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Predigt über Joh 3,1-10 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 16.06.2019

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Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie mag das zugehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht?

 

Welche Sprache sprechen wir?

In der Französischen Kirche muss man eigentlich zwei Sprachen sprechen, mindestens.

Martine Matthey spricht Französisch und hat in den zwei Jahren bei uns eifrig Deutsch gelernt. Meike Waechter und ich lernen eifrig Französisch. Martine hat sich am Mittwoch dafür im Consistoire bedankt. Darauf meinte einer: Und es war ganz umsonst! Ein andere hat korrigiert: Gratis, nicht umsonst! Allgemeines Gelächter, Martine hat es nicht verstanden, wir musste ihr erklären, dass „umsonst“ zwei verschiedene Bedeutungen hat. Gratuite und en vain. Tu as appris l’allemand gratuitement, mais pas en vain. Sie hat gratis, aber hoffentlich nicht umsonst Deutsch gelernt.

Welche Sprache sprechen wir? Das Leben ist voller Missverständnisse.

Wer nicht von oben geboren wurde, kann das Reich Gottes nicht sehen, sagt Jesus.

Wie kann denn einer von neuem geboren werden, fragt Nikodemus. Er kann doch nicht in den Bauch seiner Mutter zurückschlüpfen.

Das Leben ist voller Missverständnisse. Manche Missverständnisse kommen auch daher, dass einer eine andere Sprache zu sprechen scheint, obwohl er die gleichen Wörter benutzt. Wenn Jesus im Johannesevangelium erst „Amen, amen“ sagt, oder „wahrlich, wahrlich“ sagt, was er so nur im Johannesevangelium tut, dann weißt du: Jetzt kommt wieder so ein Jesus-Klopper. (Erklär mal jemand Martine, was ein Klopper auf Französisch ist!).

Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Amen, Amen, ick sage dir!

Muss ich als Christ Vegetarier werden? Erst in den Bauch meiner Mutter zurückschlüpfen, wieder rauskommen und dann noch Vegetarier werden? Amen, Amen, ick sage dir! Das Leben ist voller Missverständnisse und das christliche ganz besonders.

Meine Frau hatte Pfingsten Konfirmation in Teltow. Der Organist wollte unbedingt das wirklich schöne Lied „Schmückt das Fest mit Maien“ singen lassen und setzte sich gegen die Bedenken meiner Frau wegen möglicher Missverständnisse durch, denn es heißt im Lied weiter: „… lasset Blumen streuen, zündet Opfer an“. „Ay, wie brutal ist das denn!?“ rief dann tatsächlich einer der Konfirmanden beim Singen. „Zündet Opfer an!“ Das Leben ist voller Missverständnisse und das christliche noch mehr.

 

Wer mit Wasser und mit Geist getauft und neu geboren wurde, wer konfirmiert wurde und Pfingsten erlebt hat, der hat einen Geist von oben. Dessen Aufgabe ist es, uns eine neue Sprache zu lehren. Man muss für diese neue Sprache keine neuen Vokabeln lernen. Man muss nur bereit sein, die bekannten Wörter für eine erweiterte Bedeutung zu öffnen. Manche Dinge muss man in die Sonne legen, damit sie anfangen zu glänzen. Manche Wörter muss man aus der Alltagssprache lösen und in den Himmel halten oder mit in die Kirche nehmen und sie fangen an, neu und anders zu sprechen.

Freilich, wer nicht mitspielt, wird die neue Sprache nicht verstehen, obwohl sie die altbekannten Vokabeln benutzt. Als die Apostel den Heiligen Geist empfingen und in der neuen Sprache redeten, haben das nicht alle verstanden. Amen, amen, ick sage dir, die sind besoffen, die ham bloß eennen in der Birne, ham die!

Man nannte diese Sprache früher despektierlich die Sprache Kanaans, gemeint war die antiquiert klingende Sprache der Bibel. Doch auch in diesem Ausdruck steckt mehr Geist als der Verweis auf ein staubiges Buch vermuten lässt. Denn die Sprache, die in der Kirche gesprochen wird, ist in Israel entstanden. Deshalb wundert sich Jesus, dass Nikodemus ihn nicht zu verstehen scheint: Du bist Israels Lehrer und verstehst das nicht?

Er müsste diese Sprache doch auch sprechen, die metaphorische, die sich die Wörter aus der Alltagssprache leiht und sie mit neuen Bedeutungen adelt. Diese etwas geistvollere Sprache, die aus Kanaan kommt und zu Israel wird, die Sprache, die neue Räume öffnet, neue Welten sichtbar macht, die Sprache, die einen das Reich Gottes sehen lässt.

Religion, so wie wir sie verstehen und leben, ist weder eine Kadettenanstalt ethischer Werteerziehung, noch ein „Thinktank“ letzter metaphysischer Lebensfragen. Sie ist auch kein Meditationszentrum mystisch ekstatischer und letztlich sprachloser Erlebnisse. Religion ist für uns eine Sprachschule. Denn es sind die Wörter, die uns neue Welten erschließen. Das tun sie, wenn man ihre Bedeutungen etwas verrückt und sie spielerisch neu kombiniert.

Das Spielerische ist das Wichtigste dabei. Nur so kommt der Geist herein. Mir scheint, dass Gottes Geist alles viel lieber geistreich als geistlich machen will. Und ob der Heilige Geist wirklich für mehr Spiritualität ist …? Ich weiß nicht.

Der Geist will spielen. Wie der Wind, der mit den Blättern spielt und den Zweigen und den Vögeln.

Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. Sagt Jesus, der dem Wind und den Wellen befiehlt und der den Geist im Wesen hat und ihm im Wesentlichen von dem Vater kommt.

Der Geist will spielen und in der Sprache wehen, will sie auffrischen, den Staub der Erde, den Dunst des Unwesentlichen, den Nebel unserer Enge wegblasen und uns den Himmel zeigen, aber eben mit den Wörtern, mit der Sprache.

Also spielen wir mit, spielen wir mit den Wörtern. Denn ich weiß, irgendwann kommt ein Sinn heraus, einer der höher ist als alle Weltvernunft und uns in eine andere Welt führt, die luftig ist und friedvoll, himmlisch und geistreich, und – was das wichtigste ist – eine Welt, die menschlich ist, weil sie die Sprache der Menschen spricht. Und wenn diese Welt erst einmal in unserer Sprache heimisch geworden ist, dann wird sie auch wirklich werden.

Amen.