Predigt zur Jahreslosung 2026 – ‚Ich mache alles neu!’ - Offenbarung 21,7
Prof. Dr. Rolf Wischnath

I

DAS ICH IN DIESER JAHRESLOSUNG IST GOTT: - 

     DER SCHÖPFER UND HERR DER WELT UND DES UNIVERSUMS, 
     DER RETTER SEINES VOLKES ISRAEL. 

 

ER NIMMT UNS HINEIN IN DIE OFFENBARUNG SEINES SOHNES JESUS CHRISTUS: 

  • IM KRIPPENKIND,
  • IN DEN BEGEBENHEITEN SEINES IRDISCHEN LEBENS,
  • SEINER WUNDER, WERKE UND WORTE,
  • SEINER PREDIGTEN UND WEISSAGUNGEN
  • SEINER LIEBE UND DEN ZUWENDUNGEN ZU KRANKEN UND ARMEN.

    VOR ALLEM ABER ZIEHT ER UNS 
    HINEIN IN DAS HEILSEREIGNIS 
    DES KARFREITAGS UND DES OSTERMORGENS

     UND ER SCHENKT UNS GLAUBEN UND FOLGSAMKEIT IN DER KRAFT SEINES HEILIGEN GEIS-  TES. -

SOWEIT DIE HAUPTSÄTZE. GROSSE BUCHSTABEN. ZEITLOS.

II

aber wäre es nicht angebrachter und gebotener, notwendiger und geziemender nach diesem unglücklichen und bitteren jahr 2025 …. diesmal statt allzu großer grossbuchstaben die kleinen zu nehmen, statt einer hymnischen einleitung zur predigt nur den einen satz der jahreslosung auszusprechen, der sagt, was wir brauchen?

SIEHE, ICH MACHE ALLES NEU!

und hätte ich da recht eigentlich nicht das wegweisende consistorium bitten können, es heute bei diesem knappen satz zu belassen, die heizung in der friedrichstadtkirche gar nicht erst anzustellen, der gemeinde und dem organisten nur eben diese sechs silben, diese sechzehn buchstaben zu gönnen - und zuzumuten? nicht weniger. aber auch nicht mehr. auch die kollekte wäre nicht nötig.

und dann beendeten wir diesen gerade erst begonnen GOTTesdienst und übergeben die französischen friedrichstadtkirche der alltagswelt berlins und ihrer dunkelheit.

III

denn wer sind wir denn? wir? Ich? GOTTes wort dauernd auszulegen und breittreten zu können? es zu kommentieren? es zu bemäkeln, es zu benörgeln, ihm die spitze abzubrechen? 

was fällt uns denn ein in der kirche GOTTes wort wieder und wieder in den griff unseres kopfes und herzens, in die sprachakrobatik unserer verlegenheiten zu nehmen? dürfen wir denn diese höchste verheissung GOTTes – „ICH mache alles neu!“ - nunmehr ein ganzes jahr lang als unsere, von uns ausgesuchte jahreslosung, als eine seelenbesänftigende „losung“ in den mund zu nehmen und zu plappern und auszumalen, was denn dieser eine satz möglicherweise für dich und mich, für diese gemeinde besagen könnte?

IV

aber warum dürfen wir das nicht? warum dürfen wir nicht schweigen? weil es um GOTTes ehre und um GOTTes wort geht. Uns gegeben in der Gestalt des CHRISTUS JESUS, erklärt in der heiligen schrift alten und neuen testaments, wahrgenommen in den bekenntnissen unserer kirche. GOTTes wort ist uns verheissen auch und besonders in unseren liedern, in den orgeln und instrumenten, und dann wohl auch in den zerbrechlichen worten einer predigt. in dem allem geht es darum, GOTT die ehre zu geben. Und eben seine ehre verbietet es uns, zu schweigen oder zu reden, den mund zu halten oder ihn zu öffnen – zum lob oder zu klage. GOTT will hören, was wir von uns geben.

letzten endes geht es stets um die ehre GOTTes. zu seiner ehre zu leben, fordert paulus im 1. korintherbrief: (10, 31): „ob ihr nun esst oder trinkt oder was immer ihr sonst tut – alles soll zur ehre GOTTes geschehen.“ achtung und respekt, wertschätzung und anerkennung, die man IHM entgegenbringt, heisst GOTT zu ehren – nicht uns. weil er in seiner ehre liebevoll und gnädig, gerecht und angemessen und etwas besonderes für uns ist. GOTTes ehre ist ja 

~ sein leben, 

~ seine lebendigkeit, 

~ seine zuneigung selbst, 

~seine offenbarung in JESUS CHRISTUS 

~im rückblick und im vorausblick. 

GOTTes ehre ist auch in unserer zeit im gekreuzigten und auferstanden gegenwärtig – jetzt mitten unter uns. in ihm geschieht die ehre: „soli deo gloria“, GOTT allein die ehre! so steht es in großen goldenen lettern über dem portal meiner schule, dem evangelisch-stiftischen gymnasium zu gütersloh in westfalen; es kann dort nicht übersehen werden, hängt doch an keinem gebäude ein biblisches wort höher als eben dort.

und johann sebastian bach schreibt es im buchstabenkürzel s.d.g. (soli DEO gloria / GOTT allein die ehre) unter seine geistlichen musikwerke. auch unter’s weihnachtsoratorium. auch unter die h-moll-messe. 

GOTT findet seine ehre selber in der zuwendung und treue zu uns scheiternden menschen. er lässt sie nicht zuschanden werden. für diese ehre steht er allein ein. weil unser einstehen dafür ziemlich vorläufig und unzuverlässig ist. 

soli deo gloria das bedeutet, grenzen zu wissen und grenzen einzuhalten und wahrzunehmen: dass wir uns nicht anmaßen dürfen, grenzenlos zu leben. wo im zeichen der ehre GOTTes gelebt und gearbeitet wird, werden menschen sich immer als die sich gegenseitig achtenden wahrnehmen. achtung untereinander, respekt zu haben ist auch die alltagsweise, in der GOTT geehrt wird. denn wir menschen sind nach dem bilde GOTTes geschaffen, wie der schöpfungsbericht sagt. verachtung, respektlosigkeit ist im menschlichen miteinander ausgeschlossen. immer soll es heißen: achtung. achtung. 

V

und nun sollen wir alle offen sein für das neue. die jahreslosung benachrichtigt uns darüber, was GOTT in seiner ehre noch mit uns vorhat: „siehe, ICH mache alles neu!“

aber was ist denn das „neue“? wann kommt es? 

ich verstehe es so:

es geht nicht immer so weiter. es wird mit den letzten tagen der welt - welche sich nicht nach unseren kalendern richten - mit uns und unserer alten welt achtsam umgegangen werden. achtsamkeit in GOTTes namen. das heisst: was an diesem tag geschieht, wird vom gewöhnlichen, üblichen vollkommen abweichen und es wird in einer unvorstellbaren weise vollkommener zugehen. können.

VI

eine mittelalterliche legende erzählt es so:

zwei mönche teilen sich eine zelle im kloster. sie sprechen viel über das, was nach dem tod sein wird. manchmal stellen sie sich die ewigkeit sehr konkret vor. in allen einzelheiten. ein andermal zweifeln sie wieder. dann haben sie eine idee: derjenige, der zuerst stirbt, soll dem anderen im traum erscheinen und nur eins von zwei lateinischen wörtern sagen. „taliter“ - das heisst: es ist so. oder: „aliter“ - das heisst: es ist anders.

bald stirbt einer der mönche und in der folgenden nacht erscheint er seinem freund. „und?“ fragt dieser. „taliter?“ (ist es so, wie wir es vorgesehen haben.) der verstorbene schüttelt den kopf. „aliter? (ist es anders, als wir es uns vorgestellt haben?)“ wieder ein kopfschütteln. und er sagt dann im flüsterton: „totaliter aliter“ „es ist völlig anders.“ du kannst es dir nicht ausmalen.“

VII

anders als in sprachlichen anschauungen und bildnissen, in skizzen und layouts geht es nicht, wenn man vom neuen reden will. der kirchenvater augustinus von hippo im fünften jahrhundert sagt: „und alle diese bilder hinken, und doch ohne sie kann man nichts von GOTT heißen.“ 

so zeigen eben auch hinkend die bildnisse und skizzen in bestimmte und bestimmende richtungen. sie dürfen recht eigentlich nicht beliebig sein. sprachliche skizzen brauchen den biblischen bezug. und sie müssen in unserer alten welt von belang sein. so können und müssen unsere sprachbilder zieltreffend und „approximativ“ – d.h. annähernd - sein. sie müssen eine wiederholgenauigkeit haben. sie sind nicht willkürlich. 

VIII

und „neuschöpfung“ heisst ja nicht wegwerfen, nicht: „alles alte kommt weg“. GOTT ist kein abrissunternehmer, der zerstört, um bei null zu beginnen. das griechische wort „kainos“, das in der jahreslosung mit „neu“ übersetzt wird, meint „grundlegend verwandelt und erneuert, in einen neuen zustand versetzt“.

GOTT macht das alte nicht zunichte, sondern er umwandelt es ins neue: 

da werd ich das im licht erkennen,
was ich auf erden dunkel sah;
das wunderbar und heilig nennen,

was unerforschlich hier geschah;

da schaut mein geist, mit preis und dank,
die schickung im zusammenhang!

                                                           christian fürchtegott gellert im lied „nach einer prüfung kurzer tage“

IX 

werden wir uns dann wiedersehen und erkennen? ja, in jener gestalt, wie GOTT uns gemeint hat. 

von dem reformierten jahrhundert-theologen karl barth wird berichtet, es habe ihn eine (möglicherweise zu fromme) frau eindringlich gefragt: „herr professor, herr professor, sehe ich denn im himmel auch meine liebsten wieder?“ der jahrhunderttheologe: „ja! - aber die anderen auch“.

so wir uns gemeinschaftlich wiedersehen, wage ich es, von meiner konkreten hoffnung zu sprechen von dem, was ich erhoffe, predige ich jetzt in sprachbildern und annäherungen. und ich begreife sie auch als lernziele, wenn ich noch als lehrer am evangelisch-stiftischen-gymnasium lehren würde:

X

  • im tod beginnt das ewige leben.
  • da geschieht unsere  auferweckung..
  • tränen, tod, leid, geschrei und schmerz werden getilgt und weggenommen sein.
  • unsere krankheiten werden ihre zeit gehabt haben.
  • die dementen bekommen ihr gedächtnis wieder.
  • hunger, pest und pestilenzen werden überwältigt sein.
  • alle kriege + ungerechtigkeiten haben ihr ende gefunden.
  • die reichen werden nicht mehr reich sein. und die armen nicht mehr arm.
  • GOTTes neue welt kennt keine ausgrenzungen:
  • geschlecht, herkunft, hautfarbe, alter, beeinträchtigung, sexuelle identität
  • GOTTes liebe in JESUS CHRISTUS gilt allen menschenkindern seiner wunderbaren schöpfung. GOTT nimmt sie in ihrer unterschiedlichkeit, in ihrer würde und ehre an.
  • ich hoffe, dass es für mich als einem leidigen sünder vergebung geben wird für meinen ungehorsam und für die anderen auch.
  • ich erhoffe, dass es keine hölle geben wird.      
  • sondern eine ahndung, in der der CHRISTUS auch als mein richter aufzuheben vermag, was war: meine beträchtliche schuld, meine eitelkeiten,
  • unsere unsäglichkeiten wird er nichten.
  • und als solche werden wir uns wiedersehen. aber eben die anderen auch.
  • und ER wird das ewige leben für uns bereithalten,
  • wie immer dessen gestalt und dauer und verheissung sein wird.

XI

aber ist das nicht die beschreibung eines schlaraffenlandes? das „eipopeia“ religiöser nebelkerzen? opium fürs volk, von dem karl marx bekanntermaßen geredet hat? der ersponnene himmel als allerletzte zuflucht ängstlicher seelen? 

wir entgehen diesen verdächtigungen nur, wenn wir im diesseits – also in diesem neuen jahr 2026 - so leben in der praxis unserer Hoffnung, in entsprechung zu unserem zukunftsglauben. Mehr geht nicht. aber dies geht. 

XII

aber nun gibt es einen schwerwiegenden Einwand zu meinen hoffnungspunkten:

steht im neuen testament nicht etwas vom „jüngsten gericht“, in welchem wir hinsichtlich unserer unbarmherzigen taten oder nichttaten beurteilt werden und in die hölle gehen können? 

und wird der grosse richter nicht auch zu uns – zu seiner linken – sagen:

„hinweg von mir! GOTT hat euch verflucht. ihr gehört in‘s ewige feuer, das für den teufel und seine engel vorbereitet ist.“ [matthäus 25, 41]

und heisst es nicht in der fortsetzung des textes mit der jahreslosung: offenbarung des sehers johannes kapitel 21: 

„den feiglingen und treulosen, denen die abscheu erregen und morden, hurerei treiben, zaubern und götzen dienen – all denen, die der lüge verfallen sind. auf sie wartet der see aus feuer und brennendem schwefel. das ist der zweite tod.“ [V.8]

das ist eine sehr schwere wahrnehmung des evangeliums. man kann sie nur mit zittern und zagen vernehmen. wird es so denn sein, dann müsste ich jedenfalls schon hier vergehen und vor dem jüngsten gericht bangen + beben. es wäre ja die völlige aufhebung dessen, was wir vom evangelium des JESUS CHRISTUS wahrgenommen und im frieden des gekreuzigten gewahrt glaubten.

XIII

ich möchte es dennoch von dieser kanzel einmal freiheraus sagen:

ich glaube das nicht mit der hölle. der GOTT in CHRISTUS wird nicht eine konzentration der verlassenheit für milliarden sünder – darunter auch mich -im sinn haben. sie werden nicht unter einem solchen unheimlichen endgültigen urteil stehen. sie werden nicht einen ewig geltenden negativen richterspruch, ein ewiges verdammungsurteil erfahren, und sie und wir werden nicht in eine verfluchte ewige höllenpein verjagt werden. wie aber ist dann das jüngste Gericht zu verstehen?

XIV

[und zur rede vom jüngsten gericht leihe ich mir die auslegung eines theologen, dem ich seit zwei jahren nahe gekommen bin. es heisst michael trowitzsch: theologieprofessor der universität jena. er schreibt in seinem besonderen buch mit dem titel „von der treue christi zur welt“ [auf seite 441] zum jüngsten gericht:]

  • das jüngste gericht ist ein gericht vor dem forum des ja christi (2. kor 1, 19).
  • dieses gericht wird wie ein sieb die momente eines lebens schütteln.
  • das jüngste gericht wird wie ein feuer sein.
  • es wird das schwarze und böse in unserem leben wie im rauch aufgehen lassen.
  • aber das andere, das helle und lichte in unserem leben,
  • wird dieses feuer nicht angreifen können.
  • jenes lichtvolle bringt die guten werke zu ehren.
  • die nichtigen menschlichen werke werden vernichtet.
  • unsere person aber – du und ich –
  • wir werden barmherzig von unseren bösen werken errettet werden.
  • gnädig wird unterschieden werden:
  • hier abrechnung, läuterung, auslöschen, verbrennen der bösen werke
  • und hier wie dort – du und ihr – wir sollen in unserer einmaligen person sein und erneuert werden und bleiben. 

HERR meiner zeit, HERR allen seins, neuerer. du entziehst geschichten deren böse wirklichkeit, zerstörst die fürchterlichen taten und gebete, vollendest die liebevollen. du wirst uns antwort geben auf die frage, wo du warst, als das schrecklichste in auschwitz angerichtet wurde. GOTT der vollendung, GOTT des geheimnisses, der faszination, der menschenwürde, des wiedersehens, der HERRlichkeit – CHRISTUS: mein GOTT, mein GOTT.

XV

ein nachwort:

meine predigt ist nun wieder lang geworden. möglicherweise zu lang und zu reformiert. und manche mögen sie zu anstrengend erfahren haben; anscheinend nicht gut und rasch zu verinnerlichen. für die - und für die anderen desgleichen, auch für mich - nenne ich einen kurzen satz, in dem alles wichtige für heute enthalten ist:

bischof werner krusche - von 1968 – 1983 bischof der mitteldeutschen kirche – er sagt zu einem thüringer pfarrer:

„ich werde bald sterben. aber keine sorge, das werde ich auch noch überleben.“