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Predigt über Lk 24,13-35 (Pfr. Dr. K.F. Ulrichs) vom 01.11.2020

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[Die Predigt wird von der Kantate „Wo wilt du hin, weil´s Abend ist“ von Johann Philipp Krieger gerahmt.]

Können wir glauben, was von Jesus erzählt wird? Stundenlang kann man darüber sprechen, im Glaubensklub unserer Gemeinde oder sonst, jahrelang im Studium, in der Pfarrerausbildung sich damit beschäftigen, auch lebenslang mit dieser Frage verschlungene Wege gehen. Können wir glauben, was von Jesus erzählt wird? Gut ist, wenn du nicht allein unterwegs bist, sondern jemanden an deiner Seite hast, der die gleichen Fragen stellt, aber andere Erfahrungen, andere Sichtweisen einbringt, ein anderes Temperament. So, wie in der Kantate zwei gleichberechtigte Tenöre den gleichen Text in der ersten und in letzten Strophe singen, musikalisch mit nur kleinen Variationen; in den beiden mittleren Strophen singt zunächst der erste ein bisschen lebendigere und hellere Tenor, der etwas mehr Bewegung und größere Sprünge liebt, dann der etwas bedächtiger komponierte zweite Tenor, lyrisch- melancholisch, wenn er einmal allein zu Wort kommt – wie wir auch in der Gemeinde die Hurtigen und die Behäbigeren brauchen.

13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; 20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. 22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

Von der großen Stadt ins kleine Dorf! Nur weg von hier, aus dem Großen, das zu bedrückend wurde, hinaus in Kleine, das hoffentlich leicht ist. Diesen Drang aufs Land, wenn wir die turbulente Stadt über haben, kennen wir in Berlin. Es ist wirklich zu viel gewesen in den vergangenen Tagen. Die Katastrophe hat sich schon angekündigt. Die Katastrophe hat er schon angekündigt. Und es ging dann alles ganz schnell: Ein Tag und eine Nacht, ein halber Tag und er war tot und mit ihm erloschen alle Hoffnung. Die beiden und die anderen mochten kaum beieinander bleiben, sie  beschränkten die sozialen Kontakte, zogen sich zurück wie in einer Quarantäne. Sie konnten ohnehin einander nicht trösten. Und dass dann einige Frauen erzählten, das Grab sei leer, machte die Sache noch schlimmer. Engel seien am Grab gewesen und hätten gesagt, Jesus lebt – um das zu glauben, dazu brauchten die beiden noch einige Zeit. Und diesen Weg. Von der großen Stadt ins kleine Dorf.

„Als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst.“ Das ist die Verheißung, unter der wir „so reden und uns miteinander besprechen“, unter der wir im Glauben unterwegs sind. In einer Gemeinde, die wie die beiden aufbricht aus  Trost- und Ratlosigkeit und in der wir fragen: Können wir glauben, was von Jesus erzählt wird? Können wir uns daran orientieren? Wohin wollen wir? Könnte Emmaus ein Ziel sein? – da stellt sich Jesus ein. Aber schon beim ersten Mal, als das passierte, zwischen Jerusalem und Emmaus, merkten die beiden Glaubenswanderer von dieser Verheißung gar nicht. „Still und unerkannt“ geht Jesus mit ihnen und uns – denn damit rechnen wir nicht: Der „liebste Pilgram“ geht mit uns durch unsere steinige, abschüssige Hoffnungslosigkeit.

Jesus geht mit, er ist unser „Sprachgesell“, wie Paul Gerhardt das einmal so glücklich sagte. Jesus stellt sich dumm, als wüsste er von nichts. Diese ersten Worte des Auferstandenen sind geschummelt: „Was denn?“ Eine vorgetäuschte Ahnungslosigkeit in seelsorglicher Absicht: die beiden sollen erzählen, was sie erlebt haben. Vor Jesus werden Trost- und Ratlosigkeit nicht auch noch zur Sprachlosigkeit. „Was denn?“ fragt Jesus. Sag ihm, was dich bedrückt. „Was denn?“ Darum können die, die mit ihm unterwegs sind, beten.

25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. 28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

Das, was von Jesus erzählt wird, können wir glauben, indem wir hören, was Jesus erzählt. Wenn er bei Mose anfängt, von David erzählt, aus der Prophetenrolle Jesaja vorliest, dann bekommt die Liebe dessen, der vor Himmel und Erde ist, vor seinem Volk in Feuer- und Wolkensäule, vor unserer Dummheit und unseren lebensklugen Einsichten, eine neue Stimme. Seine Treue zu seinem Volk Israel, seinen Ruf in die Freiheit und sein strenges Wort – wie leicht vergisst sich das, wenn man „zu trägen Herzens“ ist wie die beiden auf dem Weg. Das trieb schon Israels Propheten in den Wahnsinn und mir die Schamesröte ins Gesicht. Aber Jesus ist „mächtig in Taten und Worten“ und lässt uns die Gottesgeschichtenvergessen-heit nicht durchgehen. Auf dem Weg mit Jesus sind wir unterwegs in den Schriften Israels. Das fasziniert euren neuen Pastor besonders: mit Jesus durch die Schriften gehen, als seien sie Ähren, die wir raufen dürfen.

Als die drei ihr Ziel fast erreicht haben und es Zeit ist für eine Pause, tut Jesus so, als ob er weiter gehen will. Eine zweite Schummelei, die eine weitere Erfahrung mit Jesus erzählt. Wir haben gerade auf Sorgenwegen die Befürchtung, dass Jesus unsere Ruhebedürftigkeit nicht sieht und den Abend, der sich über uns senkt. Wir befürchten, dass er weg geht, indem er einfach weitergeht. „Ach, bleib doch hier und ruh in mir“ – die das singen, wissen: Jesus lässt sich überreden.

Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, sagt der, der zuerst stehen bleibt – Kleopas oder der Namenlose –, und hier können wir ausruhen. Aus dieser langen Geschichte ist es genau dieser unspektakuläre Augenblick, der in der Kantate besungen ist. Und genau diese Szene ist auch auf dem Relief an der Nordseite des Französischen Doms dargestellt. Nicht nur „etwa sechzig Stadien“ wie die Emmaus-Jünger, sondern über tausend Kilometer, die man damals in Meilen und Tagreisen maß, waren sie unterwegs gewesen. Müde waren sie nach dieser rat- und rastlosen Wanderung, aber nun waren sie „nahe an das Dorf gekommen“. Berlin liegt kurz vor Emmaus. Und hier baten sie: „Ach, bleib doch hier, mein Leben, ich will dir Herberg geben.“ Wo sie zur Ruhe gekommen sind, in der Stadt, an der Panke und auf dem Gendarmenmarkt und in ihrem Herzen, da soll Jesus sein.

„Und Jesus ging hinein, bei ihnen zu bleiben“ – und bleibt dann ganz anders, als sie dachten: nämlich „dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen“ (Dtn 30,14; Röm 10,8).

30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. 31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

„Und Jesus ging hinein, bei ihnen zu bleiben“ – und bleibt dann ganz anders, als sie dachten. Jesus hat in, mit und unter dem Brot ein ausgesprochen flüchtiges Wesen, den Wimpernschlag des Erkennens. Er ist ja Wort und ist Fleisch nur geworden, wie Johannes philosophiert. Wort will er bleiben, im Wort bei uns bleiben. Niemand, der je liebe Worte gehört hat, wird sagen: nur im Wort. Das gebrochene Brot ist eine Erinnerung an den Weg mit Jesus, an sein Wort. Ja, und da brannte unser Herz.

Vom kleinen Dorf in die große Stadt zurück. Mit der Kraft ihrer Geschichte und ihrer flirrenden Gegenwart zieht sie uns in sich hinein. Statt der Rast nochmals derselbe Weg, nun zurück. Dass es geruhsam mit Jesus wäre, hat denn auch noch niemand behauptet. Atemlos noch müssen die beiden in der großen Stadt von dem erzählen, der mit ihnen den Weg ins Dorf und durch die Schriften gegangen ist. Was in Jerusalem recht ist, wird in Berlin billig sein, in einer City-Kirche zumal: mit brennendem Herzen zuhören, reden, begleiten, weil wir durch die Schriften gegangen sind mit dem, der für Gottes Reich und seine Gerechtigkeit eintrat, für Gottes Wahrheit starb und das Leben gewann.

Ich will das tun (als der Kollege von Jürgen Kaiser, als der namenlose Weggefährte von Kleopas): mit brennendem Herzen zuhören, reden, begleiten. Mit den beiden Tenören bitte ich gleich unseren Weggefährten Jesus:

„Hab nur Geduld

und sei mir huld!“

Und euch bitte ich, mich vom Gendarmenmarkt zu jagen, wenn ich unterlasse, womit die Kantate endet und diese Predigt und  womit alles, alles gut enden wird:

„Ich will dich fest umfassen

und nicht entweichen lassen.“

Amen.