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Psalm für Coronazeiten vom 01.04.2020

Wer im Schutz des Höchsten wohnt, der ruht im Schatten des Allmächtigen. […] Mit seinen Schwingen bedeckt er dich, und unter seinen Flügeln findest du Zuflucht, Schild und Mauer ist seine Treue. Du musst dich nicht fürchten vor dem Schrecken der Nacht, vor dem schwirrenden Pfeil am Tag, nicht vor der Pest, die umgeht im Finstern, vor der Seuche, die wütet am Mittag. Mögen tausend fallen an deiner Seite, zehntausend zu deiner Rechten, dich trifft es nicht. (Ps 91,1.4-7)

Es sind ungewöhnliche Tage, die wir gerade erleben. Wir sollen zu Hause bleiben, wir sollen Abstand halten, wir dürfen uns nicht zu nahe kommen, wir sollen uns distanzieren. Auf unbestimmte Zeit darf die Gesellschaft nicht mehr Gesellschaft sein.Denn was ist eine Gesellschaft ohne Geselligkeit? Alle Kultur-, Sport- und Gaststätten haben zu. Auf unbestimmte Zeit darf auch die Gemeinde nicht mehr Gemeinde sein. Denn was ist eine Gemeinde ohne Gemeinschaft? Alle Gottesdienste fallen aus.
Damit möglichst viele am Leben bleiben, sollen wir alle uns auf das Lebensnotwendigste beschränken. Essen, trinken, arbeiten, schlafen. Wer schon alle Bücher gelesen, die im Schrank stehen, hat noch das Internet. Wenn auch das zusammenbricht, wird es kritisch.
Und das alles nur wegen eines Virus. Ein unsichtbares winziges Ding, vor dem wir uns fürchten sollen. Es sei aggressiv, wolle unbedingt auf unsere Schleimhäute, sich dort wohlfühlen und vermehren und uns krank machen. Das sagen die Virologen. Es wird schon so sein, wie uns die Virologen sagen. Welchen Grund hätten wir, es nicht zu glauben? Die Virologen haben in diesen Tagen das Sagen. Sie machen alle gerade Fernsehkarriere. Hoffentlich haben sie auch noch Zeit für das Labor. Sie sollen bald ein Mittel finden, das dem Corona die Zacken aus der Krone bricht. Corona ist lateinisch und heißt Kranz, Kreis und Krone.
Obwohl das Virus für uns alle unsichtbar ist, wissen wir genau, wie es aussieht: eine Kugel mit rauer Oberfläche, wie eine Filzkugel, übersät mit kleinen Rüsselchen, die wie Saugnäpfe aussehen. Es leuchtet rot und böse. Nicht die Virologen machen es sichtbar, sondern die Medien- und Grafikdesigner. Ich habe auch schon Darstellungen gesehen, da sieht es weniger schlimm aus, eher wie ein Champagnertrüffel mit roten Gummibärchen drauf.
Dieses unsichtbare Ding, das wir dieser Tage beim Blick auf jeden Bildschirm vor Augen haben, hat binnen weniger Tage unser Leben verändert.
Und dies auf der ganzen Welt. Nie war die Globalisierung so tiefgreifend, so präsent und so gleichzeitig. Obwohl die Menschen auf der ganzen Welt nicht mehr reisen, sondern zu Hause bleiben, rücken sie zusammen, kommunizieren miteinander wie nie zuvor und solidarisieren sich. Überall auf der Welt gibt es Solidaritätsaktionen: Zu bestimmten Zeiten verabreden sie sich, um Glocken zu läuten und zu beten, um auf dem Balkon Bach oder Beethoven zu spielen, um aus offenen Fenstern zu singen oder zu klatschen. Ebenso wie die rasante weltweite Verbreitung des Virus eine Folge der Globalisierung ist, ist es auch die schnelle weltweite Solidarisierung dagegen. Je mehr uns dieses Virus physisch voneinander trennt, desto stärker eint es uns mental und zwar global. Unter den Solidarisierungsaktionen, die man jetzt überall im Internet und den sozialen Netzwerken findet, hat mich mit am meisten ein Filmchen auf YouTube berührt, in dem Musiker aus Kuala Lumpur und Leipzig, aus Hongkong und Stockholm, aus New York und Arnstadt Bachs Vertonung von Paul Gerhardt spielen: „Befiehl du deine Wege / und was dein Herze kränkt / der allertreusten Pflege / des, der den Himmel lenkt. / Der Wolken, Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn, / der wird auch Wege finden, / da dein Fuß gehen kann.“ Eines der schönsten Lieder unserer Tradition wird zum weltweiten Trost („Through music we are connected, Bachfest Malaysia“).
Dieses Virus fordert uns heraus. Ärzte und Pflegepersonal arbeiten am Limit, auch Politiker und die Polizei. Viele Menschen, gerade im Dienstleistungssektor, packt die Existenzangst und manchen fällt in diesen Tagen die Decke auf den Kopf. Anderen aber entlockt das Virus eine bisher kaum gekannte Kreativität und Solidarität. Und vielen schenkt es unerwarteten Freiraum, eine unverhoffte Pause, eine Unterbrechung, einen wohltuenden Stillstand. Vielleicht geht jetzt manchem auf, dass es ein Fehler gewesen sein könnte, die Langeweile als einen der größten Feinde von gelingendem Leben betrachtet zu haben. Wenn strahlende Sonne und blauer Himmel weiter locken, könnte Ihnen nichts anderes übrigbleiben als sich lange ans Fenster zu stellen und den Knospen beim Aufspringen zuzusehen.
Dich trifft es nicht!, verspricht der Psalm. Ich wünsche Ihnen, dass es auf Sie zutrifft und Sie gesund bleiben. Und dass Sie dann diese besondere Passionszeit als einen geschenkten Sabbat begreifen können, als eine Unterbrechung des Alltags, in dem Sie neue Seiten des Lebens und der Gemeinschaft entdeckt haben. Irgendwann kommt Ostern und wieder das volle Leben, in diesem seltsamen Jahr wohl später als im Kalender. Dann wird das meiste wieder sein wie es vorher war. Wir werden Schlimmes und Herausforderndes erlebt haben, aber  auch Erfahrungen gemacht haben, die uns bereichert haben werden - als Einzelne und als Weltgesellschaft.
Jürgen Kaiser