11. Sonntag nach Trinitatis
Pfarrer Dr. Matthias Loerbroks

Er sprach aber zu einigen, die von sich überzeugt waren, Gerechte zu sein, und die übrigen verachteten, dieses Gleichnis:

Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand da und so betete er für sich: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal die Woche und verzehnte alles, was ich kaufe.

Der Zöllner aber stand fern, wollte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und sprach: Gott, versöhne dich mit mir, dem Sünder.

Ich sage euch: dieser stieg gerechtgesprochen hinab in sein Haus, neben jenem. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Zwei Menschen haben sich aufgemacht, haben ihr Haus verlassen, machen einen Besuch in einem anderen Haus, beide gehen hinauf in den Tempel, beide wollen beten, sich an Gott wenden, ihn anrufen. Beide sind gewiss nicht der Meinung, dass Gott nur dort und sonst nirgendwo zu finden und zu erreichen ist. Beide haben auch schon davon gehört, dass man überall zu Gott beten kann, im stillen Kämmerlein, z.B., oder unterwegs oder auf Arbeit. Vielleicht haben beide sich auch schon von anderen sagen lassen müssen, dass man doch auch an Gott glauben kann, ohne dauernd in die Kirche zu rennen; dass der Anblick eines schönen grünen Waldes, das Anschauen der schönen Gärten Zier ein viel wirksamerer Anstoß dazu ist, Gottes Schöpfermacht und Schöpferphantasie zu preisen als die künstlich und fein bereiteten Gottesdienste. Diese beiden aber meinen, dass es für uns Menschen gut ist, wenn wir uns an Gott wenden wollen, uns ausdrücklich auf den Weg zu machen, die eigenen vier Wände zu verlassen, einen bestimmten Ort aufzusuchen, der keinen anderen Zweck hat als den, mit Gott in Kontakt zu kommen, zu ihm zu sprechen und von ihm zu hören. Das haben die beiden miteinander, das haben sie auch mit uns allen gemein, das unterscheidet sie und uns von anderen, von den übrigen Menschen.

Neben dieser großen und wichtigen Gemeinsamkeit unterscheidet die beiden und sicher auch uns manches voneinander. Der eine ist froh und mit sich zufrieden – und ich wüsste nicht, was dagegen zu sagen ist, wenn jemand mit sich zufrieden ist und froh, dass ihm was gelungen ist. Es ist erst recht nicht einzusehen, dass es eine christliche Tugend sein soll, mit sich unzufrieden zu sein, nur das zu sehen, was nicht gelungen ist, was man nicht geschafft hat. Das ist nicht nur nicht besonders fromm, das ist überdies undankbar, wie wir von dem ersten Beter lernen können. Denn er schreibt es ja nicht seiner eigenen Charakterfestigkeit zu, dass er zweimal die Woche fastet und von allem, was er sich selber gönnt und kauft, jeweils zehn Prozent den Armen gibt. Er hält es nicht für seinen Verdienst, dass er kein Räuber geworden ist, kein Unrechttäter, kein Ehebrecher. Sondern er dankt Gott dafür, spricht ein Dankgebet. Auch wir haben allen Grund, Gott dafür zu danken, dass er uns seine Weisung gegeben, uns unterwiesen, Wege des Lebens gewiesen hat. Eine Weisung, die das Leben schützt vor unseren Zerstörungstrieben, unserer Neigung, uns selbst und andere kaputt zu machen; eine Weisung, die darum auch Arme schützt vor der Macht der Reichen, Schwache vor der Willkür der Starken. Und Gott traut uns zu, diese Weisung zu lernen und zu befolgen. Es kann gar keine Rede davon sein, dass Gott wie ein boshafter Pädagoge Aufgaben stellt, die nicht zu lösen sind; dass wir schier gezwungen sind, von seiner Weisung abzuweichen; dass wir dazu verurteilt sind, Verbrechen zu begehen. Von wem denn? Von Gott? Oder von einer ebenso mächtigen, wenn nicht mächtigeren Gegeninstanz, einer Art Gegengott?

Es gehört zu den verheerenden Folgen des Christentums, dass in seinem Einflussgebiet das Wort Pharisäer zu einem Schimpfwort geworden ist. Es wird verwendet, um jemanden zu bezeichnen, der etwas anderes sagt als er tut; der von anderen etwas verlangt, was er selbst nicht leistet; der nach außen fromm und tugendhaft tut, hinter dieser Fassade aber, heimlich, ein Scheusal ist; ein Heuchler also, ein Tartuffe. So wird dieses Wort auch da verwendet, wo das Christentum kaum noch eine Rolle spielt, in Zeitungen und anderen Medien, auch im Alltag. Und diese schlimme Sache wird nicht dadurch besser, dass inzwischen oft selbstkritisch und kirchenkritisch vom christlichen Pharisäertum die Rede ist, nicht zuletzt in Predigten über diesen Text, und damit eine christlich antijüdische Haltung aufgedeckt werden soll, die sagt: ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie dieser Pharisäer. Denn auch diese Redeweise transportiert, stabilisiert, zementiert die Meinung, dass Pharisäertum ganz was Schlimmes ist. Das aber ist nicht wahr. Pharisäer waren Leute, denen es ernst war mit Gott, die nicht bloß Herr, Herr sagten, sondern auch zu tun versuchten, was er sagt. Und sie waren zugleich auch so etwas wie eine Volksbildungsbewegung, sorgten dafür, dass in allen Orten Synagogen entstanden, um auch denjenigen ein Bethaus zu geben, die keine Möglichkeit hatten, nach Jerusalem, zum Tempel hinaufzusteigen, zu schauen die schönen Gottesdienste des HERRN. Und sie sorgten dafür, dass es neben diesen Synagogen auch Lehrhäuser gab, dass auch einfache Menschen Tora lernen konnten, denn wie sollen Menschen den Willen Gottes tun, wenn sie ihn nicht kennen? Und so ist es besonders den Pharisäern zu verdanken, dass das Judentum die Katastrophe im Jahre 70 überlebte, die Zerstörung Jerusalems und des Tempels, denn Synagogen und Lehrhäuser als Ersatz für den Tempel gab es da schon, sie mussten nicht erst erfunden werden.

Doch nun der andere Beter. Er kommt nicht zum Tempel, um Gott zu danken, sondern um ihn zu bitten, ihn anzuflehen. Er ist völlig verzweifelt, weiß nicht aus noch ein. Er ist zwar zum Tempel gekommen, um sich an Gott zu wenden, steht dort aber dann doch fern, weil ihm schmerzhaft deutlich ist, wie sehr, wie weit er sich in seinem Leben von Gott entfernt hat. Er mag nicht einmal die Augen zum Himmel erheben, senkt den Blick, so wie wir dem Blick unserer Mitmenschen ausweichen, wenn wir uns ihnen gegenüber schuldig fühlen, ihre berechtigten Vorwürfe fürchten. Und er schlägt sich an die Brust. Aus dieser Geste ist inzwischen eine eher harmlose Redensart geworden. Wer sagt, da muss ich mir selbst an die Brust schlagen, räumt zwar einen Fehler oder ein Versäumnis ein, kann aber ganz gut damit leben. Dieser Beter kann das nicht. Seine Verzweiflung ist ausweglos. Die Schläge auf die eigene Brust deuten Selbstbestrafung an, ja Selbstvernichtung. Dass er ein Sünder ist, sagt er selbst, aber wir dürfen getrost annehmen: kein armer Sünder. Denn er ist Zöllner, Profiteur und Kollaborateur der römischen Besatzungsmacht. Er ist beruflich verstrickt in ein räuberisches System, beteiligt an der Ausplünderung seines Volks. Niemand hat ihn gezwungen, das zu werden. Es ist darum leicht vorstellbar, dass nicht nur der Pharisäer, sondern auch die Zuhörer Jesu wenig beeindruckt sind von seiner Reue.

Auch wir würden eher spröde als tief erschüttert reagieren, wenn wir hörten, was wir freilich noch nie gehört haben, einer derer, die mit angeblich sozialen Medien viel, sehr viel Geld verdienen, habe eingesehen, mit seinem Tun Menschen geschadet zu haben, vor allem, aber nicht nur Kindern und Jugendlichen; dass diese Geldquelle zudem Hass, Gemeinheit, Verrohung verstärkt und vermehrt, und sei daraufhin in tiefe Verzweiflung verfallen. Oder einem Mitarbeiter der fossilen Energieerzeugung sei angesichts der Hitzetoten, der brennenden Wälder, der mal ausgetrockneten, mal über die Ufer tretenden Flüsse klar geworden, in ein lebensfeindlichen System verstrickt zu sein. Auch das ist meines Wissens nie geschehen. Dem Zöllner aber, von dem Jesus erzählt, ist das geschehen. In seiner Not kommt ihm der rettende Gedanke, zum Tempel hinaufzugehen, Gott anzuflehen: Gott, versöhne dich mit mir, dem Sünder.

Dieser Verzweiflungsschrei des Zöllners, seine Schläge auf die eigene Brust zeigen, dass Jesus mit seiner Geschichte von den beiden Menschen, die zum Beten in den Tempel gehen, nicht einfach zwei Arten, sich Gott zu nähern, illustrieren und kontrastieren will, um uns zu lehren: so sollt ihr beten und so nicht. Verzweiflung ist kein Vorbild, dem man nacheifern kann, sondern eine Situation, in die man gerät und aus der man ohne fremde Hilfe nicht wieder rauskommt. Der Zöllner erfuhr solche Hilfe, sagt Jesus. Gerechtgesprochen stieg er herab vom Tempel in sein Haus.

Und der Pharisäer? Was hat Jesus ihm vorzuwerfen? Was trennt ihn von Gott? Wenn wir genau hinsehen, entdecken wir, dass Jesus hier nicht zwei Geschichten nebeneinander stellt, die auch getrennt erzählt werden könnten. Ihm geht es um das Drama zwischen den beiden Menschen, die da zum Tempel hinaufgehen. Der Pharisäer sieht ja den Zöllner, obwohl er so fern steht, redet auch über ihn – dieser Zöllner –, redet aber nicht mit ihm, begnügt sich damit, sich von ihm abzugrenzen: dass ich nicht so bin. Er weiß natürlich von dessen Sünden, bemerkt aber nicht dessen verzweifelte Situation. Er begnügt sich damit, mit Gott im Reinen zu sein, dankt ihm für seine Gnade und Barmherzigkeit, die ihn davor bewahrt hat, wie die übrigen Menschen zu sein, auch ein Verbrecher zu werden. Doch dieser Dank macht ihn nicht selbst gnädig und barmherzig gegenüber diesen übrigen Menschen. Er begnügt sich mit seiner Distanzierung, begnügt sich mit dem Kontrast zwischen sich und ihnen. Und dieser Genügsamkeit widersteht Gott. Er stellt dem Gerechten den Ungerechten in den Weg als seine Bewährungsprobe. Er widersteht den Hochmütigen, indem er den Demütigen Gnade gibt.

Und damit wird die Geschichte, die Jesus erzählt, zur Frage an uns, seine Jünger. Es ist gut, dass wir uns als Kirche Jesu Christi von den übrigen Menschen unterscheiden, dass wir nicht so sind wie dieser Zöllner und andere Räuber und Unrechttäter. Aber diese Unterscheidung ist kein Selbstzweck. Gott will, dass allen Menschen geholfen wird. Dient unsere Freiheit auch der Befreiung jener übrigen Menschen oder lassen wir sie einfach übrig? Es ist gut, dass wir im Unterschied zu den übrigen Menschen in die Kirche gehen und da hören und spüren, wie freundlich der HERR ist. Aber kommt diese Freundlichkeit auch jenen Übrigen irgendwie zugute oder begnügen wir uns mit dem Privatkonsum dieser frohen Botschaft? Wem nützt der reiche Schatz unserer theologischen Entdeckungen, unserer politischen Einsichten und Durchblicke, solange sie eben bloß dies sind: ein prächtiger, blank geputzter Schatz, ein stolzer Besitz, rein und unverfälscht und völlig folgenlos?

Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns Hoffnung gegeben, schreibt Walter Benjamin, und das gilt auch für unseren Glauben und unsere Liebe. Alle diese guten Gaben Gottes werden schal und sogar für uns selbst ungenießbar, wenn wir sie ängstlich für uns behalten, aber sie leuchten auf, wärmen und lösen auch uns selbst, wenn wir sie den Bewährungsproben aussetzen, die Gott, der Widerstandskämpfer, uns in den Weg stellt.

Amen.