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Predigt über Matth 21,28-32 (Pfr. Dr. K. F. Ulrichs) vom 14.02.2021

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(23 Und als Jesus in den Tempel kam und lehrte, traten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm […] 24 Jesus […] sprach zu ihnen: […])

28 Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. 29 Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. 30 Und der Vater ging zum andern Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. 31 Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie sprachen: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. 32 Denn Johannes kam zu euch und wies euch den Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, reute es euch nicht, sodass ihr ihm danach geglaubt hättet.

(45 Und als die Hohenpriester und die Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, dass er von ihnen redete. 46 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten sich vor dem Volk, denn es hielt ihn für einen Propheten.)

1.      Ganz einfach: den Willen tun

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ Das ist so ein Spruch aus den hochpolitischen 1980er Jahren; der Spruch ist aber älter und stammt vom Schriftsteller Erich Kästner. Uns hat das damals furchtbar eingeleuchtet. Wirklich Gutes kann es nur auf dem Gebiet des Handelns geben, alles andere sind bloße Worte, die nichts ändern. (Dabei haben wir total übersehen, dass unser weltveränderndes Handeln eigentlich auch ausschließlich aus Worten bestand: die Unterschriftsaktionen und Verlautbarungen und Demonstrationen.)

Und da wir gerade im Politischen sind: Was soll man sagen, wenn junge Leute von der Fridays-for-Future-Demo nach Hause kommen und beleidigt sind, wenn man sie hinweist darauf, dass eine auf Stufe vier gestellte Heizung bei offenem Fenster kein so ganz glaubwürdiger Beitrag zu einem zukunftsfähigen Klima sind? Den eigenen Idealen entsprechend zu handeln ist schwieriger als einfach zu behaupten: Ja, ich bin gegen den Klimawandel!

Also: Sind Taten wichtiger als Worte? Taten jedenfalls lügen nicht (so wenig wie Tränen). Taten sind wahr, sind authentisch. Taten kosten uns oft mehr, mehr Zeit, mehr Mühe, mehr Mut als Worte, die billig sein können und hohl.

(Das alles ist natürlich auch viel komplizierter: Worte können einem sehr teuer werden, was ja auch schon zeigt: Worte können auch sehr wirksam sein. Worte und Taten stehen einander nicht so gegenüber, wie man zunächst denken könnte.)

Aber ganz klar scheint für die befragten religiösen und politischen Autoritäten (und für uns) zu sein: Es ist der erste Sohn, der den Willen des Vaters tut.

Denn den Willen des Vaters kann man nicht mit Worten erfüllen, erst recht nicht mit falschen, sondern nur mit der Tat, mit Stiefeln und einer Hacke, einer alten Hose und Handschuhen. Und Schweiß kostet es, diesen Willen des Vaters zu tun. Aus deiner Komfortzone musst du da schon einmal heraustreten.

Der erste Sohn ist mir ohnehin sympathisch: Erstens sagt er offen, dass er keine Lust hat. Das finde ich gut. Der druckst und trickst nicht herum. Nein, keinen Bock! Damit können Eltern gut umgehen. Der erste Sohn steht dazu, was er will. Und zweitens ist er souverän oder gewissenhaft genug, um Reue zu empfinden, sich einzugestehen, etwas falsch gemacht zu haben – und es also jetzt gleich besser zu machen. Hier ist gut zu sehen, dass Reue oder Buße etwas sehr Positives ist, das Menschen und ihre Beziehungen zueinander verbessert.

Dagegen der zweite Sohn. Der hat sich das Wort ziemlich leichtgemacht. Ob er es ehrlich gemeint hat? Mit so einem vollmundigen Ja ist man die schnell los, die etwas von einem wollen. Wird gemacht! Und hinterher wird dir schon etwas einfallen, mit dem du dich herausreden kannst.

2.      Nicht ganz so einfach: Jesu Gleichnis

Wunderbar, mit den beiden ungleichen Söhnen bin ich ja schnell fertig – verdächtig schnell. Ich schaue vorsichtshalber noch einmal in Jesu Gleichnis hinein. Und ich achte einmal auf den Vater. Dass dieser Mann ein Vater ist und es um einen Weinberg geht – so gut muss man das Alte Testament gar nicht kennen, um zu ahnen: Hier ist die Rede von Gott und von unserem Leben vor ihm, in seinem Bund.

Also: Der Vater – er hat wohl gar nicht mitbekommen, dass der erste Sohn die Arbeit entgegen seinem eigenen Wort dann doch tut. Und er hat genauso wenig mitbekommen, dass der zweite Sohn die Arbeit entgegen seinem eigenen Wort dann doch nicht tut. Er muss also annehmen, dass die geleistete Arbeit auf dem Weinberg durch den zweiten getan worden ist. Abends sitzen die drei zusammen an einem schweren Holztisch vor der Tür, ein paar Weintrauben hatte es nach dem Brot und dem Gemüse gegeben. Und der Vater wird sagen: Danke, dass du das heute eben für mich getan hast. Das wird er sagen – zum zweiten Sohn, dem Jasager und Neintuer. Wird der nur nicken (und seinem Bruder einen verschwörerischen Blick zuwerfen) und wird der erste Sohn das empört richtigstellen? Oder wird der zweite Sohn durch die Arbeit seines Bruders beschämt sein – und sein Nichttun bereuen und es morgen besser machen? Wer weiß! Nun, der Vater kennt seine beiden Jungs.

3.      Tatsächlich sehr schwierig: Jesu Gleichnis

Dieser Gedanke an den Vater hätte mich schon warnen können: Dieses Gleichnis Jesu habe ich bisher immer zu kurz verstanden. Denn: Die religiösen und politischen leading persons, mit denen Jesus spricht, werden von ihm zur Antwort genötigt, zur (trivialen) Einsicht – die so trivial nicht ist, weil es nicht um die beiden Jungs aus der Geschichte geht, sondern um sie selbst. Sie sollen selbst aussprechen, was zur Wahrheit über sie führt.

Und die heißt nicht nur: Jesu Gesprächspartner sind wie der zweite Sohn, mit dem schnellen Ja zu Gott auf den Lippen, aber einem Nein im Herzen und in den Händen. Und die Wahrheit ist nicht nur, dass andere Menschen, von ihnen Verachtete, wie der erste Sohn sind, sich auf Gott und seine Gerechtigkeit einlassen.

Die Wahrheit über sie geht noch weiter:

Die Reaktion der anderen, Verachteten hat sie nicht zur Einsicht gebracht, hat sie nicht zur Umkehr bewegt. Nicht einmal durch diese Blamage und Beschämung angesichts der anderen haben sie die Botschaft des Johannes und seinen Weg der Gerechtigkeit für sich angenommen. „Obwohl ihr es saht, dass die anderen Johannes dem Täufer geglaubt haben, seiner Botschaft von Gottes Gerechtigkeit, tatet ihr dennoch nicht Buße, sodass ihr ihm dann auch geglaubt hättet.“

Johannes den Täufer als Stimme des Willens Gottes nicht annehmen – das war also das eigentliche Problem. Und dabei hatten sie zwei Chancen: Erstens ihn hören, seiner schroffen Kritik an ihrem Lebensstil, an ihrem mangelnden Mut, mit Gott ernstzumachen. Und nachdem sie das nicht getan haben, hätten sie zweitens sehen können, dass andere das gemacht haben: Die haben sich ansprechen lassen von der Gottesstimme in der Wüste und am Jordan, die haben ihr Herz umgekehrt, haben Buße getan, und ein neues Leben angefangen. Hätte sie das nicht beeindrucken und selbst auch zur Buße bewegen können?

Zu gerne wüsste ich, wie Jesus hier geklungen hat – sprach er mit einem Vorwurf in der Stimme, mit Ärger? Oder mit Bedauern, mit Verständnis? War er ratlos? Warum nehmen Menschen, warum nehme ich Gottes guten Willen nicht an? Warum überhören wir ihn? Das ist ein Rätsel, das uns selbst ratlos lässt und Jesus auch. Jedenfalls unterliege ich der gleichen Gefahr wie die Leute, denen Jesus hier begegnet: Wenn es ungemütlich wird mit Gott, wenn die Arbeit ruft, meine Hände schmutzig werden könnten, wenn so jemand wie der ruppige Johannes der Täufer Gottes Willen ausruft, dann neige ich auch dazu, das nicht für mich gelten zu lassen, es mit einem schnellen und unverbindlichen Ja eher abzuwehren. Meine Komfortzone verlasse ich nicht so gerne.

4.      Jesu Frage an mich

„Wer hat den Willen des Vaters getan?“ Diese Frage Jesu wird zur Frage nach mir selbst: Hast du den Willen des Vaters getan? Und ich frage mich: Wie verhalten sich meine Worte, meine schnellen Antworten und meine tatsächliche Liebe?

Eine schwierige Frage – da will uns Jesus mit seinem Gleichnis helfen: Deine Worte, dein Bekenntnis müssen nicht immer perfekt und vollmundig sein. Du darfst auch sagen, wenn du keine Lust hast, keine Kraft, wenn du deine Ruhe haben willst. Aber behalte, was Gott von dir will, es kommt der Augenblick, da du ihm folgst. Vertraue darauf, was dein Herz dir sagt, wozu es dich bewegt.

Und was dir hilft, Gottes Willen zu behalten, das sind … die Anderen: Schau auf die, denen Gottes Willen wichtig geworden ist. Und tu das auch, wenn du sie schwierig findest, sie deinen Ansprüchen nicht gerecht werden. Schaue doch: Was tun sie, wie leben sie? Ist das auch ein Weg für dich? Jesus erzählt von zwei Brüdern – diese anderen sind also unsere Geschwister, uns näher, als wir denken. Ich will es ihnen gleichtun.

Amen.