Predigt über Markus 14,66–72
Und Petrus war unten im Hof. Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters; und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth. Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte. Und die Magd sah ihn und fing abermals an, denen zu sagen, die dabeistanden: Dieser ist einer von denen. Und er leugnete abermals. Und nach einer kleinen Weile sprachen die, die dabeistanden, abermals zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von denen; denn du bist auch ein Galiläer. Er aber fing an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet. Und alsbald krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da gedachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er fing an zu weinen.
1. Stimme
Wie kommt so eine Geschichte in die Bibel?
Ein Held: Erst überwindet er wohl seine Angst, flieht nicht, zieht sich nicht zurück, sondern bleibt. Geht mit. Doch dann verleugnet er doch. Knickt ein und weint zuletzt sogar verzweifelt.
Kein Held – vielleicht deshalb solch ein Petrus bei Markus kurz nach Zerstörung des Tempels Jerusalems – Angst auf den Straßen und den Plätzen überall.
Gerade deshalb ein Petrus, der Petrus, der Fels heißt, weil er kämpft, weil er ringt, weil er Angst hat und weil er weint. Gerade deshalb ein Hahn auf dem Kirchturm. Der uns erinnert.
Ein Fels, der wankt wie die Welt, wie die Hoffnung, die auf den am Kreuz setzte. Ein Fels, der wankt wie wir, anders die Frauen, die zum Grab gehen, zum leeren, die bleiben, mitgehen, hinsehen, aushalten.
Vergessen der Fels, der wankt; der Mann, der weint; die Frauen, die trotzen. Trotz des Hahnes auf dem Kirchturm.
2. Stimme
Markus erzählt die Geschichte im Angesicht der Zerstörung Jerusalems durch die Römer. Jerusalem - Schauplatz von Massakern und Gewalt - und vielen Kreuzigungen. Die Überlebenden - verschleppt, versklavt oder ins Exil getrieben. Der Tempel - zerstört.
Das letzte, was wir von Markus über Petrus erfahren, ist: Er erinnert sich und beginnt zu weinen.
Gründe zum Weinen gibt es viele, bis heute.
Vor seinem Tränenausbruch erinnert sich Petrus. Er „gedachte“.
Erinnern, Gedenken - schwer ist das, wenn einer doch lieber vergessen und verdrängen will. Noch dazu, was schwer auf der Seele liegt: eine unangenehme Wahrheit, eine peinliche Selbsterkenntnis.
Warum diese Geschichte?
Simon wird Petrus, der Fels, genannt, auf dem die Gemeinde gebaut wird. Ein kippeliger, ein wackeliger Fels. Am Anfang unserer Gemeinden und Kirchen stehen Verleugnung und Verrat. Aber auch: Erinnerung und Tränen.
Warum beginnt Petrus zu weinen? Hört er jemals wieder auf?
Er tut mir leid, durchgefroren und verängstigt im Hof des hohepriesterlichen Palastes, das Feuer und die wärmende Nähe zu seinem inhaftierten Rabbi Jesus suchend. Hoffnungen und Träume von einer besseren Zeit - zerplatzt. Die anderen Mitstreiter - in Panik geflohen. Auch Petrus hat Angst. Aber er ist nicht weggelaufen. Doch er leugnet seine Zugehörigkeit.
Warum beginnt Petrus zu weinen?
Aus Mitleid mit Jesus, dem Folter und Tod bevorstehen? Aus Selbstmitleid? Aus Hoffnungslosigkeit? Oder aus Reue über sein Versagen, seinen Verrat? Wir wissen es nicht. Nur das: vor seinem Tränenausbruch erinnert sich Petrus. Das Krähen des Hahns erinnert ihn.
Erinnern, Gedenken - schwer ist das, wenn wir lieber vergessen und verdrängen wollen. Und hüten wir uns vorm selbstgerechten, koketten Erinnern.
Seit dem 9. Jahrhundert drehen sich Wetterhähne auf Kirchtürmen im Wind. Gut geschmiert krähen sie nicht, aber sie erinnern uns an Petrus. An die Verleugnungen, die sich fortsetzen. An den Verrat an der Wurzel, die uns doch trägt.
Die Kirche war eifersüchtig und setzt sich selbstgerecht an Israels Stelle. Nährboden für die tödliche Ideologie des Antisemitismus. Zu wenige Christinnen und Christen widersprechen, widerstehen, bekennen ihre Zugehörigkeit. Der Verrat an Jüdinnen und Juden gehört zum Erbe der gesamten christlichen Ökumene. Verantwortung der Weltchristenheit, nicht nur der deutschen Christen.
Heute, am 9. November, erinnern wir an den Verrat, der zur Gewalt wurde.
Petrus erinnert sich und beginnt zu weinen. Wann haben wir begonnen zu weinen? Weinen wir noch? Worüber weinen wir heute?
3. Stimme
Eine Schulklasse in einem Gymnasium für Schülerinnen. Sie ist nicht weit vom Abitur. Der beliebte Deutschlehrer bietet an, außerhalb des geregelten Schulbetriebes Lektüre Abende zu veranstalten. Dazu laden sich die Klassenkameradinnen gegenseitig und ihren Mentor zu sich nach Hause ein. Einige der Schülerinnen sind Jüdinnen. Als eine von ihnen an der Reihe ist, die Klasse einzuladen, bereitet sie das in ihrem Elternhaus vor. Aber niemand erscheint an diesem Abend. Die Klassensprecherin hat dafür gesorgt, dass sie boykottiert wird. Ohne dass es ausgesprochen wird, ist damit gesagt: die gehören nicht zu uns.
Die Klassensprecherin ist meine Mutter.
Der Vorfall ereignet sich 5 Jahre vor dem 9. November 1938. Zum Boykott „Kauft nicht bei Juden“ wird ja auch schon aufgerufen. Es gibt wiederholt öffentliche Demütigungen von Jüdinnen*Juden. Viele billigen sie ausdrücklich. Auf Parkbänken steht: „Nicht für Juden“. Die Ehe zwischen Jüdinnen*Juden und nichtjüdische Personen ist gesetzlich verboten worden. Jüdische Ärzte*innen dürfen nur noch jüdische Patienten*innen behandeln. Jüdische Kinder dürfen nicht mehr in die öffentliche Schule.
Die gehören nicht zu uns.
Am 9. November 1938 brennen die Synagogen. Die Feuerwehr schützt die Nachbarhäuser, löscht aber den Brandherd nicht. Brennende Tora Rollen liegen auf der Straße. Fensterscheiben klirren und die Glassplitter sind überall sichtbar. Wohnungen werden in der Nacht verwüstet. Erwachsene, Kinder und Jugendliche, alte Menschen sind auf einmal schutzlos; brutaler Gewalt ausgeliefert. Männer werden noch in derselben Nacht im örtlichen Gefängnis eingesperrt. Andere werden in den folgenden Tagen aus der Wohnung abgeholt und hinter der eigenen Wohnungstür beobachten die Nachbarn*innen das Geschehen. Öffnen sie vorsichtig die Tür einen Spalt und spähen? Schließen sie sie ganz schnell wieder und denken: „Hauptsache, uns trifft es nicht“? Nicht zu übersehen waren die Verzweifelten, die in der Nacht mit blutenden Wunden umherirren. Man verharrt hinter der eigenen Tür – oder geht raus und macht mit.
Die gehören nicht zu uns.
Jahre später – es herrscht Krieg – und immer mehr Jüdinnen und Juden verschwinden. Es kommen Gerüchte auf, dass im Osten Dinge passieren. Und dann ist da im Ort eine öffentliche Versteigerung. Möbel, Silber, Pelzmäntel … Da will ich hin!
Kein Hahn kräht.
4. Stimme
Und was, wenn Petrus sich seiner selbst gar nicht so sicher war?
Ja, er fand Jesus großartig, verehrte ihn, liebte ihn, wollte zu ihm gehören. Ist ja auch mit ihm gegangen. Aber hatte es nicht auch immer wieder Momente der Irritation gegeben? War Jesus nicht einfach zu radikal? Wer kann sich an das, was er lehrt, in echt schon halten? Armut, Sorglosigkeit, Feindesliebe…? Und hat er nicht allzu leichtfertig Grenzen überschritten? Mit wem er sich alles gemein machte… Und dann diese Leidenswilligkeit. Macht das Sinn? Was, wenn die Gegner, die Jesus für einen gefährlichen Spinner halten, doch ein bisschen Recht haben? Die sind ja schließlich auch nicht doof. Im Gegenteil – wahrscheinlich viel gebildeter als er, Simon Petrus, der Fischer.
Was, wenn er selbst sich da verrannt hat? Wenn er leugnet, gar nicht nur aus Angst, sondern aus Unsicherheit?
Natürlich sind das unmögliche Fragen. Zumal in einer Kirche. Aber die gab es damals ja noch nicht. Die ersten Christen – eine angefeindete Sekte. Die ersten Jüngerinnen und Jünger – konnten sie sich denn so gewiss sein: Jesus - der Messias?
Unmögliche Gedanken, die mir durch den Kopf schießen, weil ich selbst so unsicher bin. Weil ich mich erinnere, wie ich selbst – weil Zweifel an mir nagte – mich vor klarer Position gedrückt habe.
Ich denke an die vielen Gespräche über Israel - auch schon lange vor dem 7. Oktober 23. Gespräche mit Freundinnen und Kolleginnen, die nicht doof sind, die ich doch auch mag und schätze… Wie so viele von ihnen schon immer so genau Bescheid wussten: ‚Apartheitsstaat!‘ schnaubten sie mir entgegen. ‚Das stimmt doch nicht‘, versuchte ich einzuwenden 'so was wie Apartheid gibt es allenfalls im Westjordanland.‘ ‚Na, das kommt darauf an, wie man Apartheid definiert‘, kriegte ich zurück. Sie kennen Leute, die lange in Israel waren und die hätten schon damals gesagt: Apartheitsstaat. Was sollte ich da sagen? Ich war nicht lange in Israel.
Und dann - in größerer Runde kurz nach dem Massaker im November wusste es eine Freundin schon: Netanjahu ist ein Kriegsverbrecher. Hätten die Israelis anders reagiert, hätte es diese ganzen propalästinensischen Demonstrationen nicht gegeben, behauptet sie.
Mir ist, als gäbe es da so etwas wie Genugtuung: Jetzt sind wir die Guten! Jetzt können wir über Israel richten! Und daran liegt ihnen vielleicht mehr als am Schicksal der Menschen in Gaza. Aber weiß ich's? Ich bin unsicher. Ich verstumme.
Anfang August entdecke ich in einem Bahnhofskiosk eine Jüdische Allgemeine. 'Mal sehen, was die zum Krieg in Gaza schreiben', denke ich. Stelle mich mit der Zeitung in die Schlange vor der Kasse. Habe plötzlich den Eindruck, dass mich die Leute da böse angucken: Die denken jetzt, dass ich Jüdin bin und in Gaza Kinder verhungern lasse, schießt es mir durch den Kopf. Mir wird mulmig. Ob ich die Zeitung nicht besser zuklappe? Nein, bis zur Kasse halte ich durch. Aber im Zug sehe ich dann doch zu, dass das Deckblatt verborgen bleibt.
Seitdem beschäftigt mich meine Feigheit. Und die Frage, ob ich gesponnen habe - oder ob das wirklich so ist in der allgemeinen Meinung: Jüdin - lässt Kinder verhungern ... Jedenfalls hab ich mit Herzklopfen gespürt, wie es den Jüdinnen und Juden unter uns gehen mag, die sich seit dem 7. Oktober 23 angefeindet finden.
Auch das fängt nicht erst an, wenn Steine gegen ein Fenster fliegen, weil da eine Menora zu sehen ist. Es liegt in der Luft - dies 'Sie gehören nicht zu uns'....
Und wie lange liegt das schon in der Luft ...