Freude.

„Schreib es auf“ – das wird Menschen öfters in Therapien geraten. Schreib es auf! Hör auf, dein Unglück, deine Klage, deine Unzufriedenheit, dein Ach und Weh in dich hineinzufressen. Lass es heraus, gib ihm Worte. Es ist mühsam, aber am Ende steht oft eine große Verwandlung. Was wie ein schwerer Kloß im Hals gesessen hat, wird leicht, lässt sich zerlegen in Stückchen, lässt sich bewältigen. 

„Schreibt es auf“ – damit haben wir uns schon auch in der Gemeindeleitung, in Kommissionen und Workshops verschiedentlich abgequält, wo es um Veränderungen, um Klärungen ging, um unübersichtliche Projekte. Es ist mühsam. Es ist viel einfacher zu bleiben im Jammer, im Ach und Weh, oder beim „Man sollte, man könnte, wir müssten…“ Es ist kein Zuckerschlecken. Aber am Ende, wenn sich Perspektiven klären, dann fühlt es sich besser an – wie ein guter Apéro, vielleicht sogar süß wie das Lieblingskonfekt. 

Wen Gott sendet, dem oder der verspricht Gott kein Zuckerschlecken. Gott garantiert keinen schnellen Erfolg. Aber Gott kommt auf Augenhöhe. Und Gott stärkt. Das ist sein Versprechen. 
Amen