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Predigt über Sach 9,9-10 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 29.11.2020

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Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem, sieh, dein König kommt zu dir, gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, auf einem Fohlen, einem Eselsfohlen.

Und ich werde die Streitwagen ausrotten in Efraim und die Pferde in Jerusalem. Und der Kriegsbogen wird ausgerottet. Und er verheißt den Nationen Frieden. Und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Advent. Er, sie, es kommt. Wer kommt? Was kommt? Advent von Lateinisch adventus, Ankunft. Wer kommt? Was kommt? Advent, eine Zeit, die sagt, dass noch was kommt. Manche erwarten ja nichts mehr vom Leben. Die Ansage einer Ankunft zwingt uns, unsere Erwartungen zu sortieren und zu orientieren.

Auf wen oder was warten wir noch? Was brauchen wir wirklich zu unserem Glück? Was braucht die Welt zu ihrem Überleben? Und wen braucht sie nicht?

Diese Fragen sind gar nicht so einfach zu beantworten. Deshalb nehmen wir uns vier Wochen Zeit, um unsere Erwartungen zu klären. Eine Zeit der Besinnung. Und weil wir in der Kirche nicht mit dem Finger auf die anderen zeigen, fangen wir bei der Klärung unserer Erwartungen bei uns selber an. Was erwarte ich? Was erwarte ich von mir? Was ist bei mir selber defizitär? Was fehlt mir und wo habe ich gefehlt?

Die Adventszeit ist von alters her eine Bußzeit, eine Zeit der Einschränkungen und des Verzichts. Davon hat man allerdings in den letzten Jahren nicht mehr viel gemerkt.

In diesem Jahr jedoch ist das so deutlich wie noch nie, so lange ich denken kann. Wir haben in diesem Jahr eine nicht nur kirchlich vorgeschlagene Buß- und Verzichtszeit, sondern eine staatlich verordnete Buß- und Verzichtszeit. Enthaltung haben sie uns verordnet, die drei Weisen, Frau Merkel, Frau Schwesig und Frau Dreyer und die Könige der deutschen Nationen, die Könige von Bayern und Sachsen, die Fürsten von Saarbrücken und Hannover, Anhalt nicht zu vergessen, die Könige Bodo von Erfurt und Armin von Düsseldorf und Herr Müller obenauf. Einig im Streite verkünden sie dem Volk: Wenn ihr jetzt fein büßet und verzichtet, machen wir euch an Weihnachten ein Geschenk. Verzichten müssen wir auf den Kaufrausch und die Weihnachtsmärkte, auf die Weihnachtsfeiern und Glühweinbesäufnisse auf Kosten der Firma, selbst auf das Weihnachtsoratorium müssen die Wilmersdorfer Bildungsberliner verzichten. Bach allerdings wäre nie auf die Idee gekommen, sein Weihnachtsoratorium im Advent aufzuführen. Er kannte noch den Unterschied zwischen Advent und Weihnachten.

Nun haben wir also in diesem Jahr dank staatlicher Weisheit wieder einen Advent wie zu Bachs Zeiten, eine Zeit des Verzichts und der Einschränkung, die manchen hoffentlich zur Besinnung bringt.

Aber dann soll Weihnachten werden, sagt die staatliche Weisheit, ein großes Fest der Freude, wir müssen nicht unter uns bleiben, sondern– freuet euch, und abermals sage ich, freuet euch! – Tante Erna und Onkel Wolfgang dürfen auch noch kommen. Das also ist das große Weihnachtsgeschenk des Rates der Weisen und der Könige: Nach lange Entbehrungs- und Leidenszeit mit nur 5 Personen aus 2 Haushalten dann 10 Personen aus 3 Haushalten. Wow!

Das ist doch wohl nicht das, worauf wir alle sehnlichst warten! Wir sehnen uns doch nicht danach, dass wir 5 Leute mehr zu Hause bewirten können. Das Weihnachtsgeschenk, auf das die ganze Welt hofft, ist doch etwas anderes. Noch nie, so lange ich denken kann, gab es eine so präzise Erlösungserwartung wie in diesem Jahr. Die Zeit ist nahe, erhebt eurer Häupter, es gibt Zeichen und gute Botschaft, eure Erlösung naht, die Rettung steht vor der Tür, vielleicht kommt er schon zu Weihnachten, man bereitet ihm schon den Weg, baut Ställe, Hütten, Zelte auf, stellt Kühlcontainer bereit, denn er kommt, er kommt bald: der Impfstoff.

Das ist doch das, worauf wir in diesem Advent warten, wie wir noch nie in einem Advent auf etwas gewartet haben. Das ist doch das, worauf wir all unsere Hoffnung setzen, wie wir noch nie im Advent die Hoffnung auf etwas gesetzt haben. Ein Stern ist aufgegangen, Licht am Horizont, drei haben sich schon auf den Weg gemacht, sie heißen Biontech-Pizer, Astra-Zeneca und Moderna. Was sie mitbringen, ist etwas komplizierter als Weihrauch, Gold und Myrrhe. Es ist BNT162b2 und mRNA-1273 und AZD1222.

***

Advent 2020, liebe Gemeinde, schon lange nicht mehr gab es einen Advent wie diesen: Verzicht, Einschränkungen, Buße, in sich gehen, Besinnung auf das, was wir wirklich erwarten. Und schon lange nicht mehr ist so schnell klar geworden, auf was wir sehnlichst warten: Auf den Impfstoff.

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Und nun sitzen wir hier und singen die gleichen Lieder wie letztes Jahr und vorletztes Jahr und hören die gleiche Botschaft ist wie letztes Jahr und vorletztes Jahr: Es soll kommen ein König auf einem Esel.

Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem, sieh, dein König kommt zu dir, gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, auf einem Fohlen, einem Eselsfohlen.

Nur, dass wir in diesem Jahr eben diese Masken vor Mund und Nase haben und mir ist, als hätten wir sie auch auf den Ohren. Die Worte, die Texte, die Lieder erreichen mich in diesem Jahr nicht, weniger als in den vergangenen Jahren. Da zieht wieder dieser König auf seinem Esel durch den Gottesdienst, irgendwelche Töchter stehen mit zärtlichen Trieben am Rand und singen Hosianna und ich stehe da und denke, ich bin im falschen Film.

Geht es Euch auch so?

Es führt kein Weg von diesem alten Text zu diesem Corona-Advent anno Domini 2020.

***

Ach, es ist ja doch erst der erste Advent. Anfang der Buß- und Besinnungszeit. Man darf nicht erwarten, am ersten Advent schon alle Antworten zu haben. Schnelle Antworten sind oft schlechte Antworten.

Einen ersten Hinweis aber gibt uns dieser durch unseren Gottesdienst nach Zion auf dem Esel reitende König nun doch. Er kommt vorbei und zieht nach Zion dahin, um Frieden zu bringen. Es sollte uns ja schon auffallen, dass dieser König nichts Militärisches an sich hat. Er trägt keine Uniform, keinen Säbel, keinen Halfter mit Pistole und reitet nicht auf einem Pferd, dem Kriegstier von damals. Er wählte das zivile Fortbewegungstier, den Esel.

Ich werde die Streitwagen ausrotten in Efraim und die Pferde in Jerusalem. Und der Kriegsbogen wird ausgerottet. Und er verheißt den Nationen Frieden. Und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Ein ziviler König, ja mehr noch, ein pazifistischer König. Sollten wir nicht immer noch auf so einen warten?

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Die Evangelisten haben den Einzug Jesu in Jerusalem nach der Verheißung des Sacharja ausgemalt und Friedrich Rückert hat die Szene in einem Adventslied besungen (EG 14):

1. Dein König kommt in niedern Hüllen,

ihn trägt der lastbarn Es’lin Füllen,

empfang ihn froh, Jerusalem!

Trag ihm entgegen Friedenspalmen,

bestreu den Pfad mit grünen Halmen;

so ist’s dem Herren angenehm.

2. O mächt’ger Herrscher ohne Heere,

gewalt’ger Kämpfer ohne Speere,

o Friedefürst von großer Macht!

Es wollen dir der Erde Herren

den Weg zu deinem Throne sperren,

doch du gewinnst ihn ohne Schlacht.

Man hört gerade wenig von Kriegen. Schweigen tatsächlich die Waffen in Syrien und Libyen, in der Ost-Ukraine und in Bergkarabach? Sind gerade alle so mit dem Kampf gegen das Virus beschäftigt, dass sie keine Zeit mehr zum Kriegspielen haben? In Tigray, im Norden Äthiopiens, gibt es Scharmützel.

Jesus Christus ist gekommen, der Sohn Gottes, Davids Sohn, Erlöser, Heiland. Aber Friede auf Erden kam noch nicht.

Nicht alle Träume werden an Weihnachten wahr. Nicht alle Verheißungen sind mit Jesus Christus erfüllt worden.

Der König ohne Uniform und Waffen muss weiter auf seinem Esel durch unsere Gottesdienste reiten und uns erinnern, dass noch nicht aller Tage Abend ist. Es steht noch einiges aus. Es gibt noch einiges zu Hoffen und zu Sehnen. Es ist noch nötig, dass wir beten und bitten und bekennen: Gott, allmächtiger, hör nicht auf, uns zu helfen.

Advent, Erneuerung unserer großen Erwartung. Schöner als Friedrich Rückert, kann ich’s auch nicht sagen.

3. Dein Reich ist nicht von dieser Erden,

doch aller Erde Reiche werden

dem, das du gründest, untertan.

Bewaffnet mit des Glaubens Worten

zieht deine Schar nach allen Orten

der Welt hinaus und macht dir Bahn.

5. O Herr von großer Huld und Treue,

o komme du auch jetzt aufs neue

zu uns, die wir sind schwer verstört.

Not ist es, dass du selbst hienieden

kommst, zu erneuen deinen Frieden,

dagegen sich die Welt empört.

Amen.