13. Sonntag nach Trinitatis
Dr. Ursula Schoen – Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg – schlesische Oberlausitz

Liebe Schwestern und Brüder,

im Buch der Könige werden die Geschichten den Propheten Elischa überliefert. Er ist intensiv in die politischen Konflikte seiner Zeit verwickelt und sorgt schließlich für den Sturz des Königs Joram und seiner Frau Ilsebel, was als Befreiung von einem grausamen Regime erlebt wird. Von Elischa werden viele Wundergeschichten überliefert. Ganz konkrete Hilfe für Menschen in Notlagen. Eine ist im 2. Buch der Könige überliefert:

Elischa hilft einer armen Witwe

4(1)Eines Tages wandte sich eine Frau an Elischa. Ihr Mann gehörte zu einer Gruppe junger Propheten und war kürzlich gestorben. Jetzt fleht sie Elischa an: »Mein Mann, dein Knecht, ist gestorben. Du weißt, dass er Ehrfurcht vor dem Herrn hatte. Nun kommt der Mann, der uns Geld geliehen hat. Er will meine beiden Söhne holen und sie zu seinen Sklaven machen.«(2)Elischa fragte sie: »Was kann ich für dich tun? Sag mir: Was hast du im Haus?« Sie antwortete: »Deine Magd hat nur einen kleinen Krug Öl, sonst ist nichts im ganzen Haus.«(3)Darauf sagte er: »Auf, bitte deine Nachbarn um weitere leere Gefäße, besorge aber nicht zu wenig!(4)Dann komm wieder zurück und verschließ die Tür hinter dir und deinen Söhnen. Gieß Öl aus deinem kleinen Krug in alle Gefäße! Was voll ist, stell beiseite!«(5)Da ging sie von ihm weg und besorgte die Gefäße. Dann schloss sie die Tür hinter sich und ihren Söhnen. Sie reichten ihr die Gefäße, und sie goss das Öl hinein.(6)Als alle Gefäße voll waren, fragte sie einen ihrer Söhne: »Gibt es noch ein Gefäß? «Er antwortete ihr: »Es gibt keins mehr. «Da hörte das Öl auf zu fließen.(7)Nun ging sie zum Gottesmann, zu Elischa, und berichtete es ihm. Der sprach: »Geh und verkaufe das Öl! Bezahle davon deine Schulden! Vom Rest könnt ihr dann leben, du und deine Söhne.«

Eine Frau verliert ihren Mann – ein schwerer Schicksalsschlag für sie. Sie ist tief erschüttert. Ihr Mann war jung. Ihr Mann war gottesfürchtig/Gott ergeben/fromm. Ihr Mann wird als Ernährer der Familie dringend gebraucht. – Sie kann es nicht fassen. Sieht überhaupt keine Spielräume – Handlungsmöglichkeiten mehr. – Da erscheint Elischa: „Was kann ich für Dich tun?“ Eine freundliche, anteilnehmende Frage. Aber zugleich auch eine absurde Frage: Die Sorgen liegen ja auf der Hand. Da scheint nichts greifbar, was die Situation entschärfen kann.

„Was kann ich für Dich tun?“ – Die Frau wird hier gewissermaßen als „Akteurin“ ihres Lebens angesprochen. Du bist nicht nur Opfer tragischer Verhältnisse. Du kannst sagen, was Du brauchst. Eine wichtige Frage in Situationen, die als völlig aussichtslos erlebt werden. In Gesprächen in Seelsorge und Beratung ist dies der Ansatzpunkt: Was brauchst Du? – Das kann so viel heißen wie: Ich sehe Dich – Deine Gefühle – Deine Fragen. – Deine Geschichte zählt. Und dann eine einfache praktische Geste – „Was hast Du im Haus?“ Die Frau antwortet: „Nur einen kleinen Krug Öl“. Vielleicht kennen Sie das, bei konkreten Problemlagen spielen wir in Gedanken ganz schnell durch, was wir in der Hand haben, um da rauszukommen. Wen wir z.B. anrufen können, um uns zu unterstützen.

Ein Krug Öl, ist hier die einzige griffbereite Ressource, um neu zu starten. Damit kann der Prophet, wie wir sagen würden: „Arbeiten“! Weitere Gefäße sollen nun in der Nachbarschaft eingesammelt werden. Ich stelle mir das ganz konkret vor: Die Frau und ihre Söhne laufen in der Nachbarschaft herum und sagen: Ich brauche Hilfe und vielleicht erzählen sie jedesmal auch kurz etwas über den Hintergrund ihrer Bitte: Ich bin in einer ziemlichen Notlage. Ich weiß nicht weiter. Am Ende stehen die Gefäße alle da. Da tut die Frau das, was Elischa gesagt hat. Aus einem Krug Öl entstehen am Ende viele gut gefüllte Gefäße. Ein Vermehrungswunder. Es findet hinter verschlossenen Türen statt. Ist keine öffentliche Inszenierung, sondern ein internen Klärungsprozess, aus dem heraus der Neustart dieser Familie geschafft wird, Lebensmöglichkeiten eröffnet werde: Lebensfülle wird wieder spürbar. In der Geschichte wird dies auf mehreren Ebenen gestaltet: Wirtschaftlich, persönlich, sozial. In diesem Hilfsprozess, den der Prophet anstößt, geht es nicht nur um materielle Hilfe, sondern auch um Kontaktaufnahme mit anderen, um gegenseitige Unterstützung, um gelebte Solidarität im Kontext eines konkreten Projektes - Und immer wieder um die Wahrnehmung der eigenen Möglichkeiten.

Wie es dann schließlich mit der Frau in der Geschichte weitergeht, kann man nur mutmaßen. Ist sie stolz auf sich, empfindsamer für die, die in ähnlichen ausweglosen Lagen sind, wie sie. Die neue Gönnerin in der Stadt? Im Buch der Könige bricht die Geschichte hier ab.

Teilhabe am Leben – an der Lebensfülle! Der Prophet ermöglicht der Frau diese Erfahrung. Teilhabe am Leben an der Lebensfülle - das ist das ist die Grundlage diakonischer Arbeit. Sie setzt in der ganz persönlichen Anteilnahme am Leben anderer an, aber sie geht letztlich viel weiter und mündet immer auch in eine Vision des gelungenen Miteinanders: Zwischen Nahen und Fernen, zwischen Begünstigen und Marginalisierten, um faktisches Teilen und konkrete Gerechtigkeit! Welche Ressourcen sind da, und wie verteilen wir sie gut, damit sie mehr werden? In der Perspektive des Glaubens ist dies eine globale Sicht – keine partielle oder auch nationale. Wie gestalten wir die Verantwortung für eine nachhaltige, gerechte Zukunftsordnung der Welt? Das ist die Perspektive, die wir als Christinnen und Christen in die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen eintragen, in der internationale Verträge und Friedensordnungen ihre Verbindlichkeit verlieren. Es ist die Tradition, in der Reformierte Weltfamilie steht und die Z.B. Ausdruckgefunden hat im Bekenntnis von Accra von 2004!

Großes soll konkret werden in den Lebenszusammenhängen – im „Nahbereich“ – im Sozialraum. Und immer wieder geht es um einen Blick auf Menschen als mit Gaben begabt und zur Lebensfülle Berufene. Wie der Prophet der namenlosen Frau. Sie darf sich als beschenkt, gehalten, umsorgt fühlen und nimmt auf dieser Grundlage selbst wieder in die Hand. Der Glauben sieht darin das segnende Handeln Gottes, dass ein Leben in Fülle für Menschen will.

Elischa, der Prophet, ist die Schlüsselfigur einer Geschichte, in der es um neue Lebensmöglichkeiten für einen Menschen geht. In den großen politischen Herausforderungen seiner Zeit bleiben Menschen mit ihren Lebensfragen und Belastungen im Blick. Gibt es ein Wechselspiel zwischen ganz konkreten einzelnen Menschen und globalen Themen. - Netzwerk des Miteinanders, der Teilhabe, des Gebens und Nehmens. Ein Auftrag, mit dem wir als einzelne Christinnen und Christen unterwegs sind, und dem wir versuchen Struktur und Sichtbarkeit zu geben.

Vor wenigen Tagen, am Johannistag, ist der „Zwischenruf“ der Evangelischen Sozialstaatskommission, der ich auch angehören darf, erschienen. Er formuliert sehr klar: „Der Sozialstaat lebt von einer Gesellschaft, die zusammenhält… Jeder Mensch wird früher oder später zu den Bedürftigen gehören. Dabei gilt: Die Schwächsten und die kommenden Generationen müssen geschützt werden. Das sind die Leitplanken von Kirche und Diakonie, diesen Weg als Mitverantwortliche mitzugehen und mitzugestalten. --- Deutschland steht vor tiefgreifenden Herausforderungen. Doch die eigentliche Krise ist nicht zuerst die Krise des Sozialstaats, sondern die Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wo Misstrauen wächst, Menschen gegeneinander ausgespielt werden und die Bereitschaft schwindet, Verantwortung füreinander zu übernehmen, gerät auch der Sozialstaat unter Druck. Denn kein Sozialstaat kann dauerhaft tragen, wenn die Solidarität schwindet, die ihn trägt. ….Der Sozialstaat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann, von Gemeinsinn, Vertrauen und einer lebendigen Zivilgesellschaft. Sein Herzschlag ist die Solidarität vor Ort – in Familien, Nachbarschaften, Vereinen, Kommunen und den vielfältigen Organisationen des Gemeinwesens. Dort entsteht die Erfahrung, dass wir aufeinander angewiesen sind und Zusammenhalt trägt.“

Ich glaube, es ist nicht egal, was die unbekannte Frau in der Prophetenerzählung in ihrem neuen Leben macht. Gehe wir einmal davon aus, sie wurde aus Dankbarkeit eine aktive Mitspielerin in ihrem Gemeinwesen.

Gott gebe uns die erleuchteten Augen des Herzens, damit wir wissen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind. 

Amen.