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Predigt über Joh 9,1-7 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 02.08.2020

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Langsam öffnete er die Augen. Er sah Blau. Er sah grün. Er sah gelb. Blau ist oben. Blau ist der Himmel. Grün ist am Horizont. Grün sind die Bäume. Gelb ist unten. Gelb ist der Boden. Er schloss die Augen und dann öffnete er sie wieder. Er sah Weißes im Himmel: Wolken. Er sah Rotes an den grünen Büschen: Blüten. Er sah braune Häuser. Eines davon war das seiner Eltern. Dort kannte er jeden Winkel. Er schloss die Augen und dann öffnete er sie wieder. Er sah Menschen. Große und kleine Menschen. Niemand hatte ihm gesagt, dass es große und kleine Menschen gab. So verschieden ihre Stimmen waren, so unterschiedlich sahen sie aus.

Er schloss die Augen und dann öffnete er sie wieder. Blau, grün, gelb, rot. Farben. Er sah Farben. Er hatte nie die Bedeutung des Wortes Farben verstanden. Er kam blind zur Welt. „Du kannst nicht sehen.“ Sein ganzes Leben hörte er diesen Satz. Aber er verstand ihn nicht. Er begriff, dass alle anderen etwas können, was er nicht kann. Aber er verstand nicht, was das war. Was ist „Sehen“?

Jetzt kann er sehen. Nun müssten sie ihn fragen: Was siehst du? Ist es so, wie du es dir immer vorgestellt hast? Ist das Blau, wie du es dir gedacht hast? Ist das Rot so leuchtend wie in unseren Augen? Oder ist die Welt schöner, wenn man sie nicht mit den eigenen Augen sieht?

Darüber sollten sie mit ihm reden, ob man die Menschen besser sieht, wenn man blind ist, weil man sie besser hört, und ob die Welt schöner ist, wenn man sie nicht sieht, weil man sie sich dann denken muss. Und wer würde sich die Welt nicht schön ausmalen?

Aber darüber reden sie nicht mit ihm, weder bevor Jesus ihm mit Spucke und Dreck die Augen verklebte, noch, nachdem er sich im Teich Schiloach gewaschen hatte, zurückkam und sehen konnte.

Aber hört selbst, seine Geschichte steht ja im Johannesevangelium, die Geschichte der falschen Fragen und noch falscheren Antworten. Kein Wunder, dass man sich über ein Wunder dann nicht mehr wundern kann.

Und im Vorübergehen sah er einen Menschen, der blind geboren war.

Und seine Jünger fragten ihn: Rabbi, wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?

Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde und machte einen Brei aus dem Speichel und strich ihm den Brei auf die Augen und sagte zu ihm: Geh, wasche dich im Teich Schiloach! Schiloach heisst ‹der Gesandte›. Da ging er und wusch sich und kam sehend zurück.

Wer hat Schuld? Die Welt braucht Schuldige. Sie gehen an dem Blinden vorüber. Sie gehen nicht zu ihm, fragen nicht, wie es ihm geht und was sie für ihn tun können. Sie fragen Jesus: Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern. Ein Blinder gibt Anlass, die Allerweltsfrage zu stellen, die Frage, die immer kommt, wenn was nicht so ist, wie es sei soll: Wer hat Schuld?

Die Welt braucht Schuldige. Die Pandemie ist noch nicht vorbei. In vielen Ländern steigen die Zahlen. Rabbi, wer hat gesündigt, die Chinesen oder die WHO? Trump braucht Schuldige. Wir alle brauchen Schuldige. Die Welt braucht Schuldige.

Dass etwas so ist, wie es ist, ist schwer hinnehmbar. Vor allem dann nicht, wenn wir darunter leiden, dass es so ist, wie es ist. Damit die Hoffnung sich Hoffnung machen kann, braucht sie eine Ursache und am besten einen Schuldigen.

Wer ist schuld? Vielleicht die falschen Präsidenten. Beratungsresistente Narzissten wie Trump, Bolsonaro, Johnson, die meinen: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wer ist schuld? Oder ist die neoliberale Privatisierung des Gesundheitswesens schuld oder der Fetisch der schwarzen Null und das Kaputtsparen? Oder die Armut? Dass viele nicht zu Hause bleiben können, sondern weiterarbeiten müssen, um zu überleben.

Ein halbes Jahr Corona – viel Zeit, viele Schuldige zu finden.

Beim Wirecard-Betrug ist jetzt Scholz schuld. Nicht die kriminellen Vorstände. Scholz ist schuld, dass sie überhaupt kriminell werden konnten. Die Welt braucht Schuldige,

Brauchen wir immer Schuldige, wenn es nicht so läuft, wie es laufen soll? Ist der Satz: „Es ist, wie es ist“ deshalb unerträglich, weil wir dann alle Hoffnung verlieren, weil wir dann defätistisch werden und schicksalsergeben unter unseren Möglichkeiten bleiben?

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Wer ist schuld, er oder seine Eltern, fragen die Freunde als sie an einem Blinden vorübergehen. Jesus geht auf die Frage nicht ein. Aber er geht auf den Blinden zu. Er macht etwas, dass er sehen kann. Und er sagt: Diese Blinde ist nicht dazu da, dass man die Schuldfrage stellt. Er ist dazu da, sehen zu lernen. Wir sollen sehen lernen. Er wird sehend, damit wir sehen lernen, nämlich die Werke Gottes.

Blinde werden sehend. Kranke werden geheilt. Infizierte werden gesund. Das sind die Werke Gottes. Solange es Gott gibt, gibt es seine Werke. Solange es seine Werke gibt, gibt es Hoffnung. Man muss nicht Schuldige suchen, um sich die Hoffnung zu bewahren. Man kann auch mit Gott rechnen. Der Glaube an Gott ist gesellschaftsentgiftend. Wenn wir nicht ständig nach Schuldigen suchen müssen, um Hoffnung haben zu können.

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Jesus macht den Blinden sehend, damit wir die Werke Gottes erkennen. Also hätten alle, die das gesehen haben, darüber reden sollen: Was sind die Werke Gottes? Wo sind weitere Werke Gottes? Gibt es noch unentdeckte Werke Gottes? Darüber hätten sie reden sollen.

Aber darüber, liebe Gemeinde, reden sie nicht. Die Sache geht so weiter wie sie begonnen hat: völlig daneben. Eine Geschichte der falschen Fragen und der falschen Antworten. Seine Nachbarn kommen und fragen ihn nicht: Wie sieht die Welt für dich aus? Sie fragen auch nicht nach Gott. Sie fragen: Wer hat das gemacht?

Und dann kommt der Fall – denn längst schon ist es ein Fall – vor die Fachleute. Die Fachleute heißen bei Johannes Pharisäer. Sie könnten auch Priester oder Pfarrer heißen oder Professoren oder Pandemologen. Irgendwas mit P, Experten eben. Fachleute scheinen immer Typen mit P zu sein, Profis eben.

Wenn Profis einen Fall untersuchen, dann entdecken sie Zusammenhänge, auf die käme man gar nicht, wenn man nicht Profi wäre. Es war Sabbat, als Jesus mit Spucke und Dreck therapierte. Sabbat, da darf man keine Sprechstunde halten. Also könne Jesus nicht von Gott sein, denn er halte den Sabbat nicht. Am Sabbat darf man nichts tun. Also auch nicht heilen. Darauf muss man erst mal kommen. Aber dafür sind Experten ja Experten.

Und dann verhören sie den Blindgeborenen und wieder Sehendgewordenen. Er könnte Zeuge eines Werkes Gottes sein. Aber für die Experten ist er Zeuge eines möglichen Verbrechens. Für wen er diesen Jesus halte, wird er gefragt. Jesus sei ein Prophet, meint er. Prophet - noch einer mit P. Dann untersuchen sie den Fall weiter. Sie befragen auch die Eltern des Blinden, ob er wirklich blind geboren wurde. Die bejahen das, haben aber Angst, den Experten auf ihre falschen Fragen falsche Antworten zu geben und verweisen auf den Sohn. „Fragt ihn doch selber.“ Dann laden die Experten wieder den Blindgeborenen zum Verhör… und so weiter. Die Dialoge werden immer absurder. Ich kann das gar nicht im Detail nacherzählen. Ihr müsst das selbst mal in Ruhe lesen, das ganz 9. Kapitel des Johannesevangeliums. Ein Lehrstück darüber, wie Experten das Thema verfehlen. Und die Experten, das sind hier ja vor allem die Theologen, das darf man nicht vergessen. Wie Theologen blind werden für die Werke Gottes, weil sie nach den Sünden suchen. Das beginnt mit der Frage: Wer hat gesündigt und endet mit der Feststellung der Profis, dass Jesus der Sünder ist, weil er geheilt hat (wie absurd ist das denn!) und der dreht den Spieß um und erklärt die Experten zu Sündern, weil sie nicht sehen. „Wenn ihr blind wärt“, sagt Jesus, „hättet ihr keine Sünde. Aber weil ihr behauptet zu sehen, seid ihr Sünder“ (Joh 9,41).

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Nun sind wir Theologen auch solche Profis. Diese Geschichte sollte uns zu denken geben. Sind wir blind für die Werke Gottes? Wenn wir es sind, dann nicht deshalb, weil wir nur nach den Sünden der Leute fahndeten. Das war einmal die Lieblingsbeschäftigung der Pastoren, ist es aber nicht mehr. Ein freies Blickfeld für die Werke Gottes haben wir allerdings immer noch nicht. Zur Zeit starren wir wieder voller Panik auf die Kirche, die Mitgliederzahlen und die Steuereinnahmen.

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Öffnen wir die Augen! Sehen wir die Werke Gottes, das Blau des Himmels, das Grün der Bäume, das Lachen der Menschen, sehen wir die vielen Farbtöne, in denen die Welt gemalt ist. Schauen wir uns genau die Konturen der Menschen an. Jeder ist anders. Die Welt ist viel zu bunt, als dass man sie in schwarze und weiße Formel beschreiben könnte. Die Menschen sind viel zu unterschiedlich als dass man ihnen mit der Einteilung in schuldig und nichtschuldig gerecht werden könnte.

Um die Werke Gottes zu erkennen, dürfen wir nicht an den Menschen auf unserem Weg vorübergehen und dann über sie sprechen. Wir müssen zu ihnen gehen und ihnen zuhören. Wir müssen ihre Geschichten hören.

Jeder Mensch hat seine Geschichte. Und jede Geschichte ist ein Werk Gottes.

Ich höre gerne Lebensgeschichten. Und ich erzähle sie gern. Bei Trauerfeiern. Die Lebensgeschichten der Verstorbenen. Ich bete da nicht ihre Lebensleistungen her. Ich frage auch nicht nach Versäumnissen und Schuld. Muss ja nicht sein, wenn Christus uns die Schuld vergeben hat und wir uns bei Gott nichts mehr verdienen müssen. Dann fällt Licht auf anderes, auf das Wunderbare eines Lebens. Und jedes Leben hat sein eigenes Wunder. In dem klaren Licht, das Jesus Christus auf unser Leben wirft, werden die Werke Gottes sichtbar, die in jedem Leben sind. Wunderbare Geschichten, liebenswerte Details herrliche Gewohnheiten, gute Worte, tiefe Lebensweisheiten kommen dann ans Licht und fangen an zu leuchten. Werke Gottes, die uns wissen lassen, warum es sich lohnt, gelebt zu haben.

Amen.