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Predigt zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieg vor 80 Jahren (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 01.09.2019

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Sein linker Daumen fehlte. „Wo ist dein Daumen, Opa?“ – „Den habe ich im Weltkrieg gelassen.“ In meiner Erinnerung war dies das erste Mal, dass ich das Wort „Weltkrieg“ hörte. Ich war ein Kind und wusste nicht, was Krieg bedeutet und – um ehrlich zu sein – ich bin in dieser Beziehung immer noch ein Kind und weiß immer noch nicht, was Krieg bedeutet und dafür bin ich unendlich dankbar.

„Was ist ein Weltkrieg, Opa?“ Er erzählte mir, dass es davon sogar zwei gegeben habe und dass er seinen Daumen im Ersten gelassen habe. Dann fügte er mit unendlich viel Traurigkeit in der Stimme hinzu: „Und beide haben wir verloren.“

Zwar verstand ich nicht, was Krieg bedeutet, aber seine Traurigkeit verstand ich sofort, denn vom „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spielen wusste ich, was verlieren bedeutet. Nein, das war keine schöne Sache, einen Krieg zu verlieren. Und dann auch gleich noch zwei hintereinander. Das ist richtig was zum Ärgern, Mensch.

Mein Opa war ein Nazi. Er war stolz auf die niedrige Zahl in seinem NSDAP-Mitgliederausweis – jedenfalls bis 45. Mein Opa war mein liebster und einziger Opa und er war ganz anders als all die Nazitypen in all den Filmen. Mein Opa trug die ganze Widersprüchlichkeit dieser Zeit in sich. Ein lieber Nazi und ein freundlicher Antisemit. Jeden Donnerstag ging er in den „Batsche“, die Kneipe nebenan, zum Kartenspiel. Mit von der Partie war ein „Judd“. Meine Großeltern sagten nie „Jude“ oder „Juden“, sondern „de Judd“ oder die „Judde“. Als der „Judd“ irgendwann nicht mehr mit von der Partie war, ging man im „Batsche“ nahtlos vom Doppelkopf zum Skat über.

Mein Opa sprach mit großer Traurigkeit von den verlorenen Kriegen, obwohl er persönlich zu den Kriegsgewinnlern zählte. Er war Schrotthändler und machte ein kleines Vermögen mit dem, was nach einem Krieg so in der Landschaft rumsteht.

Warum wurde mein Opa Nazi? Wegen eines im ersten Weltkrieg geopferten Daumens? Wegen seiner in der Inflation verlorener Ersparnisse? Das ist doch lächerlich! Wahrscheinlich musste man bedeutend mehr Pech im Leben gehabt haben, um auf die Idee zu kommen, dass die Versprechen Hitlers und deren Einlösung nichts besser, aber alles noch viel, viel schlimmer machen würden.

Menschen wie meinen Opa gab viele zwischen den Weltkriegen – zu viele. Aufstiegsorientierte Kleinbürger, die nichts gelernt hatten aus dem Ersten Weltkrieg, obwohl es doch so viel zu lernen gegeben hätte. Menschen, die immer noch glaubten, ein Krieg sei so eine Art Spiel, ein Wettkampf zwischen Nationen. Man gewinnt oder man verliert. Besser, man gewinnt. Und wenn man verliert, ist man traurig oder wütend und ärgert sich und versucht, bei der nächsten Runde zu gewinnen. Aber dass dieses Spiel ein Scheißspiel ist, der Gedanke kam den meisten zu spät, leider erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Ob mein Opa zu diesen zu spät Einsichtigen oder zu den ewig Uneinsichtigen gehörte, konnte ich nie herausfinden. Er starb, als ich erst sieben war.

***

Nach zwei verlorenen Weltkriegen, liebe Gemeinde, hat sich etwas verändert. Das mit diesen Weltkriegen war nun nicht mehr eine Frage von gewinnen und verlieren. Es war jetzt eine Frage von Schuld und Vergebung. Aber es hat Jahrzehnte gebraucht, bis diese Einsicht reifen konnte. Es hatte die kritischen Nachfragen der Nachgeborenen an ihre Väter gebraucht, um zu erkennen, dass man die Schuldfrage zulassen muss, sich ihr ehrlich stellen muss, um sich wieder in die Augen sehen zu können.

Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte noch die Gewinner- und Verlierer-Mentalität: Der Gewinner bestraft den Verlierer, der Verlierer muss bezahlen. Viele Deutsche empfanden das als ungerecht, ob es das tatsächlich war, will ich gar nicht beurteilen. In jedem Fall aber erzeugte diese Mentalität ein Klima, das es den Deutschen schwermachte, selbst, also von sich aus ein Verhältnis zur eigenen Schuld zu finden. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg anders. Die Siegermächte wollten nicht bestrafen. Vielleicht auch, weil dieser Krieg Dimensionen geoffenbart hatte, die auch durch eine noch so drakonische Bestrafung nicht wiedergutzumachen waren. Stattdessen richtet die Amerikaner, aber auch die Sowjets für ihre Zone den Blick in die Zukunft. Sie wollten in Deutschland und mit den Deutschen schnell wieder etwas aufbauen, hatte dabei zwar sehr unterschiedliche Vorstellungen, aber beide sahen sie von einer Bestrafung und Demütigung der Deutschen ab und schufen damit erst ein Klima, in dem Besinnung, Reue, Schuldeingeständnis und Verantwortungsübernahme erst möglich waren, wenn man es so nennen will: ein Klima der Gnade.

 

Psalm 85:

Du hast dein Land begnadigt, HERR, hast Jakobs Geschick gewendet.

Du hast die Schuld deines Volkes vergeben, getilgt all ihre Sünde.

Du hast zurückgezogen all deinen Grimm, abgewendet die Glut deines Zorns.

Wende dich zurück zu uns, Gott unseres Heils, und lass ab von deinem Unmut gegen uns.

Willst du uns ewig zürnen, deinen Zorn hinziehen von Generation zu Generation?

Bist du nicht der, der uns das Leben wiedergeben kann, dass dein Volk sich deiner freut?

Lass uns, HERR, deine Güte schauen, und schenke uns deine Hilfe.

Ich will hören, was Gott spricht; der HERR, er verkündet Frieden seinem Volk und seinen Getreuen, damit sie nicht wieder der Torheit verfallen. (Ps 85,2-9)

Im Licht der Gnade kann man zurückblicken. Im Licht der Gnade hält man den Blick auf die eigenen Verfehlungen aus. Im Licht der Gnade kann man sich schämen… damit sie nicht wieder der Torheit verfallen.

Weil Israel einen Gott kennt, der gnädig ist, kann es frei und unbefangen anerkennen, dass es vor diesem Gott immer wieder gesündigt hat. Israel ist das einzige Volk, das ohne die Illusion seiner Unfehlbarkeit, ohne den Kult seiner eigenen Größe, ohne die Kultivierung seiner Herrlichkeit, ohne den Pomp seines Glanzes leben kann. Israel ist das einzige Volk, das ein realistisches Bild seiner Geschichte hat. Weil es einen Gott der Gnade kennt.

Haben wir Deutschen wenigstens das dann am Ende doch noch gelernt? Haben wir es von Israel gelernt, ausgerechnet von Israel?

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Bald nachdem mein Opa gestorben war, wurde ich in der Schule mit den vielen Sündenfällen unserer deutschen Geschichte konfrontiert. Ab den 70er Jahren drang die Entstehung des Nationalsozialismus, der Aufstiegs Hitler und das Versagen Weimars, die Wurzeln des Antisemitismus und der Verlauf der Shoa in die Lehrpläner westdeutscher Schulen ein. Wir lernten unsere neue deutsche Geschichte intensiv kennen. Und ich fing an, mich zu schämen. Ich schämte mich, ein Deutscher zu sein. Ich schämte mich zur Nation der Unmenschen zu gehören. Ich erinnere mich an wunderschöne Urlaube in Frankreich. Aber jeder der unzähligen unzerstörbaren und hässlichen Nazi-Bunker an den langen Stränden der Bretagne war ein Stachel der Scham. Ich sagte es meinen Eltern. Sie reagierten fassungslos: „Aber da kannst du doch nichts dafür!“ Doch ich wusste: Auch mein Vater schämte sich. Vielleicht dachte er, dass er sich zurecht schämen könne, denn er war als junger Kerl noch im Krieg gewesen, hat Schlimmes erlebt und vielleicht auch Schlimmes getan. Er hat nie darüber gesprochen. Er schämte sich. Und ich auch. Doch wieso ich?

Aber so ist das eben mit der Missetat der Väter… Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen… (2. Gebot, 2. Mose 20,5)

Es ist besser geworden bei mir mit diesen Heimsuchungen eines eifernden Gottes, mit der Scham, aber sie lauert immer noch. Und ich schlage ihr die Tür nicht zu, wenn sie sich rührt.

Meine Kinder werden sie wohl nicht mehr spüren. Aber die Verantwortung, die werden sie übernehmen. Die Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder geschieht, die Verantwortung dafür, dass von Deutschland kein Krieg mehr ausgeht – nie mehr. Sie werden diese Verantwortung u.a. heute bei der Wahl in Brandenburg wahrnehmen und nicht die Partei wählen, die Schluss mit dem Gedenken machen will.

***

Heute Abend wissen wir, wie viele die AfD gewählt haben. Wahrscheinlich zu viele. Zu viele, die doch wieder der Torheit verfallen, weil sie nicht mit ihrer Scham zurechtkommen. Die meinen, es müsse doch endlich Schluss sein mit dem Gedenken. Damit man sich nicht mehr schämen muss.

Aber es darf und es kann nicht Schluss sein damit. Denn nur, wer gedenkt, seiner Taten und seiner Untaten, seines Gottes und dessen Barmherzigkeit, wird leben, wird Zukunft haben, wird frei werden und den Deckel draufkriegen auf den Gestank einer verdorbenen Vergangenheit.

Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. (2. Mose 20,5-6)

Amen.