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Predigt über Röm 12,17-21 (Pfr. Dr J. Kaiser) vom 05.07.2020

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Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Am 10. März 2019 musste Marie Philipp von Addis Abeba nach Nairobi zu einer Arbeitssitzung der Vereinten Nationen. Sie bestieg ein nagelneues Flugzeug der Ethiopian Airlines. Nicht lange nach dem Start stürzte die Maschine aus heiterem Himmel ab. Keiner hat überlebt. Sofort erinnerten sich alle an den Absturz einer weiteren nagelneuen Boeing 737 Max wenige Monate zuvor in Indonesien, der ähnlich unerklärlich war. Die Ahnung, dass mit dem neuen Flugzeugtyp was nicht stimmt, bestätigte sich schnell. Mittlerweile ist klar: Dieses Flugzeug konnte eigentlich gar nicht fliegen. Es war die sparsamere Weiterentwicklung eines uralten Typs, der wegen des Einbaus nicht passender sparsamer Triebwerke nur durch permanente Korrekturen vom Bordcomputer, auf die die Piloten keinen Einfluss nehmen konnten, in der Luft blieb. Lion-Air-Flug 610 und Ethiopian-Airline-Flug 302 wurden von Computern zum Absturz gebracht, weil sie mit falschen Sensordaten gefüttert wurden. Dass man dieses Hilfssystem nicht abschalten kann, wenn es eine Fehlfunktion hat, verstößt neben vielen anderen Konstruktionsfehlern gegen alle Sicherheitsvorschriften. Boeing vertuschte das, damit der Flieger schnell und billig verkauft werden konnte. Boeing wollte den Konkurrenzkampf mit Airbus bestehen.

Ellen Philipp, die Mutter von Marie, sagte: „Erst wollten wir, dass die Schuldigen bestraft werden. Das war mein erster Gedanke. Aber das bringt uns ja nicht weiter. Und jetzt wollen wir, dass die Kontrollmechanismen funktionieren, dass Fliegen wieder sicherer wird.“ (ARD, Doku vom 29.6.2020)

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Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn meine Tochter in so einer Maschine ums Leben gekommen wäre. Zumindest in meiner Phantasie wäre ich durchaus in der Lage gewesen, in die USA zu fliegen (nur mit einer Airbusmaschine), mir einen Revolver zu kaufen und Dennis Muilenburg über den Haufen zu schießen.

Ich weiß nicht, ob Ellen Philipp solche Phantasien hatte oder ihr Mann. Vor der Kamera blieb sie zivilisiert und bekannte, was keiner ihr verübeln kann: Sie wollte, dass die Schuldigen bestraft werden. Von einem Gericht. Das ist bis heute nicht geschehen. Dennis Muilenburg ist von seinem Posten als Vorstandsvorsitzender von Boeing zurückgetreten. Das war bislang alles.

„Erst wollten wir, dass die Schuldigen bestraft werden. Aber das bringt uns ja nicht weiter“, sagte Ellen Philipp. „Und jetzt wollen wir, dass die Kontrollmechanismen funktionieren“.

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„Das bringt uns ja nicht weiter“. Die Einsicht, zu der Ellen Philipp gekommen ist, hat eigentlich nichts mit Feindesliebe zu tun. Ellen Philipp beruft sich nicht auf Jesus und nicht auf Paulus. Ihre Einsicht ist eine Einsicht der Vernunft. Bestrafung der Schuldigen bringt uns nicht weiter. Marie Philipp wird nicht wieder lebendig, wenn Dennis Muilenburg über den Haufen geschossen wird. Auch nicht, wenn er hinter Gittern sitzt.

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Mein ist die Rache, spricht Gott.

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Rache ist eine sehr menschliche Reaktion. Wer durch eine Tat des Unrechts tief verletzt wurde, hat das Bedürfnis nach Rache. Unrecht verletzt eine Ordnung des Lebens. Rache ist der Versuch, die verletzte Ordnung wiederherzustellen. Das Bedürfnis nach Rache und Vergeltung ist die erste Abwehrreaktion eines Menschen, der plötzlich ein Opfer geworden ist. Wer nach Rache sinnt, kommt aus der Opferrolle raus. Psychologisch gesehen ist das eine wichtige Reaktion, ein erster Schritt zur Bewältigung einer seelischen Verletzung.

Dennoch sind Rache und Vergeltung verpönte Reaktionen. Das darf man nicht. Je weniger Rache und Vergeltung geübt wird, desto zivilisierter ist eine Gesellschaft. Die Verbannung der Rache als Maß für Zivilisation.

Mein ist die Rache, sagt der Gott Israels. Ein erster und grundlegender Versuch, ein Volk zu zivilisieren. Noch Paulus erinnert daran:

Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

In der Tat: Die Rache macht nichts gut, oft aber alles nur noch schlimmer. Eine Spirale der Gewalt wird freigesetzt. Vergeltung folgt auf Vergeltung, Rache für die Rache.

In zivilisierten Gesellschaften sind Rechtsverletzungen eine Sache für die Justiz. Darum müssen sich die Gerichte kümmern. Doch wenn ein Gericht nach gründlicher Prüfung eine Strafe verhängt, dann nicht, um zu vergelten. Kein Gericht kann eine verletzte Ordnung wiederherstellen. Sanktionen dienen nicht der Wiedergutmachung, sondern der Abschreckung.

Hinter Gittern wird Muilenburg seine Kollegen daran erinnern, Sicherheit nicht der Profitmaximierung zu opfern. Ellen Philipp wird nichts dagegen haben. Vielleicht lindert es ihren Schmerz ein wenig, aber eine Vergeltung für den Tod ihrer Tochter ist das nicht. Marie wird dadurch nicht wieder lebendig.

Wir Menschen können für eine bessere Gerechtigkeit arbeiten. Aber eine vollständige Gerechtigkeit können wir nie herstellen. Wir sind nicht Gott.

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Da waren sie wieder. Alle sind sie gekommen. Er sah auf sie herab. Und er fühlte sich wohl dabei. Ein Schmerz, den er so viele Jahr mit sich herumtrug, ließ nach. Alle Elf gingen vor ihm auf die Knie. So hatte er es vor Jahren geträumt. Und sie hatten ihm das übelgenommen, ihm als Hochmut angekreidet. Dann haben sie ihn in den Brunnen geworfen. Er hat es überlebt. Er kam nach Ägypten. Sie waren rasend vor Eifersucht. Dabei war es doch nur ein Traum. Und jetzt ist der Traum wahr geworden. Sie sind gekommen, sie gehen vor ihm auf die Knie, sie bitten ihn um Vergebung.

Josef weint. So oft hat er sich diese Situation vorgestellt, dass sie kommen, dass sie sich vor ihm auf den Boden werfen und dass er sie bestraft, dass er Rache nimmt für das Unrecht, das sie ihm angetan haben. So oft hat er sich das vorgestellt. Und jetzt ist genau so und er muss weinen. Er kann sie nicht bestrafen. Er kann sich nicht rächen. Es geht nicht. Der mächtige Josef, Premierminister des Pharao, weint und merkt: Er ist nicht Gott.

Mein ist die Rache, spricht der Herr, ich will vergelten.

Josef lässt es gut sein. „Fürchtet euch nicht. Ich werde mich nicht rächen. Ich bin nicht Gott. Ich stehe nicht an Gottes statt. Lasst es gut sein. Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ (1. Mose 50,19f)

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Überwindet das Böse mit Gutem. Es bringt uns ja nicht weiter, Böses mit Bösem zu vergelten. Was uns weiterbringt, ist, dass wir lernen. Wenn Böses geschieht, schauen wir uns das an, fragen nach den Ursachen, fragen, was wir tun müssen, um solches in Zukunft zu verhindern. Der Fall Boeing wird Konsequenzen haben, nicht nur für das Management, sondern auch für die Arbeit der Aufsichtsbehörden in den USA und weltweit. Der Fall Tönnies und die Fleischindustrie ebenso. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung übt heftige Kritik an den Ländern. Sie tun von zu wenig, um Kindesmissbrauch zu verhindern.

Statt uns zu rächen und Böses mit Bösem zu vergelten, versuchen wir, zu lernen und das Böse mit Gutem zu überwinden. Ich finde, dass wir darin ziemlich gut sind. Die Selbstoptimierung der gesellschaftlichen Systeme hat den Gedanken der Wiederherstellung der Ordnung durch Vergeltung abgelöst. Das ist ein zivilisatorischer Fortschritt.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Ich bin nicht sicher, ob die Überwindung der Vergeltungslogik ein Erfolg des Bergprediger Jesus oder des Briefeschreibers Paulus ist. Ich bin nicht sicher, ob es die Feindesliebe war, die alle Rachegelüste besiegt haben. Es könnte auch einfach ein Sieg der Vernunft sein. „Es bringt uns ja nicht weiter!“

Doch wer weiß: Am Ende ist die Feindesliebe, dieses Herzstück christlicher Ethik, viel weniger ein ekstatisches Hochgefühl als eine nüchterne Einsicht der Vernunft.

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Liebe Gemeinde, wir überwinden das Böse, indem wir lernen, es besser zu machen. Aber ein Rest bleibt immer. Ein Rest für Gott.

Wir können unser Leben und diese Welt nicht so absichern, dass uns nichts mehr zustoßen wird. Wir können auch Gesellschaft, Wirtschaft, Politik nicht so optimieren, dass keiner mehr Böses tun und gegen Gesetze verstoßen wird.

Auch wenn Ellen Philipp sagt: Es bringt ja nichts, die Schuldigen zu bestrafen; ich will, dass man daraus lernt und das Fliegen wieder sicher wird, bringt das Marie nicht zurück. Der Schmerz der Opfer bleibt. Zeit und Vernunft können ihn lindern, aber nicht wegnehmen. Ein Rest bleibt. Ein Rest für Gott.

Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr. Gott wird die verletzte Gerechtigkeit wiederherstellt, die wir nicht wiederherstellen können. Auch deshalb glauben wir an Gott. Deshalb glauben wir an ein letztes Gericht. Und an die Auferstehung der Toten. Auch an die von Marie Philipp. Es steht noch was aus. Gott wird es richten. Er kann das. Denn Gott hat sich im Griff, Gott sieht sich vor, Gott ist nicht blind. Er verbindet sich nicht die Augen wie Justitia auf den Portalen der Gerichte. Gott sieht die Opfer. Er wird ihnen gerecht. Er wird es wieder gut machen.

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.

Amen.