Predigt über Apostelgeschichte 10,21-35
Pfarrerin Barbara Neubert - Beauftragte für den Kirchlichen Entwicklungsdienst und Länderreferentin für Kuba im Berliner Missionswerk

Liebe Gemeinde, 

in einer Reformierten Kirche zu predigen, bedeutet für mich, dem biblischen Text seinen Raum zu geben, sich Zeit zu nehmen, ihn zu verstehen, ihn zu befragen, genau hinzuhören, was er womöglich sagen will. Und dies an erster Stelle. 

Die Vorgeschichte 

So lassen Sie mich mit dem biblischen Text beginnen. Der heutige Predigttext stammt aus dem Buch der Apostelgeschichte. Es ist ein Ausschnitt aus einer längeren Erzählung. 

Wir befinden uns in Cesarea, einer Stadt am Meer, mit römischer Verwaltung und zahlreicher Soldaten. In den 60ger Jahren hat es immer wieder Überfälle auf die jüdische Bevölkerung gegeben. Zugleich gab es etliche, die von der jüdischen Religion fasziniert waren, die ihrer Regeln und Gebote hielten, ohne ganz zum jüdischen Glauben überzutreten. 

So auch der Hauptmann Kornelius, Centurio, Berufssoldat. Er war fromm und gottesfürchtig. Er tat das, was ein gläubiger Jude tun soll: er gab Almosen und betete zu Gott. Und sicher wollte er Gott besser verstehen. Mit wem könnte über Glauben und Zweifel, über die Geheimnisse der Schrift über das Leben als Gläubiger sprechen? Da hatte er eine Vision, ein Engel erschien und sprach mit ihm. Dieser Vision glaubte Kornelius und ließ drei Männer nach Joppe schicken, in das Haus von Simon dem Gerber, wo Petrus zu Gast war. Einer der drei war Soldat und ein frommer Mann wie er selbst. Ihm vertraute er, die richtigen Worte zu finden, damit Simon Petrus sich auf den Weg zu ihm, einem Römer macht.

Als die drei in Joppe ankamen, fragten sie sich durch, bis sie vor dem Tor des Hauses standen und riefen nach Petrus. Petrus aber war auf dem Dach. Er betete, war hungrig, hatte eine Vision von einem Tisch voller Essen und wusste nicht, wie er dies zu bedeuten hat. 

Hier setzt der Predigttext ein. Ich lese aus der Zürcher Übersetzung: 

Der Predigttext

21Petrus ging hinunter und sagte zu ihnen: Seht, ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund seid ihr da? 22Sie sagten zu ihm: Der Hauptmann Kornelius, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann, angesehen beim ganzen jüdischen Volk, hat von einem heiligen Engel die Weisung erhalten, dich in sein Haus kommen zu lassen und zu hören, was du zu sagen hast. 

23Er bat sie herein und nahm sie als Gäste auf. 

Am folgenden Tag brach er auf und zog mit ihnen; und einige von den Brüdern aus Joppe begleiteten ihn.

24Am Tag darauf kam er nach Cäsarea. Kornelius, der seine Verwandten und seine engsten Freunde zusammengerufen hatte, erwartete sie schon. 
25Als Petrus unter der Tür stand, ging ihm Kornelius entgegen und warf sich voller Ehrfurcht ihm zu Füssen. 
26Petrus aber richtete ihn auf und sagte: Steh auf! Auch ich bin ein Mensch. 

27Und im Gespräch mit ihm trat er ein und fand viele Leute versammelt. 

28Und er sagte zu ihnen: Ihr wisst, wie unstatthaft es für einen Juden ist, mit einem Fremden aus einem anderen Volk zu verkehren oder gar in sein Haus zu gehen. Mir aber hat Gott gezeigt, dass ich keinen Menschen gewöhnlich oder unrein nennen soll. 29Darum bin ich, ohne zu widersprechen, gekommen, als du nach mir schicktest. Ich würde nun gerne erfahren, aus welchem Grund ihr mich habt kommen lassen.

30Da sprach Kornelius: Vor vier Tagen um die gleiche Zeit, zur neunten Stunde, war ich beim Gebet in meinem Haus; da stand auf einmal ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand, 31und er sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. 32Schicke nun nach Joppe und lass den Simon rufen, der den Beinamen Petrus trägt; er ist zu Gast im Haus des Gerbers Simon am Meer. 

33Da habe ich unverzüglich nach dir gesandt, und es ist gut, dass du gekommen bist. 
Wir sind jetzt alle hier vor Gott versammelt, um all das zu hören, was dir vom Herrn aufgetragen ist.

34Petrus tat seinen Mund auf und sprach: Jetzt erkenne ich wirklich, dass bei Gott kein Ansehen der Person ist, 35sondern dass ihm aus jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt. 

Beobachtungen am Text 

Einige Beobachtungen an dem Text möchte ich mit Ihnen teilen: 

Gleich im ersten Vers heißt es: „Ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund seid ihr da?“ Petrus fragt, warum die Männer gekommen sind. Die Antwort lautet: Ein Engel ist erschienen und Kornelius möchte hören, was du zu sagen hast. 

Kein Leid, keine Heilung steht hier im Zentrum, sondern: Da ist einer, der dem anderen Zuhören will. Im Zentrum steht das Gespräch. Im Zentrum steht der Wunsch, besser verstehen zu wollen, was Gott von uns Menschen will. 

Dieses Miteinanderreden braucht Offenheit von beiden Seiten. Wie entsteht diese Offenheit? Kornelius brauchte das Gebet und einen Engel. Dann macht er sich auf die Suche nach Petrus. 
Und Petrus? Petrus braucht Gebet und Vision, um die Einladung anzunehmen, die Tür für die drei Fremden zu öffnen, sie ins Haus zu bitten. Es braucht also etwas Innerliches, das Gebet) und einen Anstoß von außen, in diesem Fall von oben. 

Eine zweite Beobachtung: Als Petrus ist das Haus des römischen Hauptmanns Kornelius kommt, warf sich dieser ihm zu Füßen. In der Luther-Übersetzung heißt es sogar: Er betete ihn an. Mich hat das immer gewundert. Denn wenn Kornelius ein gottesfürchtiger Mann war, wird er niemand anders als Gott angebetet haben. Die Zürcher Übersetzung scheint angemessener. Denn das griechische Wort kann für beides genutzt werden: sich niederwerfen vor Menschen oder vor Gott. 

Etwas Besonders bleibt es dennoch: die Römer hatten die Macht im Reich inne. Wenn sich jemand verneigt, dann vor den Römern. Aber hier ist es ein römischer Hauptman, der sich tief vor einem einfachen Juden verneigt. Er verzichtet auf Repression und Unterwerfung. Mehr noch er verneigt sich tief vor einem Mann aus dem Volk. Petrus regiert sofort: Ich bin nur ein einfacher Mensch. 

Und wieder fragt Petrus: Warum sollte ich hierher kommen? 
Und wieder ist die Antwort: wir wollen hören, was du zu sagen hast. 

Da versteht Petrus etwas. Petrus, der die jüdischen Schriften, die Tradition und Gebote von klein auf an kannte, Petrus, der Jesus den gesamten Weg von Galiläa, von der ersten Predigt an, bis ans Kreuz begleitet hat, der am leeren Grab gestanden hat, er versteht etwas. 

Was er versteht, erzählt Petrus in dieser ersten Predigt: Jetzt erkenne ich wirklich, dass bei Gott kein Ansehen der Person ist, 35sondern dass ihm aus jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt.

Die Predigt geht noch weiter. Unser Predigttext bricht hier ab und setzt damit einen Schwerpunkt auf diese Erkenntnis. 

So viel zu meinen Beobachtungen. 

Und heute? 

Was macht man nun damit? – In dem einen oder anderen Moment ist Ihnen womöglich ein Bezug zu unserem Leben heute durch den Kopf gegangen. 

Ich denke über den Text nach und merke, wie aktuell er an der einen und anderen Stelle ist, überlege, wo er mir helfen kann, das Leben hier und heute besser zu verstehen und ebenso, was Gott von mir und uns heute und hier wollen könnte. 

Für mich war es zuerst dies: 

Fragen kommt vor Reden – das kleine Warum

Wie wohltuend wäre es, wenn Menschen nicht sofort los reden, reden, reden, reden, was ihnen durch den Kopf geht, egal was, Hauptsache sie sind am Reden. 

Petrus hätte auch einfach los reden können, zu sagen hatte er ja genug. Aber dann entsteht kein Gespräch. 

Wie gut ist es da, wenn am Anfang eine Frage steht: Was möchtest du wissen? Was ist Dir wichtig? Warum willst Du mit mir sprechen? 

Petrus fragt und hört sich die Antwort genau an. 
Dies ist so wichtig, dass es zweimal erzählt wird. 

Wie wohltuend wäre es, wenn die Frage, zum gemeinsamen Nachdenken anregt, zum gegenseitigen Zuhören. 

Diesen Gedanken nehme ich in die Woche mit: für beiden Seiten: Wenn jemand zu mir kommt und etwas von mir will, dann will ich genauer fragen und hinhören, was der andere von mir möchte, was er braucht. 

Und wenn jemand mir ausschweifend erzählt und keinen Punkt macht, dann will ich ihm diese Frage stellen: was möchtest Du von mir? Warum kommst Du damit zu mir? 

Die Frage, die Petrus stellt, war nicht nur für Kornelius wichtig, sondern auch für Petrus. 

Petrus hat wichtige Dinge dadurch erfahren. Womöglich geschieht das auch heute. 

Unsere Gesprächskultur könnte sich ändern. Diese Fragen könnten uns helfen, einander besser zuzuhören. 

Einwand

Nun können Sie einwenden: Sie haben übersehen, dass der eine ein römischer Hauptmann und der andere ein jüdischer Fischer ist, und das im von Römern besetzten Israel. 

Glaube wird nicht mehr exklusiv gedacht für Menschen aus dem Volk Gottes. 

Grenzen überwinden 

Genau davon erzählt die Apostelgeschichte an verschiedenen Stellen. 

Unabhängig woher jemand kommt: Bei Gott ist jeder willkommen, der ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt. 

Ich habe in einigen Kommentaren gelesen, dass dies als große Grenzöffnung verstanden wird: Egal wo jemand her kommt, egal, was er glaubt: er ist willkommen. 

Ich lese dies nicht so: Denn Petrus sagt:  
„Jetzt erkenne ich wirklich, dass bei Gott kein Ansehen der Person ist, sondern dass ihm aus jedem Volk willkommen ist, … - und jetzt die Einschränkung - wer Gott ehrt und Gerechtigkeit übt.“ 

Bei Gott ist willkommen, wer ihn ehrt und Gerechtigkeit übt: (Im Hintergrund höre ich das Gebot der Gottesliebe und der Nächstenliebe, wie wir es in der Summe gehört haben) 

Damals war es für die Anhänger Jesu ein großer Schritt. Etwas Neues. Und heute? 

Wir heute leben damit und davon, und lernen es immer wieder neu: 

Für welche unserer Fragen könnte dies wichtig sein? 

Und andersherum gefragt: Welche Fragen sind heute wichtig, bei denen uns diese Erzählung helfen könnte. 

Gedenktag 27. Januar 

Dienstag ist der 27. Januar – Gedenktag an die Befreiung von Ausschwitz. Plakate mit #weremember sind an vielen Stellen der Stadt zu sehen. Sie scheinen immer wichtiger zu werden angesichts von steigendem Antisemitismus. Rund um den 27. Januar werden wir intensiver darüber sprechen. 

Womöglich ist die Geschichte einer Erinnerung, Juden und Jüdinnen zu bitten: „Erzählt uns! Wir sind hier, um zu hören, was dir von Gott aufgetragen wurde.“ Ich bin mir sicher, dass wir viel auch für unseren eigenen Glauben lernen können. Und was gegen Antisemitismus helfen kann. Und dann, dann lasst uns auch zu moslemischen Nachbarn gehen und fragen: erzählt uns: Wir wollen hören, wie sich Antisemitismus, und ja auch Antiislamismus überwinden lässt. 

Und noch etwas hat mich diese Woche sehr beschäftigt: 

Deutsch-kubanische Jugendbegegnung 

In zwei Monaten will ich mit einer Gruppe junger Erwachsener nach Kuba reisen. (ich bin Länderreferentin für Kuba, spanische Gottesdienste hier, Austausch und Begegnung mit unserer Partnerkirche der Presbyterianisch Reformierten Kirche in Kuba). 

Wir werden dort Ostern feiern und kubanischen Jugendlichen auf Freizeit gehen.  Das ist ziemlich aufregend, weil Kuba von Stromabschaltungen geplagt ist, die Finanzierung für die Teilnahme aller kubanischen Jugendlichen noch nicht steht und einiges mehr. Die Jugendlichen leben in sehr unterschiedlichen Kontexten und begegnen sich. 

Das so eine Begegnung möglich ist, hat mit dieser Geschichte zu tun: Es ist nicht entscheidend aus welchem Volk du kommst, welche Sprache du sprichst, sondern Gott ehren und Gerechtigkeit üben. Das soll uns verbinden über alle Grenzen und Kontinente hinweg. 

Das ist immer wieder eine neue Herausforderung. 
Und ich bin dankbar, dankbar, dass es möglich ist. 

Amen.