All das habe ich gesehen und gab mein Herz an all das Tun, das unter der Sonne getan wird – zu der Zeit, da Menschen über Menschen Macht ausüben und zwar zum Bösen. Da habe ich Menschen gesehen, die das Recht gebrochen haben, aber begraben wurden und heimgingen. Hingegen mussten diejenigen vom heiligen Ort forteilen und wurden in der Stadt vergessen, die recht gehandelt haben. Auch das ist häwäl – Dunst, vollkommen widersinnig! Weil das Urteil über böses Tun nicht gleich ergeht, wird das Herz der Menschen voll Begier, Böses aneinander zu tun. Hundertfach tut der Frevler Böses und besteht lange. Ja, auch ich weiß, es heißt: dass es denen gut gehen wird, die Gott achten. Und dass es denen nicht gut gehen wird, die das Recht brechen. Es heißt, die werden nicht lange bestehen. Sie gehen dahin wie ein Schatten, weil sie Gott nicht achten. Es ist etwas Absurdes – häwäl – um das, was auf der Erde getan wird: Es gibt Gerechte, denen geht es, als hätten sie die Taten der Frevler getan, und es gibt Frevler, denen geht es, als hätten sie die Taten der Gerechten getan. Ich sage: auch das ist hawäl – völlig absurd. Ich pries die Freude, weil es nichts Gutes für die Menschen unter der Sonne gibt als zu essen, zu trinken und sich zu freuen. Das begleitet sie in ihrer Mühe an all den Tagen ihres Lebens, die Gott ihnen unter der Sonne gibt. Als ich mein Herz daran gab, Weisheit zu erkennen und das anzusehen, womit sich die Menschen auf der Erde befassten – Tag und Nacht ohne Schlaf in den Augen! –, sah ich: All das Tun Gottes können Menschen nicht finden in dem, was unter der Sonne getan wird. Sosehr sich die Menschen abmühen beim Suchen, sie finden es nicht. Auch wenn Weise sagen, sie könnten es erkennen: Sie können es nicht finden.
Ich verstehe unseren Predigttext als Aufforderung, mich auf die Welt in ihrer Absurdität einzulassen. Und zwar heute an diesem Tag. Das gilt in der Bibel als weise.
Denn: Weise ist, wer unverblümt und ohne Illusionen auf die Welt blickt – eine Welt, die unverständlich und absurd erscheint. Und Weisheit bedeutet, die menschlichen Erfahrungen mit eben dieser Welt in verdichteter Sprache zu beschreiben.
Ich meine, das tut das Kohelet-Buch. Die Autor*innen haben wahrgenommen, wie wir als Menschen die Welt erleben und diese Erfahrungen in Aussagen verdichtet, die zu ihren Lebzeiten und auch noch heute gelten.
Da habe ich Menschen gesehen, die das Recht gebrochen haben, aber begraben wurden und heimgingen. Hingegen mussten diejenigen vom heiligen Ort forteilen und wurden in der Stadt vergessen, die recht gehandelt haben. Auch das ist häwäl – Dunst, vollkommen widersinnig!
Haben nicht die letzten 81 Jahre nach der Schoah genau das gezeigt? Die meisten Täter*innen sind längst begraben und hatten im Nachkriegsdeutschland ein ruhiges Leben. Wie viele Verfolgte konnten dagegen nie wieder an Orte zurückkehren, nach denen sie sich sehnten? Wie hätten sie auch unter den Verfolger*innen und Mörder*innen leben können? Und wie viele von ihnen wurden vergessen?
Der weise Prediger sagt: das ist häwäl, das ist absurd, widersinnig, nichtig, unverständlich.
Weil das Urteil über böses Tun nicht gleich ergeht, wird das Herz der Menschen voll Begier, Böses aneinander zu tun.
Warum ist die Welt so, wie wir sie wahrnehmen? Der Erklärungsversuch des Predigers ist lebensnah: als Menschen tun wir Böses, weil für uns daraus keine negativen Konsequenzen resultieren – oder zumindest nicht sofort. Böses Tun kann sich ausbreiten, weil es scheinbar keine Folgen für uns selbst hat.
Trotz dieses harten Urteils bringt die biblische Weisheit diese Erfahrung in Beziehung zu Gott. Worauf können wir hoffen trotz einer Welt, die immer wieder so schwer erträglich, so widersinnig, so nichtig, so häwäl ist?
Hundertfach tut der Frevler Böses und besteht lange. Ja, auch ich weiß, es heißt: dass es denen gut gehen wird, die Gott achten. Und dass es denen nicht gut gehen wird, die das Recht brechen. Es heißt, die werden nicht lange bestehen. Sie gehen dahin wie ein Schatten, weil sie Gott nicht achten.
Die religiösen Überzeugungen sind hoffendes, sind glaubendes Wissen. Und doch hört man auch ganz deutlich die Skepsis: „Es heißt, die werden nicht lange bestehen.“ Das ist, als wenn wir einen Teil in uns haben, der trotz anderer Welterfahrung weiß, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Nicht um eine dogmatische Aussage über Gott zu stützen, sondern als intuitives und als glaubendes Wissen von Gott.
Welterfahrung, geglaubte Hoffnung und Skepsis stehen sich gegenüber. Wie soll ich denn wirklich an Gerechtigkeit glauben können, wenn ich mich auf die Welt einlasse?
Und gleichzeitig gehören Welterfahrung, geglaubte Hoffnung und Skepsis auch zusammen. Und das, obwohl sie widersprüchlich erscheinen und die Spannung nicht aufzulösen ist. Denn: Wie soll ich es aushalten unverblümt auf die Welt zu blicken, wenn ich keine Hoffnung habe? Und wäre nicht jeder Glaube ohne skeptische Distanz und Weltbezug hohl?
Es ist etwas Absurdes – häwäl – um das, was auf der Erde getan wird: Es gibt Gerechte, denen geht es, als hätten sie die Taten der Frevler getan und es gibt Frevler, denen geht es, als hätten sie die Taten der Gerechten getan. Ich sage: auch das ist hawäl – völlig absurd.
Nach meinem Abitur war ich mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste als Freiwilliger in Jerusalem. Neben meiner Arbeit in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem konnte ich drei Überlebende der Schoah besuchen, die ich einzeln jeweils einmal die Woche sah, um miteinander Zeit zu verbringen.
Yechiel war einer von ihnen. Er wohnte mit seiner Frau und zahlreichen Katzen in einer Wohnung und begrüßte mich jede Woche freudestrahlend, um dann einfach auf unserer gemeinsamen Muttersprache Deutsch zu plaudern. Er erzählte mir nie sein Leben in einer zusammenhängenden Beschreibung, aber über die Zeit konnte ich doch ein wenig sein Leben kennenlernen.
Yechiel wuchs in Jägerndorf auf, dem heutigen Krnov. Noch in den 1930er-Jahren konnten er und Teile seiner Familie vor der deutschen Besatzung fliehen und gelangten nach einer Odyssee durch Mitteleuropa schließlich mit dem Schiff in das britische Mandatsgebiet Palästina. Den Großteil seines Lebens war er israelischer Staatsbürger, hatte seit Staatsgründung das Auf und Ab der israelischen Politik miterlebt. Und doch freute er sich jede Woche wie ein kleiner Junge darüber, endlich wieder seine Muttersprache sprechen und hören zu können. Immer wieder betonte er: seit dem Tod seiner Mutter vor Jahrzehnten habe er sich nicht mehr auf Deutsch unterhalten. Und in unseren Gesprächen in seinem Jerusalemer Wohnzimmer blitzte immer wieder hinter seinem langen, weißen Bart der deutsch-jüdische Junge aus dem schlesischen Jägerndorf auf.
Yechiel hatte viel Schweres in seinem Leben erfahren und doch nie den Lebensmut verloren. Zu dem Zeitpunkt, als wir uns trafen, konnte er die Wohnung nicht mehr verlassen, weil er keine Treppen mehr steigen konnte und es keinen Fahrstuhl gab. Dennoch strahlte er weiter Lebensfreude aus. Er genoss zu essen, zu trinken und sich zu freuen – besonders über seine Katzen.
An den Gesprächen mit Yechiel beeindruckte mich immer, wie offen, zugewandt und freundlich er mir gegenüber war. Dabei erzählte er auch von schweren Erfahrungen. Ich hatte nie das Gefühl, er würde mich vor seiner Wahrheit verschonen, obwohl er nur einen Ausschnitt seines Lebens preisgab. Er beschrieb, wie sich sein Leben zugetragen hatte und was er davon weitergeben wollte. Dazu gehörten für ihn viele schöne Momente, aber auch Ungerechtigkeiten, Schmerzhaftes, Trauer und viele Verluste.
Die unglaubliche Stärke der Gespräche mit Yechiel war, dass ich einen Einblick in eine sehr andere Welterfahrung bekam. Er und andere Zeitzeug*innen muteten – und muten – uns einen anderen Blick auf die Wirklichkeit zu. Das ist eine Wirklichkeit in all ihrer Hässlichkeit und Schönheit, mit dem erlebten Unrecht und der Erfahrung, dass das Leben für sie dennoch weitergehen durfte.
Da habe ich Menschen gesehen, die das Recht gebrochen haben, aber begraben wurden und heimgingen. Hingegen mussten diejenigen vom heiligen Ort forteilen und wurden in der Stadt vergessen, die recht gehandelt haben. Auch das ist hawäl.
Die Gespräche mit Zeitzeug*innen haben mich immer aus meinen Konzepten und meinen Geschichten herausgeholt. Meine Vorstellungen, wie die Welt denn sei oder sein sollte, taugten nicht mehr. Ihre Berichte waren oft wie ein Schuss vor den Bug, der mich dazu aufforderte einzusehen, dass die Welt doch ganz anders ist. Dazu gehört auch, dass nicht alles schwarz oder weiß ist; dass ihre persönlichen Erfahrungen nicht unbedingt in große Geschichtserzählungen passen. Yechiels persönliche Geschichte und die vieler anderer Zeitzeug*innen zeigen, wie kompliziert und uneindeutig die Welt ist.
Das konnte ich mit Yechiel fast wöchentlich erfahren, auch wenn vieles ungesagt blieb. Das Geschenk, das uns Zeitzeug*innen machten und machen ist die Begegnung, die uns dabei hilft, dass wir uns der Welt stellen. Wenn wir ihr Angebot annehmen, dann rütteln ihre Geschichten an unseren Selbstverständlichkeiten, unseren Eindeutigkeiten. Denn die Geschichten in ihren vielen Gestalten zeigen einen anderen Blick auf die Welt. Häufig ist das ein Blick in den Abgrund, in unbeschreibliche Grausamkeiten und dennoch auch auf Solidarität, einen großen Lebenswillen und manchmal auch Hoffnung.
In der Begegnung kann ich erkennen, wie beschränkt mein Blick ist. Ich bin dazu aufgerufen, mich auf die Welt einzulassen, wie sie nun einmal ist. Und ich kann lernen, dem Impuls zu widerstehen, menschliche Erfahrungen und auch die Berichte und Begegnungen selbst zu romantisieren. Neben der Welterfahrung kann ich auch Skepsis und Hoffnung mitnehmen.
Ich sah: All das Tun Gottes können Menschen nicht finden in dem, was unter der Sonne getan wird. Sosehr sich die Menschen abmühen beim Suchen, sie finden es nicht. Auch wenn Weise sagen, sie könnten es erkennen: Sie können es nicht finden.
Kohelet sagt: Letztlich wissen und verstehen wir nicht. Ich meine: Wie recht er hat!
Doch das heißt gerade nicht, dass wir vor der Wirklichkeit die Augen verschließen sollten oder mit großen Konzepten die Welt erklären können. Genau vor der Überzeugung, die Welt verstanden zu haben, warnt der Prediger. Gerade echte Begegnungen zeigen uns, dass wir nicht so tun sollen, als würden wir eh schon wissen.
Es bleibt unsere Aufgabe zuzuhören, auszuhalten, zu beschreiben. Wir müssen für die Wahrheit einstehen, auch wenn wir es schlussendlich nicht verstehen können: die millionenfachen Morde der Schoah, die Verdrängung von Schuld und Verantwortung, der bleibende Antisemitismus. Die Verfolgung von Sinti*zze und Rom*nja, von Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, von politischen Gegner*innen, Deserteuren, Pazifist*innen und queeren Menschen. Die Verächtlichmachung dieser Menschen und Menschengruppen ging ungebrochen auch nach 1945 weiter. Sie ist weiterhin lebendig in unserer Gesellschaft.
Da ist so viel Leid. Ich meine: Wir müssen dem Impuls widerstehen, beantworten zu wollen, wo das Tun Gottes ist.
Ja, auch ich weiß, es heißt: dass es denen gut gehen wird, die Gott achten. Und dass es denen nicht gut gehen wird, die das Recht brechen. Es heißt, die werden nicht lange bestehen. Sie gehen dahin wie ein Schatten, weil sie Gott nicht achten.
Der Prediger weist nun doch – wenn auch skeptisch – darauf hin: es ist uns ja gesagt, dass Gott Recht schafft.
Was ist das für eine herausfordernde Aufgabe, so wie der Prediger sein zu wollen! Sich der Welt zu stellen, zu beschreiben, was wir als Menschen in ihr als grundlegende Erfahrungen machen, und dabei doch skeptisch glaubend auf das Handeln Gottes zu hoffen.
Kohelet macht es vor und ich höre die Aufforderung auch von den Überlebenden: Wir sollen uns auf die Wirklichkeit einlassen und unverblümt darauf schauen, wie sich uns die Welt in ihrer Unverständlichkeit zeigt. Diese Erfahrungen können wir in Beziehung zu Gott setzen. Aber es gilt, der Versuchung zu widerstehen, sagen zu wollen, wo Gott ist und wo nicht – sagen zu wollen, man habe irgendetwas verstanden.
„Auch das ist häwäl – völlig absurd.“ Diese Aussage ist nicht nihilistisch, sondern lebensdienlich. Sie holt uns aus den Konzepten heraus, mit denen wir uns die Welt aneignen. Ich höre in ihr die Aufforderung: versuch erst einmal, dich auf die Wirklichkeit einzulassen. Das ist schon schwer genug, gerade am 27. Januar.
Die Welt zeigt sich uns schön und schrecklich, grausam und auch hilfsbereit, mit unerträglichem Leid und dennoch mit Lebenswillen verbunden. Diese Welt ist häwäl und Gott ist darin verborgen.
Amen.