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Predigt über Lk 15,1-10 (Pfr. Dr. K.F.Ulrichs) vom 28.06.2020

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Das Blöken war schwach aus der Ferne zu hören. Aber er freute sich, nun wusste er: das Tier lebt. Sein Suchen war nicht vergeblich. Seine Freude verscheuchte das schlechte Gewissen, das ihn den ganzen Weg geplagt hatte: Wie konnte das Schaf nur verloren gehen? Abends beim Einpferchen kam nach dem neunundneunzigsten keines mehr, auch im Nachzählen kam er nicht auf hundert. Dem Hund hatte er in seinem Ärger auf sich selbst auf die Schnauze geschlagen; der Hund, sich keiner Schuld bewusst, hatte sich beleidigt getrollt. Ein Schaf von hundert – das ist rechnerisch ein Hundertstel, gefühlt ist es ein Totalschaden: Seine Herde hat hundert Schafe, fehlt eines, ist die Herde ganz beschädigt. Wir können das nicht einfach verschmerzen, wenn eines fehlt; es ist dann alles in Unordnung. Wenn wir einen Menschen verlieren, sind wir nicht mehr ganz wir selbst – als Person, als Familie, als Freunde. Die ganze Herde kann erst weiterziehen, wenn auch das verirrte Schaf wieder da ist.

Mit jeder Biegung des Weges konnte er es nun besser hören. Natürlich: es klang kläglich und matt. In der Herde hört sich das Blöken kräftiger an, mutiger, variantenreicher, witziger, als unterhielten sich die Tiere. Das Tier aber, dem er näher kam, rief schon nicht mehr nach den anderen, sein „Mäh“ war wie zu sich selbst gesagt, als versicherte es sich selbst mit wachsender Verzweiflung, noch zu leben. Ein Blöken wie ein Wimmern. Können Schafe eigentlich weinen? Er hatte darüber noch nie nachgedacht. – Und dann sah er die Ausreißerin. Sie blieb nicht stehen, als sie ihn sah, ging weiter den Abhang hinunter. Das auch noch! Als hätte sie nun das schlechte Gewissen, das er gerade losgeworden war. Doch als er das Tier dann einholte und festhielt, wehrte es sich nicht und wurde ganz ruhig. Insgeheim war sie doch erleichtert. Können Schafe eigentlich erleichtert sein? Schwach war es und durstig  – wie er. Es zur Herde zurück zu treiben, kam nicht in Frage. So packte er es im Nacken und an den Hinterbeinen und legte sich das Tier auf die Schulter. Das war eine alte, oft beschworene Berufspflicht, die er immer als Privileg erlebte, weil es ihn erinnerte daran, wie er als junger Mann seine Kinder auf der Schulter getragen hatte.

Das erzählt ein Hirte seinem Gast und fährt fort, wie die zurückgebliebenen Tiere mähten und meckerten, als er wieder zu ihnen kam. Er setzte die Ausreißerin vorsichtig auf den Boden, und ließ sie aus einem Eimer trinken. Sie und vier, fünf der anderen Tiere beschnupperten sich, schubsten sich vorsichtig an, wie Schafe es tun. Dann noch ein lakonisches „Mäh“, bevor sie in der Herde verschwand. Das Blöken der Tiere hatte er auf dem Nachhauseweg im Ohr, das Gewicht des Schafes spürte er noch einige Stunden auf seiner Schulter, spürte die lebendige Wärme und roch das verirrte Leben.

Hach, eine wundervolle Geschichte, ruft der Gast. Das ist ja wie Gott, von dem der Prophet Ezechiel ausruft: „Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.“ (Ez 34,11f.)

Jetzt übertreibst du es mit deinen Gott- und Hirtengeschichten, wendet der Hirte bescheiden ein. Und überhaupt: Eine Frau aus der Stadt hat mir erzählt, wie ihr einmal eigentlich dasselbe passiert sei. Das war so: Beim Zählen ist ihr eine Drachme aus der Hand gefallen und aus dem Blick gerollt. Wie schusselig von mir, denkt sie. Eine Drachme mag nicht viel wert sein, aber sie fehlt ihr an ihren zehn Drachmen, eine Handvoll Münzen, soviel, wie sie für einen Kauf brauchte. Mit Lampe und Besen macht sie sich auf die Suche. Münzen kannst du ja blinken sehen oder klimpern hören. Und tatsächlich – nach einigen Minuten findet sie sie: Da ist die Drachme! Der Ärger über ihre Ungeschicklichkeit und über die unnötige Arbeit verwandelt sich in Freude. Abends lädt sie ihre Nachbarinnen ein und sie erzählen einander solche Geschichten. Dieselbe Idee mit dem Fest hatte ich auch, sagt der Hirte zu seinem Gast. Ich hätte alle Freunde eingeladen. Wärst du heute Abend nicht bei mir, Jesus, hätte ich ein kleines Fest gemacht.

Der Gast: Das Malheur dieser Frau ist ja zehn Mal schlimmer als deines. Du hast ein Hundertstel verloren, sie ein Zehntel. Aber irgendwie habt ihr beide mehr verloren, eigentlich alles: wenn wir etwas verlieren, wird es besonders wertvoll. Was du und diese Frau erlebt habt, so will ich von Gott erzählen. Wie er für sein Menschenkind alles riskiert, ihm hinterhergeht, es ohne Schlag und Schrei nimmt und sich auf die Schulter legt und es wieder dorthin bringt, wo es leben kann. Oder wie Gott es hell macht und sauber; und dann sieht oder hört er, wo wir sind – die leise klimpernde Münze und den versteckten Adam im Garten.

Immer wieder werde ich, berichtet der Gast nach einer Pause, von den einen bang gefragt nach Gott und von den anderen skeptisch beäugt; die murren, maulen, mosern herum, wenn sie mich hören. Ich enttäusche ihre Erwartungen, weil ich ihr Bild von Gott nicht teile, sie nicht bestätige in ihrem Glauben. Meinen Vater will ich ihnen allen nahebringen, denen, die zu mir kommen, denen, die noch kommen werden, auch denen, die mich von Ferne sehen (und mehr als den empfohlenen Schutzabstand halten). Mit einem dürren Gedanken aber geht das nicht, will Gott selbst das nicht. Seit alters ist er der, von dessen großen Taten an seinem Volk erzählt wird, ist er der, den man besingt und nicht definiert. Ich muss von Gottes Wahrheit erzählen. Damit die, die bang fragen, erleichtert ihren Blick heben und wieder frei und offen den anderen ins Gesicht gucken, ihren Lieben und den Guten und den nicht so Guten. Wenn du dein Leben verändern willst, geht das nur, wenn du erleichtert bist, nicht wenn es dich bedrückt mit dem Gewicht der Schuld und der Scham. Erzählen will ich von Gott wie von einem Mann, der ein Schaf sucht, wie von einer Frau, die eine Münze sucht, damit die Skeptiker mit ihrem grimmigen Blick auf die anderen einmal die Augen schließen, ihren unversöhnlichen Ärger herunterschlucken, und sich darüber freuen, dass die Verlorenen gefunden sind. Und freuen sollen sie selbst sich daran, dass ihnen das gelingt, Gottes Liebe zu spüren, Gottes Gebot zu halten. Das dürfen sie nämlich, trauen sich aber nicht so recht. Die Engel im Himmel freuen sich auch über sie. Aber über die gefundenen Verlorenen erst recht.

Da unterbricht der Hirte den Gast: Wenn ich dich so höre, denke ich, du erlebst genau dasselbe wir die Frau und ich, Jesus. Wie du alle Menschen ansprichst, sie nicht aufgibst, ihnen hintergehst wie ich meinem Schaf. Und wenn die Menschen auf den Boden fallen, in einen dunklen Winkel rollen – du fegst dann das ganze Haus, guckst noch in jede Ritze, unter jeden Teppich. Bis du findest.

Wenn du mein Gast bist, Jesus, dann freue ich mich so, ich kann es gar nicht ausdrücken. Du sitzt an meinem Tisch und ich empfinde, es ist umgekehrt: du gibst mir einen Platz an deinem Tisch. Mir ist, als sei es das Fest, das ich eigentlich mit meinen Freunden machen wollte.

Ach, und wie du unsere Geschichten verwandelst in ein Wort, in dem Gott zu den Menschen kommt. Wie du mein Leben einwebst in dein gutes Wort!

Nun ist aber gut, sagt der Gast und steht auf. Der Mann bittet: Jesus, komm bald wieder.

Und bald erzählte Jesus, als sich ihm alle Zöllner und Sünder nahten, um ihn zu hören und als die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. […] Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

So erzählte Jesus und erzählt in immer neuen Varianten von der Rettung der Verlorenen: Oder wer unter euch, der versehentlich eine wichtige Datei gelöscht hat, wird nicht alles daran setzen, sie wieder zu finden? Alle Verzeichnisse geht er durch und wenn er sie dann findet als Anhang zu einer vor Monaten gesendeten Mail, speichert er die Datei sorgfältig und mit einem besseren Dateinamen. Und in seiner Erleichterung wird er das als digitale Anekdote auf Facebook posten und seine Freund/innen werden den Post kommentieren mit „Puh“, „OmG“ und „Made your day“ und Smileys und Giphies. So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

Amen.