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Predigt Über Lk 1,67-79 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 13.12.2020

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Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils im Hause seines Dieners David – wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten –, dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund, an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, 74dass wir, erlöst aus der Hand der Feinde, ihm dienten ohne Furcht 75unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen. Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Wenn es einem die Sprache verschlägt…

Er steht da und bringt kein Wort heraus. Plötzlich schauen sie alle zu ihm. Er spürt die Blicke der Leute. Sie wissen, welche Worte jetzt kommen müssten. Er weiß, welche Worte er jetzt sagen müsste. Aber er bleibt stumm. Er bringt kein Wort heraus. Je mehr sie zu ihm hinschauen, desto stärker verkrampft sich sein Hals. Es ist ja nicht das erste Mal, dass er hier steht. Er hat das schon so oft gemacht. Die Texte, die Handlungen sind ihm in vielen Jahren in Fleisch und Blut übergegangen. Aber jetzt schämt er sich. Je mehr sie auf ihn schauen, desto mehr schämt er sich.

Er wurde erwischt. Es ist aufgefallen, dass er nicht geglaubt hat. Den Leuten ist es nicht aufgefallen, aber dem Engel ist es aufgefallen. Der stand plötzlich drinnen im Tempel und seine Zweifel entgingen ihm nicht. Wenn ein Priester nicht glaubt kann. Das ist peinlich und jetzt hat es ihm die Sprache verschlagen.

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Uns verschlägt nichts so leicht die Sprache, liebe Gemeinde. Obwohl das, was da gerade rumgeht und abgeht, alles Zeug dazu hätte, uns die Sprache zu verschlagen. Die Zahlen gehen wieder durch die Decke. Alle Anstrengungen, aller Verzicht, alle Entbehrungen scheinen vergeblich. Die Ratlosigkeit ist groß. Doch je größer die Ratlosigkeit, desto wortreicher die Ratschläge. Auch in der Kirche. Auf Gottesdienste verzichten, um nicht noch mehr Tote zu riskieren sei ein Gebot der Nächstenliebe, sagt der um keinen Rat verlegenen Ratsvorsitzende in einer Kurzschlüssigkeit, die einem die Sprache verschlägt. Die Kirchen müssen unbedingt offen bleiben, sagen andere. „Geschlossenen Kirchen sind etwas anderes als geschlossene Geschäfte. Wenn so viel Verstörendes passiert wie jetzt, dann belastet uns das all im Innersten. Umso dringender ist das Bedürfnis nach Seelsorge“, sagt Kulturstaatministerin Grütters. (Die Zeit vom 10.12.2020) Guter Rat ist teuer. Und zum Nachdenken bleibt kaum Zeit.

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Doch wenn die Kirchen zu sind, kann man nicht dem Engel begegnen, der dort manchmal ist.

Zacharias verschlug es beim Tempeldienst die Sprache. Er schämte sich für seinen Zweifel. Der Engel hatte den Zweifel an der kleinen Rückfrage bemerkt: Woran soll ich das erkennen?, fragt Zacharias (Lk 1,18). Die Priester forderte ein Zeichen.

Ist das so schlimm? Ist es nicht verständlich, selbst für einen Priester? Er ist doch auch nur einer, der erwachsen wurde und schmerzlich lernen musste, dass man nicht alles glauben darf, was gesagt wird. Es wird so viel Unsinn geredet. Und jetzt steht ein Engel vor ihm und behauptet, seine Frau Elisabeth soll schwanger werden und einen Sohn bekommen und er soll ihm den Namen Johannes geben. Dein Gebet ist erhört worden, sagt der Engel. (1,13) Aber wie sollen Gebete erhört werden, wenn sie Unmögliches verlangen? Sie sind doch beide viel zu alt zum Kinderkriegen!

Er schämt sich. In seiner Verzweiflung hat er um etwas gebetet, an das er nicht glaubt. Not lehrt beten, heißt es. Aber glauben lehrt sie nicht. Die Verzweiflung wurde zum Zweifel. Und der Engel hat es gemerkt. Dem Engel entgehen unsere Verzweiflungen nicht.

Wir beten und wir bitten und glauben doch nicht dran. Und wenn wir dann von einem Engel hören: Es soll erfüllt werden!, wollen wir ein Zeichen haben.

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Zacharias bat um ein Zeichen. Auch diese Bitte wurde erfüllt. Er bekam das Zeichen. Er wurde stumm. Ein beredtes Zeichen: Wer sich schämt, dem verschlägt es die Sprache. Da sprach der Engel zu Zacharias:

Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt, mit dir zu reden und dir dies zu verkündigen. Und siehe, du wirst verstummen und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit. (1,19f)

Dass es ihm die Sprache verschlägt, das ist das Zeichen. Dass er sich schämt, das ist das Zeichen.

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Vielleicht sollte es uns auch mal ein bisschen die Sprache verschlagen, damit wir wieder Zeit zum Nachdenken und Überdenken finden. Dann reden wir auch nicht mehr so viel von unseren Zweifeln und unserer Skepsis, vom Nicht glauben können. Du darfst schon ehrlich sein, aber du sollst dein Zweifeln und nicht glauben können auch nicht kultivieren. Lieber schweigen und uns schämen, dass wir Gott keine Wunder mehr zutrauen. dass wir beten und bitten und nicht glauben, was wir beten und bitten. Ich glaube, hilf meinem Unglauben! (Mk 9,24) heißt die Losung dieses merkwürdigen und nun bald zu Ende gehenden Jahres.

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Zacharias schriebe keine Bücher über seine Glaubenskrise und gab keine Interviews sondern schwieg. Neun Monate konnte er nicht reden. Neun Monate, die Zeit, in der das Leben seines Sohnes im Bauch seiner Mutter wurde. Neun Monate, die Zeit, in der nun schon die Pandemie dauert. Neun Monate schweigen, die Zeit, in der auch der Glaube wuchs bei Zacharias. Eine Lebensspanne braucht der Glaube, um glauben zu können. Neun Monate Schweigen, um zur Welt kommen zu können. Neun Monate, um das Leben zu finden und den Glauben.

Nach neun Monaten fand Zacharias seine Sprache wieder und seinen Glauben wieder und sang einen Lobgesang.

Und wenn wir nach neun Monaten Glaubenskrise, Existenzkrise, Lockdown-Krise, Hoffnungskrise wieder Licht sehen, dann sollten die ersten fröhlichen Worte auch der Lobgesang eines erlösenden Gottes sein. Wie bei Zacharias.

Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk … durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Amen.