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Predigt über Lk 19,1-10 (Pfr. Dr. K.F. Ulrichs) vom 13.09.2020

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Unser Gemeindeglied Theodor Fontane war ein großer Menschenkenner und Menschenfreund. In seinen Romanen erzählt er mit viel Verständnis für die Schwächen der Menschen von ihrem Leben. Und in seinen Balladen stellt er uns dazu eine sprechende Szene vor Augen – wie beim „Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“. Hätte Fontane einmal über eine biblische Figur eine Ballade geschrieben, hätte er wohl Zachäus gewählt. Ganz Figur, hätte der Dichter befunden. Und diese Szene, das Anekdotische! Das taugt für eine gereimte Geschichte, für ein Gedicht. Und für ein Leben. Denn um Gnade geht und das Haus. Davon leben wir und darin leben wir.

1. Im Gespräch

In Fontanes Roman „Vor dem Sturm“ lesen wir ein Gespräch darüber, was einen Menschen ausmacht. Ist es sein gesellschaftlicher und moralischer Stand? Das war 1878, als der Roman erschien, eine entscheidende Frage und ganz fremd ist sie uns heute unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen auch nicht: Aus welchem Haus stammt man? Ist die Familie angesehen und respektabel, moralisch untadelig? Der fromme Konrektor Othegraven denkt hierüber ziemlich unkonventionell:

„Gewiß ist ein Unterschied zwischen dem Hause des Lot und dem Hause von Sodom […] Aber was entscheidet, ist doch immer die Gnade Gottes. Und diese Gnade Gottes, sie geht ihre eigenen Wege. Es bindet sie keine Regel, sie ist sich selber Gesetz. Sie baut wie die Schwalben an allerlei Häusern, an guten und schlechten, und wenn sie an den schlechten Häusern baut, so sind es keine schlechten Häuser mehr. Ein neues Leben hat Einzug gehalten. Die Patriarchalität ist viel, aber die Erwähltheit ist alles.“

Das ist wahr gesprochen! Gut biblisch beginnt der fromme Mann mit dem gerechten Lot und den verlotterten Menschen in Sodom. Aber dann bricht es aus dem biederen Mann heraus, das große Wort von der Gnade. „Gnade“ ist bemerkenswerterweise ein Lieblingswort Fontanes. Woher sie kommt, die Gnade, wozu sie führt – das hebelt alles aus, was wir uns 1878 oder 2020 so zurechtlegen, wenn wir auf andere sehen, über sie reden und damit immer auch uns selbst meinen. „Was entscheidet“, ist unserer Meinung und unserem Urteil entzogen. Wir können hier nichts begründen und berechnen, hier gilt „keine Regel“. Und dann fällt selbst einem Brandenburgischen Dorfschullehrer poetische Sprache bei: die Gnade als Schwalbe. Die Gnade überwältigt den, der von ihr spricht, verschönt seine Sprache, verzaubert uns. Einer, dessen Beruf es ist, Definitionen aufzusagen und Konventionen zu hüten, erfindet einen Begriff neu und sagt, was ich nie vergessen werde: die Gnade als Schwalbe.

Die Schwalbe – frei ist sie, sucht Nistmöglichkeiten, unterscheidet nicht zwischen Hütten und Gutshäusern, auch nicht zwischen freundlichen Gemütern und Bösewichtern, zwischen Einfallspinseln und hellen Köpfen. Die Schwalbe baut dort ihr Nest, wo sie es eben baut, wo sie leben möchte und brüten. Und wo sie ihr Nest baut, wird geliebt und gebrütet, gefüttert und gepflegt. Unter dem Dach, wo die Schwalbe ihr Nest baut und die Gnade, wird das Kleine groß und das Hilflose flügge. Unter dem Dach „ein neues Leben“. Da steht ein rundum saniertes Haus. Seine Bewohner sind verwandelt, sie verstehen sich neu und sie leben anders. Die Schwalbe weiß das. Und die, die die Schwalbe sehen. Und die, die an die Gnade glauben.

2. Auf dem Baum

Die Gnade sieht, was in einem Haus und in einem Leben gnadenlos ist. Die es sich im Haus eingerichtet haben, sehen nicht, was fehlt. Dass sie fehlt, zeigt uns die Gnade, indem sie ihr Nest baut. Und indem Jesus in unser Haus kommt.

Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

Als Erwachsener auf einen Baum zu klettern ist verwegen. Ich hatte in meinem Pfarrgarten auf dem Land einige wunderbare Bäume hinten am Feldrand stehen und konnte vor einigen Jahren der Versuchung nicht widerstehen, es mir selbst als Kind nachzumachen und auf einen Baum zu klettern. Es war ein großartiges Gefühl! Und doch sorgte ich mich, dass jemand mich sehen könnte. Ein Pastor auf einem Baum! Aber ein Verwaltungstyp wie Zachäus auf einem Baum – das ist kurios, ein Mann von zweifelhaftem Ruf dazu. Indem Zachäus auf den Baum steigt, um Jesus zu sehen, kann er gesehen werden.

Die Szene ist balladenreif: Verstohlen klettert Zachäus auf den Baum – und auf Jesu Wort hin „eilends“ wieder herunter. Die anderen sehen das, aber niemand lacht. Wenn Jesus uns anspricht, ist nichts mehr lächerlich, braucht uns nichts zu beschämen.

3. Im Haus

Und Zachäus stieg eilend herunter und nahm Jesus auf mit Freuden.

Jesus macht Zachäus zu einem Gastgeber, zu einem Menschen, der zugewandt und großzügig ist. „Wenn die Gnade an den schlechten Häusern baut, so sind es keine schlechten Häuser mehr.“ Mit allem wird Zachäus gerechnet haben, als er loszog, Jesus zu sehen, nicht aber damit, als sein Gastgeber zurückzukommen. Vielleicht ist es ja so, dass sich zeigt, wie wir sind, wenn wir Gäste haben – in unserem Haus, in unserem Land, auf unserem Kontinent. Dass unbehauste Menschen in unser gemeinsames europäisches Haus kommen, um ein Dach über dem Kopf zu haben und Frieden und Arbeit, und dass sie erleben müssen, dass nicht einmal ihre blanke Not Regierungen zu unkonventionellem Handeln bewegt, bringt an den Tag, wie es mit der Menschlichkeit in diesem kontinentalen Haus bestellt ist.

Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

Was es mit Zachäus in Wahrheit auf sich hat, das können die Nachbarn nicht sehen, nicht denken, sie verpassen ihm ein Etikett. Diejenigen, die dem kleinen Zachäus zunächst die Sicht (auf Jesus) nehmen, nehmen ihm dann (vor Jesus) die Ehre. Das hätte Fontane gefallen, das hätte er in seiner Zachäus-Ballade umschrieben: Nicht er, sie (!) sind „klein von Gestalt“ und klein von Herzen, kleinlich.

Jesus sieht in Zachäus denjenigen, der er sein kann: freundlich und fröhlich, gerecht und großzügig. Und nun sieht auch Zachäus mit diesem Blick der Gnade in sich einen Menschen, der gerecht handelt. Das muss er nur noch nachmachen. Und da fallen dem, der „reich war“, die Armen ein, und dem, der betrogen hat, die Betrogenen.

Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.

Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

„Wenn die Gnade an den schlechten Häusern baut, so sind es keine schlechten Häuser mehr.“ Das Haus des Zachäus ist heil geworden (wie sein Herz), indem Jesus es betritt. Und wer nicht recht weiß, wer er ist, erfährt von Jesus: Du bist Abrahams Kind, du stehst in der Geschichte, die Gott mit den Menschen schreibt. Du bist kein Niemand, wenn du Jesus „mit Freunden aufnimmst“.

4. Auf den Begriff gebracht

Fontanes Konrektor Othegraven setzt der verbreiteten Beachtung der „Patriarchalität“, dem Stolz und dem Neid auf Herkommen und Tadellosigkeit, den biblischen Gedanken der Erwählung entgegen. Fontane hat bei aller Skepsis gegenüber dem Kirchenglauben gesehen, dass dieser Glaubensgedanke Geflüchtete tröstet, Menschen, die sich klein wie Zachäus vorkommen, groß macht und Beschämte stolz. Davon ist eine Geschichte zu erzählen, wäre eine Ballade zu dichten wie bei Zachäus. Zu dem kommt Jesus: „Ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Da wird der Ungerechte gerecht, das Kleine groß und das Hilflose flügge. Die Gnade eine Schwalbe.

Amen.