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Predigt über Lk 12,13-21 und den Herrn von Ribbeck (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 06.10.2019

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Es sagte aber einer aus der Menge zu ihm: Meister, sag meinem Bruder, er solle das Erbe mit mir teilen. Er sagte zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler über euch gesetzt? Er sagte aber zu ihnen: Seht euch vor und hütet euch vor jeder Art Habgier! Denn auch dem, der im Überfluss lebt, wächst sein Leben nicht aus dem Besitz zu.

Er erzählte ihnen aber ein Gleichnis: Das Land eines reichen Mannes hatte gut getragen. Da dachte er bei sich: Was soll ich tun? Ich habe keinen Raum, wo ich meine Ernte lagern kann. Und er sagte: Das werde ich tun: Ich werde meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und dort werde ich all mein Getreide und meine Vorräte lagern. Dann werde ich zu meiner Seele sagen können: Seele, du hast reichen Vorrat daliegen für viele Jahre. Ruh dich aus, iss, trink, sei fröhlich! Gott aber sagte zu ihm: Du Tor! Noch in dieser Nacht fordert man deine Seele von dir zurück. Was du aber zurückgelegt hast - wem wird es gehören?

So geht es dem, der für sich Schätze sammelt und nicht reich ist vor Gott.

 

Liebe Gemeinde, dieser reiche Mann, von dem Jesus erzählt, hat offenbar etwas falsch gemacht. Aber was hat er eigentlich falsch gemacht? Das habe ich nie so richtig verstanden. Er hat eine gute Ernte eingefahren, überdurchschnittlich groß, seine alte Scheune ist zu klein, er baut eine neue und freut sich. Was ist daran verwerflich?

Im Gegenteil, ich könnte ihn sogar loben, ihn uns als Vorbild hinstellen dafür, dass er von seinen Vorräten leben will. Er ist jedenfalls kein Kapitalist. Er will ja gar nicht im nächsten Jahr den Ertrag nochmal steigern und dann nochmal und noch eine größere Scheune bauen und dann noch eine größere. Er ist nicht wachstumsorientiert. Es muss nicht immer mehr sein. Er ist zufrieden mit dem, was er hat, es ist genug auf Jahre hin. Davon kann er gut leben. Er genießt nur die gute Ernte, die Gott ihm geschenkt hat. Was ist daran verwerflich?

Das also würde ich Jesus fragen, der uns diese Geschichte erzählt hat, und würde provokant hinzusetzen, ob er – Jesus – denn ein Problem mit Reichtum habe. Denn so sieht es doch aus. Jesus erzählt oft Geschichten von reichen Männern und die kommen nie gut weg. Die reichen Männer bei Jesus, sie tun nichts Verkehrtes, sie sind verkehrt, eben, weil sie reich sind.

Das würde ich Jesus sagen. Wenn er da wäre.

Er ist ja in gewisser Weise da. Wir sind in seinem Namen versammelt. Und wenn das so ist, hat er versprochen, mitten unter uns zu sein. Das ist er auch und er gibt Antwort. Mit einer Birne und mit Fontane. Die Antwort, das Evangelium, die gute Message ist heute der alte Ribbeck. Den kennt ja wirklich jeder, offenbar kennt auch Jesus seinen Fontane. Jedenfalls ist der alte Ribbeck das Gegenteil vom reichen Mann in der Geschichte.

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll

Und kam in Pantinen ein Junge daher

So rief er: "Junge, wiste 'ne Beer?"

Und kam ein Mädel, so rief er: "Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn."

 

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: "Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab."

Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen "Jesus meine Zuversicht",
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
"He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?"


So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.

Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wusste genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprössling sprosst heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,

Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: "Wiste 'ne Beer?"
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn."

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.                          (Theodor Fontane)

 

In Ribbeck im Havelland steht sein Haus, ein ziemlicher Kasten. Reich waren sie alle, diese Gutsherren. Und ihre großen Scheunen sieht man auch noch vieler Orten. Der junge Ribbeck, der war wie der reiche Mann im Gleichnis: Wollte alles zusammen- und nur für sich behalten. Auch die Birnen von alten Birnbaum. Doch der alte Ribbeck, der war anders. Der hat sie verschenkt. Der wollte nicht nur sich eine Freude machen, sondern auch den anderen. Seine Freude war, dass die Kinder sich freuten. Man kann sich über das freuen, was man hat. Aber die viel bessere Freude ist, sich über die Freude derer zu freuen, denen man eine Freude gemacht hat. Das hat der alte Ribbeck verstanden. Er macht mit seinen Birnen den Kindern eine Freude und freut sich selbst darüber am meisten.

Jesus erzählt eine Geschichte von einem reichen Mann und der Dummheit seiner Habgier. Fontane erzählt eine Geschichte von einem reichen Mann und der Weisheit seiner Freigiebigkeit.

Jesus warnt: Hütet euch vor der Habgier! Denn auch dem, der im Überfluss lebt, wächst sein Leben nicht aus dem Besitz zu.

Und Fontane erzählt: „Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus / Ein Birnbaumsprössling sprosst heraus.“

Unser Leben wächst uns nicht aus unserem Besitz zu. Sondern umgekehrt wird eine Birne draus: Aus dem Leben wächst ein Besitz für andere. Aus dem, was der alte Ribbeck war, aus dem, was in die Erde kam und wieder zu Erde wurde, wuchs ein neuer Birnbaum. Damit die Kinder auch dann noch ihre Birnen von seinem Baum bekämen, wenn er längst tot ist.

Das Leben kommt nicht aus dem Besitz, sondern der Besitz kommt aus dem Leben und soll für andere da sein. Eigentum verpflichtet, heißt diese Weisheit als Rechtsgrundsatz. Der alte Ribbeck war ein weiser Mann. Heute sagt man, er war nachhaltig. Er dachte nicht nur an sich – „nach mir die Sintflut“, sondern an die, die nach ihm kämen.

Die Habgier macht engstirnig. Die Großzügigkeit dagegen gibt Weitblick. Über den eigenen Tod hinaus denkt Ribbeck an die Birnen für die Kinder. Die Kinder müssen ihre Birnen kriegen, auch wenn er nicht mehr da ist.

Der reiche Mann im Gleichnis hat vergessen, dass auch er mal sterben wird. Gott aber sagte zu ihm: Du Tor! Noch in dieser Nacht fordert man deine Seele von dir zurück. Was du aber zurückgelegt hast - wem wird es gehören?

Der alte Ribbeck weiß, dass er einmal nicht mehr sein wird. Und doch wird die Welt noch sein, auch ohne ihn. Die Bäume werden noch wachsen und die Kinder wollen sich über die Birnen freuen.

Hängt das zusammen: Habgier und Sterblichkeitsvergessenheit? Und ebenso das andere: Freigiebigkeit und Nachhaltigkeit und das Wissen um die eigene Vergänglichkeit? „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“

Wir wollen auch noch auf dieser schönen Erde leben, sagen freitags die Schüler auf der Straße. Ob allerdings Panikmache ein guter Ratgeber ist, das ist hier die Gretchenfrage. Viel weiser ist die Idee von Felix Finkbeiner, die dieser schon 2007, lange vor Greta hatte, da war Felix 10 Jahr alt. Bäume pflanzen. Nichts hilft besser gegen das viele CO2 als Bäume. Er hat damit die Idee der UN „Plant-for-the-planet“ aufgegriffen und propagiert: 15 Milliarden Bäume wurden weltweit schon gepflanzt.

Über solche Erben freut sich der alte Ribbeck doch besonders. So spendet Segen noch immer die Hand des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Amen.