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Predigt über Lk 3,1-18 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 15.12.2019

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Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste.

Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.«

Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir nun tun? Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso.

Es kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!

Als aber das Volk voll Erwartung war und alle dachten in ihren Herzen, ob Johannes vielleicht der Christus wäre, antwortete Johannes und sprach zu allen: Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, der stärker ist als ich; ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. In seiner Hand ist die Worfschaufel, und er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.

Und mit vielem andern mehr ermahnte er das Volk und predigte ihm.

 

Advent, liebe Gemeinde, Zeit der Erwartung.

Erwarte ich noch etwas? Was soll denn noch werden? Erwarte ich noch etwas vom Leben, von mir selbst, von der Welt? Vielleicht von mir selber noch mehr als von der Welt. Ich bin ja noch nicht am Ende. Ich könnte meine Sache mit Anstand fortsetzen und dann mit Anstand zu Ende führen, wenn es soweit ist.

Politisch erwarte ich nichts mehr. Es liegt mal wieder viel Apokalyptisches in der Luft, aber das macht mich nicht heiß. So ein seltsames Gemisch aus Panik, Resignation und Wut. Überall Massenproteste, viele gehen gegen die Regierenden auf die Straße, in Chile, in Hongkong, in Frankreich, im Irak. Andere prophezeien den baldigen Untergang durch ein außer Kontrolle geratenes Klima. Die Elemente ziehen gegen die Menschen in den Krieg, Feuer in den Wäldern, Hurrikane und Orkane, Taifune und Zyklone, Fluten und Erdrutsche. Und neuerdings pilgern zwei angebliche Ökonomen aus Schwaben durchs das Land und predigen den größten Crash aller Zeiten in spätestens 5 Jahren, gemeint ist der Zusammenbruch des Euro und der damit verbundene größte Weltuntergang aller Zeiten. Spiegel-Bestseller Platz 1. Die Leute hungern wieder nach Untergangsorakeln.

Erwarte ich noch was? Von mir, vom Leben, von dieser Zeit, von dieser Welt?

*** 

Ich musste mal raus. Ich verließ die Stadt. Ich nahm den krummen Weg nach Osten. Dann die Steige zwischen den Bergen und Hügel hinab ins Tal. Bekannte sprachen von einem irren Typen, der unten am Fluss seine Show abzieht und zu dem sie jetzt alle kommen. So was macht mich eigentlich misstrauisch. Es soll wirklich nicht schlecht sein, meinte ein Freund.

Böen wirbelten den Staub auf. Es war schwül. Es wird noch ein Gewitter geben. Vor mir gingen vier schicke Typen. Einer dozierte, warum es ziemlich sicher in den kommenden fünf Jahren zu einem Systemcrash kommen wird. Das römische Imperium würde kollabieren. Der größte Fall des römischen Reiches aller Zeiten. Aber vorher werde er noch nach Rom reisen, um den Palast von Tiberius zu sehen. Er habe neulich bei einem Empfang des Lysanias Pontius Pilatus kennengelernt und der habe vom Palast geschwärmt. Der sei ein echt zynischer Typ, aber sehr witzig.

Endlich war ich unten in der Gegend um den Jordan. Die Hitze staute sich. In diese tödliche Senke bläst nie ein Wind. Die Propheten und Prediger in der Wüste standen hier und blickten auf die Berge. Wenn Gott kommt, sagten sie, senken sich diese Berge, die Hügel werden niedrig und diese Wadis werden erhöht werden. Und wo ist Gott? Ist er schon gekommen? Mir ist, als würden die Berge immer höher und die Täler immer tiefer. Wo ist Gott? Durch welches Tal kommt er? Von welchem Berg steigt er herab?

Israel und seine Künder! Israel ist Geschichte. Herodes und sein Bruder Philippus machen nichts Halbes und nichts Ganzes. Jüdische Fassaden. Dahinter türmt sich römischer Marmor. Und Pilatus spielt sich als Freund der Juden auf. Das glaubt ihm niemand. Die Sache wird bös ausgehen, aber er wird seine Hände bestimmt in Unschuld waschen. Am besten, wir werden gleich alle echte Römer. Das wäre konsequent. Herodes laviert. Manche glauben, Gott werde selbst bald eingreifen. Und es richten. Das glauben sie schon seit Jahrhunderten.

Plötzlich stand er vor mir. Ich sah sein Fleisch. Er war halb nackt. Nicht gerade ein herrlicher Anblick. Er spukte herum und rief: „Otterngezücht!“ Ich musste lachen. So ein komisches Schimpfwort hatte ich noch nie gehör: „Otterngezücht!“ Wie kommt er denn auf so was? Publikumsbeschimpfungen kommen gut an. Jedenfalls bei den meistern hier. Dafür waren sie ja gekommen. Sie kamen auf ihre Kosten, Kosten, die sie gar nicht hatten, denn die Rechnung sollen die anderen bezahlen. „Mach weiter!“, rief einer, „noch mehr irre Worte, bitte!“ - „Wir wollen Schaum vor deinem Mund sehen!“, ein anderer. – „Armer, ernster Mann, du kommst gewiss in Abrahams Schoß! Wie der armer Lazarus“

„Verlasst euch nicht auf Abraham!“, schrie er. Gott kann dem Abraham neue Kinder machen. Vielleicht aus diesen Steinen hier.“ Einer hob einen Stein auf und warf ihn direkt vor Johannes ins Wasser. Johannes wurde nass. Sie lachten. „Oh Verzeihung“, höhnte der Steinewerfer, „jetzt haben wir dich getauft. Dabei wolltest doch du uns taufen! Da ist aber was schiefgelaufen!“ Alle lachten furchtbar.

Die Gegend war dürr und mager. Etwas weiter standen noch die Stümpfe alter Obstbäume. Seit wie vielen Jahren schon trugen sie keine Früchte mehr? Gehörten sie niemandem mehr? Warum legt keiner die Axt an sie und fällt sie – wenigstens für Brennholz? Die Sonne brannte. Einer hatte sich das Gewand an einem Dornbusch aufgerissen. Sein Freund hatte ein zweites dabei und gab ihm das eine, damit er sich nicht verbrenne in dieser Glutsenke von Jericho. Wo ein bisschen Schatten war, setzen sie sich gleich hin und teilten das mitgebrachte Essen.

„Johannes!“, rief eine Frau neben mir, „Lauf weg! Rette dich! Die Soldaten kommen und bringen einen Zöllner mit. Sie wollen dich ausnehmen und wenn du nicht bezahlst, lochen sie dich ein. So machen sie es mit den unliebsamen Propheten.“ - „Er hat ja nichts getan“, meinte ein Soldat. „Wir tun keinem zu Unrecht Gewalt an.“ Der Zöllner löste sich von der Gruppe der Soldaten und trat zur Seite. Mit einem Mal stand er neben mir und flüsterte mir ins Ohr: „Was ich zu Unrecht genommen habe, gebe ich vierfach zurück. (Lk 19,8) Glaubt mir nur keiner, weil ich bin ja ein Zöllner, einer von den Bösen.“ Er war ziemlich klein und konnte Johannes nicht sehen. Er suchte nach einem Baum, auf den er klettern könnte. Aber da war keiner.

Plötzlich machte sich ein unheimliches Schweigen in der Menge breit. Alle schauten auf ihn und dachten, er würde jetzt etwas sagen. Aber er sagte nichts. Er bückte sich und löste die Riemen seiner Schuhe. Er ging zwei Schritte ins Wasser. Er drehte uns den Rücken zu uns starrte aufs Wasser. Nichts passierte. Man hörte das Plätschern über die Kiesel. Dann drehte er sich um und sagte: „Kehrt um. Ihr müsst umkehren!“

Von der anderen Seite des Flusses stieg Rauch auf. Nach der mageren Ernte brennen sie die Felder ab. Es begann zu dämmern. Man konnte den Schein des Feuers bis hierher sehen. Die Spreu brennt wie Zunder. Hoffentlich haben sie genug Weizen.

***

Es war lange schon dunkel, als ich wieder oben in der Stadt war. In der Stube brannten drei Kerzen. Jemand hatte Licht gemacht.

„Was sprach der Kirchenmann dort unten?“, fragten sie mich. „Redete er über die Werte und die guten Werke?“ – „Nein“, antwortete ich, „er sagte nicht: Tut Gutes! Er sagte: Tut Buße!“

Buße tun, ablassen von meiner Erwartungslosigkeit, umkehren hin zur frohen Erwartung, dass da noch was kommt. Das apokalyptische Gemisch hochgehen lassen mit einem donnernden Gelächter. Größter Crash aller Zeiten – so ein Quatsch! Es ist noch nicht aller Zeiten Abend, es ist erst Advent. Da kommt noch was.

Erwarte ich noch was? Ja, Weihnachten. Kommt Gott? Auf welchem Weg, durch welches Tal, von welchem Berg? Ist das Kind im Stall der Christus oder sollen wir auf einen anderen warten? Wir werden sehen. Nur eins ist jetzt schon sicher: Wenn er kommt und wenn er es ist, der kommt, dann werden wir es nicht wert sein, ihm die Riemen seiner Schuhe zu lösen. Aber er wird uns die Schuhe binden, dass wir unsere Wege gehen können, und uns die Füße festmachen, dass wir nicht nach unten sehen müssen, sondern erhobenen Hauptes gehen können.

Was soll denn noch werden? Alles kann werden, alles, wenn du mit Gott rechnest, mit dem, der da war und der da ist und der da kommt!

Amen.