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Predigt über Psalm 139 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 28.07.2019

[als PDF]

1 Herr, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht alles wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Ange-sicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, / da ich im Verborgenen gemacht wurde, da ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!

18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Wenn ich aufwache, bin ich noch immer bei dir.

19 Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!

20 Denn voller Tücke reden sie von dir, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.

21 Sollte ich nicht hassen, Herr, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?

22 Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

 

Liebe Gemeinde,

der 139.Psalm, den wir eben gemeinsam gebetet haben, ist für viele einer der schönsten des Psalters. Ich predige aber nicht gern über Psalmen, weil ich finde, dass man sie damit irgendwie kaputt macht. Psalmen sind Gebet und Gebete sollte man nicht erklären, sondern beten. Psalmen wollen uns nicht etwas zu verstehen geben, sondern sie wollen uns Worte für unser Beten geben, sie regen uns mit ihren Worten an weiter zu beten. Das will ich heute tun, die Worte dieses Psalms weiterbeten – in vier Abschnitten. Zunächst:

Gebet einer einsamen Seele zu Gott (1-5)

Gott, du kennst mich, egal, was ich tue, ob ich sitze oder stehe, ob ich arbeite oder schlafe, ob ich grübele oder lache, du kennst mich. Nur zu gut kennst du mich. Du interessierst dich für mich. Wenigstens du interessierst dich für mich. Wenigstens einem bin ich nicht egal. Und du verstehst mich, Gott. Wenigstens einer versteht mich. Ich fühle mich oft so unverstanden.

Gott, du kennst meine Wege. Du weißt um meine Zukunft, weißt, wohin ich gehen werde, weißt, was aus mir wird. Dir waren meine allerersten Tage bekannt, du kennst auch meine allerletzten Tage. Gut, dass das einer weiß. Ich weiß es nicht. Meine Wege sind mir selbst verborgen. Dunkel ist mir mein Anfang, finster ist mir mein Ende, dazwischen gab es ein paar lichte Tage. Du aber kennst Anfang und Ende. Anfang und Ende der Welt und meinen Anfang und mein Ende.

Gott, du kennst meine Worte. Du weißt, was ich sagen will. Ich kann mich oft nicht richtig ausdrücken, sage Dinge, die ich gar nicht sagen will und was ich sagen will, bringe ich nicht über die Lippen. Gut, dass einer weiß, wie ich’s meine und meine Worte schon kennt, bevor sie gesagt werden. Und auch die Worte schon kennt und gehört hat, die ich mich gar nicht auszusprechen traue.

Gott, du hältst deine Hand über mir, von allen Seiten beschützt du mich. Du sorgst dafür, dass mir nichts passiert. Mir wären schon längst all die schlimmen Dinge geschehen, die den anderen immerzu passieren, ich wäre krank geworden oder depressiv, hätte längst ein Burnout, wäre mit dem Auto verunglückt, mit dem Flugzeug abgestürzt oder überfallen und ausgeraubt worden, betrogen und gemobbt, entlassen und verlassen worden, gestorben und begraben, all das, was den anderen passiert, es wäre auch mir passiert, wenn du mich nicht beschirmt hättest. Gut, dass einer auf mich aufpasst. Ich habe sonst keinen, der auf mich aufpasst.

EG 365,1 „Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir“

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Anklage einer von Gott gestalkten Seele (5-12)

Von allen Seiten umgibst du mich.

Wie sage ich diesen Satz, wie betone ich ihn? Sage ich ihn beruhigt, getrost, dankbar? Ich kann nicht fallen, nicht mal stolpern. Gott ist um mich, er hält mich, er stützt mich. Es kann mir nichts passieren, ich bin sicher.

Oder sage ich den Satz beunruhigt, vorwurfsvoll? Du umzingelst mich von allen Seiten, machst es mir eng, du beengst mich, nimmst mir die Bewegungsfreiheit. Es gibt ja auch diese erdrückende Liebe. Ist Gott so einer, ein erdrückend Liebender?

Ich muss gehen, Gott. Ich ertrage dich nicht mehr. Du nimmst mir die Luft zum Atmen.

Gott, warum verfolgst du mich? Lass mich in Ruhe! Ich habe dir nichts getan. Überall stellst du mir nach. Auch du, Gott, hast gefälligst meine Privatsphäre zu beachten. Es geht dich nichts an, was ich denke. Es geht dich auch nichts an, was ich fühle. Wenn ich dich brauche, sage ich es dir. Bis dahin lass mich in Ruhe! Verstehst du das nicht?

Und hör bitte auf, mir ständig ein schlechtes Gewissen zu machen! Jahrzehntelang hast du mich tyrannisiert. Überall wurde ich von dir beobachtet und ertappt. Vor meinen Eltern konnte ich mich verstecken, vor meinen Lehrern konnte ich mich verstecken, vor dir nicht! Mit dir haben sie mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Und du hast ihnen dabei geholfen. Du warst ihr Verbündeter. „Gott sieht alles, überall!“, haben sie mir gedroht.

Ich ging. Ich floh vor seinem Angesicht. Ich flüchte ans äußerste Meer. Ich versuchte, Urlaub zu machen. Nicht mehr an die Arbeit denken. Nicht mehr an die Kirche denken. Und auch nicht mehr an Gott denken. Ich brauche auch mal Urlaub von Gott!

Doch auch in den Ländern, in denen keine Kreuze hängen und keine Kirchtürme stehen, krähen am Morgen die Hähne dreimal. Und ich weinte bitterlich.

Auch am äußersten Meer trugen mich die Flügel der Morgenröte in deine Arme. So sehr ich dich verleugne – ich komme nicht los von dir.

EG 663,1-2 „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“

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Dank eines Bewunderers der organischen Wunder Gottes (13-16)

Gott, du kennst mich. Du hast mich je gemacht. Du bist mein Schöpfer, mein Ingenieur. Als ich noch fast ein Nichts war, hast du die Gene gemischt, hast bestimmt: Die Nase von der Mutter, die Füße vom Vater. Auch meine Nieren sind wunderbar, ich weiß es, obwohl ich sie noch nie gesehen habe. Aber sie funktionieren gut.

Wenn ich mich im Spiegel betrachte, erschrecke ich. Wenn ich dir danke für alles an mir, das du gemacht hast, erkenne ich, wie wunderbar du mich gemacht hast. Wie schön sind deine Werke. Die Seele erkennt es, der Spiegel ist blind.

Aber Gott, du führst Buch. Da steht die Zahl meiner Tage drin. Wie viele bleiben mir noch? Verrätst du sie mir?

Gott, ich habe Angst, Angst um meine Nieren, Angst um meinen Magen, Angst um meinen Kopf, Angst um meine Leber, mein Herz, mein Blut. Es gibt so viele Krankheiten. Bin ich noch gesund? Oder nagt an ihnen schon ein listiges Virus, ein böses Geschwür?

Was kann ich für meine Gesundheit tun? Hilft ein Opfer? Den Blinddarm kann ich dir geben, den brauch ich nicht. Meine Galle hast du schon vor 6 Jahren gekriegt. Reicht das nicht? Es geht gut ohne sie.

Aber hast du nicht gesagt, du verabscheust die blutigen Opfer? Die Galle ist sehr blutig, und die Leber und das Herz auch.

Hast du nicht gesagt, deine Gebote und meine Gebete, die Liebe und die Lieder, das reiche dir? Dann bitt ich dich: Erhalte mir die Gesundheit und ich singe dir die Lieder meiner Liebe.

EG 325,2-3 „Wie ein Adler sein Gefieder“

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Beichte des Hasses (19-24)

Viele Psalmen, liebe Gemeinde, werden geputzt, frisiert, getunt, bevor sie in den Gottesdienst dürfen. Man kann es auch Zensur nennen. Denn viele Psalmen sind auch schmutzig, zumindest haben sie an einigen Stellen üble Flecken. Auch Ps 139 hat unangenehme Verse, die man für den gottesdienstlichen Gebrauch gestrichen hat.

Sie lauten:

19 Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler töten!

Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!

20 Denn voller Tücke reden sie von dir,

und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.

21 Sollte ich nicht hassen, Herr, die dich hassen,

und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?

22 Ich hasse sie mit ganzem Ernst;

sie sind mir zu Feinden geworden.

Ich hasse sie. Sie sitzen draußen und trinken Bier und lachen. Und ich bin hier und höre dir zu. Warum kommen sie nicht auch in die Kirche? Haben sie es nicht nötig? Ich hasse sie.

In der Kirche sagen sie, ich dürfe so was nicht sagen. Dabei steht es doch in deinem Psalm. Dir sage ich es: Ich hasse sie. Ich hasse sie, weil sie dich hassen. Sie machen sich ein schönes Leben und du bist ihnen egal und die Welt ist ihnen egal. Sie denken nur an sich. Ich hasse sie. Soll ich rausgehen und sie töten? Soll ich das tun? Ich würde es für dich tun.

Ach Gott, erforsche mich und prüfe meine Gedanken, die manchmal so finster sind. Du weißt doch, wie ich es meine. Sieh doch, ob ich auf irren Wegen bin. Höre meinen Hass, höre ihn und nimm ihn von mir!

EG 136,1+3 „O komm, du Geist der Wahrheit“

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Forschungsauftrag an Gott (1.17.18.23)

Gott, du weißt so viel, ich so wenig.

Gott, du begreifst so viel, ich so wenig.

Gott, hast so hast so viele Begriffe, mir fehlen die Worte.

Wer kann erforschen, was du erforscht hast?

Wer kann zählen, was du geschaffen hast?

Wer kann denken, was du gedacht hast?

Was bin ich, dass du auch mich gezählt hast?

Wer bin ich, dass du auch an mich gedacht hast?

Wer bin ich, dass du auch mich kennst und beim Namen gerufen hast?

Erforsche mich und sage du mir, wie ich es meine. Sage du mir, was ich denke, sage du mir, was ich fühle, sage du mir, was ich fürchte, sage du mir, was mich freut.

Du kennst mich besser, als ich mich je gekannt habe. Das ist meine Rettung. Amen.

EG 372,1-3 „Was Gott tut, das ist wohlgetan“