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Predigt über Offbg 21,1-7 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 22.11.2020

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Der Tod, er ist wieder da, liebe Gemeinde, er hat sich wieder Macht verschafft, hat sich sein Recht erkämpft oder was er dafür hält. Er hat eine neue scharfe Waffe, das Corona-Virus, und fährt damit durch die ganze Welt. 1.338.100 Menschen hat er schon mitgenommen.

Der Tod ist wieder da. Mit Macht. Und bringt uns unsere Machtlosigkeit in Erinnerung. Macht uns klug, weil wir wieder daran denken, dass wir sterben müssen.

Der Tod ist wieder da. Eigentlich war er nie weg. Doch es gibt Zeiten, da verlieren wir ihn ein bisschen aus den Augen. Wenn grad keine Seuche wütet und kein Krieg und kein Krebs und kein Infarkt. Wenn die Menschen sterben, weil sie alt sind und lebenssatt und sterben wollen, wenn der Tod nicht als Feind kommt, sondern als Freund, den die alte Frau in vielen Gebeten eingeladen hat: Komm, sei mein Gast, und nimm mich endlich mit. Es ist genug.

Aber solche Zeiten sind grad nicht. Sondern die anderen, in denen der Tod Krieg führt und auch die mitnimmt, die noch nicht mitgehen wollen, und alle in Panik versetzt, dass sie Abstand halten und aufhören zu feiern und sich den Mund und die Nase verdecken, damit sie den Tod nicht einatmen. Denn der Tod liegt jetzt wieder in der Luft.

***

Was wappnet gegen den Tod? Was nimmt uns die Angst? Gute Aussichten. Aussichten, die besser sind, als die Aussicht auf ein kaltes Grab. Solche besseren Aussichten sind zu haben. Sie stehen geschrieben am Ende der Schrift. Man muss sie nur besehen. Kommt mit! Wir reisen in eine ferne Stadt. Nicht im Ferienflieger, sondern im Geist, im Glauben, in der Hoffnung reisen wir. Der Seher ist unser Fremdenführer. Er zeigt uns eine Stadt, in der wir einmal heimisch werden sollen.

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Seht ihr diese Stadt? Habt ihr sie vor Augen? Wir betrachten sie von einem hohen Berg aus, wie sie glänzend daliegt, sehen ihren Umfang, ihre Mauern mit den zwölf Toren (Offb 21,12), die offen stehen, eine Stadt, in die alle kommen können, aus jede Richtung, alle, die ins Buch des Lebens geschrieben sind (Offb 21,25.27). Es ist eine schöne Stadt, alles ist ebenso maßvoll wie geschmacksvoll (Offb 21,16-21). Da ist keiner, der es nötig hatte, sich mit Marmor und Stein ein Denkmal zu setzen oder mit Glas und Stahl.

Wir betreten die Stadt und spazieren die Allee entlang, die den Fluss säumt. Sein Wasser ist klar und die Bäume hängen voller Früchte (Offb 22,1-2). Uns ist, als hätten wir diese schon mal gesehen, vor langer Zeit im Garten Eden.

Wir gehen weiter, wir bewundern die unaufdringliche Schönheit dieser Stadt und plötzlich fällt es uns auf: Etwas ist anders als in allen anderen Städten, auch anders als in dem Jerusalem, das wir kennen: Da ist kein Felsendom, keine al-Aqsa-Moschee, keine Grabes-, keine Erlöserkirche, keine Synagoge. Da ist überhaupt kein sakrales Gebäude, nirgends ein Tempel, nirgend eine Kathedrale, kein Kloster, nicht mal eine Kapelle, keine Kuppel, kein Kirchturm, kein Minarett, nichts. (Offb 21,22) Nichts, nur ein Zelt. Da wohnt Gott. In all seiner Herrlichkeit. Die Herrlichkeit Gottes wohnt in einem Zelt. Wieder, wie damals in der Wüste.

Hier also ist er zu Hause. Und hier sind sie zu Hause, die Menschen. Alle Menschen. Bei ihm. Am Zelt. Wo alles leicht ist, wo die Tore und die Türen offen stehen, wo es keine Zugangsbeschränkungen gibt und keine Einlasskontrollen, wo niemand bewacht und beschützt werden muss, wo alle überall hingehen können. Wo alle zu ihm kommen können.

Und sie kommen. Er hört zu. Sie erzählen und sie weinen und er wischt ihre Tränen ab. Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth! 3Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn (Ps 84,2-3)

Sie erzählen ihm, was sie erlebt haben, in jenem alten Leben. Erzählen ihm von ihrer Trauer, von Kriegen und Flucht, von Demütigungen und Enttäuschungen, von Schmerzen und Krankheiten.

Und er hört zu. Dies ist kein Gott mehr, der mahnt und gebietet, der Weisungen verkündet und Verheißungen, keine Lehre, kein Evangelium. All das war einmal, all das braucht es nicht mehr. Denn er spricht: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen. (Jes 57,15)

Wenn wir angekommen sind, liebe Gemeinde, sind wir bei Gott. Und sie ist da, vor ihrem Zelt, und sie hört zu und sie tröstet, wie dich deine Mutter getröstet hat (Jes 66,13).

***

Das also, liebe Gemeinde, ist das, was ich heute anbieten kann als Heilmittel gegen den Tod. Schluckt es! Es wird euch nicht unsterblich machen, aber es wird euch die Angst vor dem Tod nehmen. Ihr könnt dieses Heilmittel Vision nennen oder Illusion, einen Traum oder einen frommen Wunsch. Vielleicht ist es nur ein Placebo. Wer weiß das schon? Nur bedenkt: Sollte der Tod am Ende doch den Sieg behalten und uns auf ewig vernichten, so dass es uns nicht mehr geben wird, dann werden wir uns ja auch nicht dafür schämen müssen, an eine Illusion geglaubt zu haben. Es gibt also nichts zu verlieren, wenn wir das Heilmittel schlucken und glauben. Aber es gibt etwas zu gewinnen.

Wenn die Hoffnung eine Vision braucht, dann kann keine bessere als diese erfunden werden. Denn du darfst dorthin alles mitbringen, was in deinem Leben nicht vergessen, nicht vergeben, nicht geheilt werden konnte. Und du wirst bekommen, was es in diesem Leben immer zu wenig gibt: Trost.

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin.

Amen.