Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn einer sagt, er habe Glauben – Werke aber hat er nicht? Kann der Glaube ihn retten? Wenn es einen Bruder oder eine Schwester gibt, die nackt sind und der täglichen Nahrung ermangeln, und jemand von euch zu ihnen spricht: geht hin in Frieden, wärmt euch und esst euch satt, ihnen aber nicht gibt, was der Leib braucht – was nützt das? So auch der Glaube: wenn er keine Werke hat, ist er tot, für sich selbst. Aber einer wird sagen: Du hast Glauben und ich habe Werke; zeige mir deinen Glauben ohne Werke, und ich werde dir den Glauben aus meinen Werken zeigen. Du glaubst, dass Gott Einer ist, und tust recht – auch die Dämonen glauben das und schaudern. Willst du erkennen, o leerer Mensch, dass der Glaube ohne Werke wirkungslos ist? Wurde Abraham, unser Vater, nicht aufgrund von Werken gerecht gesprochen, als er seinen Sohn auf den Opferaltar hinauftrug? Du siehst: der Glaube wirkte mit seinen Werken zusammen und aus den Werken wurde der Glaube vollkommen. So wurde die Schrift erfüllt, die sagt: Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Und: Freund Gottes wurde er genannt. Ihr seht: aus Werken wird der Mensch gerecht gesprochen und nicht aus Glauben allein. Desgleichen auch die Hure Rahab – wurde sie nicht aus Werken gerecht gesprochen, weil sie die Boten aufnahm und auf einem anderen Weg hinausbrachte? Denn wie der Leibohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.
Am letzten Mittwoch wurde bei unseren jüdischen Geschwistern ein Fest gefeiert: Simchat Tora – Freude an der Tora. Das ist der Tag, an dem die wöchentliche Lesung der fünf Bücher Mose abgeschlossen wird und mit dem ersten Abschnitt des ersten Buchs ein neuer Jahreszyklus beginnt. Vor allem aber ist es – der Name sagt es – ein Freudenfest. Man feiert die Tora, tanzt mit der Schriftrolle. Die Freude ist groß darüber, dass der unendliche, der ganz unvorstellbare Gott sich dazu bereitgefunden und entschlossen hat, in Menschenworten zu Menschen zu reden. Und darüber, dass sich das schriftlich niedergeschlagen hat, bezeugt wurde, in diesen fünf Büchern studiert und erforscht werden kann. Öffne meine Augen, dass ich sehe die Wunder an deiner Tora, heißt es in Psalm 119, der ein großes Loblied ist auf die Tora und auch aufs Studieren und Erforschen dieser Schriften. Und mit dem ersten Psalm haben wir zu Beginn die Seligpreisung derer nachgesprochen, die Tag und Nacht über der Tora murmeln. Gott hat uns sein Wort anvertraut, uns damit seinen Willen, sein Herz, seinen Charakter offenbart. Das ist was zum Feiern, das ist – das Freudenfest zeigt es – eine frohe Botschaft, Evangelium.
Diese Begeisterung für das, was in christlicher Sprache Das Gesetz heißt, ist vielen Christen, vor allem evangelischen Christen, etwas fremd. Zu den großen Entdeckungen der Reformatoren gehörte doch, so haben wir es gelernt, dass der Mensch, der Sünder, die Sünderin gerecht gesprochen wird aufgrund des Glaubens, ohne Werke des Gesetzes. In unserer Tradition klingt es darum so, als sei Evangelium das Gegenwort, der Gegensatz zum Gesetz.
So trifft es sich gut, dass wir heute, wenige Tage nach Simchat Tora, knapp zwei Wochen vor dem Reformationstag, auf diesen kräftigen, auch etwas sarkastischen Einspruch des Jakobusbriefs gegen unsere evangelische Grundüberzeugung hören, auf einen Text, der behauptet: Aus Werken wird der Mensch gerecht gesprochen und nicht aus Glauben allein.
Doch der Briefschreiber stellt ja nicht einfach Behauptungen auf, er dekretiert nicht, sondern er stellt fast ständig Fragen. Gewiss liegen wir nicht ganz falsch, wenn wir sie als rhetorische, als Suggestivfragen betrachten, denn es ist recht deutlich, welche Antwort erwartet wird. Und doch sind es Fragen. Der Autor appelliert an unsere Einsichtsfähigkeit, unser Urteilsvermögen: seht doch selbst genau hin. Ist es nicht so?
Was nützt es?, fragt er zunächst zweimal, und diese Frage mag uns im Blick auf unseren Glauben allzu nüchtern, zu pragmatisch, wie eine geradezu ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung klingen. Muss denn alles nützlich sein?, sind wir versucht zurückzufragen. Kann der Glaube nicht so etwas wie ein Selbstzweck sein? Weil es nun mal so ist, dass Gott und Jesus uns erreicht und ergriffen haben, das Evangelium unser Herz berührt? Beginnt das Reich der Freiheit nicht gerade da, wo es nicht um Zwecke und um Nutzen, um Verwertbares geht? In der Musik etwa und in der Kunst überhaupt, in der Liebe, im Spiel?
Doch lassen wir, so angesprochen, uns einmal ein auf diese nüchterne, diese materialistische Frage. Der Briefschreiber stellt sie zweimal, aber je in verschiedener Hinsicht. Zuerst: Was nützt so ein untätiger, so ein tatenloser Glaube dem Glaubenden selbst? Und da fügt er eine weitere Frage an: Kann der Glaube ihn retten? Ehe wir nun mit unseren Reformatoren glaubensfest antworten: Aber ja! Gewiss doch! Sogar allein der Glaube – lasst uns erst überlegen: retten – wovor denn? Da hier ständig von Gerechtsprechung die Rede ist, wird es um die Rettung vor einer Verurteilung in Gottes Gericht gehen. Doch schwingt in diesem Wort auch die Bedeutung befreien mit. Befreit der Glaube die Glaubenden zu einem zwar nicht völlig angstfreien, aber deutlich weniger ängstlichen, darum auch weniger zugeknöpften Leben? Und zu einem erfüllten, sinnerfüllten? Oder geht der Trost und die Ermutigung evangelischer Predigt an ihnen vorbei und ins Leere, weil sie sich Situationen und Herausforderungen nicht stellen, sondern entziehen, in denen Trost und Ermutigung nötig und hilfreich wären; in denen der Glaube sich bewähren könnte? Der Briefschreiber redet ja seinen Kontrahenten an mit: du leerer Mensch. Und noch ein Satz fällt zweimal: ein Glaube ohne Taten, ohne Praxis; ein Glaube allein, für sich – Gott und die Seele, die Seele und ihr Gott – ist tot, ein Leib ohne Geist, ein verwesender Leichnam Zudem nennt er einen solchen Glauben wirkungslos, aber das liegt ja auf der Hand.
Da sind wir bei der zweiten Frage: was nützt ein solcher Glaube anderen? Und die scheint ihm noch wichtiger zu sein als die erste. Das zeigt der ganze Brief, in dem es viel um die Armen geht und darum auch um die Reichen. Er erinnert seine Leser daran, dass der Gott Israels die Armen erwählt hat. Denn er beobachtet mit Sorge und mit Zorn, dass reiche Leute in der Gemeinde wie in der übrigen Gesellschaft mit besonderer Ehrerbietung empfangen und bedacht werden, Arme hingegen herumgeschubst. Er will die Reichen nicht rausschmeißen, will sie aber erinnern an diese Erwählung, die für sie heißt: mit Gott bekommen und haben sie zu tun über die Armen; indem sie mit ihnen zusammenleben, teilen, auch ihr Leben teilen. Wie wir Nichtjuden mit ihm nur zu tun bekommen, indem wir mit Israel zusammenleben, Anteil nehmen am Weg des jüdischen Volkes. Und so skizziert er hier eine Situation, die makaber ist und absurd: da gibt es Arme, die nicht genug zum Anziehen, nicht genug zum Essen haben, und da gibt es Gemeindemitglieder, die ihnen sagen: geh hin in Frieden. Gott liebt dich, Jesus liebt dich. Diese frohe Botschaft wird dich wärmen und ernähren. Das klingt wie eine Karikatur, aber ist da – im Blick auf die Kirche und die soziale Frage, auf Kirche und Gesellschaft überhaupt – nicht doch was dran?
Neben dieser etwas zugespitzten Szene aus dem Gemeindeleben greift der Autor auch zur Bibel – und da scheint er es direkt mit dem großen Paulus aufzunehmen. Der hatte in seinem Römerbrief auch mit Abraham argumentiert und denselben Bibelvers zitiert: Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Aber dies Vertrauen in Gottes Verheißungen, wirft unser Briefschreiber ein, hat ihn doch zu Taten veranlasst, die Ausdruck dieses Vertrauens waren. Er ist ja nicht in Haran sitzen geblieben, um Gottes Zukunftsversprechen stillvergnügt zu genießen. Sich nicht auf den Weg mit Gott zu machen – wäre das nicht ein Misstrauensvotum, ein Zeichen, dass er Gott doch nicht so ganz vertraut, ihm nicht allzu viel zutraut? Also von Unglauben?
Anders als Paulus fügt er darum ein weiteres Bibelwort hinzu: Abraham wurde Freund Gottes genannt. Ein Freund, das ist jemand, der nicht rechnet, gar nicht an Anrechnung denkt, sondern jemand, der mir beisteht, mich unterstützt. Hier ist der Autor etwas weniger schroff als sonst und sagt: der eigene Glaube und die gesellschaftlichen Taten – die arbeiten zusammen, und so erst wird der Glaube vollkommen. Wie er zuvor von einem armen Bruder und einer armen Schwester geredet hatte, so stellt er auch hier der Abrahamsgeschichte eine Frauengeschichte zur Seite: die Hure Rahab in Jericho, von der am letzten Sonntag die Rede war: eine Platzhalterin und Platzanweiserin für uns nichtjüdische Anhänger des Gottes Israels.
Richtig sarkastisch wird er, wenn er auf das Glaubensbekenntnis zu sprechen kommt. Der HERR, unser Gott, ist Einer, heißt es im Schma Israel, und im gerade viel gefeierten nizänischen Glaubensbekenntnis: Ich glaube an den einen Gott. Unser Briefschreiber sagt dazu: du glaubst, dass Gott Einer ist? Sehr schön. Das glauben die Dämonen auch – und schaudern. Dämonen, lebensfeindliche, Leben zerstörende Kräfte ahnen, dass es mit ihren Zielen, mit ihren Beherrschungswünschen nicht gut aussieht, wenn das wahr ist. Sie schaudern immerhin. Und ihr?
Dietrich Bonhoeffer hat im Kirchenkampf das kritisiert, was er billige Gnade nennt, und das klingt recht ähnlich der Kritik, die wir heute aus dem Jakobusbrief hören. Er tat das in einem Büchlein mit dem Titel Nachfolge. Denn die vermisste er. Auch er hatte den Eindruck, Christen sind froh und zufrieden damit, dass Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, wollen aber nichts davon wissen, dass er zugleich Gottes Anspruch auf unser ganzes Leben ist. Aber rennt diese Kritik nicht inzwischen bei uns längst offene Türen ein? Haben wir nicht inzwischen das umgekehrte Problem? Reden wir, redet die Kirche nicht fast nur noch von christlichen Werten und nicht mehr von Gott, von Jesus, vom Evangelium?
Wir hören unseren Text in einer Zeit, in der das reichste Land der Welt gerade von einem Tag auf den anderen alle seine zuvor erhebliche Entwicklungshilfe gestrichen hat. Auch im Inland wird da den Armen genommen, etwa ihre Krankenversicherung. Und in unserem Land wurde gerade erfolgreich eine Kampagne gegen das Bürgergeld geführt. Doch nun stellt sich nicht ganz überraschend heraus, dass die nun angedrohten schärferen Sanktionen gegen Menschen, die nicht kooperieren, nicht wie zuvor behauptet, zweistellige Milliardenbeträge einsparen, sondern so gut wie nichts. Doch da hatte jene Kampagne bereits so ziemlich alle Empfänger von Sozialleistungen mindestens verdächtig, wenn nicht verächtlich gemacht. Und zugleich gibt es eine Diskussion über die Rente, die den Alten und Älteren deutlich macht: Ihr seid ein Problem, weil ihr 1. zu viele seid und 2. immer älter werdet.
Wenn man versucht, das Evangelium so kurz zusammenzufassen, dass man dabei auf einem Bein stehen kann, könnte man sagen: In seinem Sohn hat sich Gott mit seinem Volk und dadurch mit allen Menschen aller Völker solidarisiert, sich ganz und gar auf unsere Seite gestellt. Damit hat er uns dazu befreit und berufen, unsererseits solidarisch zu sein und für eine solidarische Gesellschaft zu kämpfen und zu arbeiten. Auch wir Christen, auch wir evangelischen Christen haben darum Grund zur Freude an der Tora, haben Grund, das Wort Gottes zu feiern. Wir tun das ja auch jeden Sonntag. Und einmal im Jahr ganz besonders. In gut zwei Monaten feiern wir Weihnachten unter der biblischen Überschrift: Das Wort wurde Fleisch, wurde ein Mensch, allen Menschen zum Mitmensch. Das befreit nun auch uns zur Menschlichkeit, zur Mitmenschlichkeit.
Amen.