Predigt über Johannes 2,1-11 und zur Jahreslosung 2026 – Offenbarung 21,5
Dr. Ursula Schoen – Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Liebe Schwestern und Brüder, 

als ich Kind war, gab es den Sonntagsmittagstisch bei meiner Großmutter – festlich gedeckt! Kinder, Erwachsene – alle an einem Tisch! Irgendwann während des Hauptgangs kam bei uns Kindern der Durchhänger: Erwachsenenessen – Erwachsenengespräch. Es war langweilig – wir wurden zappelig. 

Wenn meine Großmutter das merkte, schaute sie in unsere Richtung und sagte mit geheimnisvoller Mine: Da kommt noch was! Was dann kam, war natürlich der Nachtisch. Er belebte die Lebensgeister der Kinder nach dem kleinen Durchhänger....

So ähnlich ist das ja auch oft auf Hochzeitsfeiern: Kirche – Fotos – Empfang – Tischreden – Tanz - alles ist schon vorbei. Dann gibt es am späteren Abend so einen „Durchhänger“ – Kommt da noch was? Genau da setzt die Geschichte von der Hochzeit zu Kana im Johannesevangelium ein: 

Es ist zwar keine Großmutter, die dafür sorgt, dass das Fest weitergeht, aber eine Mutter! – Wasser wird schließlich von Jesus in Wein verwandelt, damit das Fest weitergehen kann. Die Menge von Wein, die bei diesem Wunder hergestellt werden, sind immens. Wenn man die Mengenangaben für die Wasserkrüge umrechnet, so hat Jesus mehrere hundert Liter Wein produziert. Mehr als genug, um auch die größte Hochzeitsgesellschaft in Rausch zu versetzen. 

Der Evangelist Johannes überliefert diese Geschichte der Hochzeit als das „allererste Wunder Jesu“. Er spricht von einem „besonderen Zeichen“. Gleichsam um sich vorzustellen, zu präsentieren, vollbringt der dem Volk ganz unbekannte Jesus dieses Weinwunder. 

Eigentlich wollte er das ja gar nicht, Maria muss ihn eigens dazu auffordern. Jesus wehrt sich: Meine Stunde hat noch nicht geschlagen. Ich meide noch das Licht der Öffentlichkeit. Das wird erst später kommen. Danach erst schreitet er trotzdem zur Tat. 

Unabhängig davon, ob dieses Wunder wirklich so war, wie erzählt wird, kommt doch hier schnell ein sehr pragmatischer Gedanke: Bei seinem ersten Wunder hätte Jesus doch durchaus etwas mehr Weitblick haben können: 

Er hätte einen Blinden, eine Lahme oder einen Leprakranken heilen können. Damit hätte er etwas für Diakonie und Gesundheitswesen getan. Für Menschen mit besonderem Unterstützungs- und Heilungsbedarf hätte es sich viel eher gelohnt, die Natur-gesetze zu übertreten. Aber viel Wasser in noch mehr Wein verwandeln, nur damit sich eine Festgesellschaft weiter betrinken kann…

Die Geschichte der Hochzeit von Kana wäre so missverstanden. Als Eröffnungsgeschichte im Johannesevangelium (und nur da) steht sie gewissermaßen für das Ganze und damit ist es vielleicht auch nicht mehr so bedeutsam, ob sie wirklich so stattgefunden hat. Sie rückt Fülle, Überfluss und Heil in den Mittelpunkt. Alles ist schon da in diesem ersten Moment des Wirkens Jesu, dass später im Johannesevangelium noch bedeutsam werden soll.

Auch in späteren Wundergeschichten Jesu geht es um diese Teilhabe an der Fülle: Bei der Speisung der Fünftausend mit wenigen Fischen und Broten. Die Geschichte steht aber zugleich für das theologische Programm des Johannes: Die Verheißung der neuen Welt betrifft nicht ein Leben in ferner Zukunft – nicht den Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern die neue Welt wird da Realität, wo Menschen auf Gottes Wort hören: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.“ (Joh 5) – In der theologischen Wissenschaft wird dies als die „präsentische Eschatologie“ des Evangelisten bezeichnet. Die Zukunft ist jetzt schon Wirklichkeit.

Damit schlagen wir den Bogen zur diesjährigen Jahreslosung, die aus dem Buch den Sehers Johannes stammt: Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! Sie stammt aus dem 21. Kapitel der Johannesoffenbarung. Der Autor ist ein anderer Johannes, er wird in das Ende des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung datiert. Auf der Insel Patmos vor der Stadt Ephesus schreibt er eine große Vision über die neue Zeit nieder. Diese Offenbarungsschrift, sollte Christinnen und Christen, die unter der Christenverfolgung im Römischen Reich litten, trösten und ermutigen. 

Die Jahreslosung ist der großen Vision der neuen Welt entnommen, die am Ende der Offenbarung im 21. Kapitel beschrieben wird. Dem großen Trosttext, der vielen hier auch als Beerdigungstext bekannt ist und am Ende des Kirchenjahres gelesen wird. Ich lese ihn leicht gekürzt:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! 6 Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Der Seher Johannes sieht eine ganz andere – eine neue Zukunft. Sie wird dereinst von Gott kommen. Gott wird Alpha und Omega sein, Ursprung und Ziel der Welt. Menschen werden ihre Freiheit nicht mehr missbrauchen. Gott wird unter den Menschen wohnen. Nicht hinter den Mauern des Tempels – sondern ganz nah bei en Menschen in einer Stadt ohne Tore. Diese Nähe Gottes wird alles anders machen. Zärtlichkeit atmet das Bild, Gott wird jede Träne, die Menschen geweint haben, abwischen. Tod und Tränen sind überwunden.

"Gott spricht" – die Einleitung gehört untrennbar zur Jahreslosung dazu. Das Sprechen Gottes, der Logos, das Wort Gottes, das ist ja was ganz Bedeutsames. Das „Wort“ ist nicht bloß Information, sondern ist etwas Kreatives, das Neues hervorbringt. Am Anfang der Bibel im 1. Buch Mose wird beschrieben, wie die Welt durch Gottes Wort ins Leben kommt. Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht! Und Gott sah es, dass es gut war. Heißt es dort scheinbar lapidar und gleichzeitig ungeheuer kraftvoll! 

Das Gute der ursprünglichen Schöpfung wird von Gott stark gemacht - herausgehoben, gereinigt, verwandelt. Daraus entsteht etwas Neues, von dem Gott wieder sagen kann: Es ist sehr gut! Im himmlischen Jerusalem ist alles hell, alles glänzt – diese neue Stadt wird in den weiteren Versen des Kapitel 21 ausführlich beschrieben. Das Neue gilt nicht nur einem Volk, sondern allen – die Verheißung weitet sich auf die ganze Schöpfung. Tatsächlich heißt es im griechischen Text: "Sie werden seine Völker sein" – im Plural! 

Auf das schöpferische "Gott spricht" folgt das kleine Wörtchen Ἰδού (idoú) – "Siehe". Ein Imperativ - Macht die Augen auf, seht und nehmt wahr, was passiert! Gott ist am Werk – seit Anbeginn der Zeiten, schon immer, – jetzt – und in Zukunft. Die Jahreslosung müsste eigentlich in einer Verlaufsform stehen, die es im Deutschen aber nicht gibt. Doch im Griechischen steckt sie in dem Verb ποιῶ (poió) – "ich mache" – drin: Das hat was Präsentisches und was Futurisches. Das ist ein Prozess, der immer noch im Gange ist. Gott ist dauerhaft am Werk. Gott macht, macht und macht! Wir sind eingebunden in dieses Dauerneuschöpfungswerk Gottes! 

Das biblische Bild für diese Treue Gottes wird auch in der Offenbarung mit der Hochzeit/der geschmückten Braut beschrieben. 

Die Hochzeit des jungen Paares in Kana erinnert an die andere große Hochzeit, an den Bund Gottes mit den Menschen. An verschiedenen Stellen des Alten und Neuen Testaments steht dieses Hochzeitsbild - die Braut - als Bild für die Treue Gottes. Die Hochzeitsfeier in Kana - Jesu erstes Auftreten bei Johannes - steht in dieser Bildtradition. Jesus selbst steht für die Treue Gottes zu Israel. Er bekräftigt neu in seiner Zeit die Treue Gottes. Die Nähe Gottes zeigt sich bei ihm in der unerschütterlichen Überzeugung, dass zwischen ihm selbst und dem väterlichen Gott kein Unterschied festzustellen sei. Gottespräsenz zeigt sich in Fülle, Überfluss, Heil, in Menschlichkeit. Findet konkreten Ausdruck in seiner Hinwendung zu armen, schwachen, kranken Menschen.

Maria sorgt in dieser Geschichte dafür, dass das Fest weitergeht. Sie weist auf Jesus, lebendiges Zeugnis für Gottes Nähe. Da kommt noch was! - Das ist unsere Haltung überhaupt als Christinnen und Christen - das geschieht in der Seelsorge und Diakonie ganz konkret. Da kommt noch was, gemeinsam den nächsten Schritt bedenken, Auswege aufzeigen, Vertrauen stärken, dass es Lösungen gibt.

In Kana ging das Leben nach der Hochzeit der jungen Leute schnell wieder seinen gewohnten Gang. Aber das Fest bleibt in der Erinnerung präsent. Die Fülle Gottes – das Fest des Lebens – zu dem wir im Glauben berufen sind, bleibt da präsent, wo wir aus dem Geist Jesu Leben gestalten. Sie ermuntert uns zu Hoffnung, Glaube und Liebe. 

Übrigens - bei meiner Großmutter gab es immer den gleichen Nachtisch: Vanilleeis mit Schlagsahne und Schokoladensoße! Sie kochte nämlich nicht gerne. Sie wollte einfach, dass wir eine gute Zeit haben! Daran erinnern wir uns alle bis heute! Manchmal steht mir der verschmitzte Blick meiner Großmutter vor Augen: Da kommt noch was! Und wenn ich gerade so einen seelischen Durchhänger habe, dann sage ich in Gedanken zu ihr: Ja, ja, Du hast recht!

Amen.