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Predigt über Lk 9,57-62 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 15.03.2020

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Ihr seid ja doch gekommen, liebe Schwestern und Brüder! Mutig, in diesen Zeiten das Haus zu verlassen. Wir werden uns nicht zu nahe kommen und ich werden euch nachher am Ausgang, wenn uns verabschieden, nicht die Hand geben.

Das Virus ist in unseren Alltag eingedrungen. Auch in unseren Sonntag. Ich wasche intensiv die Hände, mehr in Seife als in Unschuld und trete niemandem mehr zu nahe. Distanzierung ist das Gebot der Stunde.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Thema, das die Medien beherrscht, so unmittelbare Auswirkungen auf mein Leben gehabt hätte, wie dieses Virus aus China. Naturkatastrophen sind immer woanders, Terroranschläge auch nicht direkt bei mir und die Nöte der Parteien, neue Vorsitzende zu finden, tangieren nicht wirklich mein Leben. Auch dieses Virus war erst weit weg, ein Problem, das in China bleibt, weit weg, ein Problem, das so ist wie alle Probleme sind, von denen ich täglich höre: Sie bleiben weit weg, sie beschäftigen mich vielleicht gedanklich, schlimmstenfalls seelisch, sie erschüttern mich oder ängstigen mich oder deprimieren mich, aber sie bleiben mir vom Leib, sie bleiben medial und damit im Grunde virtuell, sie bleiben in den Medien, in der Zeitung, im Fernsehen, im Internet, dort bleiben sie, sie kommen nicht in mein Leben, zumindest nicht physisch. Doch dann war es plötzlich da, in Deutschland, aber immer noch in den Medien und jetzt ist es in Berlin, jetzt ist es mitten unter uns und wir geben uns nicht mehr die Hand. Es ist meiner Erinnerung nach das erste Mal, dass ein Problem, das zunächst nur in den Medien geisterte, so direkt unser alltägliches Verhalten beeinflusst.

Eine Ausnahmesituation. Die Regeln des Alltags werden außer Kraft gesetzt. Wir müssen uns einschränken, sollen zu Hause bleiben. Sollen wir auch die Regeln des Sonntags und des Gottesdienstes außer Kraft setzen? Nicht über den normalen, in der Ordnung vorgeschlagenen Text predigen, sondern einen andern suchen, einen Ausnahmesituations- und Vorsichtsmaßnahmentext? Welcher könnte das sein? Es gibt da ein paar Verse in Psalm 91:

Wer im Schutz des Höchsten wohnt, der ruht im Schatten des Allmächtigen. […]

Mit seinen Schwingen bedeckt er dich, und unter seinen Flügeln findest du Zuflucht, Schild und Mauer ist seine Treue. Du musst dich nicht fürchten vor dem Schrecken der Nacht, vor dem schwirrenden Pfeil am Tag, nicht vor der Pest, die umgeht im Finstern, vor der Seuche, die wütet am Mittag. Mögen tausend fallen an deiner Seite, zehntausend zu deiner Rechten, dich trifft es nicht. (Ps 91,1.4-7)

Das sind tröstliche Zusagen in Zeiten der Epidemie. Zusagen, die Mut und Hoffnung machen wollen, damit du nicht in Panik verfällst. Aber sie sind keine Garantie. Wir würden Gott herausfordern, wenn wir aus seinen Zusagen einen Immunitätsschutz herauslesen wollten. Vertrau Gott und wasch weiter deine Hände! Verlass dich auf Gottes Zusagen und halte dennoch weiter Abstand!

Aber ich muss für diese Ausnahmesituation gar nicht nach Ausnahmetexten suchen. Denn auch der Text, der heute eigentlich dran ist, führt uns eine Ausnahmesituation vor Augen. Er nimmt uns hinein in eine andere Gegenwart, die offenbar auch die Regeln der Normalität außer Kraft setzt. Was normal ist, ist plötzlich nicht mehr normal. Hört einen Abschnitt aus dem 9. Kap. des Lukasevangeliums:

57 Und als sie so ihres Weges zogen, sagte einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst.

58 Jesus sagte zu ihm: Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.

59 Zu einem anderen sagte er: Folge mir! Der aber sagte: Herr, erlaube mir, zuerst nach Hause zu gehen und meinen Vater zu begraben.

60 Er aber sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben. Du aber geh und verkündige das Reich Gottes.

61 Wieder ein anderer sagte: Ich will dir folgen, Herr; zuerst aber erlaube mir, Abschied zu nehmen von denen, die zu meiner Familie gehören.

62 Jesus aber sagte zu ihm: Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, taugt für das Reich Gottes.

Es sind radikale Maßnahmen, die Jesus hier verkündet. Kein Abschied mehr, kein Auf Wiedersehen, keine Umarmung, kein Adieu, keine Beerdigungen mehr. Bestattungen werden ausgesetzt. Beides drastische Maßnahmen. Es gehört sich nicht, dass einer, der gehen muss, sich einfach aus dem Staub macht. Man verabschiedet sich. Das gebietet nicht nur der Anstand, das gebietet auch der Respekt gegenüber denen, die bleiben und die sich andernfalls Sorgen machen. Man sagt Adieu, wenn man geht, und verrät, wo man bleiben wird.

Ebenso, dass man seine Eltern nicht bestattet. Das war damals eine heilige Pflicht und ist es doch heute immer noch. Respektlos, verantwortungslos, lieblos ist es, das abzusetzen und dann auch mit dem frechen Satz: Lass die Toten ihre Toten begraben.

Doch genau das erwartete Jesus von denen, die ihm folgen wollten. Ausnahmezeiten erfordern Ausnahmeregeln.

Jesus von Nazareth war überzeugt, dass jetzt, also zu seiner Zeit, eine Ausnahmezeit gekommen ist. Die Herrschaft Gottes beginnt. Mit ihm ist die Saat für eine neue Ernte in die Erde gelegt. Und sie kann ja nur damit beginnen, dass alle nach vorne schauen und nicht zurück. Dieses Zurückblicken hemmt den Mut, ein neues, ein freieres Leben zu wagen. Sich freimachen von der Rücksicht auf Traditionen, Bräuche, Familienbande, Zwänge. Jesus initiierte damals so eine Art Jugendbewegung. Das Verkrustete aufbrechen wie mit einem Pflug und dabei nicht zurückblicken. Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, taugt nicht für das Reich Gottes. Das Verbot zurückzusehen führt zu einer gewissen Rücksichtslosigkeit. Lass die Toten ihre Toten begraben.

Das hat funktioniert damals. Jesus hat Anhänger gefunden. Menschen, die nicht mehr zurückblicken wollten, die nicht mehr Rücksicht nehmen wollten, die aber auch nicht vorausschauend waren und vorsichtig, sondern vielleicht ein bisschen blauäugig, auf jeden Fall mutig und hoffnungsvoll und begeistert.

Aber dann ging Jesus nach Jerusalem, ins allzu verfestigte und versteinerte Leben und scheiterte. Dann war er weg. Und mit ihm der Motor dieser nach vorne gewandten Bewegung. Da war dann die Ausnahmezeit vorbei. Da war dann wieder Alltag, Routine, Normalität, rücksichtnehmen auf die zu Hause, die Väter begraben und die Ahnen bedenken. Und das ist bis heute so. Die Jesusbewegung für die Zeiten der Normalität, das ist die Kirche, Nachfolge in Zeiten, in denen das Reich Gottes nicht mächtig gärt, sondern allenfalls zaghaft lodert.

„Jésus annonçait le royaume, et c’est l’Église qui est venue.“, schrieb einmal der katholische Theologe Alfred Loisy. Jesus verkündete das Reich Gottes und gekommen ist die Kirche.

Die Kirche steht heute nicht für Aufbruch, für Erneuerung, für Traditionsabbruch und Revolution. Sie steht eher für das Gegenteil, für Traditionsbewahrung, für Geborgenheit und Verlässlichkeit, für das Bewährte und seelische Beheimatung im Bestand vergangener Zeiten. Wir versuchen schon, zu pflügen, das Feld fruchtbar zu machen, wir pflügen, um säen zu können. Aber wir schauen dabei kräftig zurück und nehmen viel Rücksicht.

Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, taugt für das Reich Gottes.

Ob die Kirche mit all ihrem Tun und Werken zum Reich Gottes taugt, ist eine Frage, die sie sich immer wieder ernsthaft stellen muss.

Seit zweieinhalb Wochen sind wir in der Passions- und Fastenzeit. „Sieben Wochen ohne“ heißt die seit einigen Jahren in der Ev. Kirche. In diesem Jahr 7 Wochen ohne Pessimismus. Wir wollten uns gerade voller Optimismus ans Pessimismusfasten machen, da vermasselt uns das blöde Chinavirus die ganze Aktion und zwingt uns zur Passion. Und nun haben wir 5 Wochen ohne Händereichen, ohne Schule und Fußball, ohne Theater und Konzert. 5 Wochen ohne öffentliches Leben, 5 Wochen Zwangspause.

Pause für Musiker und Schauspieler, für Schüler und Lehrer, Kinder und Erzieher, für Studenten und Professoren und für viele andere. Unerwartet Zeit für die Familie, für sich, für ein gutes Buch, unerwartet Zeit zum Nachdenken, zur Besinnung. Wen das Virus nicht krank macht, hat nun mal wirklich einige Wochen ohne… .

Man könnte fast auf den Gedanken kommen, der liebe Gott hätte seiner Kirche mit diesem Virus ein Schnippchen geschlagen, als wolle er uns zeigen, wie man das richtig macht.

Es ist eine Ausnahmezeit, liebe Gemeinde. Sie wird vorübergehen. Wer sie gesund übersteht – und das werden ja doch wohl die allermeisten von uns sein – der hat die Chance, in dieser Unterbrechung, im Aufbrechen der Regeln und Routinen, die uns sonst so einzwängen, in dem Überraschenden und Ungeplanten, in einer plötzlich geschenkten Pause, in diesem Sabbat etwas aufscheinen zu lassen, das zumindest in einem Punkt einen Vorgeschmack auf das Reich Gottes geben könnte: Unerwartet geschenkte Zeit.

Aber auch das wird vorbeigehen. Dann kommen wir uns wieder näher, dann geben wir uns wieder die Hand und umarmen uns wieder. Denn was nützt am Ende alle geschenkte Zeit, wenn man in Quarantäne ist? Reich Gottes mit eingeschränkten Sozialkontakten ist ja auch nicht das, was es einmal sein soll.

Also stehen wir es durch, machen weiter so gut es geht, machen das Beste daraus und beten weiter: Dein Reich komme.

Amen.