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Predigt über "Jesu, meine Freude", EG 396 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 02.05.2021

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Und ich sah, wie sich ein gläsernes Meer mit Feuer vermengte, und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen 3und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. 4Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine Urteile sind offenbar geworden.

 

Heute, liebe Gemeinde, fangen alle Predigten in der Republik gleich an: mit dem Bedauern, mit der Lamentatio, dass wir am Sonntag Kantate nicht singen dürfen.

Aber es ist wie es ist und die Zeit des Jammerns und Klagens war vor Ostern. Jetzt ist nach Ostern, da müssen wir uns die Zuversicht bewahren, zur Not auch ohne Singen. Michael Ehrmann wird singen, einer darf, geimpft und mit Abstand. Ich werde über ein Lied predigen.

Lieder, das sind Worte und Weise, Texte und Melodien. Und wenn wir schon bei den Allerweltsweisheiten sind, will ich gleich noch eine hinzufügen: Bei den Kirchenliedern ist es – in aller Pauschalität gesagt – so: Die neueren haben die schöneren Melodien, aber die schwächeren Texte und die alten haben die besseren Texte aber die tristeren Melodien. Ausnahmen bestätigen die Regel. Also nehmen wir für pandemischen Trockenübungskantatensonntag ein altes Lied, ein Lied, für das das, was ich eben behauptet habe, voll zutrifft: ein toller Text und eine triste Melodie. Eine nach Moll neigende Kirchentonart, die gleich zu Beginn absteigt. Das ist für unsere Ohren unendlich traurig und darauf dann die Zeile: „Jesu, meine Freude“ – welch ein Widerspruch! Aber an Widersprüchen, an Gegensätzen arbeitet sich dieses Lied ab.

1. Jesu, meine Freude,

meines Herzens Weide,

Jesu, meine Zier:

ach, wie lang, ach lange

ist dem Herzen bange

und verlangt nach dir!

Gottes Lamm, mein Bräutigam,

außer dir soll mir auf Erden

nichts sonst Liebers werden.

Bange ist uns schon lange, über ein Jahr schon, es deutet sich an, dass wir langsam in den Endspurt dieser Pandemie kommen, anders kann man es nicht sagen: langsamer Endspurt, ach, wie lange, ach lange?

Hoffnung, Zuversicht, Freude – das sind zunächst nichts als Wörter. Nachösterliches Standartvokabular. Wenn die Wörter wirken sollen, was sie sagen wollen, braucht es mehr, als ihre mantrahafte Wiederholung.

Die alten Lieder vergessen nie, den Grund für Hoffnung, Zuversicht und Freude zu nennen. Aber sie tun das nicht mit dogmatischen Floskeln und hochamtlichen Bekenntnissätzen, sondern in genau den metaphorischen Anspielungen, die der reiche Fundus der Bibel hergibt.

Der Grund der Freude, Zuversicht und Hoffnung ist Jesus, Gottes Lamm, mein Bräutigam. In zwei knappen Metaphern ist das Wichtigste da: Karfreitag und Ostern.

Gottes Lamm: Er hat für mich meine Sünde auf sich genommen, ist für mich in den Tod gegangen, hat für mich den Tod besiegt. Auf der ganzen Erde gibt es keinen, der mehr für mich getan hätte, keinen, zu dem mein Herz darum größeres Verlangen, größere Liebe haben könnte, Gottes Lamm, mein Bräutigam.

Und damit ist auch die ganze Sinnlichkeit und Leiblichkeit des Glaubens drin – Bräutigam, Zier, Verlangen, Liebstes auf Erde – die Leib- und Sinnenfeindlichkeit, die man der Kirche so gern vorwarf – nichts davon stimmt, jedenfalls nicht bei diesen alten Liedern. Sie sind voller Glaubenserotik.

2. Unter deinem Schirmen

bin ich vor den Stürmen

aller Feinde frei.

Lass den Satan wettern,

lass die Welt erzittern,

mir steht Jesus bei.

Ob es jetzt gleich kracht und blitzt,

ob gleich Sünd und Hölle schrecken,

Jesus will mich decken.

Die Bibel ist ein Bilderbuch und am Schluss gar ein wildes. In der Offenbarung des Johannes wird noch einmal alles aufgefahren, war vorher schon mal seinen Auftritt hatte. Gott hat gesiegt, Christus, das Lamm, der Held hat‘s gerichtet, die Menschheit ist gerettet, das Drama ist gelöst. Gott hat den Sieg behalten über das Tier. Jetzt wird der Fundus leergeräumt zum großen Finale, alle ernsten und tragischen, alle himmlischen und höllischen Figuren treten noch einmal auf in ihren fantastischen Kostümen, Mose und das Lamm, Engel, Löwe, Stier und Adler, Älteste in weißen Gewändern, aber auch böse Wesen, Drachen und Ungeheuer, doch sie machen uns keine Angst mehr. Die Schlacht ist geschlagen, der Sieg gesichert.

Aus diesen Bildern schöpfen die alten Lieder ihre Seelenruhe. Auch dieses hier.

Ist es das, was uns heute fehlt? Dieser große Rahmen? Dieser von Gott gehaltene Horizont, innerhalb dessen sich alles abspielt, eben auch alles, was uns so zu schaffen macht? Das Bewusstsein, dass die Welt eine Bühne ist, auf der ein ernstes Stück aufgeführt wird, voller Dramatik mit Glück und Seligkeit, mit Leid und Elend, alles, was man so Leben nennt, Leben in dieser Welt, die ist wie sie ist, aber eben dieses Leben in dieser Welt ist doch am Ende alles nur ein Stück auf der Bühne, dessen gutes Ende längst erdacht und geschrieben wurde. Sind wir nicht schon mitten drin in diesem Finale?

Montag bis Samstag bist du auf der Bühne in diesem turbulenten Stück, das Leben heißt mit all seinen Stürmen in einer erzitternden Welt, wo es kracht und blitzt. Aber am Sonntag darfst du im Zuschauerraum Platz nehmen und lachen über die grimmigen Gestalten, die dir so Angst und Sorge gemacht haben. Es ist ja nur ein Stück, nicht ganzer Ernst, nur vorletzter Ernst.

Jetzt, mit dem Abstand des Sonntags und des Glaubens, siehst du: Das Stück hat einen guten Autor, ist längst erdacht und auch längst gelöst und erlöst. All das Schrecklich und Böse, das du jetzt auf der Bühne rumhampeln siehst, diese Drachen und diese Todesviren mit ihren Stacheln, die dir im Rachen kratzen – Gott hat ihm die Macht genommen, Jesus hat ihm den Stachel gebrochen.

3. Trotz dem alten Drachen,

Trotz dem Todesrachen,

Trotz der Furcht dazu!

Tobe, Welt, und springe;

ich steh hier und singe

in gar sichrer Ruh.

Gottes Macht hält mich in acht,

Erd und Abgrund muss verstummen,

ob sie noch so brummen.

Das Schöne an diesen alten Liedern des Frühbarocks ist die blumige Sprache. Bei den besten Liedern unseres Gesangbuches steht die Jahreszahl 1653 drunter. Sie sind alle erschienen in Johann Crügers Sammlung Praxis pietatis melica, mit deutschen Titel: Übung der Gottseligkeit in Christlichen und Trostreichen Gesängen, der besten Gesangbuchausgabe aller Zeiten, in dem sich Paul Gerhardt und seine Freunde, der ganze Club der toten Dichter unsterblich gemacht haben. Das Schönste also an diesen frühbarocken Dichtungen kurz nach dem Ende des schrecklichen 30-jährigen Kriegs ist die blumigen Sprache. Auch und gerade im Hinblick auf heikle Themen.

Heute spricht man nicht mehr über das Böse. Man will ja den Teufel nicht an die Wand malen. Außerdem ist das Böse immer banal, haben wir von Hanna Ahrend gelernt. In der Tat lässt es sich vernünftiger bekämpfen, wenn man es nicht ständig verteufelt.

Vor der Aufklärung hat man das Böse gern verteufelt. Doch nicht, um es groß und schrecklich zu machen, sondern um es klein zu halten, es lächerlich zu machen und zu demaskieren. Man hat das Böse karikiert, in Geschichten, in der Dichtung, in Liedern, auf der Bühne, oder bei der Fastnacht, im Mummenschanz.

Mummenschanz auch hier: Trotz dem alten Drachen, / Trotz dem Todesrachen,/ Trotz der Furcht dazu!/ Tobe, Welt, und springe;

Die blumige Sprache ist auch anschlussfähiger an aktuelles Erleben.

Beim Wort „Todesrachen“ kratzt es einem ja sofort im Hals und du spürst das Stäblein, das der Soldat – unterm Plastikanzug schimmert Camouflage durch – dir bis kurz vorm Hirn in den Rachen schiebt, bis dir die Tränen kommen, um zu prüfen, ob dein Rachen ein Todesrachen ist oder ob er dich mit einer negativen Nachricht glücklich zu machen kann.

4. Weg mit allen Schätzen;

du bist mein Ergötzen,

Jesu, meine Lust.

Weg, ihr eitlen Ehren,

ich mag euch nicht hören,

bleibt mir unbewusst!

Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod

soll mich, ob ich viel muss leiden,

nicht von Jesus scheiden.

5. Gute Nacht, o Wesen,

das die Welt erlesen,

mir gefällst du nicht.

Gute Nacht, ihr Sünden,

bleibet weit dahinten,

kommt nicht mehr ans Licht!

Gute Nacht, du Stolz und Pracht;

dir sei ganz, du Lasterleben,

gute Nacht gegeben.

Nachdem wir in Strophen 2 und 3 die turbulente Welt von außen in der Perspektive dessen betrachten haben, den Jesus mit in den Zuschauerraum genommen hat, wollen wir uns in Strophe 4 und 5 doch noch ein paar Dinge vornehmen.

Alles Große und Hintergründige, alles, was du nicht in der Hand hast, hat Gott in die Hand genommen und gelöst. Ein paar Sachen kannst du selbst richten und in die Hand nehmen, meistens am besten, indem du sie gerade nicht in die Hand nimmst, sondern sein lässt. Eigensinn und Eitelkeit, Stolz und Hochmut, Lust und Ehren. Weg damit und gute Nacht!

Franck ist witzig. Er hebt nicht den Zeigefinger zur Moralpredigt. Er sagt nicht: Lasst ab von den Sünden! Sondern er sagt: Gute Nacht, ihr Sünden. So spricht jemand, der innerlich schon ganz frei ist von dem Wesen, das die Welt erlesen. Wer einfach „Gute Nacht!“ sagen kann zu allem, was ihn immer so beschäftigt, getrieben und gebunden hat, ist frei. Auch diese Kämpfe sind ausgestanden.

In der letzten Strophe hat Jesus noch einmal seinen Auftritt: Jesus tritt herein.

Ende gut, alles gut? Ja, aber das meint nicht, dass sich alles in rosarotes Wohlgefallen auflöst. Gott hat durch Jesus dem Bösen die absolute Macht genommen. Wir wissen um den guten Ausgang. Aber wir leben noch in dieser Welt, in der es Leid gibt und Betrüben, Spott und Hohn, Stürme und Shitstorms. Aber das lässt sich aushalten, mit gutem Mut, mit Humor, ja mit Glaubensfreude. Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu, meine Freude.

Amen.

6. Weicht, ihr Trauergeister,

denn mein Freudenmeister,

Jesus, tritt herein.

Denen, die Gott lieben,

muss auch ihr Betrüben

lauter Freude sein.

Duld ich schon hier Spott und Hohn,

dennoch bleibst du auch im Leide,

Jesu, meine Freude.

 

Fürbitten

Jesu, unsere Freude, komm und mach uns fröhlich. In diesen Tagen, in dieser Zeit der Ungewissheit. Bring Hoffnung mit und guten Mut. Und den Glauben stärke, Gott.

Unter deinem Schirmen, Gott, werden die Kranken gesund, fangen die Traurigen wieder an zu lachen, kommen die Verfolgten in Sicherheit.

Trotz dem alten Drachen, trotz dem neuen dazu, trotz dem Virus und all seinen Genossen und Mutanten. Danke Gott, dass du uns geholfen hast, Impfstoffe zu entwickeln.

Weg mit allen Schätzen, dem Ansehen und der Ehre, den Titel und den Posten, den Dingen, die ich nicht brauche und denen, die nur zum Angeben sind, weg mit allem, was nur dem Ego dient. Hilf uns, Gott, davon loszukommen.

Gute Nacht, o Wesen, gute Nacht ihr Zwänge und schlechten Gewohnheiten, ihr Ängste und ihr Sorgen, gute Nacht Wut und Zorn, Hass und Neid. Nimm uns all das ab, Gott.

Weicht, ihr Trauergeister, komme Fröhlichkeit und Zuversicht. Gott, du hast so vieles getan, alles hast du getan, dass wir getrost und in innerer Ruhe leben können, wie es dir gefällt. Danke dafür! Amen.