Predigt zum Israelsonntag über Römer 9,1-5
Pfarrerin i.R. Gudrun Laqueur

An diesem Sonntag, der „Israelsonntag“ heißt, geht es um eine besondere Beziehung.  „Christen und Juden“. Ist ein deutsches Thema? Ja es ist in Deutschland ein besonderes Thema, weil wir eine besondere und besonders grauenvolle Geschichte damit haben. Und Nein, es ist kein deutsches Thema. Es ist ein Grundthema für die Kirche in allen Völkern, Nationen, Kulturen. Und es begleitet die Kirche und die Kirchen von Anfang an, seit die Apostel - und allen voran Paulus - den Ruf „Geht hin in alle Welt“ gehört haben und gegangen sind. Von Galiläa in die griechische Welt, von Jerusalem nach Osten in die persische Welt und nach Ägypten und Afrika.

Die, die diesen Weg gegangen sind, waren Juden. Sie lasen im Licht Jesu die heiligen Schriften neu. Im Licht der Christuserfahrung sahen sie die großen Verheißungen der Propheten sich erfüllen:    

„Ich mache dich zum Licht der Völker, und sie werden kommen zum Zion in Jerusalem und werden Weisung suchen. Sie sahen den Anfang einer Völkergemeinschaft, die einig sein wird, nicht in Kriegzielen, nicht in der Suche nach Glück, sondern in der Sehnsucht nach dem wahren Gott, nach seinem Licht und seiner Weisung. „Auf kommt herbei, lass uns wandeln im Lichte des Herrn.

Widerspruch

Gegen diese neue Weise, die Propheten zu lesen, erhob sich doppelter Widerspruch: Der erste war der tiefe grundsätzliche Zweifel, ob diese Zeit tatsächlich gekommen ist. Der Abgrund des messianischen Aufstandes gegen Rom, der unfassbare Greuel und Leid über das Volk und schließlich die Zerstörung des Tempels in Jerusalem gebracht hat, ließ sie einen anderen Weg gehen:

Den Weg den wir heute das rabbinische Judentum nennen. Es lässt sich mit einem Wort von Rabbi Tarfon auch den Sprüchen der Väter kurz beschreiben: „Es ist dir nicht gegeben, das Werk zu vollenden, aber du bist auch nicht frei, davon abzulassen.“ Die Messianische Arbeit besteht nicht darin einem Messias zu folgen, sondern jeden Tag das Deine zu tun, damit die Welt abends ein klein ein bisschen besser ist, als sie am Morgen war.

So entstanden die zwei Bewegungen, und zwei neue Traditionen, das neuen Testament und die Kirchenväter auf der einen, die rabbinischen Leher und der Talmud auf der andere Seite.

Der zweite Widerspruch beschäftigt bis heute beide Bewegungen, die Jesusgemeinden, die spätere Kirche ebenso wie die rabbinisch geprägten Gemeinden: Wie weit können wir uns öffnen, für viele Völker? Wie viele Kompromisse mit der griechischen Kultur darf man dafür machen?  Wie billig darf man die Zugehörigkeit machen? Wie viele Abstriche verträgt das Gebot? Wie weit darf es reduziert werden?

Die Frage begleitet auch Kirchen und Christen bis heute? Wir sprechen von „Enkulturation“.  Wie viel traditionelle oder neue Kulturen können wir als Kirche verkraften, ohne unkenntlich zu werden? Die Kirchen sind weite Wege gegangen, in den Hellenismus, in die germanischen Kulturen, in afrikanischen Kirchen, in Seoul, in Brasilien, in China.

Wozu brauchen wir in dieser weltweiten Kirche noch die Beziehung zu den Juden, zu ihren Heiligen Schriften?  Hören wir dazu Paulus, der in seinem Brief an dieGemeinde in den drei Kapiteln (Röm 9-11) versucht, den Zwiespalt zwischen den beiden Gemeinden zu verstehen, einzuordnen, lebbar zu machen. Die Kapitel enthalten scharfe Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Geschwistern, die den Messiasanspruch der Christen ablehnen und die auf der Weisung beharren:

Ich sage in Christus die Wahrheit, ich lüge nicht, mein Gewissen bezeugt es mir im heiligen Geist: 2 Voll Trauer bin ich, unablässiger Schmerz macht mir das Herz schwer. 3 Ja, ich wünschte, selber verflucht und von Christus getrennt zu sein, anstelle meiner Brüder, die wir zum gleichen Volk gehören:  

4 Israeliten sind sie, ihnen gehört das Recht der Kindschaft und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und die Gabe des Gesetzes und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 ihre Väter sind die Väter und aus ihrer Mitte stammt seiner irdischen Herkunft nach, der Christus;

Gott, der über allem waltet, er sei gepriesen in Ewigkeit, Amen

Drei Antworten enthalten diese Sätze, die auch für uns wichtig sind. Rolen wir sie von hinten auf.

1. Gott schafft Neues in Brüchen und Rissen

„Gott, der über allem waltet, er sei gepriesen in Ewigkeit, Amen“. Paulus erkennt in dem Zweispalt, der die Gemeinden zerreißt, Gottes Handeln. Alles Erklären, alle Gedankenmodelle kommen hier an eine Grenze. An die Grenze des göttlichen Geheimnisses. Gott schafft Neues, manchmal auch - indem er trennt und schneidet, indem er Konfliktlinien zieht und sichtbar macht. Das ist so von Anfang der Schöpfung. „und Gott schied das Licht von der Finsternis, den Tag von der Nacht, die Arbeit und die Ruhe, den Himmel und die Erde. Unsere Aufgabe ist es wie Er kreativ zu sein, längs der Konfliktlinien zu arbeiten, Gegensätze aushalten, uns daran abarbeiten, auch streiten. Doch in allem „Gott preisen“. Ich glaube, es macht allen Unterschied der Welt, ob unsere Arbeit, unser Streit, quasi-betende Arbeit, betender Streit ist oder nicht. Ohne Gottes Geheimnis droht fundamentalistische Absolutheit. Mit ihm kann alles, was wir tun, menschliches Maß behalten. Alle Lösungen, alle Ordnungen  dürfen vorläufig, beweglich, reformanda bleiben – und stehen unter der Verheißung, dass Gott es am ende gut machen wird.

2. Israeliten sind sie, ihnen gehört das Recht der Kindschaft und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und die Gabe des Gesetzes und der Gottesdienst und die Verheißungen, ihre Väter sind die Väter und aus ihrer Mitte stammt seiner irdischen Herkunft nach, der Christus;

Der Bund und die Weisung, der Gottesdienst. Paulus kann nicht in Anspruch genommen werden für eine Theologie der Enterbung, die sagt, Juden seien durch ihre Ablehnung des Christuszeugnisses aus der Gnade gefallen. Paulus macht seinen jüdischen Geschwistern den Bund nicht streitig. „Gott hat sein Volk nicht verstoßen“ wird er sagen.

Kirche, die Kirche Jesu sein will, wächst nicht aus sich selbst. Das Neue Testament ist Erklärung des Alten Testaments, nicht sein Ersatz. Es wäre in sich selbst gar nicht zu verstehen.  Die Kirche Jesu hat Wurzeln sie kann jederzeit sich an diese Wurzeln erinnern, sie kann daraus Kraft ziehen. Die Sklaven auf den Baumwollfeldern in Georgia haben das gewusst und gespürt. „Wade in the water”, “Swing low sweetchariot”, “let my people go” – alles alttestamentliche Geschichten von Gottes Befreiungsgeschichte, an der wir nur Anteil haben, weil wir nicht nur Kinder Abrahams sondern auch Geschwister von Mose und Israel sind. Das „Alte Testament“ konstitutiv für die Existenz der Kirche. Denn es ist ihr Kompass. Es bewahrt sie davor sich zu verlieren an neuheidnische Rückwärts-Ideologien, aber auch vor der Anpassung an den jeweils herrschenden Geist.

Unsere Reformierte Tradition hat den anderen Kirchen etwas Entscheidendes und kostbares zu geben: die Rückbindung an die Heiligen Schriften des alten Bundes.

Ein bisschen betrüblich, dass die neue Reformierte Agende dies nicht mehr zu wissen scheint. Dass sie die Lesung der Weisung aus dem Alten Testament beliebig macht, ja dass sie bei ihrer Auswahl von Weisungstexten aus dem Neuen Testamentausgerechnet auf die Antithesen der Bergpredigt kommt. Und offenbar nicht mehr weiß, in welcher gefährlichen Tradition sie sich da bewegt.

1939, als Juden in dieser Stadt schon in höchster Not waren, haben Älteste unserer Französischen Kirche erklärt, dass sie die Lesung der Zehn Gebote nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten. Die Gemeinden hatte nicht die Kraft, sich dem zu widersetzen. Trotz aller reformierten Bekenntnisse. Das passiert,  wenn der Kompass verloren geht.

3. Empathische Theologie

„Ich sage in Christus die Wahrheit, ich lüge nicht, mein Gewissen bezeugt es mir im heiligen Geist: Voll Trauer bin ich, unablässiger Schmerz macht mir das Herz schwer. Ja, ich wünschte, selber verflucht und von Christus getrennt zu sein, anstelle meiner Brüder, die wir zum gleichen Volk gehören…“

Paulus‘ Theologie entspringt aus dem Mitleiden am Schicksal konkreter Menschen.Die Theologie des Paulus ist nicht unbeteiligt. Paulus ist selbst zutiefst betroffen ihn schmerzt der Riss durch sein Volk, den er in seinen Gemeinden ja vor Augen hat. Er ist angefasst und wirbt um Anteilnahme. Er spricht sehr persönlich von Trauer und Schmerz. Er will nicht hinnehmen, dass das Heil der einen das Unheil der anderen sein soll. Er würde seine eigene Seligkeit dransetzen, den Riss zu heilen.

Das mag uns helfen, uns zu hüten vor einer empathiefreien Theologie. Der Römerbrief hat gewaltige dogmatische Werke hervorgebracht. Calvins institutio ist ein solches Werk, aber sie bleibt bei den konkreten Menschen, den Gemeinden, ihren Konflikten.So waren nicht alle Dogmatiken. Viele haben sich zu so abstrakten Höhen aufgeschwungen, dass Menschen zu Stereotypen wurden. Von den schrecklichen Skulpturen der Ecclesia und Synagoga oder der Wittenberger Judensau sind die bildlosen reformierten Kirchen verschont geblieben.

Aber Die Tradition empathiefreier Theologie hat nicht Halt gemacht vor unseren Kirchen. Oder welche Worte finden sich dafür, dass unser Consistoire ab 1939, als Juden in Berlin schon in höchster Not waren, die Taufe von Kindern jüdischer Elternteile abgelehnt hat – „nichtarisch“ war die Begründung..

Christliche Theologie ist Zeugnis Jesu, dessen ganzes Leben Anteilnahme war, an konkreten Menschen, in ihrer Not und ihrer Hoffnung. Bezogen auf die Beziehung unserer Kirche zum Judentum hat denn die EKBO in ihrer erneuerten Grundordnung auch einen wichtigen Satz aufgenommen. „Sie (die EKBO) weiß sich zur Anteilnahme am Weg des jüdischen Volkes verpflichtet. 

Das Thema Christen und Juden ist ein deutsches Thema. Aber es ist längst kein deutsches Thema mehr. Juden in Berlin, in Paris, in Madrid, in London, in Buenos Aires, in Manila und Johannesburg.

Aber es ist eine historische Erfahrung, dass der Hass gegen Juden sich früher oder später auch gegen Christen und dann gegen alle anderen richtet.

Es bleibt aber auch die Verheißung, dass Gottes Gaben und Berufung nicht ihn nicht reuen. Das Geheimnis Gottes, dass unsere weltweite kirchliche Gemeinschaft auf einem Riss beruht, der das jüdisches Volk zerrissen hat, zeigt uns, wir sind nicht am Ziel wir sind auf dem Weg, verwickelt in die Konfliktlinien dieser Welt. Aber die Verheißung, zu der wir berufen sind Christen und Juden liegt als heller Horizont vor uns. Etwas von diesem hellen Horizont haben wir gesehen, als wir im April in dieser Kirche mit einer jüdischen Lehrerin das Buch Esther studiert haben. Der helle Horizont ist immer da. Wir brauchen nur hinzusehen und in diesem Licht zu gehen. 

Amen.