Zur Textversion

Predigt über Mk 16,1-8 - Vorgängerinnen (Pfrn. M. Waechter) vom 18.08.2019

[als PDF]

1 Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2 Und sehr früh am ersten Tag der Woche kommen sie zum Grab, eben als die Sonne aufging. 3 Und sie sagten zueinander: Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? 4 Doch wie sie hinschauen, sehen sie, dass der Stein weggewälzt ist. Er war sehr gross. 5 Und sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem langen, weissen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. 6 Er aber sagt zu ihnen: Erschreckt nicht! Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier. Das ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt haben. 7 Doch geht, sagt seinen Jüngern und dem Petrus, dass er euch vorausgeht nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 8 Da gingen sie hinaus und flohen weg vom Grab, denn sie waren starr vor Angst und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich. 

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. (Gn 1, 27)

Gott schuf die Menschheit, Männer und Frauen, nach seinem Bild, beide Geschlechter. Es gibt keinerlei Rangordnung, keine Hierarchie, kein höher oder darunter, kein vor- und nachgeordnet. So steht es schon ganz am Anfang im ersten Kapitel der Bibel.

Paulus steht in dieser Tradition, wenn er schreibt:

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Gal 3, 28)

Auch Paulus glaubt an die Gleichwertigkeit der Geschlechter. In der Nachfolge Christi kann es keine Rangordnung, keine Hierarchie geben.

Die Evangelien erzählen davon, dass Jesus sowohl Männer wie Frauen ausgesandt hat, um zu predigen und das Evangelium zu verkündigen:

An einem Brunnen in Samaria begegnet er einer Frau. Sie führen dort ein theologisches Gespräch über das Wasser des Lebens, über den Messias und den richtigen Ort für das Gebet. Diese namenlose Frau wird zur ersten Predigerin. Sie geht in ihr Dorf und erzählt, verkündigt, predigt Jesus den Messias. Die Menschen glauben ihr und glauben Jesus. (Joh4)

Ja, Frauen und Männern beteten, predigten, leiteten Hausgemeinschaften in den jungen christlichen Gemeinden. Im Neuen Testament wird nicht viel von ihnen erzählt. Es sind oft Randbemerkungen, die jedoch aufmerksame Leserinnen und Leser aufhorchen lassen.    

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

So wie Paulus es formuliert, so soll es sein. So sollte es sein. Doch die Konventionen, die Hierarchien, das Patriarchat blieb stärker. Die Rangordnung der Geschlechter, das Oben und

Unten zieht auch durch die Bibel. Frauen bleiben ungenannt oder namenlos. Der Glaube an die Gleichwertigkeit der Geschlechter konnte sich nicht entfalten, konnte nicht Wirklichkeit werden. Hat keine Entsprechung im Alltag gefunden.

Früh am Ostermorgen gingen Maria von Magdala, die andere Maria und Salome zum Grab, um den Leichnam zu salben. Auf dem Weg fragten sie sich: Wer wälzt uns den schweren Stein weg vom Grab?

Das Bild vom schweren Stein, der den Weg versperrt, passt zu den vielen Steinen, die Frauen seit 2000 Jahren und mehr in den Weg gelegt werden.

Wir machen einen Zeitsprung ins 20 Jahrhundert, springen hinein in das Thema der Ausstellung: Vorgängerinnen. Der Weg von Frauen in das geistliche Amt.  Die Ausstellung erzählt von Frauen, die wie die namenlose Frau in Samaria, Gott vertrauten und sein Wort verkündigen wollten. Wir blicken auf evangelische Frauen im letzten Jahrhundert hier in Berlin und Brandenburg, damals Preußen, die sich in den Dienst des Evangeliums stellen wollten. Es war ein steiniger Weg. Und wir alle können diesen Frauen, diesen Pionierinnen sehr dankbar sein, dass sie diesen schwierigen Weg geebnet haben.

Wie wurde man damals am Anfang des 20. Jahrhunderts eigentlich Pfarrer? Voraussetzung war das Theologiestudium, wie es bis heute der Fall ist. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts durften Frauen noch nicht studieren. Ein großer Stein lag vor den Türen und Toren der Fakultäten.

Im Jahr 1908  wurde dieser Stein ein wenig zur Seite geschoben. Frauen wurden zum Universitätsstudium in Preußen zugelassen, d.h. sie durften nun auch Theologie studieren. Und einige taten das. Doch ich sage, der Stein wurde nur ein wenig zur Seite geschoben, da die Zulassung zum Studium noch keine Zulassung zu den universitären oder kirchlichen Prüfungen darstellte. Die Herren Professoren konnten sich wohl nicht vorstellen, dass Frauen in der Lage wären, ein Examen zu bestehen.

Erst 1920 legte Ilse Kersten als erste Frau ein theologisches Fakultätsexamen ab. Von ihr erzählt eine der Tafeln dieser Ausstellung.

Eine Hürde war genommen, aber weitere Steine blieben. Die Kirche hatte keinen Plan, wie sie mit ausgebildeten Theologinnen umgehen sollte. Der  weitere Weg blieb ihnen versperrt. Frauen mit derselben Ausbildung wie Männern war es nicht gestattet, dieselben Ämter in der Kirche zu übernehmen.

Ab 1927 wurden Frauen in ein Amt zum Dienst an Frauen und Kindern eingesegnet. Sie wurden dann Vikarin genannt. Obwohl sie ihre Ausbildung längst beendet hatten. Der männliche Vikar war ein Theologe während der Ausbildung. Die weibliche Vikarin konnte diesen Status nicht durch ein Examen überwinden, sie blieb in einer untergeordneten Position.

Trotz wissenschaftlicher gleicher Vorbildung wurde das Amt der Frauen nur als Zuarbeit oder Entlastung eines Pfarrers gewertet. Natürlich bei geringerer Bezahlung. Viele mussten zusätzlich arbeiten, um über die Runden zu kommen. Manchen wurde gesagt: Suchen Sie sich eine andere Arbeit, wir brauchen Sie nicht.

Die Steine lagen nicht nur in ihrem Weg, Steine wurden auch nach ihnen geworfen.

In den 1930er Jahre wurde die Bekennende Kirche (BK)  im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gegründet. Viele der Theologinnen schlossen sich ihr an.  Auch in der BK hat es einzelne Einsegnungen von Theologinnen gegeben. Ihnen wurden für einen sehr begrenzten Aufgabenbereich innerhalb einer Gemeinde unter der Aufsicht eines Pfarrers Aufgaben übertragen. Für viele Frauen, was das damals gut und richtig. Sie wollten ihren Dienst am Wort Gottes tun.  Gleichberechtigung war ihnen nicht so wichtig.

Die Theologin Ilse Härter hatte eine andere Einstellung. Als der Termin für ihre Einsegnung zur Vikarin festgelegt wurde, sagte sie den mutigen Satz: Sagen Sie dem Presbyterium: zu meiner Einsegnung werde ich nicht anwesend sein! Sie forderte Gleichberechtigung. Sie forderte eine Ordination.

In der BK wurde lange kontrovers diskutiert, ob Frauen ordiniert werden dürften oder nicht. Für mich ist das angesichts der damaligen Zeit eine befremdliche Vorstellung. Gab es in den 30er und 40er nicht ganz andere, schwerwiegendere Probleme?

Ilse Härter, die bei ihrer Einsegnung nicht anwesend war, blieb beharrlich bei ihrer Forderung. Mit Erfolg:  Am 12.1. 1943 ordinierte Präses Scharf, sie und Hannelotte Reiffen in Sachsenhausen als erste Frauen in das volle Pfarramt, im Talar. Das hatte bis dahin deutschlandweit noch nicht gegeben. Präses Scharf handelte aus Protest gegen die Bestimmungen der übrigen BK, Theologinnen nur einzusegnen. Es war ein Akt des Widerstandes im Widerstand.

Angesichts der neuen Faktenlage gab im Oktober 1943 die BK in Preußen die Ordination für Theologinnen frei, woraufhin weitere Frauen ordiniert wurden. Unter ihnen auch Ruth Wendland. Sie war die Schwester von Angelika Rutenborn, die viele Jahre zu unserer Gemeinde gehörte.

Während des Krieges wurden diese Frauen dringend gebraucht. Sie übernahmen ganze Pfarrstellen, hielten Gottesdienste, spendeten Sakramente, vollzogen Amtshandlungen. Die Gemeinden waren froh, dass sie da waren. Unter welch katastrophalen Bedingungen einige ihren Dienst aufopferungsvoll taten, schildert die Tafel 6 von Ilse Fredrichsdorff.

         

Und immer noch legte die Kirche den Frauen Steine in den Weg oder warf mit Steinen nach ihnen.

Helga Weckerling geb. Zimmermann, eine Theologin die 1937 eingesegnet worden war, übernahm, nachdem ihr Mann, ein Pfarrer eingezogen worden war, den Pfarrdienst in dem Dorf Dühringshof/ Küstrin mehrere Jahre allein und mit allen Befugnisen.

Im Juni 1945 nahm sie an einem Pfarrkonvent in Berlin unter der Leitung von Otto Dibelius teil. Sie schilderte auf Anfrage das kirchliche Leben und ihren schwierigen Dienst hinter der Oder und Neiße. Sie bat darum, an ihrer Stelle einen Mann dorthin zu schicken, da die Russen

keine weiblichen Pfarrer kannten und sie keinen Talar und Kreuz besaß, um sich auszuweisen. Als Antwort bekam sie, dass die wenigen Männer, die schon vom Krieg zurück wären, zu schade dafür seien. Und dass sie am besten selbst wieder dahin zurückkehre und ihren Dienst fortsetze.

1947 wurde sie per Brief aus dem Dienst entlassen, mit der Begründung: Das Amt der Vikarin ruht in der Ehe. Sie könne jedoch weiterhin ehrenamtlich Religionsunterricht erteilen.  Es hat sie tief gekränkt, was ihr von Kirchenmännern angetan wurde.

Ja, auch nach den ersten Ordinationen 1943 lagen da noch ganz gewaltige Stein im Weg der Frauen.

Und übrigen gab es immer noch einen Unterschied zwischen ordinierten Männern und Frauen. Frauen durften nicht heiraten! Ihnen wurde zu Amtsbeginn gesagt: Sie sind ab jetzt mit der Gemeinde verheiratet. Eine Gemeinde und einen Mann heiraten, das war undenkbar. Sobald sich eine Pastorin dazu entschied, wurde sie aus dem Amt entlassen und verlor alle Rechte ihrer Ordination. Diese sog. Zölibatsklausel wurde tatsächlich erst 1974 aus Grundordnung gestrichen. Erst seit 45 Jahren haben wir die Gleichstellung von Frauen und Männern im Pfarrdienst der EKBO. 

Früh am Ostermorgen gingen Maria von Magdala und die andere Maria und Salome zum Grab, um den Leichnam zu salben. Auf dem Weg fragten sie sich: wer wälzt uns den schweren Stein weg vom Grab?

Und als sie hinsahen, sahen sie, dass der Stein bereits weggerollt war.

Doch wo ist der Leichnam? Ihnen wird gesagt: Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Das leere Grab ist zunächst eine Zumutung. In ihrer Trauer werden sie tief erschüttert. Es wundert nicht, dass die Frauen erschrecken.

Doch der Bote schickt die Frauen nach Galiläa. Sie werden als erste Zeuginnen der Auferstehung anerkannt und bekommen einen Verkündigungsauftrag. In Galiläa begann alles. Frauen und Männer hatten ihre ersten Begegnungen mit Jesus. Dort hatte er gelebt und gelehrt, hat Menschen befreit und aufgerichtet. Nun beginnt es noch einmal neu. Jetzt sollen sie dort leben und lehren, Menschen befreien und aufrichten. Sie sollen den Auferstandenen bezeugen und in seinem Namen handeln.

Markus schreibt: Sie fürchteten sich und sagten niemandem etwas. Aber irgendwann werden sie ihre Furcht überwunden haben. Sie haben den Auftrag des Boten als ihren eigenen angenommen. Sie machten sich auf den Weg, das Evangelium zu verkündigen.

Sie sind unsere Vorgängerinnen, denen wir, Frauen und Männer, nachfolgen!

Amen