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Predigt über Mk 3,31-35 (Pfrn. M. Waechter) vom 15.09.2019

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31 Inzwischen waren Jesu Mutter und seine Geschwister gekommen. Sie blieben vor dem Haus stehen und schickten jemand zu ihm, um ihn zu rufen.

32 Die Menschen saßen dicht gedrängt um Jesus herum, als man ihm ausrichtete: »Deine Mutter und deine Brüder und Schwestern sind draußen und wollen dich sprechen.« -

33 »Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Geschwister?«, erwiderte Jesus.

34 Er sah die an, die rings um ihn herum saßen, und fuhr fort: »Seht, das sind meine Mutter und meine Geschwister!

35 Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.«

Liebe Gemeinde,

Wie gehen wir miteinander um? Wem fühle ich mich nahe? Darum geht es heute. Darum geht es, wenn Jesus von seinen „wahren Verwandten“ spricht. Und er trifft damit auch unsere Beziehungen. 

Maria ist damals verzweifelt, sie denkt:

Was soll nur aus dem Jungen werden? Ach, er ist ja gar kein Junge mehr. Also, was soll aus ihm werden und was soll aus uns werden? Es ist kaum zu glauben, was heute geschehen ist. Alle haben es gehört, wie er mich, seine eigene Mutter, gedemütigt hat – und seine Geschwister. Die Scham und der Schmerz sitzen tief.

Er ist ja schon eine Weile von zuhause weg. Und dann gab es plötzlich diese Gerüchte. Wir hörten, dass er jetzt als Prediger umherzieht. Dass er von Gott spricht, wie es kein einziger Rabbi in der Gegend tut. Er streitet sogar mit ihnen. Es gibt Gerüchte, dass er kranke Menschen gesund machen kann. Aber auch, dass er den Sabbat nicht achten würde. Es heißt, Menschen würden alles stehen und liegen lassen, um ihm zu folgen.

Und jetzt hat er uns stehen lassen. Mich – seine Mutter. Seine Brüder und Schwestern.

Es war mir unangenehm, wie die Nachbarn über ihn spotteten. Wir gingen den Fragen und Blicken aus dem Weg. Als wir hörten, dass er in der Gegend sei, wollten wir mit ihm reden, ihn bitten, nach Hause zu kommen.

Wir brauchen ihn hier - nicht unterwegs. Wir brauchen ihn als Zimmermann, der uns zur Hand geht – nicht als Prediger, der für Aufruhr sorgt.

Da stehen wir nun vor dem Haus, in dem sich viele um ihn herum versammelt haben. Wer sind all diese Leute, denke ich. Ich höre jemanden sagen: deine Mutter und deine Brüder und Schwestern sind draußen und wollen dich sprechen.

Durchs offene Fenster hören wir seine Antwort. Und sie trifft mich wie ein Messerstich mitten ins Herz: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Geschwister? Ich erstarre. Ich will im Boden versinken. Ich ziehe mein Tuch über das Gesicht und drehe mich um, gehe, fliehe zurück nach Hause.

Hier sitze ich nun im Dunkeln und weine. Vom eigenen Sohn in aller Öffentlichkeit verleugnet zu werden, das ist brutal. Haben wir es ihm nicht beigebracht: Du sollst Vater und Mutter ehren-? Wo soll das noch hinführen?

So mag sie gedacht und empfunden haben. Maria, die Mutter Jesu – damals bei dieser Begegnung, die eigentlich keine war.

Und Jesus? Statt nach draußen zu gehen und seine Familie zu begrüßen, fragt er:

Wer ist meine Mutter und wer sind meine Geschwister? Was sich für Maria anfühlt wie ein Messerstich ins Herz, was nach Verleugnung und Entehrung klingt, was sie ausschließt, das bedeutet für Jesus eine Öffnung: Er schließt nicht aus, er öffnet seine Familie und findet neue Maßstäbe jenseits der Blutsverwandtschaft. Er begreift das Wort „Familie“ neu und anders: im Angesicht Gottes.

Wer gehört dazu? 

Um Jesus herum sitzen die, die alles stehen und liegen ließen, um bei ihm zu sein und ihm zuzuhören. Um ihn herum sitzen Kranke, Ausgestoßene, Gedemütigte, Gescheiterte. Um ihn herum sitzen Menschen, die sich Gott nahe fühlen, wenn er spricht. Er nimmt sie in seine Familie auf: Seht, das sind meine Mutter und meine Geschwister.

Und heute?

Für alle, die an der Enge und den Ansprüchen der eigenen Familie leiden, ist Jesu Familienöffnung eine Wohltat. Die Ehre der Eltern wird eingehegt. Sie wird nicht geleugnet, doch sie steht nicht mehr über allem. In der Familie Jesu gibt es keine Besitzverhältnisse mehr. Meine Mutter, meine Kinder, meine Frau. Jesu Worte – so verstanden - sind wie ein Freispruch: Ich darf ausbrechen und mir meine eigene Familie suchen. Eine Familie, die mir gut tut. Seine Worte passen in die heutigen Lebenserfahrungen so vieler zerrissener Familien. Ihnen werden neue Möglichkeiten eröffnet.

Für alle aber, die in der eigenen Familie viel Geborgenheit und Sinn erfahren, klingen Jesu Worte sehr verletzend, ja übergriffig.

Für die allermeisten Menschen gilt beides: Familie ist wichtig, aber nicht alles. Freunde sind wichtig. Kollegen. Partner. Ich muss mich von Familie auch lösen können und mich gleichzeitig mit anderen Menschen verbunden fühlen dürfen.

Musik[1]

Wie gehen wir miteinander um – wie leben wir tatsächlich als Brüder und Schwestern in Gottes Familie? Die Antwort Jesu ist klar: Ein Mann wird von Räubern überfallen und bleibt halb tot am Straßenrand liegen. Ein Priester und ein Levit kommen den Weg entlang und gehen vorbei. Ein Mann aus einem fremden Land, mit einer fremden Religion kommt und kümmert sich um den Verletzten.

Das Paradegleichnis für das Tun des Willen Gottes ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Er ist dem, der unter die Räuber fiel, der Nächste gewesen, indem er – ganz einfach - seine Not gesehen und sich seiner angenommen hat. Geh und handele ebenso – sagt Jesus zu dem Mann und allen, die seine Worte bis heute lesen.

Mit dieser Geschichte öffnet Jesus die Familie Gottes noch weiter als damals, als er seine eigenen Verwandten stehen liess. Alle Abgrenzungen durch Blutsverwandtschaft, durch Konfession oder Religion, Volk oder Kultur werden durch diese Worte gesprengt. Wer den Willen Gottes tut, wer barmherzig ist, ist Mutter oder Bruder, Schwester oder Vater.

Das sind nicht unbedingt die, die um Jesus herumsitzen und ihm zuhören. Das sind nicht unbedingt unsere Nachbarn, mit denen wir uns so gut verstehen. Barmherzig handeln Männer und Frauen, junge und alte, Muslime und Hindus, Christen und Juden, sogar Menschen, die wir überhaupt nicht mögen. Jesus sagt: Sieh mal, hier findest du Mütter und Geschwister!

So eine große neue Familie -

Ich bin hin und her gerissen, wie ich das finden soll.

Einerseits bin ich von Jesu Offenheit begeistert.

Das klingt gut:  miteinander leben, füreinander da sein über alle Grenzen hinweg. Das ist doch wichtiger als das gemeinsame Bekenntnis zu einem Gott oder die Blutverwandtschaft oder die Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Kultur, die immer andere ausschließt.

Und andererseits denke ich: Das ist mir eine Nummer zu groß. Ich will mich lieber flüchten in den vertrauten Schoß der Familie. Dahin, wo man mich kennt. Wo ich alle kenne.

Und außerdem: Das Bild von dieser großen Familie, wo alle einander Bruder und Schwester sind, es funktioniert doch nicht. Es ist eine Illusion:

Niemand tut immer nur den Willen Gottes. Niemand ist immer nur barmherzig. Ich fürchte, meine neue Familie zerbricht jeden Tag aufs Neue, weil wir dabei scheitern, nach dem Willen Gottes zu leben. Immer und immer wieder.

Zum Glück sitzen bei Jesus gerade sie - die Gescheiterten. Auch sie sind seine Familie. Und zumindest im Scheitern sind wir einander doch nah. Es verbindet uns.

Musik

Wer gehört zur Familie? Maria hat lange über diese Frage nachgedacht. Sie hat damit gerungen, dass Jesus, ihr Sohn, die Familie, seine Familie öffnet und weitet. Erst langsam konnte sie sich dieser Idee öffnen. Diese Idee prägt das Christentum bis heute mit dem Gedanken, dass wir alle einander Bruder und Schwester sein sollen.

Schließlich konnte Maria auch so empfinden:

Was soll nur aus dem Jungen werden? So habe ich lange gedacht und es brach mir das Herz. Es hat lange gedauert, aber dann habe ich verstanden, dass ich ihn nicht zurückholen kann, dass ich ihn nicht ändern kann, sondern ich mich ändern muss.

Wir haben uns auf den Weg gemacht und sind ihm erneut gefolgt. Diesmal nicht, um ihn zurückzuholen, sondern um ihm zuzuhören. Und ich war dort, als er starb. Ich war dort, als er zurück ins Leben kam. Und wieder traf es mich mitten ins Herz. Nicht wie ein Messer, sondern als Gottes Wort. Es hat mein Leben verändert. Ich wurde Mutter und Schwester von vielen.

Jesus ist ein Familienmensch.

Er hat seine Geburtsfamilie. Sie wird oft die heilige Familie genannt, vor allem an Weihnachten, wenn die Sterne leuchten, Maria das süße Baby auf dem Arm hält und wir alle Stille Nacht singen und uns dazugehörig fühlen. Seiner kleinen, heiligen Familie hat er dann später den Rücken gekehrt, um sich seiner neuen Familie zuwenden zu können.

Zu dieser neuen Familie gehören Geschwister, die mit ihm unterwegs sind, damals die Jünger, heute wir. Menschen, die ihm zuhören, denen er ein neues Leben eröffnet.

Jesus hat heute Geschwister in aller Welt, Brüder und Schwestern, Mütter und Väter, die den Willen Gottes tun und barmherzig sind.

Ich wünschte mir, Jesus der Familienmensch, würde seine Patchworkfamilie, die im Laufe von 2000 Jahren entstanden und gewachsen ist, zu einem großen Familienfest einladen. Ich bin auch dabei, bin ja auch eine Schwester.

Und ich stehe am Rand und staune, wer alles gekommen ist! Der Mann dort hinten könnte der barmherzige Samariter sein. So habe ich ihn mir immer vorgestellt. Ach nein, jetzt sehe ich, er trägt eine Jeans unter seinem langen Gewandt. Es ist wohl ein anderer barmherziger Mann. Ich sehe bekannte Gesichter, da: Martin Luther King im Gespräch mit Martin Luther. Aber vor allem viele, viele unbekannte Menschen aus allen Zeiten, von allen Kontinenten, aus allen Sprachen und Kulturen.

Und dann, so wünschte ich es mir, würde Jesus zu seiner Mutter Maria gehen, deren Herz er damals so sehr verletzte und dann wieder heilte. Und wenn ich darf, dann wünschte ich, dass am Ende getanzt wird. Leidenschaftlich – weil das zu einer guten Familie gehört: Sie umfasst immer beides: Liebe und Leid. Auseinandersetzung und Versöhnung. Nähe und Distanz. So wie ein Tango.

Amen


[1] Die Predigt wurde im Gottesdienst am 15.9. von dem Duo Schlagwerk Voermans begleitet. Sie spielten eine Tango-Suite von Astor Piazzolla in der Bearbeitung für Marimba- und Vibraphon