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Predigt über Lk 8,4-15 (Pfr. Dr. K. F. Ulrichs) vom 07.02.2021

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 4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu Jesus eilten, sprach er durch ein Gleichnis:

5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen es auf. 6 Und anderes fiel auf felsigen Boden; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten es. 8 Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht.

Da Jesus das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

1. Der Sämann

Mit langen und langsamen Schritten geht er über den Acker, den die Egge vormittags aufgelockert hatte – im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Zu den großen Schritten die weite Armbewegung auf Schulterhöhe. Es sieht fast mechanisch aus. Dazwischen der Griff in die längliche Schale, die mit einem Gurt vor dem Bauch hängt. Große Schritte, weite Bewegungen, alles ganz ruhig, aber entschieden, damit gleichmäßig gesät wird. So habe ich den „Unkel Gerd“ genannten Bauern meiner Kindheit vor Augen. Damit überall, auch am Rand des bestellten Feldes gut eingesät war, blieb es nicht aus, dass er manche Handvoll Samenkörner in den Blühstreifen warf, für den wir damals noch gar keine Bezeichnung hatten, oder auf den Feldweg, dass einiges an der Wallhecke, im Graben landete. Na, wie es eben so ist! Und in den Wochen danach sahen wir Kinder den Bauern wieder vor allem beim Vieh; nur manchmal stand er am Rand des Ackers und besah sich, was dort aufging.

Auch wenn aus dem Landkind jetzt ein Stadtmensch geworden ist, wie die Stadtmenschen, denen Jesus sein Gleichnis erzählt – mir fällt Unkel Gerd ein, wenn Jesus vom Sämann erzählt. Das ist nicht nostalgisch – was verzeihlich wäre –, sondern hilfreich. Denn meine Kindheitserinnerung zeigt mir, worum es hier geht und worum nicht: Nicht geht es um den Boden: den festgetretenen Boden auf dem Weg, den felsigen Boden, den Boden, auf dem das Unkraut schneller wächst als das Getreide, nicht geht es um „das gute Land“ – und damit nicht um die bange Frage, welches Land ich wohl sei. Nicht: Was muss ich tun, wie muss ich sein, damit Gottes Wort bei mir aufgeht und Frucht trägt? Um diese Fragen und meine vermeintliche Verantwortung geht es nicht, sondern um den Sämann. Und über den kann man sich wundern:

Was für ein unachtsamer, verschwenderischer Bauer, könnte man meinen: drei Viertel der Saat verdirbt. Nur: Diese Verschwendung ist keine Unachtsamkeit, sondern Weisheit und Liebe. Weil Gott jeden erreichen möchte, geizt er nicht mit seinem Wort. Mit großen Schritten und in weitem Bogen sät er aus.

2. Das Aufgehen der Saat und unsere Erfahrungen mit dem Gotteswort

Und der das erzählt, weiß um unsere Erfahrungen in der Gemeinde, er kennt unsere Fragen: Wird überhaupt wahrgenommen, was wir machen? Klickt überhaupt jemand unsere neue Website an? Ich habe gerade gelesen, dass viele jüngere Kolleg/innen frustriert sehen, dass ihre mit technischem und ästhetischem Mut erstellten digitalen Angeboten weniger Aufrufe haben, als sonst Menschen kommen. Da fragen wir uns doch gleich in protestantischer Selbstanklage: Versemmeln wir jetzt auch noch die Digitalisierung? Und wenn wir wieder am Gendarmenmarkt sind – gehen die Leute achtlos an unserer Kirche vorbei? Haben wir mit unserer Citykirchen-Arbeit der City nichts Interessantes zu bieten? Sind unsere Gedanken, unsere Musik, unsere Tradition für andere von Bedeutung? Warum scheint unsere Verkündigung so vergeblich zu sein? Liegt das an uns? Und taugen unsere Pfarrer? Und die Ältesten?

Jesus kennt unsere selbstquälerischen Fragen, bevor wir sie uns eingestehen, und er sagt uns: Lange Zeit mögt ihr gar keinen Erfolg sehen. Kein Halm geht auf, zarte Pflänzchen verdorren. Der Frühling verlässt den Kalender und das Land, der Sommer kommt und dauert an. Kleine Triebe geben Anlass zur Hoffnung. Dann vertrocknen sie. Andere Pflanzen, die sich prima gemacht haben, werden von schneller wachsendem Unkraut überholt und verkümmern in deren Schatten. Was für Rückschläge!

Aber hört ihr, dass Jesus davon ganz unaufgeregt erzählt? Es darf solche Zeiten und Orte und Versuche geben, wo nichts aufgeht, es gibt eben solche widrigen Bedingungen. Wir sollen darüber nicht klagen, sondern vertrauen, dass da irgendwo gutes Land ist. Der das erzählt, ist der Seelsorger seiner Gemeinde.

3. Meine Erfahrungen mit dem Gotteswort

Was Jesus erzählt, passt auch zu meinen Erfahrungen mit mir selbst: Ich bin nicht einfach ein guter Boden, so gerne ich es wäre. Ich zeige mich auch festgetreten oder felsig, auch bei mir wachsen neben allem Guten, was Gott bei mir bewirkt, Dornen und Unkraut. Und wenn das im Verhältnis von 3:1 wäre – wunderbar! Ist es aber nicht. Deshalb stellt Gott aber nicht frustriert das Säen ein – im Gegenteil. Er weiß das ja, das ich nicht so einfach zu beackern und zu bebauen bin. Gut zu wissen, dass da, wo ich guter Boden bin, Gottes Saat aufgeht. Vielleicht ist das nur ein Eckchen. Aber das ist ja nicht nichts! Der das erzählt, ist mein Seelsorger.

4. Hundertfach Frucht

Die Pflanzen gehen auf und tragen Frucht. Der Sämann ist sich seiner Sache sehr sicher. Er fragt nicht bei jedem Schritt und Tritt. Wie alle Bauern ist er ein professioneller Hoffnungsträger.

Wer so ein Saatverschwender ist, in dem blüht die Hoffnung. Und sie blüht über alle landwirtschaftliche Vernunft hinaus: Hundertfachen Ertrag gibt es heute bei uns kaum, damals in Israel war das Fünfzehnfache schon sehr gut. Hundertfach Frucht! Nun, man wird ja wohl noch träumen dürfen! Und wer Ohren hat zu hören, der höre!

Höre also: Der Boden, der hundertfach Frucht trägt, liegt neben den anderen Böden. Glaubst du, dass du das gute Land bist? Dann denke auch, dass du das gute Land neben und für die kargen Böden bist. Wir hören für die Anderen mit, wir glauben, lieben, hoffen so, dass es für viele reicht. Frucht hundertfach!

5. Die unnütze Deutung

So erzählt Jesus. Muss das noch erklärt werden? Ja, meinten die, die das Evangelium von Jesus aufgeschrieben haben wie Lukas.

11 Das ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Gottes. 12 Die aber an dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. 13 Die aber auf dem felsigen Boden sind die: Wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Sie haben aber keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. 14 Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht zur Reife. 15 Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

Ach, Lukas! Hast du es nicht bemerkt? Gottes Wort in der Gefahr, kaputt erklärt zu werden, ja: diese Deutung ist selbst ein Zeugnis von unfruchtbarem Weg, dem felsigen Boden, den Dornen. Hier kann die Saat nicht aufgehen, das Wort nicht gehört werden und Frucht tragen.

Denn diese Deutung verengt meinen Blick: die vier Böden seien vier verschiedene Glaubenstypen – statt vier Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Glaubens in mir und bei uns.

Jesu Gleichnis ist selbst wie das Gotteswort, von dem es erzählt, wie ein Samen, es braucht passende Bedingungen und eine Weile, bis es aufgeht. Es braucht Zeit im Verborgenen: es ist da, aber nicht sichtbar, es ist als Künftiges gegenwärtig. Diese Deutung wächst schneller als Jesu Gleichnis. Jesu Worte können hier gar nicht mehr aufwachsen. Es ist, als wüchsen an dieser Stelle im Evangelium Dornen.

In dieser Deutung kommt nämlich der Sämann gar nicht vor, auf den doch alles ankommt. Sie ist für mich (als Pastor) ein lehrreiches, abschreckendes Beispiel: Erkläre nicht, was Jesus sagt! Lass Jesus das sagen, was er gesagt hat und wie. Lass es gut sein, wenn er ruft: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Füge nicht deine Weisheit hinzu, deinen kurzen Verstand und dein kleines Herz, Karl. Du kannst Vertrauen haben in Jesu Worten und in denen seines Vaters. Du brauchst dich nicht zu sorgen, ob da wohl genug aufgehen wird. Es wird hundertfach Frucht bringen. Hier und dort – und bestimmt auch hier in unserer Gemeinde. Dann und wann – und bestimmt auch jetzt und später und viel später und sehr viel später, bei deiner Urenkelin, die du nicht kennenlernen wirst.

Aber, Lukas, ich will nicht mit dir schimpfen. Du hast es gut gemeint mit dieser Deutung und hast da doch auch etwas Schönes gesagt: Ein „feines, gutes Herz“ sei das gute Land, auf dem die Gotteswortsaat aufgeht. Du weckst mit diesem schönen Wort meine Sehnsucht, so zu sein, dieses Herz zu haben. Und dieses „feine, gute Herz“ „behält“ das Gotteswort, birgt die Saat, bis es seine Frucht hervorbringt „in Geduld“. So ein „feines, gutes Herz“ kann ich mir nicht selbst zulegen. Ich kann es nur in mir entdecken und spüren, dass es in mir schlägt „in Geduld“.

Wer sät oder eingesät wird, braucht Geduld. Stehst du dann am Rande des Ackers wie damals Unkel Gerd mit den Händen tief in den Hosentaschen und siehst nichts oder nur Karges – komme morgen wieder. Du warst zu früh da, zur Unzeit, hast das Wetter nicht beachtet, nicht den Jahreslauf, dem Boden zu viel zugemutet – was weiß ich. Aber du kannst dir sicher sein, gerade auch du, Älteste und Ältester: Frucht hundertfach wird es geben, weil Gott es ist, der sät – mit großen Schritten und in weitem Bogen.

Amen.