Zur Textversion

Predigt über Lk 14,15-24 (Pfr. Dr. K.F. Ulrichs) vom 21.06.2020

[als PDF]

Ein, zwei sind immer nicht dabei. Auf der Liste der durchgestrichene Name oder an ihren Plätzen noch die Tischkarte, aber kein Gesicht dazu, keine Gestalt, kein Geschenk und kein Gefühl, außer Bedauern. Sie konnten nicht kommen. Es hat sie etwas gehindert, etwas lange Geplantes, etwas Unvorhergesehenes, etwas Dringendes, gar Schlimmes oder – was kränkt – etwas Besseres.

Etwas Wichtigeres jedenfalls: woanders eingeladen, auf Dienstreise, in der Firma unabkömmlich, in der Familie auch: die alten Eltern, die Kinder zu klein.

Und natürlich: Es tut ihnen leid, schreiben sie, sie entschuldigen sich, sie lassen herzlich grüßen, sie wären so gerne gekommen, es sollte nicht sein. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen, nur auf einer und eben darum nicht auf dieser.

Wir nippen am Sekt und nicken und verstehen das, wer hätte nicht schon mal absagen müssen oder absagen wollen, „ganz plötzlich“, „kann nichts daran ändern“ ins Telefon geflunkert: „die Kinder“, „die Arbeit“, jedenfalls nicht dieses Fest, mit großem Bedauern – oder ohne. Wir nippen am Sekt und wissen, wie das ist. Ein, zwei sind immer nicht dabei. Und die sind damit anwesender als die Anwesenden. Die bieten Gesprächsstoff am Abend und sind noch Jahre später präsent: „Die waren nicht bei unserer Hochzeit.“

***

Das behältst du nämlich: diesen Stich ins Herz der Gastgeber, für die kein Tag wichtiger sein kann. Das Fest, vorbereitet und geplant mit dem nervösen Wissen aller Gastgeber, dass es am Ende die Gäste sind, die das Fest machen, ihre Gesichter, ihre Gestalten, ihre Geschenke, ihre Gefühle. Jede Absage macht aus dem Fest ein anderes als das geplante. Bei aller angestrengten Höflichkeit schmerzt jede Absage. Natürlich, wir verstehen das. Aber wir verstehen es auch so: Es gibt etwas Wichtigeres als die Einladung. Es gibt etwas Wichtigeres als uns und unser Fest.

***

Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. 17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist schon bereit! 18 Da fingen sie alle an, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19 Und ein andrer sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20 Wieder ein andrer sprach: Ich habe eine Frau geheiratet; darum kann ich nicht kommen. 21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig.

***

Ein, zwei sind immer nicht dabei. Aber gleich alle? Und das nach „Save the date“ und „Um Antwort wird gebeten“, nach Gästeliste und Essensbestellung, Sitzplan und Tischdekoration. Jetzt ist es soweit, kurz vor dem Fest noch einmal ein Reminder: „Ihr kommt doch?“ Aber keiner will kommen. Keine Gesichter zu sehen, keine Gestalten, keine Geschenke, keine Gefühle. Keiner will feiern, als der Bote noch einmal wiederkommt. Sie achten gar nicht darauf, sondern haben anderes im Sinn: Acker, Ochsen, Frau.

Das tut weh. Vorfreude aufs Fest schlägt um in Enttäuschung und Liebe in Zorn.

Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und Blinden und Lahmen herein. 22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. 23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. [24 Denn ich sage euch: Keiner der Männer, die eingeladen waren, wird mein Abendmahl schmecken.]

***

Einer, zwei – zögernd betreten sie den Saal. Treten sich wieder und wieder die Füße ab, streichen ihre zerknitterten Kleider glatt, so gut es geht und fahren sich durchs Haar. Unsicher suchen sie sich einen Platz. Die Tischordnung gilt ja wohl nicht mehr. Vor ihnen noch die Karte mit einem anderen Namen. Die nehmen sie vorsichtig und legen sie umgedreht auf den Tisch, bevor sie sich setzen. Wie gut, dass Musik gespielt wird. Sie wüssten ja gar nicht, was sie reden sollten an diesen Tischen voller fremder Gesichter – eines davon ist ihr eigenes. Als das Essen kommt und der Wein, greifen sie zu. Fleisch und Brot und Wein, reichlich und köstlich, beruhigend konkrete Zeichen für ein Fest.

Und nun auch der Blick des Sitznachbarn, des Gegenübers. Ein noch etwas schiefes Lächeln beim Anheben des Glases. Tastend werden die ersten Worte gewechselt, über das Essen, über den Saal und von welchem Ende welcher Straße man hier hinein gefunden hat.

***

Ein, zwei sind immer dabei. Bin ich einer der ein, zwei, einer der anderen? Es ist schwer, seinen Platz zu finden in dieser Geschichte. Die Tischkarten bleiben alle umgedreht, Zuordnungen sind kaum möglich. Wer wer ist, möchte ich gerne wissen, wer dazugehört und wer nicht, wer eingeladen ist und nicht kommt, wer nachgeladen wird und kommt. Wer ich bin in dieser Geschichte, möchte ich gerne wissen. Das ist kaum zu sagen in der Geschichte. Aber vor der Geschichte gibt es noch einen; unser Predigttext wird so eingeleitet:

***

Da aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes! 16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl …

***

Diesem Tischgenossen erzählt Jesus die Geschichte und mir und uns. Er sitzt mit Jesus am Tisch – ein schönes sprachliches Bild für das Christsein: mit Jesus am Tisch. Und dieser Mann ohne Namen (oder mit meinem Namen?) ist Jesus so nah, dass er etwas sagt, was Jesus hätte sagen können:  „Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!“ Als nähme er Jesus ein Wort aus dem Mund! Es ist ja recht, was er sagt. Falsch ist nur, dass er das sagt. Denn nun klingt es irgendwie, als ob er es über sich sagte. Es klingt nun etwas zu vollmundig. Wenn uns Glauben glückt, dann reden wir auch so, als würde Jesus reden: Selig die! So ist das Himmelreich! Aber was so recht daher gesagt wird, braucht Jesu Gleichnis vom einladenden Gott. Gott lässt sich von den ein, zwei und dem dritten, der auch noch einen Grund zur Entschuldigung vorbringt, nicht überbeeindrucken. Nicht einmal unsere Ablehnung kann Gottes Einladung schmälern! Gottes Fest findet statt. Gott lädt ein, solange es Raum gibt für seine Gäste. Und Gott hat so viel Raum, dass selbst sein Knecht staunt. Wie großräumig der Himmel ist und Gottes Herz, versteht selbst der nicht, der mit Gott vertraut ist wie ein Knecht.

***

Leicht überlesen wir etwas in unserer Geschichte, genauer: wir lesen etwas hinein: Jesus erzählt seinem Tischgenossen und uns nur von der Aufforderung an den Knecht, weitere  Einladungen zu überbringen, er erzählt nicht davon, dass die von den Landstraßen und Zäunen tatsächlich kommen. Und er erzählt gar nicht vom Fest. Ich verstehe das so: Dieses Fest findet sozusagen nicht in der Geschichte statt, sondern mit der Geschichte. Der Mann ohne Namen (oder mit meinem Namen), der mit Jesus am Tisch sitzt, dem Jesus diese Geschichte vom einladenden Gott erzählt, ist schon auf dem Fest. Und wir, denen Lukas diese Geschichte und den Geschichtenerzähler Jesus weitergibt, sind es auch. Gottes Fest findet statt bei aller Ablehnung. In Gottes Reich, wie Jesus das Fest nennt, gibt es Platz, erstaunlich viel Platz, Platz gerade auch für die von den Landstraßen und Zäunen. Für die, die unterwegs sind, nicht recht wissen, wohin sie gehören, die kein bergendes Dach haben und keinen bequemen Platz. Raum gibt es bei Gott für die am Rande, die sehnsüchtig und mit verständlichem Neid blicken auf das, was hinter dem Zaun liegt und wächst, alles, von dem sie ausgeschlossen sind. Raum gibt es für alle diese, weil im Saal ein Tisch steht und Jesus an diesem Tisch sitzt. Der Platz neben Jesus, ihm gegenüber und auch der weiter weg an einer Ecke, sodass er dich jedenfalls sehen kann, ist frei.

Das soll der, der bei Jesus am Tisch sitzt, bedenken. Gerade auch, wenn er sichtlich genießt, bei Jesus zu sein, wenn er etwas vollmundig spricht vom Brot im Reich Gottes. Eins, zwei sind immer nicht dabei. Und ich will auch nicht der dritte sein. Ich komme und hoffe, sie kommen nach, die ein, zwei, die immer nicht dabei sind.

Amen.