Zur Textversion

Predigt über Röm 13,8-12 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 01.12.2019

[als PDF]

 

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

 

Es ist Zeit aufzustehen. Ich darf nicht mehr schlafen, ich muss aufstehen. Ich muss an die Arbeit. Es gibt viel zu tun. Den PC hochfahren, die Mails abrufen, mindestens die Hälfte davon muss ich heute beantworten. Auf dem Schreibtisch liegt der Zettel mit den Spiegelstrichen, meine To-do-Liste.

Ich muss aufwachen. Ich darf ja niemanden etwas schuldig bleiben. Ich muss meine Listen abhaken. Ich muss erfüllen, meine Pflicht erfüllen. Und wieder eine neue Liste machen. Die Leute wenden sich mit Bitten an mich. Ich muss ihre Bitten erfüllen. Ich darf niemanden etwas schuldig bleiben. Manchmal rutschen mir die Sachen weg. Ich muss alles aufschreiben. Aufschreiben und abhaken. Aufwachen, aufschreiben und abhaken. Mein Leben. So vergehen die Tage. Dieses Grau im November. Bleib am Schreibtisch und mach deine Häkchen!

Und jetzt ist Advent. Da kommt noch eine andere Liste hinzu: die Geschenkeliste; zu den Schreibtischlisten noch die Geschenkeliste. Was schenke ich meiner Frau, was schenke ich den Kindern, was der Mutter, was den Kollegen? Seit Tagen fragt mich meine Frau beim Frühstück: Was willst du denn zu Weihnachten? Und mir fällt nichts ein. Und dann werde ich traurig, weil ich denke: Das ist doch schlimm, dass mir nichts einfällt, was mir eine Freude machen könnte! Den Kindern fallen viele Sachen ein. Mir fällt nichts ein. Man wird alt. Auf der Liste meiner Frau klafft hinter meinem Namen noch immer eine Lücke. Auf meiner Liste hinter dem Namen meiner Frau auch. „Wollen wir in diesem Jahr auf die gegenseitigen Geschenke verzichten?“ Der Vorschlag schwirrt mir durch den Kopf, aber ich äußere ihn nicht. Es liefe ja auf den traurigen Satz hinaus: „Wir schenken uns nichts!“ So weit ist es noch nicht. Also wach auf, der Tag bricht an, und versuche deine Häkchen an die Listen zu setzen, die To-do-Liste und die Geschenkeliste.

***

Und dann gibt es auch noch die Sonntagsliste. Seit ich hier Pfarrer bin, höre ich sie fast jeden Sonntag. Nur im Urlaub nicht: Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren. Das ist eine von den Listen, mit denen man nie fertig wird, eine von den Listen, die sich nicht abhaken lassen, da kannst du noch so früh aufstehen.

***

Paulus kennt sie auch. Er schleppt sie in seinen Briefen mit herum und schickt sie per Post in alle Welt. Diese Liste und viele andere Listen. Paulus ist ein Listenfreund, er hat viele davon. Listen mit dem Guten und Listen mit dem Bösen. Im Studium habe ich gelernt, wie die Exegeten sie nennen, diese Listen: Tugendkataloge und Lasterkataloge. Als könne man die schönsten für sich aussuchen und nach Hause bestellen. Bei Amazon gibt’s alles, sicher alle Tugenden und die ausgefallensten Laster. Am Black Friday gab’s Tugenden als Schnäppchen.

Brauchst du nicht mehr, sagt Paulus. Heute stehst du auf, und lebst deinen Tag ohne die Listen. Brauchst du nicht mehr. Black Friday ist vorbei. Jetzt ist Advent. Du bist nahe am Heil. Da brauchst du keine Listen mehr. Du bist nahe dran, nahe am Licht, nahe an der Wärme, nahe am Glück, nahe am Heil, nahe am Ende, nahe am Anfang, nahe am Jetzt und Hier und Heute, nahe am Eigentlichen. Das Heil ist nahe, die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nicht mehr fern. Steh auf, mach dich auf und werde Licht. Fang an zu lieben, zu brennen, du glühst ja schon. Ach, wenn ich endlich mal wieder für etwas brennen könnte! Du bist nahe dran, bald schon, sehr bald wirst du lieben. Deinen Nächsten wie dich selbst. Auch wieder mich selbst lieben. Und den Nächsten. Dann brauchst du keine Listen mehr für dein Leben. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist alles. Mehr brauchst du nicht.

***

Ach Paulus, du hast immer so schön Reden und Briefeschreiben! Wie soll ich das denn machen? Lieben und Glühen im November, ganz ohne Frühlingsgefühle?

Es ist doch gar nicht viel, sagt Paulus. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses, sagt Paulus. Das ist doch schon alles. Mehr ist es gar nicht.

So einfach soll es sein, Paulus? Auf einmal? Das klang aber schon mal anders bei dir, nämlich am Anfang deines großen Römerbriefs. Alle Menschen seien Sünder, hast du behauptet. Und wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat sie Gott dahingegeben in verkehrten Sinn, sodass sie tun, was nicht recht ist, voll von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht; Ohrenbläser, Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hochmütig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam, unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig. Sie wissen, dass nach Gottes Recht den Tod verdienen, die solches tun; aber sie tun es nicht nur selbst, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun. (Röm 1,28-32)

Das hast du geschrieben. Was für eine Liste! Ein praller Lasterkatalog. Da ist für jeden etwas Schlechtes dabei. Aber jetzt, gegen Ende deines großen Briefes hast du dich freigeschrieben und freigeglaubt. Hast du über Christus geschrieben, über die Gnade, über den Glauben, über die Liebe, über den Geist. Und dann kannst du deine Listen wegpacken. Die Werke der Finsternis ad acta legen. Schmeiß die Kataloge in die Tonne, brauchst du jetzt nicht mehr.

Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

***

Die Liebe tut nichts Böses. So einfach geht Liebe.

Seit Gott die Dämonen besiegt hat, seit Gott dem Bösen die Macht genommen hat, seit Gott uns beigebracht hat: Fehltritte sind verzeihlich, seit uns klargeworden ist: eine böse Tat macht noch keinen bösen Menschen, weil Gott den Menschen gutgesprochen, für durch und durch gut befunden hat, trotz allem Bösen, aber das hat er uns abgenommen. Seit dem allen ist die Liebe einfach: Sie tut das Böse nicht.

***

Die Zeitung „Die Zeit“ hatte letzte Woche den Aufmacher: „Die Faszination des Bösen“. Man liest besorgt die drei Artikel und stellt dann beruhigt fest: Es ist nichts dahinter. Gott sei Dank! Es geht um die Beliebtheit von Krimis im Buch und im Film. Das Böse fasziniert – nach Feierabend und im Urlaub. Ich freu mich auf die Weihnachtskrimis. Nach getaner Arbeit – Gott am Morgen loben für all das Heil, das er in die Welt gebracht hat – ein paar Krimitote am Abend. Das Böse zur Entspannung.

Und dann kommt in der Zeit noch Heidi Kastner zu Wort, eine forensische Psychiaterin, eine Frau, die Gerichtsgutachten schreibt und die wirklich Bösen kennt.

Frage: „Lesen oder schauen Sie Krimis?“

„Kastner: Nein! Krimis vermitteln den Eindruck, dass ein Verbrechen komplex ist, dass es einer sehr komplexen inneren Dynamik folgt. Echte Verbrechen sind oft sehr viel banaler.“

Frage: „Das Böse ist also dumm?“

„Kastner: Das Böse ist jedenfalls nicht tief, es ist flach. Es hat nichts Dämonisches. Es ist hauptsächlich traurig. Für den, der es tut, für den, an dem es getan wird, und für alle Angehören.“ („Die Zeit“ Nr. 48 vom 21.11.2019, S.18)

***

Christus hat dem Bösen die Macht genommen. Es hat nichts Dämonisches mehr. Das Böse ist nicht mehr heiß. Man kann es anfassen und zur Seite legen. Es ist handhabbar geworden. Die Liebe hat es im Griff. Die Liebe tut nichts Böses.

***

Steh auf, es ist Zeit. „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!“ (Klepper, EG 16,1) Steht auf, mach dich an die Arbeit. Bleib niemandem etwas schuldig. Nimm deine Listen und hake ab. Es sind ja nur Gedächtnishilfen, damit du nichts vergisst. Es sind ja nur Liebeshilfen.

Und vor allem: Vergiss die Geschenkeliste nicht. Ich muss mir endlich überlegen, womit mir meine Frau eine Freude machen könnte. Und womit ich ihr eine Freude machen kann.

Wenn aus To-do- und Not-to-do-Listen Geschenkelisten werden, dann ist die Nacht vorgerückt, dann ist der Tag nahe herbeigekommen. Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. … Die Liebe tut nichts Böses. Die Liebe schenkt gerne. So einfach ist das.

Amen.