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Predigt über Matth 6,5-13 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 17.05.2020

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Er steht auf und verlässt sein Büro. Er geht leise, den Kopf etwas gesenkt durch die Korridore. Es ist kurz vor Zwölf. Drei, vier Mitarbeiter begegnen ihm auf dem Weg in die Kantine. Er grüßt nicht. Sonst grüßt er. Er ist ein freundlicher Mensch. Jetzt aber schaut er auf den Boden, denkt nach. Er geht nicht nach unten in die Kantine, er geht nach oben. Durch einige Flure und Treppen erreicht er einen Raum im obersten Stockwerk. Der Raum ist leer. Die Tür wird hinter ihm verschlossen. Er setzt sich nicht, sondern bleibt stehen und schließt die Augen. Er fängt an zu beten.

Jesus sagt:

Wenn ihr betet, sollt ihr es nicht machen wie die Heuchler: Die stehen gern in den Synagogen und an den Straßenecken und beten, um sich den Leuten zu zeigen. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon bezogen. Wenn du aber betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

Er fängt an zu beten. Er betet für die Kranken auf den Intensivstationen. Er betet für die Krankenschwestern und die Ärzte in den Krankenhäusern und für die Pfleger in den Altenheimen. Er betet für die alten Menschen, die jetzt keinen Besuch bekommen dürfen. Er betet für die Kleinunternehmer und die selbständigen Geschäftsleute, die um ihre Existenz bangen. Er ist der Bischof. Das kommt von Episkopos und heißt: der Überblicker. Er ist der Bischof. Er muss alle im Blick haben. Alle in seiner Kirche, aber nicht nur, auch alle in seiner Stadt und alle in seiner Region. Jeden Tag kommt Bischof Stäblein in die Kapelle im obersten Stock des Konsistoriums und betet. Er will in seinem Gebet keinen vergessen, er will alle im Blick haben, alle Corona-Opfer und alle besonders Belasteten. Das Beten und Fürbeten, das ist seine Art, geistlich mit dieser Krise umzugehen.

Eigentlich eine gute Idee. Da hilft nur noch beten. Sagen viele. Sicher auch etliche, die nie beten. Es gibt Situationen, in denen man nichts mehr machen kann, in denen alle menschlichen Möglichkeiten erschöpft sind. Da hilft nur noch beten. Die Erfahrung menschlicher Ohnmacht bringt die göttliche Allmacht in Erinnerung. Nicht alle Gebete, aber viele richten sich an Gott, den Allmächtigen. Geheiligt werde dein Name! Erlöse uns von dem Bösen. Da hilft nur noch Beten, heißt: Da kann nur noch der Allmächtige helfen.

Beten ist das elementarste Angebot der Kirche an eine Menschheit, der ab zu an dämmert, dass sie doch nicht allmächtig ist. Beten, das letzte Kerngeschäft der Kirche, ihr letztes Monopol. Die Kirche hat all ihre Monopole verloren: Sie hat kein Wahrheitsmonopol mehr, sie hat kein Welterklärungsmonopol mehr, sie hat kein Moralmonopol mehr, sie hat kein Sozial- und Mitmenschlichkeitsmonopol mehr und sie ist auch längst nicht mehr die einzige Netzagentur, die eine Verbindung zum Transzendenten anbietet. Wenn sie überhaupt noch ein Monopol hat, dann vielleicht das des Betens. Des vernünftigen, des überlegten Betens. Des Betens nicht mit mantrischen Beschwörungsformeln, sondern mit klaren Worten und deutlicher Sprache.

Jesus sagt:

Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden; sie meinen nämlich, sie werden ihrer vielen Worte wegen erhört. Tut es ihnen nicht gleich! Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.

Und so kam also der Bischof jeden Tag um 12 in die Kapelle seiner Behörde und betete mit verständlichen Worten, die er sich vorher, vielleicht auf dem Weg über die langen Korridore zurechtgelegt hat, den Blick auf dem Boden und den Überblick suchend, überlegend, wer heute wohl besonders bedacht werden könnte, denn das ist ja auch ein schöner Nebeneffekt des Betens für andere, dass man mal kurz nachdenkt, wer Hilfe brauchen könnte und wer vor allem Gottes Hilfe brauchen könnte. So kam also der Bischof jeden Mittag Schlag Zwölf und tat das, was zur letzten anerkannten Kompetenz der Kirche gehört und was auch das beste und eigentlichste dessen ist, was ein Christenmensch tun kann, zu beten, und ein Kirchenmann oder eine Kirchenfrau im Besonderen: für andere zu beten.

Also kam er in dieser Konsistoriumskapelle, kein ganz kleiner Raum, nicht ein Kämmerlein, aber doch mit einer Tür, die hinter ihm verschlossen wurde. Wenn du aber betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.

Er stellte sich hin, faltete die Hände, schloss die Augen und bei der auf ihn gerichtet Kamera geht das rote Licht an. Er ist auf Sendung, Livestream über die Homepage der Landeskirche, er öffnet wieder die Augen, er öffnet den Mund, er sagt „Ewiger und gütiger Gott“, oder „Vater im Himmel“ oder „Herr“ oder „Allmächtiger und barmherziger Gott“ oder „Ewiger und Gütiger“ oder noch was anderes, denn ein Bischof wird wohl wissen, wie man einen Gott anzureden hat, seine Worte sind leise, sein Blick geht in die Kamera, geht zum Boden, wieder in die Kamera, kurz zur Seite, die Hände wollen auch nicht gefaltet bleiben, gehen immer wieder hoch, wippen ein bisschen… was einem so alles auffällt, wenn man einem Bischof im Bildschirm des PCs beim Beten zuguckt, mittags um 12 in den Zeiten des coronalen Lockdown.

Jesus sagt:

Wenn ihr betet, sollt ihr es nicht machen wie die Heuchler: Die stehen gern in den Synagogen und an den Straßenecken und beten, um sich den Leuten zu zeigen. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon bezogen. Wenn du aber betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

Ist der Bischof ein Heuchler? Er geht zwar in eine Kammer, er schließt zwar die Tür, er beten zwar zu seinem Vater, der auch unser Vater und der im Verborgenen ist, aber in der Kammer ist eine Kamera und die geht an und der Bischof betet, um sich den Leuten zu zeigen.

Ist der Bischof ein Heuchler? Warum betet ein Bischof vor laufender Kamera? Er war nicht der einzige. In den vergangenen Wochen wurde so viel in die Kamera gebetet wie noch nie.

Der Bischof und die vielen anderen werden sagen, sie haben andere zum Mitbeten ermutigen wollen. Die Leute trauten sich nicht mehr zu beten. Da habe ein Bischof auch eine Vorbildfunktion. Er habe sich vorbetend ins Bild gesetzt, um Vorbild im Beten zu sein.

So oder so ähnlich würde er antworten, und ich wurde es ihm abnehmen. Das wäre nicht geheuchelt, sondern aller Ehren wert, denn das musst du erst mal hinkriegen: Vor laufender Kamera und auch noch live zu beten.

Und dennoch, das ist nicht alles. Er will nicht nur vorbildlicher Vorbeter sein, er will auch gesehen werden. Er will beim Beten gesehen werden. Die Kirche ringt nach Sichtbarkeit und der Bischof steht für die Kirche.

Mit dem Verbot der Gottesdienste wurde die Kirche plötzlich von der Angst ergriffen, sang- und klanglos von der Bildfläche zu verschwinden. Die Kirche ist weg und keiner hat’s gemerkt. Aber gerade in der Krise liegt doch ihre Chance, gerade da müsste sie doch wieder gehört und gesehen werden! Hat sie nicht eine besondere Krisenbewältigungskompetenz, nicht zuletzt durch das, was in der Krise übrigbleibt: Da hilft nur noch beten?

Also hielt man schnell auf allen Kanälen dagegen und erklärt beherzt, es habe sich nichts geändert, man habe auch in der Krise immer Gottesdienste gefeiert, man habe immer gebetet, die Kirchen waren offen, die Pfarrer waren präsent. Alles online. Manche drehten kühn den Spieß um und sagten: Unsere Online-Gottesdienste wurden von viel mehr Menschen angeklickt als wir je an einem Sonntag in der Kirche erreicht hätte. Klicks statt Menschen. Die Kirche boomt. Der Trick mit dem Klick.

Wenn ihr betet, sollt ihr es nicht machen wie die Heuchler: Die stehen gern in den Synagogen und an den Straßenecken und beten, um sich den Leuten zu zeigen. … Wenn du aber betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür und bete.

Ich verstehe, dass die Kirche sichtbar bleiben will, umso mehr, als wir alle immer mehr Zeit vor dem einen oder anderen Bildschirm verbringen. Aber Beten vor der laufenden Kamera? Gibt es beim Beten nicht einen Intimbereich? Ist Beten nicht wie Sex? Man will nicht, dass jeder zuguckt. Und es klappt ja eigentlich auch nicht richtig, wenn man sich beobachtet fühlt.

Das Gebet ist ein Gespräch mit Gott. Es soll offen und es soll ehrlich sein. Darum braucht es einen geschützten Raum. Es soll keine Demonstration der eigenen Frömmigkeit sein, aber auch keine Demonstration der Leistungsfähigkeit der Kirche oder ihrer gesellschaftlichen Unverzichtbarkeit in Zeiten der Krise. Ein Gebet, das etwas anderes im Blick hat, als Gott allein und das von ihm zu Erbittende, wird Murks.

Das Gebet ist ein Gespräch mit Gott. Und nicht ein Gespräch mit der Welt. Wenn die Kirche der Welt einen Dienst erweisen will, wenn sie tatsächlich eine Kernkompetenz in Erinnerung bringen will, dann dadurch, dass sie einen geschützten, einen intimen Raum für das Gespräch mit Gott bereitstellt.

Gott wird hören. Auch wenn keine Kamera läuft. Vielleicht sieht Gott nicht alles, vielleicht mag er gar nicht alles sehen, verschließt vor manchem die Augen oder sieht über anderes großzügig und gnädig hinweg. Aber die Ohren verschließt er nicht. Beten funktioniert gut ohne laufende Kamera, eigentlich sogar besser, weil Gott alles hört, aber nicht alles sehen muss.

Und einen vorbildlichen Vorbeter brauchen wir auch nicht. Es macht nichts, wenn dir nicht immer die richtigen Worte zum Beten einfallen. Ein paar Sätze hast du immer parat, die sieben Sätze, die das Gebet aller Gebete ausmachen. Nimm die, sagt Jesus. Die sieben Bitten decken alles ab, Himmel und Erde, drei für den Himmel und dein Verhältnis zu Gott im Himmel und vier für dich und die Welt um dich herum. Nimm die sieben Bitten.

Jesus sagt:

So sollt ihr beten:

Unser Vater im Himmel.

Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Das Brot, das wir nötig haben, gib uns heute!

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben jenen, die an uns schuldig geworden sind.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Das wollen wir nachher gemeinsam beten, so wie wir es in jedem Gottesdienst beten. Nicht ganz so laut wie sonst aber auch nicht ganz leise, nicht ganz allein im verschlossenen Kämmerlein, aber auch nicht auf der Straße und vor aller Welt, sondern hier in diesem geschützten Raum, den man Kirche nennt, ein Haus zum Beten. Amen.

 

 

Fürbitten:

Höre Gott, höre!

Höre auf unsere Gebete! Höre auf unsere Bitten, höre auch auf das Seufzen derer, die nicht mehr bitten können oder nicht mehr bitten wollen. Höre auf das Stöhnen derer, die sich vor Schmerzen krümmen. Höre auf den lauten Schrei derer, die nur noch schreien können und auch auf den stummen Schrei derer, die keine Kraft mehr zum Schreien haben.

Höre auf die wohl formulieren Bitten der Berufsbeter und Berufsbeterinnen. Höre auch auf das Gestammel derer, die nie die richtigen Worte finden. Bei denen, die den Mund nicht mehr aufkriegen und die Lippen nicht mehr rühren, suche die Bitten tief in ihren Herzen.

Du kennst die Herzen aller Menschenkinder.

Höre die Politiker und Regierenden, wenn sie dich um Rat fragen. Und denen, die dies nicht tun, gib trotzdem deinen Rat.

Bewahre uns in diesen merkwürdigen Zeiten vor wirren Gedanken und irren Theorien, vor Wahnvorstellungen und kruden Einbildungen. Erhalte uns den gesunden Menschen verstand und das Vertrauen zueinander.

Amen.