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Über Fontanes Religiosität (Pfr. Dr. W. Hüffmeier) vom 27.10.2019

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Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht. (Röm 8,28-30)

 

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

dass zu und mit Theodor Fontane einmal gepredigt werden würde, hätte sich der große Märker und Berliner wohl kaum vorstellen können. Doch warum nicht, wenn's nur ehrlich und nicht vereinnahmend zugeht? Wenn allerdings von Fontanes Kirchlichkeit und Religiosität hier in der Französischen Friedrichstadtkirche inmitten der französisch-reformierten Gemeinde die Rede sein soll, kann ich leider nicht an ein Porträt dieser Kirche durch den sprach- und bildmächtigen Dichter anknüpfen, Und das, obwohl er als Theaterkritiker der „Vossischen Zeitung“ fast 20 Jahre lang nebenan im einstigen Königlichen Schauspielhaus auf Parkettplatz 23 gesessen hat. Für manche durch seine Kritiken Betroffene saß das ein „Scheusal“. Was für ein Missverständnis! 

Ganz ohne Wirkung ist die Kirche in der Nachbarschaft auf seine Theaterbesuche jedenfalls nicht geblieben. Gerade in seinen Theaterkritiken macht Fontane sich zum Anwalt einer ins Diesseits gewendeten christlichen Weltanschauung mit dem Vorrang des Versöhnlichen und der Gnade vor allen abgründigen und vernichtenden Realitäten des Lebens. Für das, was man Fontanes „Realismus mit Verklärung“ und er selber seine „poetische Gerechtigkeit“ genannt hat, konnte er sich gelegentlich ausdrücklich darauf berufen, dass in den 10 Geboten – wie haben sie gerade wieder gehört – die Verheißung des Segens stärker ist als die Ankündigung der Heimsuchung der Sünden der Väter. 

Doch zurück zur Frage von Fontanes Kirchlichkeit. Ein Kenner von Kirchen im weitesten Sinne war der Wanderer und Reisende, der Journalist und Historiker aus Neuruppin in jedem Fall. Ich denke z. B. an die St. Laurentius Kirche in Rheinsberg. Dabei bin ich als Prediger heute Morgen heilfroh, dass die Zeiten vorbei sind, wo der einstige Pfarrer von St. Laurentius Johann Rossow, wie Fontane schreibt, „beim Anblick“ von König Friedrich Wilhelm I., so sehr erschrak, dass er alsbald „verstorben“ sei. Der fromme, aber überaus strenge Soldatenkönig hatte am Pfingstsonntag 1737 auf dem Weg zu seinem Sohn Friedrich im Schloss  Rheinsberg überraschend den Gottesdienst in St. Laurentius besucht und „mit dem Stock zur Kanzel hoch“ gedroht. Mit offenbar tödlichen Folgen. 

Wie lebensförderlich ist es dagegen, dass heutzutage kein König oder Politiker mehr drohend „mit dem Stock zur Kanzel hoch“ zeigt, wenn wir Prediger oder Predigerinnen dort stehen. Umgekehrt, d.h. von der Kanzel herab mit zeitlichen und ewigen Strafen zu drohen, sollte des Predigers Aufgabe freilich auch nicht sein. Fontane verabscheute das Angstchristentum ebenso wie das Schablonenchristentum. Was seine Vorstellung von Gott betrifft, so hielt er es deshalb mehr mit dem Sohn des furchteinflößenden Soldatenkönigs, mit dem Alten Fritz. In einem Brief berichtet Fontane von einem Streitgespräch über Gott mit einem Pfarrer. Der hatte ihn wegen der Kindlichkeit seiner Gottesvorstellung ausgelacht. „Mein Gott“, so bekennt noch der alte Fontane, „ähnelte Friedrich dem Großen“, der des Pfarrers „war mehr Torquemada.“, dem Häretiker verfolgenden, Furcht und Schrecken verbreitende spanische Großinquisitor.  An welche Gott ähnelnde Eigenschaft oder gar Eigenschaften des Alten Fritz dachte Fontane wohl?  Was meinen Sie? Eine uns wohl sehr ferne, jedenfalls befremdliche Frage, aber zu Fontanes Zeiten war Friedrich der Große höchst populär. Dachte er an den glaubenstoleranten Alten Fritz oder daran, dass dieser König bekannte, im Glück der Lehre des Epikurs anzuhängen und im Unglück der Stoa zu folgen? Fontane ein Fatalist? Wenn ja, dann ein durchaus freundlicher, ja heiterer Fatalist.   

Wie auch immer, für seine kulturelle Heimatkunde hat Fontane unzählige Kirchen besucht. Er kennt allerdings auch noch andere als kulturelle Gründe, Kirchen aufzusuchen. In dem Roman „Der Stechlin“ erzählt er von einem Gespräch einiger adliger Herren in Rheinsberg am Nachmittag der Reichstagswahlen, in denen nicht Dubslav von Stechlin, sondern der SPD-Mann Torgelow die meisten Stimmen bekam. Einer der Herren, der aus Langeweile gern reisende Herr von Gnewkow, beklagt sich über den „ewigen prallen Sonnenschein“ in Italien. „Geradezu schrecklich“ sei das in den langen Stunden zwischen Morgenkaffee und Mittagessen. In dieser Zeit, so fährt er fort, sei er „ein kirchlicher Mensch geworden“. Da habe man „mit einem Male die Kühle um sich herum, ja, da will man gar nicht wieder raus“. Kultur und Kühle machen Kirchlichkeit, meint der Ironiker Fontane. Und nicht wahr, diese Version von Kirchlichkeit trifft auch heute noch für viele Zeitgenossen und -genossinnen kreuz und quer durch Europa zu?! 

Wie jedoch steht es bei Fontane mit der Kirchlichkeit im engeren, im gemeindlichen, im gottesdienstlichen und bekenntnismäßigen Sinne? Als Hugenotte in Berlin war er Mitglied nicht der Französischen Friedrichstadtkirche, sondern der französisch-reformierten Klosterkirche, die leider im II. Weltkrieg total zerstört wurde. Deren Pastor Auguste Fournier hat ihn konfirmiert, mit seiner langjährigen Verlobten Emilie Rouannet-Kummer getraut und die Kinder getauft und konfirmiert, auch drei ganz früh verstorbene Söhne beerdigt. Fontane hielt zu diesem Familienpfarrer auch noch, als dessen Amtstätigkeit in einem „Ohrfeigenprozess“ ein unrühmliches Ende fand. Fournier hatte einer Braut vor dem Alter den Braukranz vom Kopf gerissen, weil sie den seiner Meinung nach zu Unrecht trug. Die Presse feixte.

Trotz Fontanes Anhänglichkeit zu einem regelmäßigen Kirchgänger hat ihn weder Fournier noch irgendein anderer der vielen Pastoren, die er kennen lernte, gemacht. Von dem Pfarrer an St. Marien, Julius Müllensiefen, der für Fontane das „Ideal eines evangelischen Geistlichen“ war, hat er gelegentlich geschrieben, es sei nur „ganz wenigen gegeben, … einem den Himmel aufzuschließen“. „Ich habe nur einen gekannt: Müllensiefen“, fügt dann aber in der für ihn typischen ironischen Skepsis hinzu: „Ob man dann hineinkommt, bleibt immer noch die Frage“. Auferstehung und ewiges Leben – Fontane zweifelte daran wie der alte Herr von Stechlin. So blieb ihm leider auch der Zugang zum apostolischen Glaubensbekenntnis mit dem Ja zum dreieinigen Gott und zur Gottessohnschaft Jesu versperrt.

Leider, wie ich meine, weil Fontane offenbar niemanden fand, der ihm die Dreieinigkeit Gottes plausibel zu machen vermochte. Z. B. mit dem Hinweis darauf, dass auch der Mensch zu seinem vollen Menschsein sowohl den Anderen, die Partnerin, den Partner braucht als auch das Vertrauen, die Freundschaft, die Liebe, die beide verbindet. So wie Fontane selber erst durch seine Emilie und die wechselseitige Liebe beider ganz er selbst ist. Bei Gott, dessen Ebenbild doch der Mensch ist, ist das nicht so anders. Er ist nicht steineinsam und steinstumm, sondern er ist Beziehung, gesellig, Gespräch, der Eine in sich verschieden. Wenn Gott Liebe ist, so weist auch das auf eine Drei, Vater und leidender Sohn und Geist als das beide verbindende Band der Liebe. Für Fontane waren Glaubenssätze jedoch immer behaftet mit der Gefahr Gewalt auslösender Zwietracht und intoleranter Rechthaberei. Deshalb ging er den Dogmen aus dem Weg.

Was aber bleibt dann von Fontanes Kirchlichkeit? Eine Freundin der Familie urteilte, er sei „tief religiös, obwohl er fast nie in die Kirche geht“.   In einer seiner Theaterkritiken bekennt er immerhin, „die Angewohnheit“ zu haben, „dann und wann um sechs Uhr abends in einer der alten gotischen Kirchen unserer Stadt zu gehen.“ Dabei war ihm die Predigt zweifellos das Wichtigste im Gottesdienst. Er schätzte die wohl durchdachte, klar gegliederte, lebensvolle und seelsorgerliche, die zur Herzen gehende Predigt. Er verabscheute „falsches Echauffement“ und die religiöse Phrase. Seine großartige Beobachtungsgabe hatte freilich auch Augen für denkwürdige Details im Gottesdienst und für den Unterschied zwischen einem Gottesdienst und „Aufführungen“ von Klassikern wie etwa Goethes „Iphigenie auf Tauris“. So schreibt er über einen nachmittäglichen Gottesdienst in der Nikolai-Kirche in Berlin-Mitte: Der „Iphigenienkultus“ im Theater stehe „erheblich unter einer Nachmittagspredigt; auch nach der Seite des U n t e r h a l t l i c h e n … Die versammelte Gemeinde besteht gemeinhin aus zehn Spittelfrauen und zwanzig Waisenmädchen, hinter deren blauschürziger Front sechs, sieben Verschlagene sitzen... Einmal habe ich, hinter einem Pfeiler versteckt, einen weinen sehen, was mich mehr erschütterte, als 3 Akte Trauerspiel.“

In seinem Roman „L'Adultera“ nimmt er jenes Erlebnis in der St. Nikolai-Kirche auf, dort ist es aber dann überhaupt nicht die Predigt, die der verzweifelten Melanie van der Straaten Trost und Hilfe gewährt, sondern der Liedvers: „Du lebst, du bist in Nacht mein Licht, / Mein Trost in Not und Plagen, / Du weißt, was alles mir gebricht, / Du wirst mir's nicht versagen.“ Fontane hatte ein Auge und ein Gespür für die Ernsthaftigkeit und Vielfalt des evangelischen Gottesdienstes. Er selbst hat in schwieriger Lage eben auch aus Liedversen und Gebet Kraft gewonnen. Im Herbst 1870 wurde er als Journalist im französisch-deutschen Krieg gefangen genommen und ihm drohte als vermeintlichem Spion die Todesstrafe. In dieser Situation war es Paul Gerhardts Lied „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt / der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt“, das ihn stärkte, besonders wohl der Vers: „Hoff', hoff', du arme Seele, hoff' und sei unverzagt, Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken, erwarte nur die Zeit, so wirst du ach erblicken, die Sonn' der schönsten Freud.“ Gerade deshalb stellte Fontane das Lied des frommen Realisten Paul Gerhardt als das „größere deutsche Tröstelied“ auch weit über die Ode an die Freude des Idealisten Schiller. Das „Seid umschlungen Millionen“ hielt er, wie er seiner Frau Emilie einmal schreibt, schlicht für Unsinn.

Der renommierte Fontaneforscher der DDR Hans-Heinrich Reuter hat gemeint, Fontane sei wie der französische Communarde L'Hermite in dem Roman „Quitt“ Atheist gewesen. Und Reuter konnte dafür auch Äußerungen Fontanes über seine wachsende Unchristlichkeit, über seine Kritik an der Kirche und seine Ablehnung des apostolischen Glaubensbekenntnisses beibringen. Aber er unterschätzt das, was die Freundin der Familie die tiefe Religiosität Fontanes nennt. In sie gehört eben vieles hinein, was aus der Kirche kam. Zentral für diese Religiosität ist das, was er selber in einem Brief an seine mütterliche Freundin Mathilde von Rohr einmal „die Hauptfaktoren unseres Daseins“ nennt: das Angewiesensein „auf Gott und das eigene Tun“.

In schwerer Zeit hat Fontane in Briefen an seine Frau Emilie entfaltet, wie diese beiden Hauptfaktoren mit dem Glauben an die Vorherbestimmung des eigenen Lebenswegs und die gnädige Führung durch Gott verwoben sind. Er tröstet die mit der finanziellen Unsicherheit der Familie hadernde Frau damit, sein Talent und sein Fleiß seien der Unterpfand dafür, dass die Familie „in anständigen Verhältnissen weiterleben“ könne. Komme es anders, so sei man eben verloren, so vollziehe Gott ein Gericht an einem. Doch gleichzeitig betont Fontane, diese Verwerfung sei nicht endgültig. Gottes Vorherbestimmung ist ihm Gnadenwahl. Die Bibel wie die Natur lehre, dass Gott mit seiner Gnade immer wieder der Vernichtung in den Arme falle. So hat er es im Jahr 1885 auch in dem Prolog-Gedicht „Zur Feier des zweihundertjährigen Bestehens der französischen Kolonie“ als Gnade des Willkommenseins von „Land-Fremden“ besungen, die mitlebten, mitlitten und sich mitfreuten an dem, was „durch Gottes Ratschluss dieses Land erfahren“ hat.   

Diese Hymne auf die Gnade konnte Fontane schon zehn Jahre zuvor Mitte in einem Brief an Emilie so ausdrücken: „Je älter ich werde, je tiefer empfinde ich, alles ist Glück und Gnade, das Kleine so gut wie das Große, und der verdrehte Pastor Bernardi hatte recht, wenn er betete: 'Gott, laß heute die Sonne scheinen, mein Frau hängt die Wäsche auf'“. Natürlich sei es „frech und kindisch, den lieben Gott mit solchem Gebet zu inkommodiren“, doch „richtig“ sei, „dass wir nichts in unserer Hand haben“. Daher widerstrebe ihm „das Vorsehungspielenwollen so vieler Leute“. Gott lasse „sich nicht hineinpfuschen“. Umso notwendiger ist ihm das Vertrauen in die gnädige Führung Gottes, selbst wenn in manchen Zeiten gegen allen Augenschein an die fürsorgliche Liebe Gottes geglaubt werden muss.

In diesem Sinn schätzte Fontane den Satz aus dem Römerbrief des Paulus: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ Gelegentlich konnte er diesem Satz eine leicht veränderte Pointe geben. Danach ist es Gott, der liebt, und es sind die von ihm Geliebten, denen alles zum Besten dienen muss. Das kommt dem Bekenntnis zum dreieinigen Gott ganz nahe. Und sonderbar, auf einer Italienreise Fontanes ist es eine Darstellung von „Christus am Kreuz“ in der Kirche Santa Maria Novella in Florenz, die ihn für einen Moment tief bewegt. Warum? Weil der Maler – so schreibt Fontane – den gekreuzigten Gottessohn in seinem „bittersten Lebensmoment“ zeigt, in dem „Gott Vater selbst … seine recht Hand unter den Arm des Kreuzes, zugleich auch unter des Gekreuzigten“ legt, „um ihm hilfreich nahe zu sein in dieser seiner schwersten Stunde“. Ein Moment religiöser Empfindung in Italien, ja, aber auch ein Moment der Nähe des Skeptikers Fontane zu dem Gott, den die Kirche bekennt und besingt. Grund genug, dazu Amen zu sagen. Amen.