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Predigt über Matth 26,36-46 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 28.02.2021

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Da kommt Jesus mit ihnen an einen Ort namens Getsemani und sagt zu den Jüngern: Bleibt hier sitzen, solange ich weg bin und dort bete.

Und er nahm Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus mit sich, und er wurde immer trauriger und mutloser. Da sagt er zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod, bleibt hier und wacht mit mir.

Und er ging ein wenig weiter, fiel auf sein Angesicht und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.

Und er kommt zu den Jüngern zurück und findet sie schlafend. Und er sagt zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wacht und betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

Wieder ging er weg, ein zweites Mal, und betete: Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille.

Und er kam wieder zurück und fand sie schlafend, denn die Augen waren ihnen schwer geworden. Und er verließ sie, ging wieder weg und betete zum dritten Mal, wieder mit denselben Worten. Dann kommt er zu den Jüngern zurück und sagt zu ihnen: Schlaft nur weiter und ruht euch aus! Seht, die Stunde ist gekommen, da der Menschensohn in die Hände von Sündern ausgeliefert wird. Steht auf, lasst uns gehen! Seht, der mich ausliefert, ist da.

 

Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.

Jesus im Garten, Jesus an der Grenze zum Tod, Jesus im Ausnahmezustand.

Jesus weiß, dass er sterben muss. Aber er will nicht. Er will noch leben. Er hat Angst vor dem Sterben.

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Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.

Es gibt Menschen, die sind so betrübt und im Ausnahmezustand, dass sie sich den Tod wünschen. Weil sie sehr einsam sind und mit sich selber nichts mehr anfangen können. Weil ihre Frau sie für einen anderen verlassen hat und sie mit dieser Schmach nicht mehr leben wollen; andere wollen sterben, weil sie sehr krank sind und nicht geheilt werden können und wissen, dass alles nur noch schlimmer wird. Weil sie Angst vor dem Sterben und den Schmerzen haben. Oder weil sie Angst vor dem Alter haben und Angst haben, ihre Würde zu verlieren, wenn sie wieder Windeln tragen müssen. Oder weil eine Krankheit in ihnen schleicht, die sich Depression nennt und gegen die kaum ein Kraut gewachsen ist.

Es gibt viele Gründe, sich den Tod zu wünschen.

9396 Menschen haben sich 2018 in Deutschland den Tod gewünscht und sich diesen Wunsch erfüllen können, fast die Hälfte davon hat sich erhängt. Sich das Leben nehmen ist überwiegend Männersache. Frauen machen das kaum. Vielleicht halten Frauen mehr aus. Vielleicht haben Frauen mehr Hoffnung. Oder einen besseren Glauben.

Das Durchschnittsalter der Männer, die sich das Leben genommen haben, lag bei 57,9 Jahren. Exakt mein Alter! Ich habe noch im Leben diesen Wunsch verspürt – Gott sei Dank. Ich war wohl noch nie so richtig traurig, betrübt bis an den Tod. Vielleicht war ich auch noch nie so richtig glücklich. Vielleicht hängt das zusammen. Vielleicht bin ich ein eher gleichmütiger Mensch.

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Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.

Manche wollen den Kelch trinken. Und viele wollen vorab sicherstellen, dass sie ihn bekommen, sollten sie ihn einmal trinken wollen. Das Recht auf diesen Kelch, das Recht auf die Einnahme eines Mittels, das das Leben beendet, dürfe keinem grundsätzlich verwehrt werden, hat vor einem Jahre das BVG geurteilt. Und das schließe auch das Recht ein, dazu Hilfe in Anspruch zu nehmen. Niemand könne zwar dazu verpflichtet werden, anderen bei der Selbsttötung zu helfen, aber der Staat dürfe solche Hilfe auch nicht grundsätzlich verbieten.

„Gott“, heißt das Stück, das Ferdinand von Schirach dazu geschrieben hat. Seine Theaterstücke loten ethische Grenzbereiche aus und enden mit einer Publikumsbefragung. „Gott“ wurde letzten November von der ARD aufwendig auf den Bildschirm gebracht. Herr Gärtner, kerngesund, aber nach dem Tod seiner Frau einsam, wollte sterben. Nach allem für und wider gab es das Televoting. 70 % sagte: Kein Problem, wenn er will, soll er gehen und Hilfe beim Gehen kriegen, ein Mittel für ein leichtes Sterben und einen schnellen Tod.

Das Volk votierte ganz im Sinne seines obersten Gerichts, das Gerichte urteilte also ganz im Sinne des Volkes.

Selbstbestimmung. So lautet das verfassungsgerichtliche Zauberwort. Selbstbestimmung bis zuletzt. Eine Kombination der Grundrechte auf die Unantastbarkeit der Würde und die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Niemand darf einen daran hindern, seine Persönlichkeit bis in den Tod hinein zu entfalten.

Wer auf seinem Recht auf Selbstbestimmung beharrt, will sich von niemand anderem bestimmen lassen. Von keinem Verbot, von keinem Tabu, von keiner Moral, von keiner Kirche. Und natürlich auch nicht von Gott.

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Jesus sprach: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. bleibt hier und wacht mit mir. Und er … fiel auf sein Angesicht und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.

Jesus will nicht sterben. Seine Betrübnis bis an den Tod ist keine, die sich den Tod wünscht, sondern eine, die den Tod kommen sieht, sich aber das Leben wünscht. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.

In der Betrübnis bis an den Tod setzt Jesus nicht auf Selbstbestimmung. Ausdrücklich verzichtet er auf die Selbstbestimmung: Nicht wie ich will!

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Ich habe mich in den letzten Wochen mit der Frage des assistierten Suizids beschäftigt, der nach dem Urteil des BVGs möglich sein soll, jedenfalls nicht verboten werden darf. In der Kirche wird nun diskutiert, ob diese Möglichkeit auch in Räumen der Kirche, besonders in diakonischen Einrichtungen eröffnet werden soll oder nicht. Meine Meinung dazu können Sie in der neusten Ausgabe der Huki lesen.

Was ich mich wirklich frage: Ist Selbstbestimmung das, was ein Mensch an der Grenze zwischen Leben und Tod braucht? Ganz gleich, ob er sich den Tod wünscht und den Kelch gerne leeren würde oder den nahen Tod fürchtet und sich wünscht, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge.

Wenn ich einmal dort bin, an dieser Grenze, betrübt bis an den Tod – was wird dann sein? Wenn ich einmal in diesem Garten bin, wer soll dann kommen und mir helfen? Einer, der mir den Giftbecher reicht oder einer, der mit mir wacht und betet?

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Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.

Das könnte am Ende, an der Grenze zum Tod hin der entscheidendste Satz meines Lebens sein! Der Satz, mit dem ich mich loslasse, der Entschluss, mit dem ich mich Gott überlasse.

Dass da am Ende einer über mich bestimmt, dessen eigen ich bin, ist das nicht der ganze Trost im Sterben und deshalb auch schon im Leben? Dass da einer ist, der mich nicht vergessen wird? Und dass da am Ende auch noch ein paar andere sind, die nicht schlafen, sondern wachen und mit mir beten? Die Sterbehelfer.

Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?

Nein, hohes Gericht, die Würde des Menschen ist nicht, dass er sich am Ende das Leben nehmen darf und ihm jemand dabei hilft. Die Würde des Menschen ist, dass er sich am Ende dem überlässt, der ihn ruft und dass ihm dabei jemand hilft zu antworten: Hier bin ich, Herr. Nimm mich! Dein Name werde geheiligt. Dein Wille geschehe! Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.