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Predigt über Lk 2,41-52 (Pfr. Dr. K. F. Ulrichs) vom 03.01.2021

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1.      Jahr mit Jesus

Das neue Jahr – wie mag es werden? Nach den Erfahrungen mit dem vergangenen annus horribilis versagen wir uns unsere genaueren Planungen, unsere allzu konkreten Wünsche. Nicht, dass es wieder alles ganz anders kommt! Sicher ist: es ist das Jahr nach dem Corona-Jahr, unsicher ist, ob es nicht doch wieder ein Jahr wird, dass so sehr von der Pandemie bestimmt wird. Jedenfalls nehmen wie unsere persönlichen Erfahrungen, auch Trauer, Depression und Ärger, mit und ebenso die gesellschaftlichen Diskussionen, wenn wir jetzt ins neue Jahr umziehen. Und auch die Hoffnung, dass mit der Impfung die Zeiten langsam besser werden.

Und was ganz sicher ist: „Jesus soll die Losung sein, da ein neues Jahr erschienen“, wie wir es eben aus dem Gesangbuch gehört haben. Auch 2021 ist ein Jahr mit Jesus, mit der Barmherzigkeit Gottes, die Hand und Fuß und sein freundliches Gesicht hat. Wir werden wieder Erfahrungen machen mit Jesus – wie seine Eltern:

41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. 42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. 43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten's nicht. 44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn [dort].

Erfahrungen mit Jesus – sehr speziell! Er entzieht sich seinen Eltern, er geht nicht mit, als sie sich auf den Weg ins Gewohnte, in ihren Alltag machen. Da, wo sie zuhause sind, ganz bei sich sind, bei ihrer Arbeit, in ihrem normalen Leben, wo sie so sind, wie sie nun einmal sind – da will er nicht sein. Diese Erfahrung mache ich mit unseren jugendlichen Kindern auch – und erinnere mich ja auch selbst gut genug, wie es bei mir vor vierzig Jahren war. Diese Erfahrung, dass Jesus nicht mehr mitkommen möchte in meinen Alltag, in mein normales, unauffälliges, verborgenes Leben, diese Maria-und-Josef-Erfahrung möchte ich nicht machen. Gerade auch jetzt nicht, wo wir durch die Corona-Maßnahmen stärker als sonst an unser Zuhause gebunden sind, auf uns selbst zurückgeworfen.

Als der zwölfjährige Jesus verschwunden ist, suchen seine Eltern ihn unter Verwandten und Bekannten. Das ist zunächst einmal eine gute Strategie: Jesus bei denen zu suchen, die in besonderer Weise zu ihm gehören. Das merke ich mir, das will ich auch so machen, wenn ich Jesus unterwegs einmal verlieren sollte. Wenn das schon Maria und Josef passiert ist – wie leicht könnte auch ich einmal einfach losgehen, ohne sicher zu sein, dass Jesus dabei ist.

Als ihnen das Malheur klar wird, ist für Maria und Josef völlig klar: Sie können nicht weitergehen, sie müssen die Pilgergruppe verlassen, den gewohnten Trott beenden und umkehren, weil Jesus nicht da ist, wo sie dachten. Ohne Jesus geht es nicht weiter!

„Mit Schmerzen“ haben sie ihn gesucht, wie Maria sagen wird. Dieser Schmerz lässt – wenn ich es recht ahne – auch ihr schlechtes Gewissen spüren, dass sie ihrer Verantwortung, ihrer Aufsichtspflicht nicht gerecht geworden sind. Wie alle Eltern wird Maria das gleich paradox ihrem Kind vorwerfen. Jesus reagiert auf diesen elterlichen Kurzschluss mit Gegenfragen, die größere Distanz zwischen ihnen zeigen, als die Tagesmärsche nach Jerusalem weit sind. Marias Schmerzen sind noch nicht zu Ende – und sie werden noch viele Jahre andauern. Ob sie am Ende an diesen viel kleineren Schmerz um den Knaben Jesus zurückdenken wird? Es wird ja wieder in Jerusalem sein.

Sie und Josef haben ihren Sohn nach drei Tagen Ewigkeit genau dort gefunden, wo sie ihn das letzte Mal gesehen haben – auch das ein guter Hinweis für uns: Wenn du glaubst, dass Jesus nicht mehr bei dir ist, geh zurück dahin, wo du ihn zuletzt bei dir hattest – gut möglich, dass er da auf dich wartet, dass er da anderes zu tun hatte, als mit dir von dort wegzugehen. Du hattest da vielleicht übersehen, dass das ein Ort Gottes ist, dass da Leute sind, die zu Gott gehören und Fragen haben und Antworten versuchen, die auch Kinder beachten und mit Jugendlichen diskutieren. Jesus ist in dem, was Gott gehört, bei denen, die zu Gott gehören. Hier will er sein, hier finden wir ihn: in der Nähe seines himmlischen Vaters. Und der ist da, wo er besungen wird und bedacht und befragt und beantwortet.

2.      Jesus verblüfft

46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden die Eltern ihren Sohn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. 48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? 50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.

Diese Geschichte berührt mich sehr, weil sie eine prägende Lebenserfahrung aus meiner Jugendzeit erzählt: Der jugendliche Jesus probiert sich aus, findet seine Identität im Gespräch mit – Lehrern. Dass sich ihr Junge andere Gesprächspartner sucht, ist bitter für die Eltern, sie können das alles darum nicht verstehen. Jedenfalls: Glücklich alle Kinder, die in der Schule solche Lehrer/innen haben, durch deren Verblüffung sie wertgeschätzt und ermutigt werden, an denen sie zu eigener Persönlichkeit reifen!

Auch wegen solcher Lehrer konnte Jesus Jahre später selbst lehren: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Ihnen ist dieses Wort aus Lk 6,36 vielleicht schon als Jahreslosung für 2021 begegnet sein. Jetzt wird konkret, was uns gesungen wurde: „Jesus soll die Losung sein, da ein neues Jahr erschienen.“)

Barmherzigkeit ist ein wunderbares Wort und die Sache, die es bezeichnet, ist ein Wunder, zu dem wir Menschen fähig sind: Barmherzigkeit. Dass wir uns ganz im Inneren berühren lassen von der Not, vom Schmerz anderer. Sie kennen das Gefühl, wenn ein Kind mit aufgeschlagenem Knie, abgeschürftem Ellenbogen, einem Schnitt im Finger weinend zu Ihnen kommt – dann zieht sich das so im Unterleib zusammen. Dieses Gefühl heißt in der hebräischen Bibel „Erbarmen“; und bereit zu sein, dieses Gefühl in Hilfe zu überführen, das ist Barmherzigkeit.

Der Gesundheitsminister sagte vor kurzem voraus, dass wir in nächster Zeit viel Barmherzigkeit aufbringen und einander viel zu vergeben hätten: Barmherzigkeit mit den Politiker/innen wegen Maßnahmen, die nicht wirksam, wegen Zumutungen, die unangemessen waren. Barmherzigkeit miteinander, weil wir uns das Leben im Lockdown und in der Quarantäne schwergemacht haben mit unserer Ungeduld, mit unserer Rechthaberei. Und Barmherzigkeit auch mit uns selbst, wenn wir unserem Selbstbild ausgerechnet da, als es darauf angekommen wäre, nicht entsprochen haben.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Jesus legt Gottes Wesen der Barmherzigkeit aus, indem er von Gott als barmherzigen Vater erzählt, der dem verlorenen Sohn entgegenläuft, er vertraut sich und uns im Gebet „unserem Vater“ an; und selbst am Kreuz, als nur noch der unendliche Schmerz übrig ist, ist es der Vater, in dessen Hände Jesus seinen Geist legt (Lk 23,46). Von Anfang bis Ende ist Jesus die Geschichte eines Vatervertrauens und der Barmherzigkeit und zeigt: es gibt Barmherzigkeit tatsächlich, es kann sie geben auch unter uns, auch 2021.

3.      Jesus bleibt

51 Und Jesus ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. 52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Auch nach Irritationen: Jesus bleibt bei uns, geht unsere Wege mit, auch die Rückwege ins irgendwie normale Leben in und nach der Pandemie, Jesus geht mit uns nach Hause. Und wir können alle seine Worte in unserem Herzen behalten. Wie Maria wollen wir auch zunächst Unverstandenes – und davon gibt es bei Jesus ja einiges – nicht vorschnell abtun, sondern es bewahren und mit ins neue Jahr nehmen, beispielsweise jene Anstiftung zur Barmherzigkeit: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Ich liege wohl nicht ganz falsch, wenn ich glaube, dass 2021 dann ein freundliches, ein menschenfreundliches Jahr werden könnte.

Amen.