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Predigt über Mt 25,1-13 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 24.11.2019

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Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und hinausgingen, den Bräutigam zu empfangen.

Wir sind am Ende, liebe Gemeinde, am Ende des Kirchenjahres.

Am Ende wird alles gut. Aber an diesem Ende sind wir noch lange nicht. Erst einmal sind wir nur am Ende des Kirchenjahres.

Bevor wir die Zeit vor dem Ende betrachten, muss eines klar sein, muss gewiss sein, eines duldet keinen Zweifel: Das Ende ist gut. Das Besondere des christlichen Glaubens – übrigens auch des jüdischen, also des auf die Bibel sich berufenden Glaubens - ist es, vom guten Ende her zu glauben und zu denken. Wir müssen uns endlich angewöhnen, vom guten Ende her zu denken.

Wir leben mit der Vorstellung: Früher war alles gut, doch wie es ausgeht ist ungewiss. Aber in Wahrheit ist auch das Ende gut. Dafür hat Gott gesorgt. Alles, was wir im zu Ende gehenden Kirchenjahr gehört haben, läuft auf ein gutes Ende zu: Gott ist Mensch geworden und für unsere Sünde am Kreuz gestorben, damit das, was uns von Gott trennt und uns die Tür vor der Nase zuschlagen könnte, aus der Welt ist.

Der an der Bibel geschulte und eingebildete Glaube denkt vom guten Ende her, läuft zum guten Ende vor und betrachtet alles unter diese Perspektive.

Die ganze Geschichte läuft am Ende auf eine Hochzeit hinaus. Wenn du eine Vorstellung vom guten Ende brauchst, auf das hin alles zuläuft, eine Vorstellung vom Reich Gottes, vom Himmelreich, von der Herrschaft Gottes, dann nimmt die Hochzeit und du hast dich ins rechte Bild gesetzt: Fröhlichkeit, Schönheit, Singen, Tanzen, Schenken, schöne Kleider, schöne Menschen, gutes Essen. Himmel eben, Himmel, mit irdischen Farben gemalt.

Zwischen Anfang und Ende aber liegen die Welt und ihre Zeit, eine Zone der Uneindeutigkeit. In der Welt zu leben – nur in dieser Welt zu leben – bedeutet, dass die Dinge ungewiss sind. Man lebt in einer Sphäre, in dem es immer mehr Fragen als Antworten gibt, wo es mal so ist und mal so, wo es solche Menschen gibt und solche.

Das Ende ist gut, so schön wie eine Hochzeit. Aber wir wissen nicht, wann die Hochzeit stattfindet. Und vorher ist das Leben in dieser Welt, und das ist eine Zeit der Probleme.

Jesus wäre nicht Jesus, wenn er das, was ich eben gesagt habe, nicht in einer Geschichte erzählen würde. Und die geht so: 

Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und hinausgingen, den Bräutigam zu empfangen.

Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen wohl ihre Lampen, nahmen aber kein Öl mit. Die klugen aber nahmen außer ihren Lampen auch Öl in ihren Gefäßen mit.

Als nun der Bräutigam ausblieb, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber erhob sich ein Geschrei: Der Bräutigam ist da! Geht hinaus, ihn zu empfangen! Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen bereit. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Lampen sind am Erlöschen. Da antworteten die klugen: Nein, es würde niemals für uns und euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft selber Öl! Doch während sie unterwegs waren, um es zu kaufen, kam der Bräutigam, und die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal; und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die andern Jungfrauen und sagten: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber entgegnete: Amen, ich sage euch, ich kenne euch nicht!

Seid also wachsam! Denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde.

Die Welt, liebe Gemeinde, ist die Zeitzone voller Ungewissheiten, voller Fragen und Probleme.

Gehöre ich zu den Schlauen oder zu den Dummen? Und wer sind die Schlauen und wer die Dummen?

Hat das etwas mit Intelligenz zu tun? Mit dem IQ?

Dass es fünf und fünf sind, könnte dafürsprechen. Der Intelligenzquotient ist intelligenterweise so konstruiert, dass er eine Normalverteilung aufweist, also im Grunde genommen dem Jungfrauengleichnis folgt. Fünf und Fünf oder 5000 und 5000 oder 4 Milliarden Menschen mit einem IQ über 100 und 4 Milliarden mit einen IQ unter 100. Die Norm wird mit 100 gesetzt, so dass die Verteilung darunter und darüber gleich ist, es gibt also immer genauso viele Menschen mit einem IQ über hundert wie mit einem IQ unter hundert. Wenn man also zehn Jungfrauen hat, sind immer 5 klug und 5 töricht, jedenfalls, wenn man nach dem IQ geht.

Die Klugen und die Törichten. Oder hat es etwas mit Bildung zu tun? Zwischen Intelligenz und Bildung gibt es sicher einen Zusammenhang, aber keinesfalls ist es deckungsgleich. Es gibt gebildete Menschen, die dumm sind, und es gibt sehr intelligente Menschen, die nie in die Schule gehen konnten.

Wenn es aber um die Bildung geht, kann ich euch beruhigen. Ihr gehört sicher zu der gebildeteren Hälfte. Bei den Reformierten sowieso. Zu denen kommen ohnehin nur Menschen, die Abi haben.

Dass man Abi haben muss, um in den Himmel zu kommen, gilt allerdings als ausgemacht. Jedenfalls was den irdischen Himmel betrifft. Wer einen guten Job will, Sicherheit, Status, Geldverdienen braucht ein gutes Studium und dazu braucht man ein gutes Abi. Um das zu bekommen, muss man, wie die ganz Schlauen herausgefunden haben, nicht viel lernen, sondern nur einen guten Anwalt bezahlen, der alles einklagen kann.

Das bringt mich zur nächsten Idee. Wer sind die Klugen und die Törichten? Sind es die Gerissenen und die Treudoofen?

Die Gerissenen, die nach der Maxime leben: alles ist erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist. Die reich werden mit Cum-Ex Geschäften, die nicht ausdrücklich verboten waren, obwohl jedem klar war, dass man damit den Staat betrügt. Der Staat ist der Dumme, weil er eine Gesetzeslücke übersah, und den Dummen darf man übers Ohr hauen. Denn wer dumm ist, ist selber schuld. So denken die Gerissenen. Sie halten sich an den Buchstaben des Gesetzes, um den Geist kümmern sie sich einen Dreck. Gerissen ist, wer es versteht, Recht von Moral zu trennen und Moral ganz auf das gesetzlich Definierte zu beschränken. Alles, was nicht verborten ist, ist erlaubt. Und die Treudoofen sind die, die jede Steuer und jeden Bußgeldbescheid fristgerecht überweisen. Die Treudoofen sagen: Betrug ist schlimm, weil es Betrug ist. Die Gerissenen sagen: Betrug ist nur schlimm, wenn der Betrogene es merkt.

So ist die Welt: Es gibt die mit dem IQ über hundert und die darunter. Es gibt die Studierten und die Unstudierten, es gibt die Gerissenen und es gibt die Treudoofen. Und zu welchen gehöre ich? Das ist die Frage in dieser Welt in dieser Zeit. Man weiß es nie genau. Wenn einem Zweifel kommen und man befürchtet, zu den Dummen zu gehören, dann schreit man nach Gerechtigkeit und fordert die Klugen auf, etwas abzugeben. Gebt uns was ab von eurem Öl, seid solidarisch! Aber die sagen: Nein! Denn wenn die Dummen nicht mehr die Dummen sind, sind ja die Klugen auch nicht mehr die Klugen.

Auch wenn man versucht, das Öl auf alle Lampen gleichmäßig und gerecht zu verteilen, auch wenn man versucht, aus allen Menschen eine Leuchte zu machen – es wird immer Unterscheide geben. Auch die kleinsten Unterschiede sind Unterschiede und wieder ein Grund, nach mehr Gerechtigkeit zu rufen. Vielleicht liegt in hundert Jahren der IQ von hundert dort, wo er heute bei 150 liegt. Dann werden zwar alle viel intelligenter sein als heute, aber die Unterschiede gibt es immer noch, und die fifty – fifty.

So ist die Welt. Sie ändert sich gewaltig und doch bleibt es ewig dabei: Es gibt 5 Kluge und es gibt 5 Dumme. So rechnen die Menschen. Man nennt das Statistik. Statistik ist die Kunst des Rechnens mit den Unterschieden. Weil wir wissen wollen, wie die Welt wirklich ist, machen wir eine statistische Erhebung und bekommen ein Bild der Unterscheide. Deswegen ist der Ausgang bei realistischer, also statistischer Betrachtung der Welt immer ungewiss. Aber der Mensch will Gewissheit. Nur mit Gewissheit wird das Leben erträglich.

Und da, liebe Gemeinde, hilft wirklich nur der Glaube. Ich sag das jetzt mal so einfach, wie’s ist. Da hilft wirklich nur der Glaube.

Der Glaube nämlich ist die Kunst, aus der Welt rauszugucken und ein Ende zu erblicken, das durch und durch gut ist. Die Welt nimmt ein gutes Ende. Am Ende der Zeit ist nicht die End-Zeit, sondern die Hoch-Zeit. Vorher gibt es einige Irritationen. Aber die löst man nicht mit Statistik und dem Ruf nach Teilhabe und Gerechtigkeit, sondern mit einem Blick auf das Ende, auch auf das Ende dieser Geschichte. Und da steht: Seid also wachsam! Denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde. Das Fazit, das der Gleichniserzähler zieht, lautet nämlich nicht: Darum seid klug! Das wäre ein dummer Satz. Man kann einem Menschen mit einem IQ von 80 nicht sagen: Und morgen hast du mal einen IQ von 120! Aber man kann allen Menschen zurufen: „Wachet!, Seid wachsam!“

Seid wachsam! Erkennt, was an der Zeit ist!

Nachhaltigkeit ist ein Modewort. Aber es ist genau das, was im Gleichnis den Unterschied zwischen klug und töricht ausmacht. Die Klugen hatten genug Öl für ihre Lampen dabei, die Törichten nicht. Die Klugen haben daran gedacht, dass es länger dauern könnte, die Törichten nicht.

Nachhaltigkeit, das Wort trifft es. Wir müssen dafür sorgen, dass unser Planet überlebt für viele Generationen, die nach uns kommen. Auch sie wollen und sollen auf dieser schönen Erde leben. Deshalb ist es klug, - um im Bild zu bleiben - das Öl in der Erde zu lassen und die Lampen mit erneuerbaren Energieformen am Brennen zu halten.

Wir sind wachsam. Wir erkennen, was jetzt an der Zeit ist. Wir reden darüber und wir tun etwas. Vielleicht könnten wir noch mehr tun. Aber auch darüber wird gesprochen.

Wer wach ist, hat keinen Grund zur Panik. So schnell gehen die Lichter nicht aus. So schnell schlägt uns die Erde nicht die Tür vor der Nase zu. Wer an das gute Ende glaubt, das Gott uns allen schon bereitet hat, wird nicht in Panik und Endzeitstimmung verfallen, sondern wird getrost das machen, was jetzt an der Zeit ist: Seinen Beitrag leisten, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Du bist klug, denn du weist: Mitternacht kommt, der Bräutigam kommt, die Hochzeit kommt, am Ende gibt es ein Fest. Es wird gut ausgehen. Aber du weist auch: Das kann noch dauern.

Amen.